Likörkrieg im Hirschrevier

Der Spirituosenmarkt ist hart umkämpft. Die großen Platzhirsche versuchen ihr Revier zu verteidigen, vor allem gegen Newcomer, die mit neuen Ideen und Produkten auf den Markt drängen. Derzeit tobt ein heftiger Streit unter Produzenten von Kräuterlikören, bei dem Hirsche eine gewichtige Rolle spielen. Es geht um Plagiatsvorwürfe, die sowohl Rezeptur und Geschmack der Liköre als auch die Aufmachung der Flaschen betreffen. Dabei verstrickt sich einer der Beteiligten, der Bonner Unternehmer Dirk Verpoorten, in erhebliche Widersprüche.

Dirk Verpootens “HirschRudel”: Ein Mann, ein Likör, ein Koffer und viele offene Fragen:

Nun ist Dirk Verpoorten kein kleiner Spirituosenhersteller, sondern Sproß der gleichnamigen Likördynastie und gehört nach wie vor zu den Gesellschaftern des gleichnamigen Unternehmens. Außerdem gründete er 2007 die Firma “Seven-Spirits”, die sich auf den Import bzw. die Vertriebsrechte meist hochpreisiger deutscher und internationaler Spirituosen spezialisiert hat. Dazu kommt die Produktlinie “DV7″, in Frankreich hergestellter alkoholfreier Sirup für Mixgetränke. Exklusiver Vertriebspartner ist die „WeinWolf“-Gruppe, einer der Marktführer in diesem Segment. 2014 führte er den Kräuterlikör „HirschRudel“ als Eigenmarke ins Sortiment ein. Dieser soll laut PR-Texten auf dem Rezept seiner 1968 verstorbenen Großmutter basieren, das zufällig in einem alten Koffer entdeckt wurde. Zur Legende gehört ferner, dass der Likör handwerklich in limitierten Kleinmengen produziert wird. Allerdings wurde der „HirschRudel“ offenbar von Anfang an in einem industriellen Großbetrieb in Niedersachsen verarbeitet und abgefüllt, der Condor GmbH mit Sitz in Sandkrug.

Doch davon will Verpoorten nichts wissen. Sowohl gegenüber dem Berliner Tagespiegel als auch gegenüber spiegel online bestritt Verpoorten Ende März und Anfang April 2016 kategorisch, dass sein Likör jemals bei Condor abgefüllt worden sei. Entsprechende Angaben im Internet seien falsch, und er habe auch “keine Ahnung” wie die dort hingelangt seien.

Der Abfüller soll geheim bleiben

Da sagt er schlicht die Unwahrheit. Im Juni 2015 war ich mit ihm in seinem Bonner Büro verabredet, um der Geschichte vom „authentischen Kräuterlikör“ nachzugehen und möglicherweise einen Artikel darüber für ein Genussmagazin zu schreiben. Vor allem die Sache mir „Condor“ schmeckte Verpoorten bei dem Gespräch (dass ich mit seinem Einverständnis aufgezeichnet habe) überhaupt nicht. Zwar räumte er unumwunden ein, dass „HirschRudel“ dort produziert wird und zeigte mir sogar Bilder von der Abfüllung und Etikettierung auf seinem Tablet. Das sei aber nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Da müsse man in der Außendarstellung wohl noch ein Loch stopfen. In der Tat, denn das Image des „handwerklich“ hergestellten Likörs verträgt sich schwerlich mit einem industriellen Großproduzenten und -abfüller.

Auch ansonsten erwies sich die Produktlegende als wenig verifizierbar. Der Überseekoffer, in dem sich das Poesiealbum der Großmutter mit den Kräutern und Rezepturen befunden haben soll, wird gerne gezeigt, das Album selbst aber nicht (auch nicht als Faksimile). Zur Produktionsmenge werden keine Angaben gemacht. Zwar sind die Flaschen durchnummeriert und es gibt eine „Fassnummer“, aber das bezieht sich nur auf die jeweilige Produktionscharge, die laut Verpoorten jeweils 2- 3 Fässer und insgesamt 3000 Flaschen umfasst. Doch wie viele Chargen hergestellt wurden, wird nicht mitgeteilt. Es tauchten ferner Widersprüche beim Zeitablauf zwischen der „Entdeckung“ des Rezepts bis zur Markteinführung auf. So hieß es auf der Internetseite seiner Firma: “Er beschließt im Jahr 2014, den Likör nach dem Originalrezept (…) wieder ins Leben zu rufen”, doch die Markenanmeldung erfolgte bereits 2012. Im Gespräch datierte Verpoorten den Fund des Koffers mit besagter Rezeptur auf „2012 oder 2013“

Für mich war die Sache damit eigentlich erledigt, denn ich schreibe keine Geschichten auf der Basis von PR-Legenden. Doch wie der Zufall manchmal spielt, erfuhr ein Verwandter einer bayrischen Likörproduzentin über drei Ecken davon, dass ich mich für „HirschRudel“ interessiert habe und bei Dirk Verpoorten war. Auch mit ihm traf ich mich – und hörte eine ganz andere Geschichte.

Alles nur geklaut?

Petra Waldherr-Merk und ihre Familie stellen seit mehr als zehn Jahren – also deutlich vor der Markteinführung von Verpoortens Produkt – ebenfalls einen Kräuterlikör her, den „Hirschkuss“. Auch er basiert auf einem Familienrezept, in diesem Fall war es die Überlieferung der Großtante. Anders als Verpoorten zeigt Waldherr-Merk auch die alten Aufzeichnungen. Sie geht davon aus, dass Verpoorten ihr -recht erfolgreiches – Produkt kopiert hat, sowohl die Story, als auch die Inhaltsstoffe und den Geschmack betreffend. Sensorisch sind in der Tat erstaunliche Parallelen festzustellen. Eines der führenden Institute für Spirituosenanalyse kam zu dem Ergebnis, dass die Aromenprofile der beiden Liköre „nahezu identisch“ sind. Zudem hätte HirschRudel genau wie Hirschkuss eine deutliche “Rumnote, die für Kräuterliköre als Besonderheit zu werten ist”. Zufall?

Waldherr-Merk hat inzwischen beim Patentamt die Löschung der Marke „HirschRudel“ beantragt. Doch dem Bonner Spirituosenmogul droht noch weiteres Ungemach. Denn auch der Branchenriese „Jägermeister“ hat den Klageweg eingeschlagen um Markenschutzrechte durchzusetzen. Moniert wird, dass “HirschRudel” die Hubertushirsch-Bildmarke verletzt. Am 11. Dezember 2015 entschied das Landgericht Hamburg, dass „HirschRudel“ nicht mehr in Verkehr gebracht werden darf und dem Kläger – also Jägermeister – zudem ein Schadensersatzanspruch für alle bislang bereits vertriebenen Flaschen zusteht. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig.

Das alles wäre eigentlich nicht meine Baustelle, zumal schon etliche Medien über den „Likörkrieg“ berichtet haben. Auch dass Verpoorten den Plagiatsvorwurf von Waldherr-Merk vehement als „abwegig“ zurückweist und der Likörproduzentin mit Klage droht, gehört halt zum üblichen Procedere. Zudem sehe ich mich außerstande, die Justiziabilität der Vorwürfe ausreichend fundiert beurteilen zu können, dafür gibt es schließlich Gerichte. Ich kann es aber nicht besonders gut leiden, wenn ein bekannter, erfolgreicher Unternehmer öffentlich und dreist die Unwahrheit sagt. Vor allem kann ich es nicht leiden, wenn Verbraucher in Bezug auf die Herstellung von Produkten hinters Licht geführt werden sollen.

 

Aus dem Leben eines temporären Silvaner-Trinkers

Es soll ja Menschen geben, die Weinpublizisten beneiden. Immer nette Reisen und jede Menge Stoff für lau oder so. Da ist zweifellos ein bisschen was dran. Aber den Stressfaktor – ich meine nicht den für die Leber – sieht niemand.

Derzeit habe ich mir, wie bereits in den vergangenen Jahren, die Aufgabe gestellt, den „Spargelkönig“ zu küren, also jenen Wein, der in diesem Jahr am besten zu Spargel passt. Da dies in seiner ganzen Bandbreite eine schier unlösbare Aufgabe wäre, habe ich immerhin bei der Anfrage für Proben ziemlich enge Grenzen gezogen: Franken, Jahrgang 2015, Silvaner, trocken, maximal 12,5 Vol.% Alkohol. Ich weiß um die relative Beschränkheit dieser Testanordnung, habe dafür aber gute Gründe. Zunächst einmal ist trockener fränkischer Silvaner eine Bank für Spargel. Jedenfalls dann, wenn er mineralisch, ein bisschen erdig und mit nicht allzu überbordender Frucht daherkommt. Auch die Alkoholschranke macht Sinn: Schwere Weine machen einfach zu satt und können den zarten, edelbitteren Geschmack der edlen Stangen schnell erschlagen. Vor allem, wenn es um „Spargel nature“ geht, also ohne Soße oder Beilagen wie Schinken, Schnitzel, Bratwürste oder Lachs, sondern nur mit guten Kartoffeln und zerlassener Butter zubereitet. Denn nur das bringt den Spargel als geschmacklichen Solitär zur angemessenen Blüte.

2015 war ein Jahrgang, der auch in Franken hohe Mostgewichte und entsprechend alkoholreiche Weine begünstigte. Diverse Güter sagten mir deshalb ab: sie haben schlicht nichts unter 13 Vol.%. Andere haben noch nicht abgefüllt und konnten noch nicht einmal mit Fassproben dienen. Das ist sicherlich schade, aber die Zeit drängt; schließlich soll mein „Spargelkönig nicht erst gekürt werden, wenn die Saison fast vorbei ist, also Ende Juni.

Das Mahnmal des unbekannten Bocksbeutels

Dennoch sind 42 Weine eingetroffen, einige werden noch kommen. Da mag manch Profi milde lächeln, 42 oder auch 50 Weine haut man in einer Verkostung doch locker in ein paar Stunden weg, bewertet sie mit Punkten – und schwupps hat man den Spargelkönig. Ich will es aber anders machen. Es geht nur um die Frage, wie gut die Weine zu Spargel passen. Das wird konkret getestet: Immer 5-6 Weine, ein paar Stangen Spargel, Butter, Kartoffeln und einen oder zwei oder gar keinen für das Finale nominieren. Und zwar nicht mit Sommeliers, Weinhändlern oder sonstigen Koryphäen, sondern mit ausgewählten genuss- und weinaffinen Konsumenten aus meinem Bekanntenkreis, die schlicht sagen: Der passt (oder eben auch nicht). Das mag nicht den gängigen Gepflogenheiten der Weinpublizistik entsprechen, realitätstauglicher ist es aber allemal.

Das ist Arbeit, wenn auch mit einem gewissen Genuss- und Spaßfaktor. Und es ist spannend. Es gibt flaches Zeugs, dass irgendwie aufgeblasen wurde, es gibt „moderne“ Silvaner mir zu viel Restzucker für diesen Verwendungszweck, es gibt welche mit unangenehm zitroniger Säure oder merkwürdigen Fehltönen. Aber es gibt auch etliche potenzielle „Spargelkönige“. Wahrscheinlich mehr als 5-6, sodass ich mir bei den Verkostungen entsprechend präzise Notizen machen muss. Und es gibt Weine die richtig gut sind – aber eben nicht die optimalen Partner für Spargel nature.

Warum ich das mache? Zum einen, weil Weinpublizistik Teil meiner Erwerbstätigkeit als freier Journalist und Buchautor ist. Zum anderen, weil es Spaß macht, Lesern ein paar nützliche Tipps auf dem Weg zu guten Genusserlebnissen zu geben. Bald ist es vorbei, der „Spargelkönig“ wird noch im April gekürt. Danach werde ich privat natürlich weiterhin Silvaner zu Spargel trinken.

Gibt es nichts Wichtigeres? Aber sicher! Doch zu Böhmermann haben alle schon alles gesagt, und zur Forderung der AfD nach einem „Islamverbot“ werde ich mich in Kürze äußern. Jetzt erstmal Silvaner.

Ein Frühburgunder für Schalke

Ich weiß nicht welcher Teufel einen fb-Freund geritten hat, mein Wettangebot zum Ausgang des Spiels Schalke gegen Mönchenkackbach anzunehmen. Denn natürlich stand vollkommen außer Zweifel, dass die glorreichen Schalker die „Fohlen“ aus der Arena schießen werden. So geschah es dann ja auch.

Es gibt viele Möglichkeiten zu einer guten Flasche Wein zu kommen. Eine Wette auf einen Schalke-Sieg gehört wohl zu den Ausgefalleneren.

Jedenfalls brachte mir das eine Flasche Wein ein, und zwar eine recht interessante. Denn das Weingut Kreuzberg in Dernau im wunderschönen Ahrtal gehört nicht nur zu den führenden Spätburgunder-Produzenten der Region, sondern widmet sich auch mit Hingabe der zickigen, kleinen Schwester dieser Sorte, dem Frühburgunder. Und ein solcher war mein Wettgewinn, Den ich in erster Linie dem Schalker Torwart Ralf Fährmann zu verdanken habe, aber das nur nebenbei.

Der „Frühburgunder C 2013“, der anders als die Lagenweine und Großen Gewächse des VDP-Guts nicht im Barrique sondern im großen, alten Holzfass ausgebaut wird – was mir in der Regel sehr zupass kommt, da sich diese Weine oftmals besser als Speisebegleiter eignen, zumal wenn sie noch relativ jung sind.. Auch meine dezente Abneigung gegen die meisten 14-15 %igen Alkohol- und Extraktbomben ist hier und da bereits bekannt.

Der Wein wanderte jedenfalls ins Regel – seine letzte Ruhestätte vor dem Osterfest, bei dem natürlich Lammkeule mit Grünen Bohnen und Rosmarinkartoffeln (Sorte: La Ratte) angepeilt war. Ich nerve jetzt aber niemanden mit Rezepten, nur soviel: Marinieren, anbraten, Niedrigtemperatur – That’s it!

Was soll ich sagen – der Wein ist irgendwie wie Schalke. Gradlinig, klar und präsent, aber dennoch komplex. In der Nase vor allem schwarze und rote Beeren und ein wenig nasse Erde und altes Holz. Im Mund dann ganz viel Saft, feine Säure, merkliche, noch etwas rauhe Tannine sowie deutliche Kräuternuancen. Die dezente Restsüße wurde mittels eines sehr überraschenden Walderdbeeraromas transportiert, Was alles natürlich zur Lammkeule ähnlich perfekt passt, wie Schalke zum Ruhrpott.

Beim Weingut selbst ist er nicht mehr gelistet, bei einigen Internetanbietern ist er für knapp 30 Euro noch erhältlich. Für einen VDP – „Gutswein“ sicherlich eine recht offensiv anmutende Preisgestaltung. Aber für’s Geld gibt’s ziemlich großen Trinkspaß.

 

Fußball spielen mit dem IS

So allmählich bereiten sich Europas wichtigste Fußball-Nationalteams auf die EM in Frankreich vor, die am 10.Juni beginnen und nach insgesamt 51 Spielen am 10.Juli mit dem Finale enden soll. Außer Holland haben haben sich alle üblichen Verdächtigen für das Turnier qualifiziert. Die sportlich sinnlose, aber für die UEFA-Mafia gewinnträchtige Aufblähung des Teilnehmerfeldes von 16 auf 24 Mannschaften – Werk des mittlerweile wegen Korruptionsvorwürfen abgesägten Michel Platini – hat zudem dafür gesorgt, dass auch Exoten wie Island und Albanien ihre EM-Premiere feiern dürfen.

Nicht direkt qualifiziert hat sich die Mannschaft des Islamischen Staates (IS). Sie tritt sozusagen außer Konkurrenz an und könnte dennoch bei dieser Meisterschaft eine im wahrsten Sinne des Wortes durchschlagende Rolle spielen. In geheimen Trainingslagern läuft sich das IS-Team bereits warm, um der EM ihren Stempel aufzudrücken. Mit Frankreich haben die Spieler bereits einige Erfahrungen gesammelt, auch die EM-Teilnehmer Belgien und Türkei sind ihnen bestens vertraut. Und in der Vorbereitungsphase gibt es noch einige Gelegenheiten auch beim Turnierfavoriten Deutschland seine Visitenkarte abzuliefern.

Ein erster Testlauf beim Länderspiel der Deutschen gegen Holland am 16.November 2015 in Hannover musste aus logistischen Gründen abgesagt werden. Doch am Sonnabend im Berliner Olympiastadion oder am Dienstag in der Münchener Allianz-Arena ist ein Gastauftritt der IS-Truppe nicht auszuschließen. Das würde vor allem die mediale Beachtung dieser beiden eigentlich vollkommen unwichtigen Freundschaftsspiele Deutschlands gegen England und Italien erhöhen. Schließlich sind 3-4 elegante Selbstmordattentate nebst einigen gut platzierten Sprengsätzen allemal interessanter als das öde Gekicke der deutschen Profis in ihren Osterferien.

Vielleicht verzichtet der IS als Geheimfavourit der EM aber auch auf die Testspiele, um seine Karten für das große Turnier in Frankreich noch nicht auf den Tisch zu legen. Dort hat er immerhin zehn Stadien in neun verschiedenen Städten zur Auswahl, wobei einiges dafür spricht, dass sich die IS-Truppe eingedenk der dort bereits erzielten Erfolge in Paris präsentieren wird. Doch selbst wenn der IS seine direkte Teilnahme an der EM absagen sollte, steht er schon jetzt als „Meister der Herzen“ fest, jedenfalls der Hardcore-wahabitisch/salafistischen Herzen. Denn während des Turniers wird keine Stunde vergehen, in der nicht die Sicherheitsvorkehrungen für die Teilnehmer und Gäste der EM bzw. die Bewohner halb Frankreichs im Fokus der Weltöffentlichkeit stehen.

Und so bekommt dann der Spruch vom Fußball als „schönster Nebensache der Welt“ eine ganz neue Bedeutung.

 

 

Joachim Kühn: „Spielen bis zum Umfallen“

Dieser Text erschien am 21.März im „Neuen Deutschland“ und ist im Internet nur für Abonnenten einsehbar

Joachim Kühn muss niemandem mehr etwas beweisen. 1966 verließ der damals 22jährige Ausnahmepianist die DDR, die ihm musikalisch und lebenskulturell zu eng geworden war. Bald wurde er zu einer festen Größe im europäischen Jazz, spielte in unzähligen Formationen und war begehrter Gast auf den großen Festivals auch in den USA, wo sein Bruder lebt, der Klarinettist Rolf Kühn. Später zog er nach Paris und gründete mit dem Bassisten Jean-Francois Jenny-Clark und dem Schlagzeuger Daniel Humair ein besonders für das freie Spiel bahnbrechendes Trio.

© ACT Music

Doch Kühn ist keiner für die Schubladen. Zum Selbstzweck degenerierter Free-Jazz ist ihm ebenso suspekt wie die Anbiederung an irgendwelche Trends. Groove und Spirit sind seine Essenzen, das Ausloten neuer harmonischer Räume jenseits von Dur und Moll seine Mission. Und die führt ihn in immer neue Gefilde; Mal nach Leipzig, wo er mit den Thomanern über Bach-Motetten improvisierte, mal in die nordafrikanische Wüste, wo er mit Berber-Musikern jammte und daraus später ein Projekt für eine Big Band formte, um nur einige Beispiele zu nennen.

Seit einiger Zeit lebt Kühn in einer recht abgeschiedenen Finca auf Ibiza und wird immer weiter spielen, „bis zum Umfallen“, wie er im Gespräch betont. Ideen für neue Projekte suche er nicht, denn das sei Zeitverschwendung. „Ich laufe am Strand lang, und die Ideen kommen zu mir. Das ist meine Inspiration; sobald die Füße mit dem Wasser in Berührung kommen, dann klingelt’s da oben. Wie in Trance.“

Offenbar hat es wieder mal geklingelt. Kühn hat in seiner umfangreichen Tonträgersammlung ein paar Perlen gefunden, deren „Spirit“ ihn zu eigenen Interpretionen animierte. Aus in der Urfassung der „Doors“ apokalytisch anmutenden Stücken wie „The End“ und „Riders on the Storm“ formt er elegisch-fröhliche Miniaturen, aus „Sleep on it“ von „High Stand Patrol“ wird ein angedeuteter Reggae-Groove mit bluesigen Improviationen, und selbst dem seit Jahrzehnten totgespielten Evergreen „Summertime“ von George Gershwin entlockt er ein wahres Füllhorn überraschender harmonischer Facetten. Auch Weggefährten vergangener Jahrzehnte wie dem polnischen Jazzvisionör und Filmmusikkomponisten Krzysztof Komeda wird respektvoll, aber auch voller Selbstbewusstsein Referenz erwiesen. Dazu kommen kleine, sprühende Miniaturen aus eigener Feder wie das swingende „Because of Mouloud“ oder die Ballade „Intim“. Und als Schlusspunkt schließlich der von Gil Evans komponierte „Blues for Pablo (Picasso)“, ein Stück, das eigentlich nur auf fünf Tönen basiert, aber, so Kühn, „ einen ganzen musikalischen Kosmus eröffnet“, den er in knapp neun Minuten in einem wilden pianistischen Parforceritt durchschreitet.

Es ist der leichtfüßigste, fröhlichste, groovigste und rockigste Kühn seit vielen Jahren. Mit Chris Jennings (bass) und Eric Schaefer (drums) hat er zudem kongeniale Partner gefunden. Schäfer , seit Jahren auch im Trio des neuen deutschen Jazz-Superstars Michael Wollny tätig, wechselt bruchlos zwischen harten Beats und vertrackter Polyrhythmik und schließt mitunter mitten im Stück mit einer ganz kleinen Akzentverschiebung auf der Snare-Drum eine neue musikalische Tür auf. Jennings steht dem in nichts nach und bewegt sich auf dem Kontrabass traumwandlerisch stilsicher zwischen fast peitschenden Grundtönen und singenden harmonischen Erweiterungen; alles immer genau auf den Punkt.

Mit „Beauty&Truth“ präsentiert Kühn jedenfalls eine CD mit hochenergetischer Gute-Laune-Musik. Ist das Jazz oder manchmal auch Rock? Oder vielleicht Jazzrock? Solch überflüssige Fragen stellt sich der mittlerweile 72jährige schon lange nicht mehr. Denn alles ist eigentlich ganz einfach: „Es gibt Musik, die hat Groove und Spirit und es gibt welche, die das nicht hat. Mit irgendwelchen Einordnungen kann ich nichts anfangen“.

Möge Joachim Kühn noch oft an seinem Strand entlang laufen, um dort neue Inspirationen zu finden, die er dann mit anderen Musikern und seinen Hörern teilen kann. Bis zum umfallen.

Joachim Kühn New Trio

„Beauty&Trust“

erschienen bei ACT-Music, März 2016

 

 

War da was am Sonntag? Ja, die ProWein.

Als am Sonntag um ca 17,45 Uhr Millionen Deutsche mehr oder weniger fiebrig auf die ersten Prognosen zu den Landtagswahlen warteten, stieß ich auf der Düsseldorfer ProWein-Messe ganz entspannt mit der fränkischen Weinkönigin an (mit einem feinherben Traminer). Als so gegen 20,30 die politische Klasse in allen TV-Sendern ihre Sorgenfalten zur Schau stellte, verspeiste ich im „El Pescadore“ in entspannter Runde Muscheln, ein paar Garnelen und gebratenen Fisch. Und auch am Morgen danach galt mein Interesse eher dem gebietsypischen Zweigelt aus dem Carnumtum-Gebiet und den edelsüßen Weinen von Heidi Schröck, als dem Gejammer über „politische Erdrutsche“ und schwierige Regierungsbildungen. Und als am Montagabend das Talkshow- und Interview-Gewitter prasselte, nutzte ich den ICE von Düsseldorf nach Berlin als temporäre Schlafstätte.

Entspannte Einstimmung auf die Wahlergebnisse mit der fränkischen Weinkönigin Kristin Langmann

Hab ich was verpasst? Wohl kaum. Die AfD hat die zu erwartenden Ergebnisse erzielt (das gilt für mich auch für Sachsen-Anhalt), parallel dazu gab es regional unterschiedliche Einbrüche der „Altparteien“. Rechtspopulismus, Rassismus und allgemeine Unzufriedenheit haben eine starke Plattform gefunden, das zeigt auch die erhebliche Mobilisierung bisheriger Nichtwähler. Ja, es gibt die Gefahr des rasanten Vormarschs einer antimodernen, antidemokratischen und in großen Teilen rassistischem Bewegung. Es gibt ferner die begründete Hoffnung, dass der enorm hohe Anteil von Hohlbirnen und Glücksrittern unter den Neuparlamentariern der AfD relativ schnell zur Selbstdemontage dieser Partei führt, was allerdings nicht das Ende der o.g Bewegung bedeuten würde.

Dem muss dringend etwas entgegengesetzt werden. Und zwar kein „Schulterschluss der Demokraten“ nach üblichem Muster, sondern ein Politikwechsel, der einen Bruch mit der neoliberalen Verarmungs- und Ausgrenzungspolitik bedeutet und die soziale Infrastruktur in den Mittelpunkt stellt, von der frühkindlichen Bildung über die Wohnungsversorgung bis hin zur Vermeidung von Altersarmut immer größerer Teile der Bevölkerung. Es braucht mehr Verteilungs- und Teilhabegerechtigkeit, statt Austerität und „schwarzen Nullen“. Und es braucht unmissverständlich klare Kante gegen Rassismus. Wenn dies auf den Weg kommt, dann hätte dieser Wahlsonntag durchaus etwas etwas Positives gehabt. Wenn nicht, dann könnte es allerdings ziemlich finster werden.

Ich werde heute keine Zeitungen lesen, sondern meine Unterlagen und Notizen von der ProWein sortieren um entsprechende Veröffentlichungen vorzubereiten. Bald beginnt die Spargelsaison, daher werde mich mich wieder intensiv um leichte, trockene Silvaner bemühen, aber auch um Rotweine mit „kühler“ Stilistik (natürlich nicht zum Spargel). Mehr oder weniger tiefschürfende Hervorbringungen zu den „Schockwahlen“ wird es in den nächsten Tagen schließlich genug geben.

 

 

 

 

 

 

Jazz goes Folkrock – warum nicht

Im Dezember 2012 wurde die Veranstaltungsreihe „Jazz at Berlin Philharmonic“ aus der Taufe gehoben und hat sich seitdem einen festen Platz in der Konzertlandschaft erobert. Das ist nicht zuletzt das Verdienst des Kurators Siggi Loch, der auch als Impressario des Jazzlabels ACT seit mehr als zwei Jahrzehnten beweist, wie spannend und lebendig dieses Genre ist. Die alte, fruchtlose Debatte über afro-amerikanische und andere Jazz-Reinheitsgebote wird bei ACT und im Umfeld des Labels jedenfalls zu Recht NICHT geführt, denn Jazz ist schlicht Spirit und Groove.

Nichts für Jazzpuristen, aber es war ein fröhliches Spektakel am Dienstag in der Philharmonie.
© ACT

Beides hatten die sieben Musiker, die am Dienstag im Kammermusiksaal der Philharmonie ihre „Celtic Roots“ zelebrierten, jedenfalls reichlich. Obwohl Kurator Loch bei diesem Projekt hart an die Genregrenze oder vielleicht auch darüber hinaus gegangen ist. Geboten wurden in erster Linie behutsame Arrangements traditioneller Stücke aus der irischen, schottischen und skandinavischen Folk-Tradition, dazu noch einige Songs aus der New Yorker „Urban Blues“ – Abteilung. Das ließ relativ wenig Spielraum für Improvisationen, zumal das Korsett einfacher pentatonischer Skalen als Bindeglied zwischen nordisch-neokeltischer Folkmusic und Blues selten gesprengt wurde.

Dennoch hatte die siebenköpfige „Celtic Roots“-Formation, die erst vor wenigen Tagen erstmals gemeinsam probte, jede Menge Schmankerl zu bieten. Der schottische Multiinstrumentalist Fraser Fifield brannte mit seiner Smallpipe (eine Art Dudelsack ohne Mundblasebalg) diverse Feuerwerke ab, Bandleader Knut Reiersrud (Gitarre), Ale Möller (Mandola u.a.) sowie Percussionist und Bassist Olle Linder sorgten für entsprechenden Dampf in der Folkrock-Hütte. Dazu noch knackige Fiedeln und Flöten, mal ein Saxophon und eine Trompete und vor allem die wunderbar klare und gradlinige Altstimme der norwegischen Sängerin Tuva Syvertsen sowie die Blueseinlagen von Eric Bibb – das ging ab und manchmal unter die Haut!

Für Neofolk- und Folkrockfreunde sicherlich ein ungetrübtes Vergnügen voller Déja-Vu-Erlebnisse. Denn man denkt unwillkürlich an Formationen wie Bothy Band, Planxty, Boys of the Lough, De Dannan, Tannahill Weavers oder die Moving Hearts. Für die klassische „Jazz-Cummunity“ aber wohl eher nicht der Stoff, den sie erwartet hatte. Auf alle Fälle aber ein singuläres Live-Erbenis, denn das Konzept der Reihe „Jazz at Berlin Philharmonic“ beinhaltet, die jeweilige Idee mit einer einmaligen Workhop-Formation umzusetzen, deren Mitspieler anschließend wieder in alle Winde zerstieben. Das Konzert wurde aufgezeichnet. Ob es mal als CD veröffentlicht oder im Rundfunk ausgestrahlt wird, ist derzeit noch offen.

 Eine Schlussbemerkung sei erlaubt. Vor gut zwei Wochen gab es in der Kölner Philharmonie ein Konzert, bei dem der iranische Solist zunächst angepöbelt wurde, als er ein Stück auf Englisch anmoderierte. Wenig später erzwangen einige Zuschauer den Abbruch eines Werkes von Steve Reich durch lauten Johlen, Klatschen und Pfeifen (s. Artikel bei cicero). Auch Bandleader Knut Reiersrud moderierte auf Englisch und einige Stücke werden wohl nicht allen gefallen haben. Aber niemand randalierte und pöbelte. Schlimm, dass man das heutzutage erwähnenswert findet.

Hessen-Wahl: Kein Grund zur Panik, aber….

Nein, die Ergebnisse der hessischen Kommunalwahlen haben mich weder überrascht, noch schockiert. Es war erwartbar und der Trend wird sich zunächst fortsetzen, bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt könnten es über 20 Prozent werden, in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz auf alle Fälle über zehn Prozent.

Unabhängig vom „braunen Osten“ gab und gibt es auch in der Bundesrepublik einen rassistischen bis faschistischen Bodensatz in der Gesellschaft. Der tritt mal lauter, mal leiser in Erscheinung und angesichts der so genannten Flüchtlingskrise mal wieder besonders laut. Mit der AfD hat diese Geisteshaltung eine erfolgreiche Plattform gefunden, die durch die aktuelle Flüchtlingspolitik enorm an Schwung gewonnen hat. Dazu kommt ein nur allzu berechtigtes tiefes Misstrauen gegen die „etablierten Parteien“.

In meinem Bekannten- oder gar Freundeskreis gibt es keine AfD-Unterstützer. Doch es ist davon auszugehen, dass ich tagtäglich welchen begegne. Doch wir suhlen uns in unserer moralischen Überlegenheit und unserer Intellektualität und haben uns in unseren weltanschaulichen und soziokulturullen Nischen wohlig eingerichtet. Gerade in Berlin hat man in den beliebten Altstadtkiezen wenig mit dem AfD- und Neonazi-Millieu zu tun, Hellersdorf und Marzahn besucht man schließlich nur im äußersten Notfall.

Doch „wir“ – und damit meine ich ein ziemlich großen Spektrum von mehr oder weniger radikal links, „grün-alternativ“ oder aufrecht sozialdemokratisch eingestellten Menschen bis hin zu humanistisch gesinnten Flüchtlingshelfern – haben den Abgehängten, Frustrierten, Ängstlichen und Ohnmächtigen außer Allgemeinplätzen wenig bis nichts anzubieten. Wir reden lieber über sie als mit ihnen.

Sicherlich: Es gibt einen harten Kern gefestigter völkischer Rassisten und Neonazis, vom intellektuellen bis zum praktizierenden Brandstifter. Und es gibt – nicht nur aber besonders – in einigen Städten und Gemeinden im Osten entsprechend gefestigte soziokulturelle Strukturen, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. Mit Brandstiftern und faschistischen Marktschreiern kann und sollte man nicht diskutieren, sondern sie nach Möglichkeit ins Gefängnis stecken oder wenigstens gesellschaftlich ächten, also auch in Vereinen und Verbänden. Doch der scheinbar unaufhaltsame Siegeszug der AfD sollte nun endlich die Erkenntnis reifen lassen, dass das bei weitem nicht ausreicht, zumal es kaum passiert.Wir müssen endlich raus aus unseren Nischen.

Die Antwort der großen etablierten Parteien (außer der LINKEN) ist ebenso einfach wie falsch. Sie wetteifern darum, den Rassisten mit immer neuen Verschärfungen des Asylrechts und einer möglichst effektiven Abschottungspolitik entgegen zu kommen – und stärken damit deren vermeintliche „Glaubwürdigkeit“ in großen Teilen der Gesellschaft. Wer einen miesen Deal mit dem autokratischen Kurdenschlächter Erdogan zum Königsweg der deutschen und europäischen Flüchtlingspolitik erklärt, besorgt nicht nur das Geschäft der AfD, sondern auch das der „besorgten Bürger“ von Clausnitz und Bautzen und der Rechtsterroristen in Nauen (Brandenburg). Auch in der Debatte, wieviel „uns“ die Flüchtlinge nun wirklich kosten oder ob „uns“ die Zuwanderung vielleicht sogar nützt, kann man gegen Rechtspopulisten nur verlieren.

Es ist gesellschaftlich in Deutschland einiges aus dem Ruder gelaufen und zwar schon lange vor der „Flüchtlingskrise“. Kinder- und wachsende Altersarmut, Hartz-IV-Elend, präkare Arbeitsverhältnisse, Abbau der öffentlichen Daseinsvorsorge, Mangel an bezahlbarem Wohnraum und ein teilweise marodes Bildungssystem wurden von den Herrschenden lange Zeit achselzuckend als Kollateralschäden einer im Prinzip erfolgreichen (neoliberalen) „Reformpolitik“ abgetan. Den Linken und Humanisten ist es nicht mal ansatzweise gelungen, eine wirkliche Massenbewegung dagegen auf den Weg zu bringen. Nicht nur, aber auch, weil einem großen Teil des „fortschrittlichen Bürgertums“ soziale Fragen weitgehend am Allerwertesten vorbei gehen. Und so kommt es halt zu dem bitteren politischen Treppenwitz, dass sich ausgerechnet eine rechte und im Kern neoliberale Partei wie die AfD erfolgreich als Sprachrohr „der da unten“ gegen „die da oben“ positionieren kann und dabei auch militanten völkischen Rassismus hoffähig macht.

Noch ist es nicht zu spät. Gemessen an der Wahlbeteiligung haben lediglich sechs Prozent der Hessen AfD oder noch Schlimmeres gewählt. Bei den kommenden Landtagswahlen werden es wohl mehr werden und möglicherweise für gewisse Verwerfungen im Parteiengeflecht sorgen. Das könnte auch so eine Art heilsamer Schock sein. Wirklich gefährlich wird es allerdings, wenn es uns nicht gelingt, die Frage der sozialen Verfasstheit dieser Republik wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Und zwar schnell!

 

Ich war Händel: Kleine Flucht mit großem Chor

Manchmal liebe ich Berlin. Z.B. wenn ich wieder mal realisiere, dass diese Stadt eine Philharmonie nebst Kammermusiksaal hat, die ich in 15 Minuten mit dem Fahrrad erreichen kann. Und dass dort nicht nur regelmäßig die Berliner Philharmoniker spielen, sondern auch die mit ihnen verbundene Akademie für Alte Musik, eines der besten Orchester für diese Sparte.

Gestern wurde Händel gegeben; eine Trauermusik für die 1737 verstorbene englische Königin Caroline und eine von Händels zahlreichen Oden anlässlich irgendwelcher Namenstage.

Das war mir alles relativ egal, ohnehin tendiere ich was alte Musik betrifft eher zu J.S. Bach als zu G.F. Händel. Doch die Interpretenliste machte einen Konzertbesuch unumgänglich, da das „Collegium Vocale Gent“(hier mit einem Bach-Choral) weltweit zu den – da lege ich mich fest – drei besten Chören für Alte Musik gehört. Zweimal hatte ich die Belgier bisher live erlebt, und beide Male klebte ich nach den Konzerten in der Leipziger Thomaskirche gleichermaßen beglückt und benommen auf meiner harten Kirchenbank.

Im Kammermusiksaal ist die Atmosphäre etwas kühler und distanzierter als in einer Kirche. Doch der Strahlkraft des in relativ kleiner Besetzung (24) angetretenen Chores tat das keinen Abbruch. Schwebend und vollkommen transparent bewegt sich das Collegium durch dir traurig-deklamatorischen Chorsätze, fast schwerelos der Übergang in hymnische, wuchtige Dur-Kontrapunktik zum Preisen der großen Taten der Queen, die wohl eine Art Lady Di des englischen Spätbarock gewesen sein muss. Dazu das äußerst geschmeidige und detailversessene Orchester, dem aber diesmal der allerletzte Glanz und das Feuer fehlten, den beispielsweise die Kollegen vom Freiburger Barockorchester des Öfteren versprühen.

Händel hat in seiner Heimatstadt Halle zu Recht ein Denkmal
(c) dnaw/Wikipedia

Nach der Pause vermochte auch Händels in Oratorienform verfasste Cäcilienode – ein deutlich leichtfüßigerer Stoff – zu gefallen, zumal das Orchester aus der leichten Lethargie der Trauermusik erwacht zu sein schien. Erneut begeisternde Chorsätze voller Brillanz, Kraft und Dynamik. Wenn da nicht die manchmal regelrecht schreckliche Sopranistin Klara Ek gewesen wäre, die mit für dieses Genre übertriebenen, manchmal gar verunglückten Koloraturen für ein mitunter schmerzliches akkustisches Missempfinden sorgte. Da bekommt man dann Sehnsucht nach großen Händel-Interpretinnen wie Emma Kirby oder Nuria Rial. Dennoch: Vor allem wegen des Chores ein großer Konzertabend, den das Publikum mit minutenlangen Ovationen dankte.

Auch rund 600 Kilometer entfernt gab es an diesem Abend ein Konzert in einer Philharmonie, und zwar in Köln. Das renommierte Ensemble „Concerto Köln“ bot ein Programm mit Orchesterwerken von J.S. Bach, seinem Sohn C.P.E. Bach und dazwischen kleineren Werken einiger moderner Komponisten. Solist war der iranische Cembalist Mahan Esfahani. Schon bei seiner englischsprachigen Anmoderation für das sicherlich gewöhnungsbedürftige Werk „Piano Phase“ des Minimal-Music-Pioniers Steve Reich wurde der Musiker aus dem Publikum lautstark angepöbelt („Sprechen Sie gefälligst Deutsch“) Die Aufführung des Stückes selbst musste nach wenigen Minuten abgebrochen werden, erzwungen durch lautstark johlende und pfeifende Besucher. Es hat etwas Beunruhigendes, dass die Verrohung großer Teile des Bürgertums jetzt auch in Konzertsälen angekommen ist, als Mob in Abendgarderobe.

Doch das soll kein Wasser im großen Wein sein, mit dem ich das Erlebnis des Collegium Vocale Gent vergleichen möchte.Und vielleicht ist Berlin ja wirklich anders als Köln.