Zwischen Politikverdrossenheit und Riesling

Schon wieder so eine Wahl, die bei mir nur ungläubiges Kopfschütteln auslöst. In Frankreich wurde eine erst vor einem Jahr gegründete neoliberale Sammlungsbewegung auf Anhieb und mit großem Vorsprumng stärkste Kraft bei den Parlamentswahlen, gefolgt von den Konservativen. Aufgrund des Wahlsystems wird sie nach dem 2. Wahlgang möglicherweise zwei Drittel der Abgeordneten in der Nationalversammlung stellen.

Die Linke, deren Spitzenvertreter Jean-Luc Melenchon bei den Präsidentschaftswahlen vor einigen Wochen noch knapp 20 Prozent erhielt, wurde mit 11 Prozent regelrecht abgestraft. Dazu passt der aktuelle Trend in Deutschland, laut dem sich nach der nächsten Bundestagswahl eine CDU/FDP-Koalition anbahnt.

Schon an absurdes Theater erinnerter schließlich der Bundesparteitag der LINKEN am vergangenen Wochenende. Da beschwor der „Realo-Flügel“ die Bereitschaft zu einer „rot-rot-grünen“-Koalition und den Verzicht auf Beschlüsse, die diese Option gefährden könnten.Und das, obwohl es weder eine numerische,noch eine gesellschaftliche Mehrheit für ein derartiges Regierungsbündnis gibt, von einer ernsthaften Bereitschaft der umworbenen Partner SPD und Grüne ganz zu schweigen. Dennoch wurde so ziemlich alles, was man für das Wahlprogramm beschloss, in vorauseilendem Gehorsam zur „Verhandlungsmasse”, erklärt, mit Ausnahme von Kampfeinsätzen der Bundeswehr und einer vielleicht nur klitzekleinen Vermögenssteuer. Davon abgesehen: Warum soll man eigentlich eine LINKE wählen, deren Landespolitiker im Bundesrat einer Grundgesetzänderung für die Privatisierung von Autobahnen zustimmen, um den „Koalitionsfrieden“ in Berlin, Brandenburg und Thüringen nicht zu stören.

Was den möglichen Wahlausgang in Deutschland betrifft, gelange ich mittlerweile zu einer bitteren Erkenntnis, die ich lange – wohl aus Selbstschutz – verdrängt habe. Der Neoliberalismus und der damit verbundene Sozialdarwinismus ist – nicht nur in Deutschland – tendenziell mehrheitsfähig, zumal es an einer überzeugenden linken Alternative fehlt. Anscheinend leben nicht nur AfD- und PEGIDA-Anhänger in Filterblasen und Echokammern. Auch wir (mehr oder weniger) Linke tun uns offenbar schwer, Realitäten wahrzunehmen. Es gibt weder eine objektive historische Gesetzmäßigkeit noch einen aktuellen Zeitgeist, die dem Erreichen von Zielen wie sozialer Gerechtigkeit förderlich sind, weder global, noch national.

Das gilt auch für Großbritannien, wo die Labour Party und ihr populistischer Anführer Jeremy Corbyn zwar Stimmen gewinnen konnten, aber nach wie vor deutlich von einer Mehrheit entfernt sind. Und in Spanien, Italien, den Niederlanden und vielen anderen hoch entwickelten europäischen Ländern sieht es auch nicht besser aus. Von den USA will ich gar nicht erst reden

Riesling hilft ein bisschen. Jedenfalls der hier

Das alles macht irgendwie müde und erzeugt vor allem das, was man wohl „Politikverdrossenheit“ nennt. Jedenfalls bei mir. Da hilft auch ein guter Riesling nicht wirklich, obwohl mir das „Schnäppchen“ von Netto ausgeprochen mundet. Der „Sandgrub“ vom Abfüller „Administration Prinz von Preußen“ ist zwar trotz wohlklingendem Namen ein Kellereiwein, bietet aber für 6,99 sattes Rheingau-Feeling mit straffer Säure, viel Schmelz und dezenter Aprikosenfrucht. Aber beim Thema Wein geht es ja auch um Echokammern, denn 6,99 ist für mindestens 90 Prozent aller Weinkonsumenten in Deutschland bereits utopisch teuer, auch wenn sie sich das locker leisten könnten. Soll mir im Moment aber gerade mal egal sein. Und was die allmählich aufkommende „Politikverdrossenheit“ betrifft, so hat die auch was Positives: Mich kann nicht mehr so viel erschüttern. Außerdem: Genuss ist bekanntlich Notwehr

Ein Gedanke zu “Zwischen Politikverdrossenheit und Riesling

  1. Das britische Wahlergebnis ist gar nicht so schlecht, wie ursprünglich befürchtet. Vor allem die alten Briten über 60 haben noch nicht kapiert, dass ihre herrschende Klasse den Weltmachtstatus verloren hat. Überall in der westlichen Welt schrumpft das Vertrauen in die Regierungen und parallel dazu schrumpft auch die Intelligenz der Regierenden.

    Ich kann an einer Hand abzählen, wie oft ich einen Wein für 7 Euro oder mehr gekauft habe (und wenn dann für den El Coto von Rioja). 5 Euro sind meine Schmerzgrenze für Wein. Da hilft auch keine Notwehr nicht.
    Vergleichbar dem El Coto ist der „Dimazzo Primitivo Puglia“ gestern in einem Getränkemarkt („Holab“) habe ich drei Flaschen für 4,99 erstanden. Internetpreis dafür liegt bei 6,49.
    Gruß Wal