Ich war „beim Griechen“

Früher war die Welt in Westberlin für unsereins noch überschaubar. In den 70er und 80er Jahren ging der weltgewandte Linke nach einer der unzähligen Sitzungen, Veranstaltungen und Aktionen „zum Italiener“ oder „zum Griechen“ . Bei Ersterem gab’s in der Regel Pasta oder Pizza bestenfalls einigermaßen erträglicher Qualität. Berüchtigt vor allem das Kultgericht schlechthin; „Spaghetti carbonara“ mit eine Sahnesoße (sic!!), Begleitet wurde dies von schlechtem Wein und zum Abschluss „auf Kosten des Hauses“ eine petroleumartige Flüssigkeit, bei der es sich angeblich um Grappa handelte.

„Der Grieche“ (egal welcher) verdankte seine Beliebtheit der Tatsache, dass er alle Speisen, vom Salat über den Schafskäse bis zum Gyros, in unglaublichen Mengen Olivenöl ertränkte. Außerdem gab es eine Spezialität: Panierte, frittierte, unverdauerliche Gummiringe die als „Calamaris“ firmierten. Auch hier gab es dazu schlechten Wein, der , anders als beim Italiener, noch eine spezielle verfaulte Note aufwies („Retsina“) Der Schnaps „auf’s Haus“ schmeckte zwar auch nach Petroleum, hieß aber „Ouzo“. Dir Portionen waren meist riesig, die Preise ausgesprochen billig und gratis dazu gab es eindrucksvoll verqualmte Räumlichkeiten und einen hohen Geräuschpegel.

Warum viele dieser Etablissements bis zum heutigen Tag überlebt haben, ist mir ein Rätsel. Denn mittlerweile hat sich Westberlin gastronomisch durchaus diversifiziert, und die hippe, urbane Avantgarde wie auch das linke Jungvolk bevorzugt mittlerweile Falafel, Sushi und vor allem vegane Pampe aller Art.

Eines der Relikte der „guten alten Zeit“ ist die „Kreuzberger Weltlaterne“ in der Kohlfurter Straße. Die müsste zwar eigentlich „Taverna XY“ heißen, tut sie aber nicht. Als „Grieche“ wird diese Ur-Kreuzberger Stampe seit über 40 Jahren geführt. Mein letzter Besuch in diesem Laden dürfte immerhin rund 30 Jahre zurückliegen.

Einiges hat sich nicht verändert. Der Laden ist an diesem Sonnabend proppenvoll, mit Mühe bekommen wir einen kleinen Zweiertisch. Die Bedienung ist ist nahezu ansteckend freundlich und zumindest im Nebenraum ist die Atmosphäre ausgesprochen familiär. Das leigt wohl daran, dass da heute die sind, die schon vor 30-40 Jahren hier einkehrten, jetzt aber zusammen mit Kindern und Enkeln. Auf dem Tisch auch nicht mehr übervolle, qualmende Aschenbecher, sondern Tablets, Smartphnoes und pädagogisch wertvolles Spielzeug.

Voll Old School ist die Speisekarte: Tzaziki, Taramas, Souvlaki, Soutzukakia, Calamaris und all die anderen Merkwürdigkeiten, die man eigentlich nie wieder essen wollte, jedenfalls nicht so zubereitet, wie es über Jahrzehnte üblich war. Einzige Konzession an den Zeitgeist ist eine „vegane Moussaka“.

Wir beginnen mit einem kleinen Teller Calamaris. Die Panade der kleinen Ringe und Füße ist nicht mehr so eklig wie früher, doch gummiartige Konsistens und Geschmacksneutralität sind geblieben. Also reichlich Zitrone rauf und rein damit. Und natürlich was trinken: Auch der Retsina ist weniger aufdringlich als früher, aber so richtig anfreunden kann ich mich mit dem Harzgeschmack nicht. Dann noch ein überraschend trockener weißér griechischer Landwein. Aromatisch zwar eher neutral, aber mit gutem Säutebiss

Es folgte der Hauptgang, aber bitte nur die kleinen Portionen, denn das Normalformat ist genauso üppig wie früher. Wir wählten Gyros bzw. Soutzukakia mit Tzaziki,Salatbeilage und Oregano-Kartoffeln. Tzaziki und Salat ganz o.K., jedenfalls ohne Ölteppich, Kartoffeln aber etwas matschig. Gyros wie immer, aber die Soutzukakia eher merkwürdig. Auf dem Teller keine Hackfleischröllchen, sondern zwei verdächtig nach TK-Ware aussehende Burger—Patties mit leicht hellenisierter Würzmischung. Dann natürlich noch der obligatorishce Ouzo „auf’s Haus“, die schmale Rechnung, und wir beendeten unseren kleinen Ausflug in die eigene Vergangenheit. Und das zu einer Zeit, wo man früher erst anfing, richtig zu trinken. Das ist vermutlich das Alter.

Fazit: Der Laden ist irgendwie ausgesprochen angenehm. Aber was das Essen betrifft wird „der Grieche „ wohl immer „der Grieche“ bleiben.

 

 

 

Schluss mit dem Nachhaltigkeitsterror

Der folgende Text erschien heute in der Wochenendbeilage von “Neues Deutschland” und ist dort nur für Abonnenten abrufbar.

Das Leben in der liberalen Wohlstandsgesellschaft ist ziemlich kompliziert geworden. An jeder Ecke lauern unzählige Weggabelungen und Fallstricke, die den „bewusst lebenden“ Menschen vom Pfad der Tugend abzubringen drohen. Wer sich dem Diktat der Nachhaltigkeit widersetzt, wird bestenfalls nur belächelt oder schief angeguckt, oftmals aber regelrecht ausgegrenzt. Das informelle Regelwerk ist umfangreich, unübersichtlich und teilweise widersprüchlich. Es greift in alle Lebensbereiche ein und ist vielseitig auslegbar. So taugt Nachhaltigkeit auch hervorragend als neoliberaler Kampfbegriff, wenn es etwa um die Kürzung von Renten oder strikte Austeritätspolitik geht. Schließlich müsse man nachkommende Generationen vor hohen Staatsschulden bewahren. Auf der anderen Seite dient sie als Klammer für esoterischen Irrationalismus bis hin zur Verehrung von faschismusaffinen, rassistischen Naturphilosophen wie Rudolf Steiner, dem wir nicht nur die Waldorf-Schulen, sondern auch die biodynamische Landwirtschaft zu verdanken haben. In den urbanen Mittelschichten ist Nachhaltigkeit zum Distínktionsmerkmal geworden, in den Werbeagenturen und PR-Abteilungen zum zentralen Verbreitungs- und Vermarktungsargument für Ideologien, Produkte und Dienstleistungen.

Wer sich in diesem Sinne gründlich daneben benehmen will, hat viele Möglichkeiten. Man kann beispielsweise den Kauf von Bio-Lebensmitteln verweigern, das „Fairtrade“-Siegel konsequent ignorieren, Pauschalreisen buchen, regelmäßig Fleischprodukte zu sich nehmen, die häusliche Stromversorgung nicht aus 100% erneuerbaren Energien bestreiten, sein so genanntes Übergewicht gleichmütig zur Kenntnis nehmen und bei der Behandlung von Krankheiten auf die „Schulmedizin“ vertrauen.. Dann ist man schon ein ziemlich schlechter, nicht bewusst lebender Mensch, der sowohl an seinem eigenen Verfall, als auch am drohenden Untergang der menschlichen Zivilisation ein gerütteltes Maß Schuld trägt. Dabei sind die Verdikte zunehmend aggressiver agierender Sektenpropheten, wie z.B. Veganern und anderen Selbst- und Weltoptimierern, noch gar nicht berücksichtigt, denn da hängt die Latte noch wesentlich höher.

Die informellen Diktate der Nachhaltigkeitsideologie haben einiges gemeinsam. Sie enthalten stets ein paar Körnchen Wahrheit, aber auch jede Menge Lügen. Sie sind über kurz oder lang stets marktkompatibel und politisch in viele Richtungen instrumentalisierbar. Beginnen wir mit „bio“, sozusagen der Basisversion der bewussten Lebensführung. Die in Deutschland stetig wachsende Nachfrage nach ökologisch angebauten Lebensmitteln führt in vielen Anbauländern längst zu jenen desaströsen Monokulturen, Umwelt- und Naturzerstörungen, die durch diese Art der Landwirtschaft eigentlich überwunden werden sollten. Besonders augenfällig ist das in einigen spanischen Provinzen, wo vor allem Tomaten, Paprika, Gurken und Erdbeeren zunehmend „ökologisch“ für den deutschen Markt angebaut werden. Dieser Boom bringt den örtlichen Großbauern und den hiesigen Groß- und Einzelhändlern zwar satte Profite, aber die Böden in großen Teilen Andalusiens sind längst ausgelaugt, die Grundwasserknappheit ist dramatisch, der Blick streift nicht über Gemüsefelder, sondern über ein schier endlosen Meer von Plastikplanen. Längst kämpfen Umweltschützer gegen die neuen Megafarmen „die im Namen von bio die Natur zerstören“, wie es Marcos Diéguez von der Gruppe Ecologistas en Acción im November im „stern“ formulierte. Doch davon will der deutsche Bio-Kunde ebensowenig wissen, wie von den Arbeitsbedingungen der meist nord- und schwarzafrikanischen Saisonarbeiter, die dort für unseren „nachhaltigen Konsum“ tätig sind. Und das gilt auch für die Massentierhaltung, die in der deutschen Biobranche vor allem für die Eier- und Milchproduktion längst Standard ist.

Quelle: www.emailleschilder.com (CC BY 1.0) )

Doch man zahlt gerne einen Aufpreis für ein gutes Gefühl, denn auch in Bezug auf Qualität und Verträglichkeit lebt die Bio-Branche in erster Linie von liebevoll gepflegten Mythen. So sehen das auch ausgewiesene Kritiker der konventionellen, industrialisierten Landwirtschaft wie die Stiftung Warentest oder die Verbraucherschutzorganisation foodwatch. Es gebe „keine belastbaren Beweise, dass Bionahrung per se vorteilhafter für die Gesundheit ist”, sagte deren stellvertretender Geschäftsführer Matthias Wolfschmidt in einen Interview. Auch Geschmackstests lassen in der Breite keine Vorteile für Standardprodukte aus ökologischer Erzeugung erkennen. Natürlich gibt es Tomaten, Gurken, Kartoffeln, Möhren, Äpfel und Birnen oder auch Eier, Milchprodukte und Weine, die eindeutig besser schmecken als andere. Aber das Ökosiegel ist dafür alles andere als ein verlässlicher Indikator.

Daher hat sich in der Biobranche mittlerweile ein Edelsegment etabliert. Produkte von Verbänden wie Demeter und Bioland werden nach deutlich strengeren Kriterien zertifiziert. Sie machen aber nur einen Bruchteil des Angebots aus und sind zudem nochmals deutlich teurer. Also setzt die Branche noch einen drauf, gemäß dem Motto: „Regional ist das neue bio“. Lebensmittel aus dem Umland, mit kurzen Transportwegen und Lagerzeiten? Auch das ist wenig mehr als gefühliger Schwindel, wenn man mal von kleinen Direktvermarktern und Produkten mit offiziell zertifizierter geschützter geografischer Herkunftsangabe absieht. Der Begriff regional ist gesetzlich nicht definiert. Bei verarbeiteten „regionalen“ Produkten können die Rohstoffe von sonstwoher kommen, und auch die Milch von der „regionalen“ Molkerei hat oft sehr weite Wege hinter sich. Bei Obst und Gemüse ist es auch mit dem oft zitierten „ökologischen Fußabdruck“ nicht so gut bestellt, wie es der „bewusste“ Käufer gerne hätte. Der monatelang im Kühlhaus gelagerte Apfel von nebenan hat auf seinen Lebensweg zum Käufer im Frühjahr jedenfalls deutlich mehr Energie verbraucht als ein saisonal geernteter Importapfel aus anderen Teilen der Welt.

Natürlich will fast niemand auf Produkte aus fernen Ländern vollständig verzichten. Ein Asketismus, der den Verzicht auf Kaffee, Tee, Bananen, Mangos, Pfeffer, Reis u.v.a.m. beinhaltet, ist selbst unter ausgewiesenen Freunden von „Nachhaltigkeit“ und „Regionalität“ nur eine marginale Randerscheinung. Für den perfekten Selbstbetrug gibt es in diesen Fällen das „Fairtrade“-Label. Dies suggeriert eine hohen moralischen Anspruch. „Faire“ Preise für die Erzeuger, die damit die Lebensbedingungen der Arbeiter vor Ort verbessern, beispielsweise durch höhere Löhne, den Bau von Wohnungen Schulen und die Gewährleistung medizinischer Versorgung. Auch hier gilt: Man zahlt seinen Ablass für ein gutes Gewissen und guckt lieber nicht etwas genauer hin. Dokumentiert sind etliche Fälle in Lateinamerika und Afrika, wo selbstversorgende Kleinstbauern vertrieben wurden, um Platz für lukrative, exportträchtige „Fairtrade“ -Monokulturen zu schaffen. Auf den Bildern von glücklichen Kindern, die jetzt dank „fairtrade“ eine Lehmhütte als Schulgebäude haben, ist davon leider nichts zu sehen. Auch ist es den Betrieben erlaubt, nur einen Teil ihrer Produktion zu zertifizieren bzw. bei verarbeiteten Produkten muss für das begehrte Siegel nur ein bestimmter Teil der verwendeten Rohstoffe aus „fairer“ Herstellung kommen. Ein schönes Beispiel für diesen Etikettenschwindel schilderte vor zwei Jahren die Verbraucherzentrale Hamburg. Ein Eiskaffeehersteller schraubte seinen Anteil an fair gehandelter Ware von sechs auf 60 Prozent hoch, indem er bei den Zutaten das Wasser und den Wasseranteil der Milch heraus rechnete. Ohnehin kommt von dem beträchtlichen Aufpreis, der hier für „Fairtrade“-Produkte gezahlt wird, nur ein Bruchteil bei den Produzenten an, der Rest landet bei Zertifizierungsstellen und in Form von Extraprofiten bei Groß- und Einzelhändlern.

Allerdings geht der Nachhaltigkeitsschwindel nicht nur durch den Magen. Individualreisende und Ökotouristen in fernen Gefilden sorgen in ihrer Gesamtheit zumindest mittelfristig für ähnliche soziale und ökologischer Verwerfungen wie die Nutzer von Bettenburgen auf Malle und den Malediven. Die Sinnlosigkeit des Bezugs von teurem Ökostrom sollte angesichts der Ausweitung der Kohleverstromung in Deutschland eigentlich auf der Hand liegen, vom europäischen Stromverbund ganz zu schweigen.

All dieser und vergleichbarer Humbug wäre vernachlässigenswert – wenn er nicht mit dem Impetus der moralischen Überlegenheit zelebriert würde. Oder gar mit der Überzeugung, dass man schließlich „etwas tut“ für die soziale und ökologische Zukunft der Menschheit. Dabei müssten wir tatsächlich „etwas tun“, nämlich gesellschaftliche Rahmenbedingungen für nachhaltige Entwicklung im umfassenden Sinne zu schaffen. Mit dem Kassenzettel vom Biomarkt als Ablassquittung und der Fairtrade-Banane auf dem Obstteller kommt man in dieser Hinsicht jedenfalls keinen Schritt weiter. Also lasst uns gefälligst unbehelligt essen und trinken, was uns schmeckt und preislich angemessen erscheint, Geld bei der Wahl des Stromanbieters sparen, den Urlaub verbringen, wie wir es mögen und dabei auch ganz viel Unvernünftiges tun.

DunkelPankow

Es ist immer wieder ein Erlebnis. Wer sich in Berlin aus der Innenstadt in Richtung Nordosten oder Osten bewegt, taucht schon nach wenigen Kilometern in eine merkwürdige und äußerst unwirtlich erscheinende Welt ein. Und das nicht nur, wenn man sich an die Orte grotesker stadtplanerischer Verbrechen wie Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen begibt. Auch der Großbezirk Pankow, zu dem ja immerhin die einst ultrahippe Schwabenkolonie Prenzlauer Berg gehört, hat finstere Ecken zu bieten, die den urbanen Citoyen erschauern lassen.

Meine berufliche Tätigkeit beinhaltet auch Einsätze als rasender Reporter, und so führte mich der Weg am Mittwoch abend in das Herz von Pankow-Heinersdorf. Dort befindet sich eine Kirche, in der der Berliner Senat den örtlichen besorgten Bürgern die Pläne für ein neues Stadtquartier mit 6.000 Wohnungen vorstellen wollte. Doch dazu später.

Normalerweise erledige ich solche Wege (von meiner Wohnung aus werden es ca 7-8 Kilometer sein ) mit dem Fahrrad. Doch die fiese Kälte (natürlich ein Hochdruckgebiet aus dem Osten – Danke Putin!) und der schneidende Wind ließen mich davon Abstand nehmen. Also Bus und Straßenbahn. Hurtig brettert die M2 vom Alexanderplatz schnurgrade über die Prenzlauer Chausse Richtung DunkelPankow. Kurz nach dem S-Bahn-Ring heißt diese Magistrale – Erich Honeckers alte Protokollstrecke nach Wandlitz – dann Prenzlauer Promenade. Was irgendwie lustig ist, denn zum Promenieren lädt diese Ansammlung hässlicher Wohn- und Gewerbebauten links und rechts der Straße nun wirklich nicht ein. Doch wenigstens ist es hier noch hell. Das ändert sich schlagartig, wenn die M2 nach rechts abbiegt. Man durchquert ein Reich der Finsternis, mit trüben Straßenfunzeln und auf Kopfsteinpflaster daher rumpelnden Autos.

So ungefähr sieht es in Pankow-Heinersdorf aus

Spätestens ab der Haltestelle „Am Steinberg“ beginnt dann eine neue Stufe der zivilisatorischen Regression. Die Straßenbahn fährt nur noch eingleisig und hält von nun an mitten auf der Straße. Wer beim Aussteigen lebend den rettenden Bürgersteig erreichen will, ist auf das Wohlwollen der meist mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Finsternis fahrenden Autos angewiesen, beim Einsteigen ist es ähnlich.

Der kurze Fußweg auf schadhaften Gehwegen zum Veranstaltungsort trägt auch nicht zur Stimmungsaufhellung bei. Man kann erahnen, dass sich in den stockdunklen Häusern ein paar Geschäfte befinden, doch es ist kurz vor 19 Uhr, und alles ist hier geschlossen. Bis auf ein paar obskure Gaststätten, die sich mit ihrer schmutzig in die Nacht schimmernden Funzelbeleuchtung dem Gesamtensemble anpassen.

In der Kirche drängen sich rund 400 besorgte Bürger, die dem Neubauprojekt mit einiger Skepsis begegnen. Hier und da ein paar nachvollziehbare Argumente, vor allem die Verkehrsanbindung Nord-Pankows betreffend. Aber natürlich auch die obligatorischen „Kaltluftschneisen“, der „Erholungswert“, die „gewachsenen Strukturen“, die man bewahren will. Sie werden von den Profis der Kommunikationsagentur, die der Senat engagiert hat, mit „Dialogangeboten“ zugeschüttet und die offiziellen Vertreter singen nahezu schleimig das Lied von der großen Wertschätzuing der „engagierten Bürger“. Es ist eine elende Scharade, denn in Wirklichkeit will auf der einen Seite der Senat (vollkommen zu Recht) sein Neubau- und Infrastrukturprojekt durchziehen und auf der anderen Seite wollen viele Anrainer schlicht, dass alles so bleibt wie es ist. Immerhin: Kein rechtpopulistisches Gedöns, nur ein Diskutant mümmelte weitgehend unbeachtet irgendwas von Flüchtlingsunterkünften, die hier ja auch gebaut werden. Alles recht friedlich, doch die eigentlich Bauplanungen beginnen ja erst in einem Jahr.

Zurück in die Finsternis. Die Straßenbahn verlasse ich diesmal bereits am S-Bahnhof Prenzlauer Allee, da ich das dringende Bedürfnis verspürte, im dortigen Späti ein Bier zu erstehen. Denn DunkelPankow schlägt echt aufs Gemüt

Andrej Holm als Lehrstück: Vergesst endlich „rot-rot-grün“

Das unwürdige Trauerspiel hat ein Ende. Andrej Holm ist von seinem Amt als Bau- Staatsekretär zurückgetreten und damit seinem bereits beschlossenen Rauswurf zuvorgekommen. Mit Holm hatte die LINKE einen profilierten Stadtsoziologen und Gentrifizierungskritiker in den Senat geholt, der sich nie zu schade war, aus dem universitären Elfenbeinturm zu den stadtpolitischen Initiativen und Kiez-Mietergruppen „herab zu steigen“ – und dort auch kräftig mit anzupacken, wie ich es konkret in Moabit erlebt habe.

Für die LINKE war die Berufung von Holm – der zu den schärfsten Kritikern der „rot-roten“ Wohnungspolitik in der Hauptstadt von 2002-2011 gehörte – natürlich auch der Versuch, neuen Kredit bei Mietergruppen und anderen außerparlamentarischen Sozialbewegungen zu erhalten. Der ist mit seinem schnellen Rauswurf bereits wieder komplett verspielt.

wieder zurück auf die Straße. Andrej Holm auf einer Kreuzberger Kiezdemo
Quelle: Bizim Kiez

Als Vorwand für seine schnelle Demontage, die von einer Medienkampagne wie zu besten Zeiten des Kalten Kriegs begleitet wurde, diente ein Personalfragebogen der Humboldt-Universität aus dem Jahr 2005, in dem Holm eine hauptamtliche Tätigkeit für das Ministerium für Staatsicherheit der DDR – kurz „Stasi“ – verneint hatte. Es gibt die Auffassung, dass es sich bei seiner 1989 begonnenen Ausbildung als Offiziersschüler (die nach fünf Monaten mit dem Ende der DDR ebenfalls endete), um eine hauptamtliche Stasi-Tätigkeit gehandelt hat, während Holm sich darauf beruft, dies eben als Ausbildung im Rahmen seines Wehrdienstes angesehen zu haben. Die arbeitsrechtliche Bewertung dieser „Falschangabe“ steht noch aus, von einer konsistenten historischen Bewertung ganz zu schweigen. Daraus, dass er sich bereits als 14jähriger für eine spätere Laufbahn beim MfS verpflichtet hatte, machte Holm nie einen Hehl, unter anderem 2007 in einem großen Interview in der taz, wo er seine Beweggründe dafür schildert und sich auch eindeutig von diesem System distanziert.

Doch darum geht es nicht. Vielmehr wollten SPD und Grüne dem Koalitionspartner LINKE ganz schnell zeigen, wo der Hammer hängt. Und für den alten Westberliner Wohnungsbaufilz war Holm als Staatssekretär ohnehin der Leibhaftige.

Natürlich ist die LINKE eingeknickt, anstatt klipp und klar zu sagen: „Holm bleibt oder wir gehen“. Regierungsbeteiligung ist für die beiden „Clans“, die die Berliner LINKE als Familienbetrieb führen, schon lange ein Wert an sich.

Die „rot-rot-grüne“ Koalition wird jetzt natürlich weitermachen. Wer mit dieser Konstellation noch immer die Hoffnung auf einen Politikwechsel verbindet, dem ist wohl nicht mehr zu helfen. Für alle anderen heißt es: Ärmel aufkrempeln und gemeinsam mit Holm außerparlamentarisch für eine soziale Wohnungspolitik, gegen Verdrängung und Spekulation zu kämpfen.

Denn Holm hat sich mit seinem erzwungenen Rücktritt nicht heimlich durch die Hintertür davon geschlichen, sondern gleich am Montag eine knallharte Erklärung zu den Vorgängen abgegeben und für den Abend zu einem ersten Treffen eingeladen. Bleibt zu hoffen, dass es gelingt, diesem verfilzten Senat und dieser verrotteten LINKEN in der Stadt, etwas entgegen zusetzen. Es ist höchste Zeit.

 


Ein Sauvignon Blanc aus Franken: Leider geil.

Eigentlich bin ich ja kein sonderlich geeigneter Sauvignon-Blanc-Tester. Ich kann mit dieser Rebsorte in der Regel wenig anfangen. Abgesehen von ein paar ausgeprägt „steinigen“ Knallern von der Loire und aus der Steiermark ging der Daumen meistens runter. Vor allem die nervige Stachelbeer- Holunder-Grapefruit-Katzenpisse-Primärfrucht empfinde ich als nahezu obszön, und wenn das alles dann noch mit reichlich Holz verquirlt wird, beginnt schon fast der Magen zu rebellieren.

Natürlich hat auch diese Weltweinseuche keinen Bogen um Deutschland gemacht. Im Gegenteil: Sauvignon Blanc gehört zu den Shootingstars in der Rebsortenstatistik. Die Leute verlangen das und man müsse halt mit der Zeit bzw. dem Markt gehen, hört man von vielen Winzern zur Begründung. Ein Önologe aus einer Lehr- und Forschungsanstalt hat mir mal erzählt, die Winzer kämen mit einem SB aus Neuseeland an und dem Wunsch: „So einen will ich auch machen“. Und das geht auch.

Dennoch steht jetzt ein Sauvignon Blanc aus Franken auf dem Tisch, sozusagen ein geschenkter Gaul, dem ich in Abwandlung des alten Sprichworts unbedingt ins Maul schauen will. Sei es auch nur, um alle meine Vorurteile bestätigt zu finden.

Dieser Wein braucht nicht nur Zeit….

Da mich bei Wein hauptsächlich das Zusammenspiel mit Speisen interessiert, fragte ich die Gemeinde, was man denn da so brutzeln könnte. Einleuchtend erschien mir die Idee mit den Pulpos, die ich mit Limettenzesten, Chili, Knoblauch und Meersalz marinierte. Dazu Kapernreis.

Zurück zum Wein. Der Flasche entströmt zunächst eine mächtige Holzwolke. Nach 20 Minuten der erste schüchterne Probeschluck. Es ist das befürchtete Desaster. Holz, Vanille und ein aufdringlicher, undifferenzierter Aromencocktail, ziemlich grün, ein bisschen Zitrusfrucht und eine Überdosis Nelke.

Schönen Dank auch! Also erst mal schnell die Welt retten (Treffen mit meiner Moabiter Mietergruppe) und dann weiter sehen. Natürlich habe ich vorsichtshalber eine „Notflasche“ im Kühlschrank deponiert, einen soliden Weißburgunder. Aber noch wollte ich den 2014er Großlangheimer Kiliansberg, Sauvignon Blanc trocken „Brodacker“ vom Patrizierhof nicht wegschütten.

Und das war auch gut so, denn im Glas war jetzt ein völlig anderer Wein. Das zunächst dumpfe Holz ging jetzt in die feine-nussige Richtung, aus den grünen Noten wurden dezente Gemüsearomen, die knackige Säure spielte mit den Zitrusfrüchten und einer Spur (nicht süßer) Papaya, alles unterlegt mit ein wenig Rauch, Erde und Salz. Am Gaumen liegt er dann ausgesprochen dicht und schmelzig, die schlanken 13% Alkohol stehen dem Brodacker dabei ausgesprochen gut.

…sondern auch einen kongenialen Partner

Ab in die Küche, denn mittlerweile war klar, dass die Sache mit den marinierten Tintenfischen und diesem Wein das Zeug für eine große Genussgeschichte hatte. So war es dann auch, und in der Kombination mit Salz, den Limettenzesten und ein wenig Schärfe wurde der Brodacker immer besser.

Meine generelle Skepsis gegenüber den Sauvignon-Blanc-Boom in Deutschland ist damit keineswegs weggeblasen. Doch das ist ein richtig guter, fast schon großer Wein. Kein SB-Opportunist, sondern ein gelungenes , individuelles fränkisches Statement zu diesem Thema.

Kommen wir zum Preis. 28 Euro sind – sagen wir mal – ambitioniert. Es ist eine Kategorie, in der es nicht mehr um „Wert“ oder „Qualität“ geht,, sondern um Marketing und Imagetransfer. Im Preisgefüge des Patrizierhofs ist der Brodacker (abgesehen von einer Beerenauslese) der deutliche Ausreißer. Wenn der Winzer diesen Preis am Markt durchsetzen kann, sei es ihm herzlich gegönnt. Wer es sich leisten kann, erhält jedenfalls einen recht spannenden Tropfen, der nicht nur großen Genuss, sondern auch ein wenig Horizonterweiterung zum Thema Sauvignon Blanc bietet.

Den 2014er Großlangheimer Kiliansberg, Sauvignon Blanc trocken „Brodacker“ gibt es für 28 Euro ab Hof

 

 

Fröhliche Weihnachten mit Erdogan

Natürlich ist es absurd, dass in einer staatlich anerkannten deutschen Schule in Istanbul keine Weihnachtslieder gesungen und Adventskalender mehr gebastelt werden dürfen. Und es ist auch vollkommen richtig, sich darüber aufzuregen.

Aber es ist auch eine willkommene Ablenkung von den eigentlich wichtigen Geschehnissen. In der Türkei herrschen in trauter Eintracht staatliche Willkür und islamistischer Mob, man kann ohne Übertreibung von faschistischem Terror sprechen. Fast alle gewählten Bürgermeister der demokratischen Oppositionspartei HDP sowie deren Führungsspitze und diverse Parlamentsabgeordnete sitzen im Gefängnis. Ein Schicksal, das sie mit tausenden Journalisten und Lehrern teilen. Überall im Land werden die Büros der HDP angezündet, besonders im kurdischen Teil der Türkei sind Lynchmorde an der Tagesordnung.

In Deutschland lebende Türken werden offiziell aufgefordert, Oppositionelle zu denunzieren , die staatliche Religionsbehörde, als deren verlängerter Arm in Deutschland DITIB agiert, schickt sich an, hiesige Moscheevorstände zu säubern. Auch hier häufen sich gewalttätige Übergriffe auf Vereine und Einzelpersonen, die vom AKP-Regime als „Terroristen“ angesehen werden, wobei dies mittlerweile ein Sammelbegriff für alles und alle ist, die den Kurs von Erdogan nicht unterstützen.

Die Bundesregierung und die Behörden quittieren das mehr oder weniger mit einem Achselzucken. Man stützt und bezahlt das Erdogan-Regime, damit es uns die Flüchtlinge vom Hals hält. Man schickt auch weiterhin Waffen in Türkei, die u.a. gegen die kurdische Zivilbevölkerung oder die – offiziell eigentlich unterstützten – kurdischen Milizen in Syrien eingesetzt werden.

Hat das alles was mit dem Islam zu tun? Ja und nein, aber das will ich hier nicht weiter vertiefen. Offensichtlich ist allerdings, dass der sunnitische Islam offensichtlich die Grundlage für diktatorische und eliminatorische Strömungen bildet, sei es in Form des IS, sei es in Form des türkischen (und auch saudischen) Staatsterrorismus. Solche Ausprägungen gibt es allerdings auch unter schiitischer Flagge, wie die jüngere Geschichte des Iran veranschaulicht.

Religion ist nach unserem Staatsverständnis Privatsache. In diesem Sinne ist die Religionsfreiheit ein hohes Gut, das niemand in Frage stellen sollte. Dazu gehört auch der Bau von Moscheen. Das heißt aber auch, dass jeglicher normative Anspruch von Religionen auf die Ausgestaltung von Rechtsverhältnissen und säkularen Grundprinzipien strikt unterbunden werden muss. Das spezielle Arbeitsrecht der christlichen Kirchen gehört daher ebenso auf den Müllhaufen, wie das Recht der türkischen Religionsbehörde, in deutschen Moscheen nach eigenem Gutdünken zu agieren. Und es geht auch um die „weltliche“ Ebene. Natürlich gibt es viele gute Gründe und Notwendigkeiten, faschistische Organisationen wie die NPD oder „Freie Kameradschaften“ zu verbieten. Doch es darf auch keine Toleranz für die faschistische Propaganda von Erdogan-Anhängern geben. Im Gegenteil: Der deutsche Staat muss hier lebende, oppositionelle Türken und Kurden mit allen Mitteln davor schützen.

Tut er aber nicht. Weil Erdogan ein „wichtiger Verbündeter“ ist. Na dann: Frohe Weihnachten.

 

Prost, Genossen

In der Wochenendausgabe des “Neuen Deutschland” vom 17/18. Dezember wurde mein “linkes Weihnachtsmenü” aufgetischt. Da der Text im Internet nur für Abonnenten abrufbar ist, veröffentliche ich ihn auch hier, ergänzt durch Hinweise auf die erwähnten Weine

Anständig die Plauze vollhauen

Kann man auch beim Weihnachtsessen den Klassenstandpunkt beibehalten? Von Rainer Balcerowiak

Sich mit der Familie oder Freunden anständig die Plauze vollzuhauen, gehört nach wie vor zu den beliebtesten Weihnachtsritualen in Deutschland. Dabei haben sich im Laufe der Jahrhunderte eindeutige Präferenzen für die Art der Völlerei entwickelt. Wie eine Untersuchung der Hochschule Anhalt in Bernburg ergab, soll es an den Feiertagen in der Regel immer noch der klassische Braten sein, in der Reihenfolge Gans, Ente und Pute. Dazu Grün- und/oder Rotkohl sowie Klöße bzw. gekochte Kartoffeln. Als Nachspeise erfreut sich Rote Grütze mit Vanillepudding nach wie vor großer Beliebtheit.

Aber einfach so essen, was alle essen, kommt für gestandene Linke als ausgewiesene Nonkonformisten natürlich nicht infrage. Auch in den Momenten der Völlerei verlieren wir niemals unseren Klassenstandpunkt und unsere internationalistische Gesinnung. Scheinreligiöse Besinnlichkeit ist uns fremd, vielmehr nutzen wir das Fest kurz vor dem Jahresende für eine Bilanz der nationalen und internationalen Klassenkämpfe – was sich natürlich auch auf den Tellern und in den Gläsern auf dem mit rotem Tuch ausgelegten Esstisch widerspiegelt. Entsprechend sorgsam, ja nahezu dialektisch-materialistisch wird das Weihnachtsmenü zusammengestellt.

Allerdings müssen manchmal noch ein paar Klippen umschifft werden. Was machen wir, wenn sich die Teilnahme von einem oder gar mehreren Veganern an dem Weihnachtsschmaus beim besten Willen nicht vermeiden lässt? Möglicherweise haben sich ja enge Familienangehörige dieser Sekte angeschlossen. Doch auch dieser Herausforderung begegnen wir mit marxistischer Analyse und revolutionärer Praxis. Dabei ist der wissenschaftlich-technische Fortschritt auf unserer Seite. Einschlägige Händler bieten mittlerweile beliebig formbare Soja- oder Weizenpampe in jeglicher Konsistenz an. Dazu noch ein kleines Sortiment Lebensmittelfarbe, und man kann so ziemlich jedes Gericht in einer veganen Variante nachbauen. Einfacher hat man es mit den ebenfalls zahlreicher werdenden Anhängern von Paläokost. Sie bekommen das, was man für die anderen Gäste kocht, einfach roh auf den Teller. Im Notfall bliebe noch die gute alte Losung »Hier wird gegessen, was auf den Tisch kommt.«

Aber jetzt kann es endlich losgehen. Beginnen wir mit der Vorspeise. Ja, es sind wirklich harte Zeiten für die französische Linke. Eingeklemmt zwischen dem Vormarsch der Rechtspopulisten und einer neoliberal gewendeten Sozialdemokratie hat sie die schwierige Aufgabe, glaubwürdige Alternativen zur herrschenden Politik zu formulieren und im Volk zu verankern. Wir fühlen uns mit ihnen verbunden und tischen auf, was auch bei keinem anständigen französischen Weihnachtsmenü fehlen darf: Pro Person ein halbes Dutzend Austern, dazu Baguette. Die Solidarität unterstreichen wir mit einem deutschen Wein, der noch dazu nahe der französischen Grenze an der südlichen Mosel gedeiht: Elbling trocken 2015 von Stephan Steinmetz, der mit seiner dezenten Frucht und knackiger Säure die leicht salzigen Austern wunderbar ergänzt.

Falls es Gäste gibt, denen sich schon beim Gedanken an Austern der Magen umdreht, wären Muscheln eine Alternative, die werden immerhin nicht roh verzehrt. Aber wenn, dann auf bretonische Art in Weißwein mit Lauch und Knoblauch, sonst wackelt die Symmetrie des internationalistischen Menüs.

Natürlich darf aus politischen und kulinarischen Gründen auch ein Abstecher nach Italien nicht fehlen. Die sozialdemokratische Renzi-Regierung hat sich mit dem gescheiterten Verfassungsreferendum aus dem Orbit geschossen, das Bankensystem wackelt bedrohlich, die Arbeitslosigkeit hat besonders bei jungen Erwachsenen einen dramatischen Stand erreicht. Auch hier ist die Linke in einer schwachen Position, Rechtspopulisten und die schwer einzuordnende Chaos-Bewegung des gelernten Komikers Beppe Grillo sind auf dem Vormarsch. Aber genusspolitisch wird Italien auch für deutsche Linke immer eine Inspirationsquelle bleiben. Wir setzen unseren Schmaus daher mit einem Steinpilz-Risotto fort. Das mag – ähnlich wie die Austern – arg extravagant oder gar snobistisch anmuten, handelt sich aber in beiden Fällen um feste Bestandteile der kulinarischen Alltagskultur dieser Länder. Beim Risotto darf man gerne auch getrocknete Steinpilze verwenden, Hauptsache, man nimmt den richtigen Reis. Auch hier bleiben wir bei unserer Linie und senden einen Weingruß aus Deutschland an die gebeutelten Nachbarn. Fündig wird man unter anderem in Franken, wo das Weingut Popp den »Julius-Echter-Berg 2015«, einen sehr ungewöhnlichen, ausgesprochen fülligen Silvaner im großen Holzfass reifen lässt. Die erdigen Noten der fränkischen Paradesorte sind – gepaart mit dezenter Holzwürze und reifen Mandel- und Birnenaromen am Gaumen – optimaler Partner für das Pilz-Risotto, sozusagen Ausdruck einer großen deutsch-italienischen Freundschaft.

Bei einem an der politischen Lage Europas orientierten Weihnachtsmenü dürfte eigentlich ein Schwenk nach Großbritannien nicht fehlen. Zum einen war die Brexit-Entscheidung eines der wichtigsten politischen Ereignisse des Jahres. Zum anderen sind in der Labour Party erstmals seit langen Phasen neoliberaler Dominanz wieder sozialistische Kräfte auf dem Vormarsch. Man würde sich gerne bei einem Gang mit den britischen Genossen freuen und auf sie anstoßen. Aber wie soll das gehen? Gehackte Innereien mit Minze? Vielleicht sogar Fish and Chips? Und das alles mit Cider runterspülen? Nö, Genossen, bei aller solidarischen Verbundenheit – was zu weit geht, geht zu weit.

Außerdem gibt es auch in unserem Land einiges zu reflektieren. Gefühlte 50 Jahre Merkel und kein Ende absehbar. Siegeszug der AfD und große Probleme, darauf eine schlagkräftige Antwort zu finden. Dennoch sollte sich kein Linker einer gewissen Heimatverbundenheit verschließen. Wer aber nicht auf dem Teller haben will, was auch Angela Merkel, Sigmar Gabriel und Frauke Petry auftischen, verzichtet auf Gans und Ente und greift auf heimisches Wild zurück. Wir bleiben dabei bodenständig, meiden den edlen Rehrücken und greifen zur Wildschweinkeule mit Kartoffel-Maronen-Plätzchen und Rotkohl. Und um der Bodenständigkeit die Krone aufzusetzen, kredenzen wir dazu einen schwäbischen Rotwein. Der »Bönnigheimer Sonnenberg 2013 Lemberger« von Christian Dautel bietet am Gaumen herbe und saftige Beerenfrucht, Sauerkirsche, enorm viel Würze (vor allem Holunder) und ein bisschen Pfeffer. Und er ist garantiert nicht natural, schwefelfrei, bio-vegan-dynamisch oder in der bei Vollmond eingegrabenen Amphore vergoren, wie es derzeit Mode ist, sondern einfach nur richtig gut.

Es liegt aus naheliegenden Gründen auf der Hand, eine Nachspeise aus zweierlei roter und einer grünen Grütze zu bereiten. Das halten einige ja sogar für das Topgericht des kommenden Jahres. Beim Servieren muss man allerdings sehr sorgsam vorgehen, damit sich das nicht zu einem ungenießbaren Brei vermischt. Vor allem die aus Sauerkirschen zubereitete, etwas dunklere Rote Grütze sollte klar erkennbar bleiben. Zur süßen Nachspeise gehört natürlich ein süßer Wein. Und so beschließen wir unsere politisch-kulinarische Weihnachtssause mit einem feinen Morio Muskat von Felix Waldkirch aus der Pfalz. Kein bisschen klebrig und parfümiert, wie diese Rebsorte leider meistens daherkommt. Sondern klare, süße Frucht, knackige Säure und ein feiner Muskatton. Derart gestärkt können wir den Herausforderungen des kommenden Jahres mit revolutionärem Optimismus ins Auge schauen.

Zu den Austern (notfalls Muscheln) gibst den Elbling trocken 2015 von Stephan Steinmetz. Erhältlich für 5,40 Euro ab Hof

Das Steinpilzrisotto begleiten wir mit dem Iphöfer Julius Echter-Berg Silvaner trocken im Holzfass gereift 2015 vom Weingut Ernst Popp für 11,90 ab Hof.

Dem Brandenburger Wildschwein gönnen wir den Bönnigheimer Sonnenberg Lemberger trocken 2013 vom Weingut Dautel für 19,80 bei wirwinzer

Und der liebliche Morio Muskat  Kabinett 2015 darf dann die rot-rot-grüne Grütze umschmeicheln. Denn gibt es beim Weingut Felix Waldkirch für 6,60 Euro ab Hof

Wohl bekomm’s.

 

Angst vor dem „Pöbel“

Christian Baron hat es geschafft. Als erster Spross seiner pfälzischen Arbeiterfamilie hat er nicht nur das Abitur erreicht, sondern auch erfolgreich Politikwissenschaften, Soziologie und Germanistik studiert. Derzeit arbeitet der 31jährige Autor als Feuilletonredakteur bei der überregionalen linken Tageszeitung „Neues Deutschland“.

Wer so einen Weg absolviert, hat viel zu erzählen. Auch deswegen hat Baron ein Buch geschrieben. „Proleten, Pöbel, Parasiten – warum die Linken die Arbeiterklasse verachten“ lautet der Titel. Es beginnt mit der Geschichte von „Modernisierungsverlierern“ in seiner Heimatstadt Kaiserslautern, die durch den Niedergang des einst führenden Nähmaschinenherstellers Pfaff aus dem Arbeitsleben geschleudert wurden und keinen Anschluss mehr fanden. Menschen, die Jahrzehnte in unsanierten Bruchbuden leben mussten, weil der Preis für bessere Wohnungen im Arbeitslosengeld oder später im Hartz-IV-Regelsatz nicht vorgesehen ist. Es ist eine kulturelle Lebenswelt, in der teilweise viel getrunken wird, in der ein schwächelnder Fußballklub und das nachmittägliche TV-Programm eine recht große Rolle spielen. In der es aber auch eine sehr spezielle Form vom Empathie und Gemeinschaft gibt.

An der Universität Trier lernte Baron eine andere Welt kennen, und schnell wurde ihm deutlich, dass er nicht „dazu gehört“, denn “nur denjenigen, deren Eltern (..) zumindest eine solide bürgerliche Herkunft führen., öffnet diese Gesellschaft den Schlagbaum“, schreibt Baron. Wenn zu Hause nicht nur das Geld für Nachhilfe fehle und die Eltern ab der 8. Klasse nicht mehr in der Lage seien, bei den Hausaufgaben zu helfen, dann „schmeißt man schnell demotiviert die Flinte ins Korn“.

An der Uni merkt Baron alsbald, dass Menschen auch in linken Gruppen sozial sanktioniert werden, wenn sie mit „dem gebildeten Gehabe“ nicht mithalten und mit den postmateriellen Diskursen nichts anfangen können. Genüsslich beschreibt Baron die Reaktionen seiner Kommiltonen, wenn er seiner Leidenschaft für Pommes, Bratwurst und Tiefkühlpizza frönt oder in einer „Volxküche“ den Debatten über die Bedeutung von Erich Mühsam nicht folgen kann. Und während man sich in diesen Kreisen gerne für jede auch noch so obskure Befreiungsbewegung irgendwo in der Welt engagiert, selbstverständlich „bio“ und „fairtrade“-Produkte kauft und das „*“ bzw. das Binnen-I als wesentliche Elemente des Kampfes für Gerechtigkeit propagiert, werden die realen sozialen Schranken in unserer Gesellschaft gerne ausgeblendet. Es sei, so Baron, eben ein Unterschied, ob man vermeintlich linke Politik an der Uni betreibe und prekäre Jobs in Kauf nehme, weil man im Bewusstsein einer auskömmlichen Erbschaft lebe, oder ob man zur Klasse der Besitzlosen gehöre.

Die Kultur der „Unterschichten“ wird verachtet und wenn überhaupt als Event auf Trash-Partys mit Jogginghosenzwang und Besäufnissen in Proletenkneipen zelebriert. Man setzt sich ab, hört Independent-Music und später vielleicht Jazz und Klassik statt Schlager, Heavy Metal oder Soft-Rock. Man macht Individualtrips statt Pauschalreisen, meidet „Mainstream-Klamotten“. Später nennt man seine Kinder Eleonore-Sophie oder Joshua und keinesfalls Kevin oder Mandy. Man schafft sich Distinktionsmerkmale, und das alte linke Zerrbild des klassenkämpferischen Arbeiters mit roter Fahne ist dem neuen des „verwahrlosten Unterschichts-Heinis mit Wampe“ und rassistischen Sprüchen gewichen. Und wenn sich mal eine Fachtagung mit Themen wie dem Zugang unterer Schichten zur Hochkultur wie. z.B. Theater beschäftigen, dann „reden Akademiker über Nichtakademiker wie Biologen über Amöben, als läge es an der kollektiven Dummheit des Pöbels und und nicht an der strukturellen Ausrichtung des Theaters, wenn immer weniger Menschen sich für diese Kunst begeistern.“

Für Baron spiegeln sich diese Haltungen auch in der Flüchtlingsdebatte wider. Auch in linken Kreisen würden soziale Ängste, die durch den Zuzug von vielen Flüchtlingen befördert werden, pauschal als „Rassismus“ diffamiert. Zitiert wird der Publizist Raul Zelik, der im April 2016 im Neuen Deutschland schrieb: „Für die Putzkraft oder den ungelernten Arbeiter auf dem Bau erhöht Zuwanderung den Druck auf das Lohnniveau. Für den urbanen Akademiker, der trotz seiner Projekt-Prekarität eigentlich ganz gut über die Runden kommt, stellt Migration dagegen sicher, dass die frisch zurbereitete Kokos-Tofu-Suppe im Schnellrestaurant auch in Zukunft für fünf Euro zu haben ist. Und auch im Segment der Medienkreativen wird die Konkurrenz durch Zuwanderer überschaubar bleiben“. Aber „solange die Linken es unterlassen, die soziale Frage mit der Flüchtlingspolitik explizit zu verbinden , so lange werden die Unterschicht und die verängstigte Mitte einen großen Bogen um sie machen“ schreibt Baron und leitet daraus Positionen zu „Multikulturalismus“ und zum Islam ab, die ihm in seinem politischen Umfeld wenig Freunde bescheren werden. .Es gehe eben nicht nur um Toleranz und Integrationsbereitschaft. Natürlich sei es inakzeptabel, den Islam pauschal als Bedrohung zu dämonisieren, aber man müsse zur Kenntnis nehmen, „dass viele Flüchtlinge einer repressiven politischen Ökonomie entstammen, die auf sozialer Ungleichheit, Frauenverachtung, Homophobie und Todestrafen fußt“. Aber dies werde in linken Diskursen meistens ausgeblendet. Das gelte auch generell für Religionskritik, obwohl die Linke eigentlich in einer säkularen Tradition stehe. Beängstigend sei, „dass mittlerweile jeder von Linken als „antimuslimischer Rassist“ beschimpft wird,, der generell gegen jeden verpflichtenden Religionsunterricht (also auch muslimischen) an staatlichen Schulen eintritt (..) oder die rituelle Beschneidung kleiner Kinder als Gewaltanwendung versteht“.

Immer wieder kehrt Baron in seinem Buch in seine Heimatstadt zurück, in die „Unterschicht-Milieus“ denen er sich – anders als viele Aufsteiger – eben nicht entfremdet hat. Er beschreibt freundliche, manchmal fröhliche Menschen, die viele Zweifel und Fragen haben, mit denen man aber über alles reden kann – wenn man sie akzeptiert. Mit Ausführungen über Rosa Luxemburg, Antonio Gramsci oder Gender Mainstreaming könne man Menschen, für die eine defekte Waschmaschine ein existentielles Problem darstellt, aber nicht kommen. Den einzigen Weg, den Vormarsch rechter Parteien in diesen Milieus aufzuhalten sieht Baron in einem „linken Populismus“ der an den tatsächlichen Nöten anknüpft ohne sich rassistischen und antidemokratischen Ideologien anzubiedern. Aber solange sich besonders die akademische Linke in identitätspolitischen Genderdiskursen u.ä. in ihren soziokulturellen Freiräumen verschanze, bleibe die Distanz zur bestenfalls als zu bekehrenden „revolutionäres Subjekt“ idealisierten Unterschicht unüberbrückbar.

Es ist ein spannendes, absolut lesenswertes Buch, das vor allem mit seiner Mischung aus individuellen Erlebnissen und fundierter Analyse besticht. Für mache Leser wird es – sofern sie sich darauf einlassen – ein Blick in den Spiegel sein. Für andere ein Einblick in eine fremde Welt Stoff für Diskussionen bietet es allemal.

 

 

Christian Baron

Proleten, Pöbel, Parasiten – Warum die Linken die Arbeiter verachten

Eulenspiegel Verlag, Oktober 2016

288 Seiten, 12,99 €

ISBN 978-3-360-01311-8

 

Nolympia bei ARD und ZDF. Gut so!

ARD und ZDF werden nicht live von den Olympischen Spielen 2018 bis 2024 berichten. Und das ist gut so, denn warum sollten sie auch. Bei 100 Millionen Euro sind die öffentlich-rechtlichen Sender aus dem Rechtepoker ausgestiegen, und schon diese Summe wäre skandalös.

Olympia ist kein „Sportfest der Völker“, sondern eine Gelddruck- und PR-Maschine für große Konzerne, korrupte Funktionäre , schräge Despoten und glamoursüchtige Politiker. Die Spitzenathleten werden nicht nur in Deutschland mit horrenden öffentlichen Mitteln als moderne Gladiatoren ausgehalten. Der „Kampf gegen Doping“ ist pure Heuchelei und ohnehin längst verloren.

Natürlich sollte man diesen Zirkus nicht verbieten, aber doch bitte komplett der „freien Marktwirtschaft“ überlassen, inklusive Freigabe von Doping. Die dadurch frei werdenden Steuergelder wären im Schul- und Breitensport bestens aufgehoben, und für die eingesparten 100 Millionen Euro lassen sich auch bei ARD und ZDF sicherlich eine sinnvolle Verwendung finden.

c: Axel Scherm

Die Übertragungsrechte gehören dem US-Medienkonzern Discovery. Für Olympia-Junkies wird es eine limitierte Live-Berichterstattung bei deren deutscher Free-TV-Tochter Eurosport geben, wer mehr will, muss bezahlen.

Ich bin gespannt, ob sich irgendjemand darüber aufregt, vermute es aber, wenn ich die aktuelle Debatte über den neuen Sendestandards DVB-T 2 verfolge. Dieses wird Ende März den alten DVB-T-Standard ablösen, aber als terrestrisches Netz weiterhin allen Nutzern kostenfrei zur Verfügung stehen. Private Anbieter wie RTL und SAT1 ziehen nicht mit, und wollen ihre Angebote künftig kostenpflichtig machen. Auch das ist in vollkommen in Ordnung, denn das öffentlich-rechtliche TV, das ja nicht nur ARD und ZDF sondern auch die 3. Programme, eigene Nachrichtenkanäle und Sender wie ARTE und 3SAT umfasst, sorgt für ein umfassendes, gebührenfinanziertes Angebot. Also alles in bester Ordnung.

Wein trinken mit Donald Trump

„Ey Alter, hier kannste für’n Zehna soviel Wein trinken wiede willst“, blökt der begeisterte Besucher in sein Smartphone Auch die „Generation Flatrate“ hat die „Lange Nacht des Weines“, die am Mittwoch zum 9.Mal in der halbgentrifizierten Moabiter Markthalle veranstaltet wurde, für sich entdeckt. Während im vorderen Teil der Halle noch von weniger genussorientierten Moabitern Junkfood aus dem Discounter getragen wird, harrten im hinteren Teil bereits 17 Stände von Winzern und Vertreibern den Besuchern.

Wer nicht Flatratesaufen im Sinne hatte, kam trotzdem auf seine Kosten, wenn auch nur bedingt. Der Crémant-Sekt eines Pfälzer Produzenten weckte den spontanen Wunsch nach Benachrichtigung der Lebensmittelkontrolle oder wenigstens der Geshmackspolizei. Doch prompt wurde man mit einem fülligen, kernigen Pinot-Sekt vom „Y-Sommelier“ versöhnt, der auch noch einen richtig guten mineralischen Rheingau-Riesling zu bieten hatte. Und kaum hatte man die Enttäuschung über einen eher mageren ungarischen Erzeuger verdaut, wird einem beim Weingut Felix Waldkirch (Pfalz) exzellenter  „altmodischer“ süßer Wein ohne Botrytis serviert, der noch dazu zu ziemlich albernen Preisen angeboten wird.

Es war immerhin der Tag der Wahl des durchgeknallten Sexisten und Rassisten Donald Trump zum Präsidenten der USA . Aber das haben eventorientierte Besucher halb- oder komplett gentrifizierter Locations und Kieze wohl schon abgehakt, denn die Show geht natürlich weiter.

Bei Felix Waldkirch gibts so richtig “umoderne” Süßweine. Vor allem der Gewürztraminer ist ein Hit.

Das Schönste an einer Weinprobe ist bekanntlich das Bier danach. Das habe ich in der „Oldenburger Klause“ zu mir genommen, einem einerseits unspektakulären, aber andererseits genau deswegen fast schon wieder filmreifen Kiez-Etablissement. Ich bin zwar kein Soziologe, aber meine empirischen Betrachtungen zur Korrelation zwischen Bierpreisen und der Haltung einiger Gäste zu einigen politischen Fragen bewegt sich durchaus in diesem Forschungsgebiet. Hier kostet das große Bier (0,4l) zwei Euro, ein auch für Hartz-IV-Bezieher einigermaßen sozialverträglicher Preis. Hier bekommt man mitunter merkwürdige Dinge zu hören, besonders über Flüchtlinge. Ich höre gerne zu und mische mich mitunter auch ein. Einige Stammgäste wissen, dass ich ein eher linker Journalist und Buchautor bin und scheinen das irgendwie zu akzeptieren. Das ist keine große Sache, aber vielleicht ein klitzekleines Mosaikteilchen von dem, was für „uns“ eigentlich ansteht. Aber welcher Linke gibt sich schon mit manchmal auch angetrunkenen „Prolls“ in eine Raucherkneipe ab.

Auf der wie üblich ausverkauften Weinsause um die Ecke war mit ziemlicher Sicherheit kein AfD-Wähler und kein Trump-Sympathisant. Es gibt hier auf engstem Raum Parallelwelten, jedenfalls so lange, bis die ärmeren Bewohner des angesagten Kiezes noch nicht komplett durch explodierende Mieten vertrieben sind. Doch viele Betroffene schimpfen lieber auf Flüchtlinge, anstatt sich zu wehren. Da gilt es, ziemlich dicke Bretter zu bohren, statt alles außerhalb seiner eigenen Lebenswelt als „Rassisten“, „Faschisten“ oder ähnliches zu titulieren. Und dieselben Leute, die sich empört gegen diesen „Pack“ wenden, wollen ihren Kiez „verteidigen“, indem sie gegen Verdichtung durch Wohnungsneubau zu Felde ziehen.

Ich bin froh, dass ich mich in beiden Welten bewege. Und so freue ich mich auch darauf, einige der in der Markthalle präsentierten Wein in Ruhe nachzuverkosten. Denn Genuss ist bekanntlich Notwehr.