Vergesst Kreuzberg: Der Flammkuchenhammer hängt in Moabit

Man kann von der halbgentrifizierten Moabiter Markthalle halten was man will, aber flammkuchentechnisch hängt dort seit einigen Tagen der Hammer, jedenfalls Berlin betreffend. Während in einschlägigen Kreisen noch immer die belegten Teigfladen Elsässer Art im Kreuzberger Szene-Touristen-Tempel „Kuchen-Kaiser“ höchste Wertschätzung genießen, wird bei „Rosa Lisbertdemonstriert, wie es eigentlich sein sollte.

Ohne ordentlich Power im Ofen wird das nichts

Ein klassischer Elsässer Flammkuchen ist eigentlich eine Art Fastfood, die einst von Pizza-sozialisierten italienischen Arbeitsmigranten ins Elsass eingeführt wurde und dort im Laufe der Zeit seine regionaltypische Prägung erhielt. In Moabit wird dies auf höchstem Niveau zelebriert. Drei Minuten dauert die Zubereitung: Hefeteigball (200 Gramm) in die Teigpresse, die einen millimeterdünnen Fladen ausspuckt. Der wird quadratisch zugeschnitten, mit Schmand bestrichen, sowie (in der klassischen Variante) mit Zwiebeln und Speck belegt und ab damit in den Ofen. Bei Rosa Lisbert ist dies ein aufwändig gemauertes Unikat, das mit Buchenholz beheizt wird und Temperaturen bis zu 450 Grad entwickelt. Wichtig ist, das die Flammen stets ein wenig um den Fladen züngeln. Anschließend kommt dieses kross-knusprige Leckerli auf einem Holzbrett serviert auf den Tisch. Wer schon mal das „Vergnügen“ hatte, eines der üblichen pappigen, suboptimal belegten Exemplare zu verspeisen, wird das zu schätzen wissen. Und auch “Kuchen-Kaiser“ (sorry, liebe Kreuzberger) kriegt das so nicht hin.

Natürlicher Verbündeter des Flammkuchens ist Weißwein aus dem Elsass. Da kommen wir zu einem kleinen Schwachpunkt der Location. Elsässer Weine gibt es dort derzeit nur als ganze Flaschen. Nur zwei offene Weißweine stehen auf der Karte. Die spritzig-säurefrische Südpfälzer Cuvée aus Riesling und Silvaner ist zwar durchaus bekömmlich, hat aber bei einem Flammkuchen nichts zu suchen. Und die trockene Grauburgunder Spätlese (ebenfalls aus der Südpfalz) erschien mir mit sechs Euro für 0,1 Liter preislich arg überambitioniert.

So und nicht anders hat ein Flammkuchen auszusehen

 

Doch „Rosa Lisbert“ ist Work in Progress, sowohl was die Speise- als auch die Weinkarte betrifft. Erstere soll schrittweise um elsässische Spezialitäten erweitert werden, vom Coq au vin bis hin zu mehrgängigen Menüs. Auch die von Tierschützern eher verdammte Foie Gras (Gänse- oder Entenstopfleber) wird ihren angemessenen Platz erhalten, schließlich haben die beiden Gastrononen Lisa Meyer und Robert Havemann genug Elsass-Credability, und auch ihr Chefkoch Dennis Lennartz ist nicht dafür bekannt, halbe Sachen zu machen. Doch der Flammkuchen wird in der Lokalität stets eine wichtige Rolle spielen, was angesichts seiner herausragenden Qualität auch unbedingt sein muss.

Rosa Lisbert findet man in der Moabiter Markthalle (Arminiusstraße 2-4, nahe U-Bahnhof Turmstraße) Öffnungszeiten derzeit Montag bis Sonnabend 17-22 Uhr. Ab August soll es auch einen Mittagstisch geben

Ein herrlich unmoderner Rotwein

Nein, heute rede ich nicht über die absurde „Griechenland-Hilfe“, deren aktuelle Volte daraus besteht, dem Land einen „Überbrückungskredit“ von sieben Milliarden Euro zu gewähren, der größtenteils schnurstracks an die Europäische Zentralbank und den Internationalen Währungsfonds weiter geleitet werden muss. Oder die deftige Mehrwertsteuererhöhung für viele alltägliche Waren und Dienstleistungen, die angesichts der schwindenden Kaufkraft vieler Griechen wohl kaum nennenswerte Mehreinnahmen generieren wird, dafür aber die Verarmungsschraube weiter dreht.

Ich rede jetzt auch nicht über die europäische und deutsche Flüchtlingspolitik, über Brandanschläge und Übergriffe. Und auch die zunehmend ekliger werdende SPD (falls das überhaupt noch geht) und ihre vorsitzende Fettbemme reizen mich ebensowenig zu kommentierenden Bemerkungen, wie das wirtschaftsliberaler Spaltprodukt der rechtspopulistischen AfD.

Ich rede heute lieber über Wein, genauer gesagt über einen Spätburgunder aus Franken. Dass in dieser Region nicht nur Silvaner angebaut und zu guten bis herausragenden Weinen veredelt wird, sollte sich rumgesprochen haben. Längst gehören die „Großen Gewächse“ von Rudolf Fürst aus Bürgstadt zu den besten Spätburgundern Deutschlands und sorgen auch international für Furore. Aber es soll ja Menschen geben, die nicht immer 50 Euro für einen „Centgrafenberg“ locker auf Tasche haben, und auch in Franken geht es in erstaunlicher Qualität auch ein paar Nummern kleiner.

Bei diesem scheußlichen Etikett könnte man schon einen gewaltigen Schreck bekommen.

Wie z.B. beim Weingut Ernst Popp in Iphofen. Der bietet einen nahezu rührend „unmodernen“ Basis-Spätburgunder für schlappe 9,90 ab Hof an. „Rödelseer Schwanleite“ ist sicherlich kein Lagenname, den man sich merken muss. Doch der Wein ist grundsolide. Temperaturkontrollierte, langsame Maischevergärung und anschließender Ausbau in teilweise sehr alten Barriquefässern lassen erst gar kein „Überseefeeling“ mit reichlich Röstaromen und Vanille aufkommen. Johannes Popp geht es bei diesem Wein um Frucht, Frucht und nochmals Frucht. Allerdings von der klaren und nicht von der marmeladigen oder kompottartigen Sorte. Es ist der virtuelle Biss in reife Brombeeren, Süß-und Sauerkirschen sowie Spätburgunderbeeren, der diesen Wein so sympathisch unprätentiös daherkommen lässt. Natürlich fehlt da was. Kein Waldboden, kein Strauß frischer und getrockneter Kräuter, nichts animalisches. Aber fehlt das wirklich? Nein, der Wein ist stimmig und auf seine Weise gradlinig.

Noch kommt der 2013er arg jugendlich daher, nach dem Öffnen (Schraubverschluss) entfaltet sich merklich Kohlensäure. Doch mit der Zeit beruhigt sich der Wein und in einem halben Jahr, wenn er offiziell vom Gut gelistet wird, dürfte dies auch schon etwas anders aussehen.

Wie gesagt: kein „Großes Gewächs“ sondern ein grundsolider, fruchtbetonter Spätburgunder für 9,90 Euro ab Hof. Dort kann man den 2013 Rödelseer Schwanleite Spätburgunder QbA auch schon jetzt bestellen.

 

 

Kleines Plädoyer für kleine Pausen

Bei sommerlicher Hitze ist Berlin unerträglich. Die Stadt dampft schwül vor sich hin und alle netten Plätzchen befinden sich in einer Art Belagerungszustand. Die allgegenwärtigen Stadtneurotiker gehen einem bei diesem Wetter besonders auf den Sender. Wie z.B. jener Bekloppte, der mich anraunzte, weil ich mein Fahrrad kurz an eine Hauswand angelehnt hatte, um einen Anruf entgegen zu nehmen. Da wäre jetzt eine Druckstelle an der Fassade, dafür müsse ich eigentlich aufkommen, zeterte der verschwitzte Giftzwerg, der sich aus Hauswart der eher unscheinbaren Mietskaserne outete.

Endgültig Zeit, schnell die Fahrradtasche mit Lebens- und Genussmitteln zu füllen und das Weite zu suchen. Schließlich geht es in meinem Fall meistens nach Brandenburg, genauer gesagt nach Wandlitz-Stolzenhagen. Und wer sich auf die dortigen Einkaufsmöglichkeiten verlässt, kann böse Überraschungen erleben. Die Suche nach einem gleichermaßen trink- und bezahlbaren trockenen Weißwein kann da ebenso zur schweißtreibenden (und in der Regel erfolglosen) Odyssee werden wie der Versuch, frisches Lammfleisch zum Grillen aufzutreiben. Und das, obwohl der Ort mittlerweile von Berliner Zuzüglern überschwemmt wird. Punkten kann der versorgungstechnisch teilweise noch im HO-Zeitalter der seligen DDR befindliche Landstrich immerhin mit einem kleinen Biohof, der stets frisches saisonales Obst und Gemüse sowie die besten Eier der Welt im Angebot hat.

Arbeit habe ich mir diesmal keine mitgenommen, obwohl noch einiges auf meinem Berliner Schreibtisch liegt. Ich liebe diese Art von Kurzurlaub mit kleinlandwirtschaftlicher Freizeitbeschäftigung nebst gelegentlichen Badegängen. Der Rest ist Müßiggang und vor allem Ruhe. Und manchmal habe ich den Eindruck, dass all jene Menschen – auch und gerade unter den Politfreaks – die sich dieses temporäre Abschalten jenseits der großen Urlaubsreisen nicht gönnen, irgendwie unrund laufen.

Winzerstolz in Wandlitz. Der “Stolzenhagener Wildschweingrube 2015″ kann ein großer Jahrgang werden

Sehr viel Freude bereiten mir die Rebstöcke in meiner im Alleinbesitz befindlichen astreinen Sandlage „Stolzenhagener Wildschweingrube“. Es bahnt sich ein Rekordertrag an, auch wenn mein „Winzerkollege“ (har har) Harald Steffens wohl wieder fies grinsend die „Lockerbeerigkeit“ der Trauben anmerken würde. Der hat mit seinen Schiefersteillagen in Reil natürlich gut lästern, aber ich lasse mir meinen Brandenburger Elbling bzw. „Schmidt 60“ ( eine Unterlagsrebe, die ebenfalls Ertrag bringt) auch von arrivierten Mosel-Bio-Winzern nicht madig machen. Und bio wird bei mir auch gewirtschaftet.

Ich merke schon, die Hitze führt dazu, dass ich zunehmend dummes Zeug schreibe. Ist wohl höchste Zeit, mal wieder zum See zu radeln.

Trotz Griechenland: Es lebe das Feierabendbier

Wohl dem, der in seinem Kiez noch so eine Kneipe hat

Es ist eine bedrückende Woche. Ohnmächtig muss man mitansehen, wie ein „europäisches Partnerland“ von einer bürgerlichen Demokratie in eine Art Protektorat transformiert wird. Die Regierung Griechenlands darf nur noch beschließen, was die Troika vorher diktiert hat, der staatliche Besitz wird konfisziert. Mit Entsetzen muss man konstatieren, dass jene deutschen Politiker, die maßgeblich an der Erpressung und Demütigung Griechenlands beteiligt sind, breiten Rückhalt in der Bevölkerung haben, besonders Schäubles Popularitätswerte befinden sich auf einem Allzeithoch. In seinem großen Interview nach seinem Rücktritt schildert Yanis Varoufakis eindrucksvoll, wie diese Zombies ticken.

Auch im Alltag begegnet einem auf Schritt und Tritt Ignoranz und Desinteresse. Als ich in einem großen Facebook-Wein-Forum anregte, mal 24 Stunden auf Lifestyle-Geplapper zu verzichten, um sich Zeit zu nehmen, über die Vorgänge in und um Griechenland nachzudenken, brach ein regelrechter Shit-Storm über mich herein. Selbst in meiner örtlichen Mietergruppe gibt es Stimmen, die meinen “die Griechen“ hätten sich das schließlich selbst eingebrockt und müssten jetzt natürlich „unser Geld“ zurückzahlen.

Das alles macht mich wütend, aber auch empfindlicher für den allgegenwärtigen Wahnsinn. Auf meinem regelmäßigen Weg mit dem Fahrrad entlang der Spree zur Bundespressekonferenz fallen mir plötzlich die größer werdenden Schlafsacklager und provisorischen Zelte auf, in denen Obdachlose campieren, nur einige hundert Meter vom Kanzleramt und vom Innenministerium entfernt. Da passt es, wenn auf einer Pressekonferenz Vertreter der Immobilienwirtschaft fordern, man solle in Berlin gefälligst mehr auf Eigentumsbildung statt auf Wohnraum für Arme setzen (Steht morgen im nd)

Auch den 14.Juli, den französischen Nationalfeiertag, mochte ich nicht wie so oft mit ein paar Austern, einem anständigen Rohmilchkäse und passendem Wein feiern. Ich war seit meiner Jugend des öfteren in Frankreich und habe das Land stets als Gegenentwurf zur piefig-preußisch-protestantischen deutschen Leitkultur empfunden und das nicht nur wegen seiner Genusskultur. Das alles ist nicht verschwunden, aber jetzt haben wir eine „Grande Nation“, die vor Deutschland kuscht und auf dem Weg ist, Marine Le Pen in den Elysée-Palast zu spülen.

 Bleiben die kleinen Freuden. Wie z.B. das gestrige Feierabendbier an einem lauen Sommerabend im Vorgarten meiner Moabiter Kiezkneipe. Viele Leute, gelöste Stimmung, sogar gegrillt wurde ausnahmsweise. Aber nach ihrer Meinung zu Griechenland habe ich die dort zahlreich anwesenden flüchtigen Bekannten lieber nicht gefragt.

Der Traum ist aus

Man kann es drehen und wenden wie man will. Die bevorstehende „Einigung“ zwischen Griechenland und der EU ist ein Fiasko für die ärmeren Teile der griechischen Bevölkerung und eine verheerende Niederlage für die griechische und darüber hinaus die gesamte europäische Linke.

Der im Sinne von Syriza erfolgreiche Volksentscheid über die Austeritätspolitik hat sich binnen weniger Tage als Rohrkrepierer entpuppt. Das Votum hat bei den Mächtigen der EU wenig mehr als ein ärgerliches Schulterzucken ausgelöst, denn „wer das Geld hat, hat die Macht und wer die Macht hat das Recht“ (Ton Steine Scherben). Und die Regierung hat schlicht nichts in der Hand

Das Land ist nicht nur ökonomisch, sondern auch von seiner staatlichen und gesellschaftlichen Verfasstheit her offenkundig viel zu schwach, um sich dem Austeritätsdiktat ernsthaft widersetzen zu können. Ein „Grexit“ ohne konkurrenzfähige Wirtschaft, ohne ein funktionierendes Steuersystem wäre in diesem von Klientelismus und Korruption geprägten Land zumindest kurzfristig nicht praktikabel, die ohnehin prekäre Lage vieler Menschen – Stichwort medizinische Versorgung – würde sich noch dramatisch verschlimmern. EU und Finanzkapital denken nicht im Traum daran, Griechenland aus dem Würgegriff der Überschuldung und der dauerhaften Verarmung zu entlassen. Zumal auf diese Weise auch potenziellen Nachahmern, beispielsweise in Spanien, drastisch vor Augen geführt wird, was passiert, wenn man sich nicht an die Spielregeln des Finanzkapitals hält.

In Deutschland ist es allerdings auch nicht lustig, wenn auch auf etwas anderen Baustellen. Nicht nur im sächsischen Freital, sondern auch in Hamburg tobt der rassistische Mob gegen Flüchtlinge. Und „unser“ Bundespräsident Gauck hat vor ein paar Tagen ein Gesetz unterschrieben, mit dem erstmals seit Gründung der Bundesrepublik die Gewerkschaftsfreiheit und das Streikrecht drastisch eingeschränkt werden. Wobei man trotz aller Abschottungspolitik festhalten muss, dass Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Staaten relativ viele Flüchtlinge aufnimmt, während dieselben osteuropäischen und baltischen Staaten, die Griechenland am liebsten verhungern lassen würden, sich mehr oder weniger komplett verweigern. Wer jemals die Hoffnung hatte, dass die EU trotz aller Mängel so etwas wie ein zivilisatorischer Fortschritt für Europa sein könnte, sollte sich davon allmählich verabschieden.

Mich lassen diese Entwicklungen alles andere als kalt, denn das alles kann einem schon Angst machen. Zumal sich wenig Positives abzeichnet. Doch auch als immer wieder mit dem Scheitern seiner eigenen Ideen konfrontierter Linker gebe ich nicht – wie leider viel zu viele – den besserwisserischen teutschen Pausenclown, der Syriza jetzt im linken Kasernenhofton die Leviten liest.

Gemüselust gegen Griechenlandfrust: Das Wandlitzer Beet

Höchste Zeit für die kleinen Freuden des Alltags. Wie an jedem Freitag stellte die niederländische Bachgesellschaft ein weiteres Werk von J.S.Bach ins Netz. Diesmal ist es eine großartige Aufführung der 1725 in Leipzig für den 2.Weihnachtsfeiertag entstandenen Kantate „Selig ist der Mann“ (BWV 57)  Auch der Garten macht mir große Freude, derzeit ist gerade Kohlrabi angesagt und der Spitzkohl dürfte auch bald reif sein

Geärgert habe ich mich allerdings über einen Wein. Es ist schlicht eine Unverschämtheit, was für einen klebrigen Mumpf einige VDP-Güter nicht nur abfüllen, sondern auch noch mit dem noblen VDP-Adler schmücken. Und ich verstehe auch nicht, warum der VDP, der sich schließlich als Flaggschiff der Qualitätsweinproduktion versteht, so etwas duldet. Mein zorniger Ausruf „Der Adler sollte sich schämen“ geht diesmal an das rheinhessische Weingut Rappenhof für seinen u.a. bei EDEKA erhältlichen „Riesling trocken 2014“.

Aber das ist nun wirklich absolute Nebensache

 

 

 

Nur ein paar Worte zu Griechenland

1.) Die Widerstandstradition dieses Volkes ist bemerkenswert. Partisanen wehrten sich erbittert gegen die deutschen Nazi-Besatzer. Es folgte ein blutiger Bürgerkrieg gegen die von den USA und Großbritannien unterstützten Oligarchen des Landes. 1967 bis 1974 übernahm eine (auch von Deutschland unterstützte) faschistische Militärjunta die Macht, was erneut Partisanen auf den Plan brachte. Dass sich so ein Volk nicht widerstandslos dem Verelendungsterror der EU und des Finanzkapitals unterwerfen wird, war also nicht unbedingt eine Überraschung.

2.) Varoufakis ist zurückgetreten. Das ist schade, macht aber nichts, wenn es lediglich einer atmosphärischen Verbesserung bei den Verhandlungen mit der EU dienen soll. Varoufakis hat den europäischen Politikbetrieb genüsslich vorgeführt und Maßstäbe dafür gesetzt, wie man mit diesen Zombies von Schäuble bis Dijsselbloem umgehen sollte.

3.) Wie es weiter geht, weiß ich nicht. Damit stehe ich vermutlich nicht alleine.

4.) Die Führungsriege der deutschen Sozialdemokratie besteht fast nur aus ekelhaften Gestalten, egal ob sie Schulz, Gabriel oder Steinmeier heißen.

5.) Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass es so viele hochbezahlte asoziale Drecksäcke als „Journalisten“ im gebührenfinanzierten Fernsehen gibt.

6.) Ich bin weit davon entfernt, den erfolgreichen Kampf der GDL für einen anständigen Tarifvertrag für das Zugpersonal bei der Bahn mit dem Kampf des griechischen Volkes gegen absolute Verelendung zu vergleichen. Aber bei der Hetze gegen den GDL-Vorsitzenden Claus Weselsky haben sich die o.g. Drecksäcke genauso verhalten, wie bei der gegen Varoufakis und Tsipras.

 

 

 

Offline-Schock in Wandlitz. Aber wenigstens Sardinen und Rosé

Die Erkenntnis traf mich am Freitag so gegen 12,20 Uhr in Wandlitz-Stolzenhagen wie ein Blitzschlag: ICH BIN OFFLINE!! D.h. keinen Artikel für das „Neue Deutschland“ über die Schlichtung im Kita-Tarifkonflikt schreiben, keine Besprechung eines fränkischen Spätburgunders, keine dringend erwarteten Mails, kein Facebook, keine Blogs, keine News. Mein UMTS-Stick, ohne den bei Aufenthalten auf dem Wandlitzer Landsitz keine Verbindung mit der digitalen Welt möglich ist, liegt irgendwo in der Moabiter Wohnung.

Was tun? Sofort umkehren oder den riskanten Versuch wagen, ca 50 Stunden analog zu leben? Droht vielleicht ein Offline-Schock mit nervösen Magenkrämpfen und Schweißausbrüchen? Werde ich kommunikationstechnisch unwiderbringlich angehängt?

Ersetzt jede Internetverbindung…..

 

Schweren Herzens und voller Bedenken habe ich mich für Zweiteres entschieden. Eine gute Entscheidung. Schließlich findet der ganze Irrsinn auch ohne mich statt, und immerhin verfüge ich hier über ein Radio (wahrscheinlich wissen viele gar nicht mehr, was das ist).

Nach einer Nachrichtenschleife hatte ich die Faxen ohnehin dicke. In Frankreich und Tunesien haben die Gotteskrieger wieder zugeschlagen und in Freital tobt der rassistische Mob. Moralische Unterstützung bekommt dieser sächsische Abschaum von diversen europäischen Regierungschefs, die sich weigern Flüchtlinge aufzunehmen. Auch die massive Erpressung Griechenlands wird unerbittlich fortgesetzt.

Hier ist alles wieder mal ziemlich entschleunigt. Zwar gibt es auch in Wandlitz-Stolzenhagen eine Form von Terror, aber die beschränkt sich auf eine fiese brandenburgische Schneckenbrigabe, die mittlere Verwüstungen in meinem Salat- und Gemüsebeet angerichtet hat. Ansonsten alles im grünen Bereich, was durchaus wörtlich zu nehmen ist.

Und überhaupt: Ein Leben ohne Internet ist abscheinend möglich (jedenfalls 50 Stunden), aber ohne anständiges Essen und einen guten Wein dazu wäre es richtig bitter. Meinen UMTS-Stick habe ich in Berlin vergessen, die frischen Sardinen und die „Linda“-Kartoffeln glücklicherweise nicht. Im hiesigen Keller harrt zudem schon seit einiger Zeit der aktuelle Kekfrankos-Rosé von Horst Hummel einer eingehenden Prüfung. Und wenigsten haben die Terror-Schnecken meine Erdbeeren verschont. Wozu brauche ich jetzt eigentlich noch das WWW.

Böllerschüsse, Streiks und fränkischer Rotwein

Eigentlich kümmere ich mich schon lange nicht mehr um das ätzende Party- und Staatsbesuchsgedöns in der Berliner Innenstadt. Doch als ich nach einem anstrengenden Arbeitstag am Dienstagabend auf meinem kräuter- und gemüseumrankten Balkon von dumpfen Donnerschlägen aus meiner Feierabendidylle (vor mir stand ein Glas Michelbacher Steinberg St. Laurent 2012 und ein Teller mit Oliven, Schafskäse und Wildschweinleberpastete) gerissen wurde, war ich wieder mittendrin. Denn es waren die Salutschüsse, mit denen die britische Königin auf dem Flughafen Tegel begrüßt wurde. Auch das ein gelungener Ausdruck deutschen Kulturverständnisses. Warum wird ein hochgestellter Gast in der deutschen Hauptstadt eigentlich mit Kanonen begrüßt, statt mit dem 1. Satz aus dem 3. Brandenburgischen Konzertvon Johann Sebastian Bach?

Das sah nach einem idyllischen Feierabendsnack aus. Und dann kam die Queen…

Queen in Berlin bedeutet Ausnahmezustand. Tausende verblödete Rentner und verblödete Touristen drängeln sich entlang ihrer Ausflugsrouten oder vor dem Hotel Adlon, um einen Blick auf dieses alberne Relikt des Feudalismus zu erhaschen. Dazu noch ein debil winkender Bundespräsident Gauck an der Seite der Königin auf Spree-Bootstour, devot schleimende Honoratioren auf allen Kanälen und Verkehrschaos im gesamten Zentrum . Besonders beliebt sind in den örtlichen Zeitungen und Radiosendern derzeit Benimmtipps, falls die Queen einen ansprechen sollte. Ich wüsste jedenfalls was ich ihr sagen würde: “Mach dich vom Acker, Elli. Du und deine Monarchie sind ungefähr so nützlich wie Fußpilz”.

Während die millionenschwere alte Dame in Berlin ihre Kostümshow abzieht, sitzen die Mächtigen Europas in Brüssel und überlegen, wie sie der SYRIZA-Regierung in Griechenland endgültig den Hals zudrehen können. Aber was soll’s: The Show must go on. Auch in Berlin gibt es ein paar Menschen, die andere Sorgen als die Wahl des passenden Hutes haben An der Uniklinik Charité streiken die Pflegekräfte, und zwar nicht für höhere Löhne, sondern für mehr Personal. Vorbildlich! Ohnehin gab und gibt es derzeit in Deutschland interessante Tarifkämpfe inklusive Streiks. Bei der Bahn geht es um das Recht einer Gewerkschaft auf einen Tarifvertrag, bei der Lufthansa um die Altersversorgung und bei der Post um die Ausgliederung von Betriebsteilen in Billiglohnfirmen. Nachahmung erwünscht.

Den Spaß an dem oben erwähnten Rotwein lass ich mir aber auch von der Queen nicht verderben. Intensiver Duft nach  Weichselkirschen. Am Gaumen  dann eingelegte Sauerkirschen, Brombeeren und  Kräuter, vor allem Thymian. Dazu ein wenig Bitterschokalade. Natürlich schmeckt man den Ausbau im Barriquefass (Vanille). Aber stets bleibt die Holznote der Frucht des Weines untergeordnet. Süße? Fehlanzeige, liegt bei nahe null Gramm. Auf der anderen Seite satte fünf Promille Säure, was ziemlich schräg klingt – aber bei diesem Wein bestens funktioniert. Denn die pralle Kirschfrucht spielt unseren Geschmacksnerven einen Streich und gaukelt Süße vor.Und jetzt nochmal: F*** the Queen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wenn Musik mehr als Musik ist

Das Bachfest endete für mich am Montag so, wie es am Freitag begonnen hatte: Mit einem Orgelwerk von Johann Sebastian Bach. Dazwischen lagen unter anderem drei Mal Thomanerchor, ein Konzert mit Leipziger Kantaten, spannende Kammermusik für Viola, Violoncello und Klavier , angestrengt wirkende chinesische Kinder in einem Chorprojekt, Jazz auf dem Marktplatz – und eines der größten Konzerte, die ich je erlebt habe.

Sir Eliot Gardiner, der Monteverdi Choir und die English Baroque Solists am Sonntag in der Nikolaikirche.
© Bach Archiv Leipzig

Letzteres entzieht sich fast der Beschreibung. Was passiert, wenn ein im wahrsten Sinne des Wortes von der Alten Musik beseelter Musiker und Forscher wie Sir John Eliot Gardiner zwei der größten Werke aus der Gattung „Sterbemusik“ aufführt? Wenn ihm mit dem dem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists zwei der zweifellos besten Gesangs- und Instrumentalensembles dieses Genres zur Verfügung stehen. Wenn dazu noch Solisten kommen, die dem altbackenen Kantatentext von J.. Bachs “Lass, Fürstin, lass noch einen Strahl” und der lateinischen Liturgie von W.A. Mozarts Requiem eine zeitlose Würde und Intensität verleihen.

Das war nicht einfach ein Konzert in der Nikolaikirche im Rahmen des Leipziger Bachfestes. Das war ein spirituelles Erlebnis, ein tiefes Ausloten von Trauer, Zweifel, Mut, Kraft und Zuversicht. Ein Orchester, das spricht, singt und Bilder malt, ein Chor der flüstert, schwelgt, jubiliert und alle Register einer überdimensionalen Orgel zieht. Solisten, die eins werden mit ihren Parts und ein Dirigent, der dies alles zu einem nur schwer fassbaren Gesamtkunstwerk zusammenfügt.

Überhaupt war dieser Sonntag einer jener Tage, für die ich das Bachfest so liebe. Am Morgen ein Gottesdienst auf dem Marktplatz mit Posaunenchor und strahlenden Thomanern, die einen die langweilige Predigt sofort unter “Werbeeinblendung“ abbuchen lassen. Am Mittag drei junge, dennoch bereits renommierte Musiker (Johannes Pennetzdorfer (Viola), Mischa Meyer (Violoncello) , Caspar Frantz ((Klavier)), die in der intimen Atmosphäre der alten Handelsbörse einige spannende kammermusikalische Miniaturen zum Besten gaben – wenn man mal von dem Mozart-Langweiler am Anfang absieht. So bekommen Stücke, die Bach für Violine solo komponiert hatte, durch die Interpretation mit der eine halbe Oktave tierfer gestimmten Viola einen ganz anderen Charakter, wirken vor allem wärmer. Außergewöhnlich auch die an polnische Volkslieder angelehnten Variationen von Witold Lutoslawski und schließlich noch ein schwung- und kraftvolles a-moll-Trio von Johannes Brahms. Zwischendurch schlendert man durch die Innenstadt, saugt die irgendwie bachgeschwängerte Stimmung auf und freut sich auf das große Abendkonzert (s.o.) Ausklang dann wieder auf dem Marktplatz, wo sich ein leider nur mäßig inspiriertes Klaviertrio an der Verjazzung von barocken Themen abarbeitete. Doch ein Bachfest, das nur aus Highlights bestehen würde, könnte kein Mensch aushalten.

Vor der Rückfahrt nach Berlin stand am Montag früh noch ein Abstecher zur Lutherkirche am Johannapark an, die mittlerweile so eine Art musikalisches Wohnzimmer der Thomaner ist, auch weil sie in der Nähe ihren Ausbildungscampus haben. Es gab eine Mette, also eine Art musikbetonten Gottesdienst mit Orgelstücken, kurzer Bibellesung (aber keine Predigt), Gemeinde- und Chorliedern sowie zwei Motetten. Also keine Showveranstaltung für das Bachfest, sondern das „Brot- und Butter-Geschäft“ des Chores. Und wenn die Knaben und Jugendlichen ein- und auslaufen, schaut man in wache, fröhliche, manchmal gar lachende Gesichter. Gedrillte Nachwuchsvirtuosen sehen jedenfalls anders auch. Und auch der amtierende Interims-Thomaskantor Gotthold Schwarz ist sich nicht zu schade, beim Kirchenlied kräftig mit der Gemeinde zu singen.

Ich bin kein Christ, aber man muss kein Christ sein, um diese Art des Gottesdienstes als angenehm und angemessen empfinden zu können. Und man hat einen Grund mehr, diesen Abschaum zu verachten, der unter Berufung auf das „christliche Abendland“ nicht nur in Leipzig, aber dort besonders schrill, regelmäßig mit seinen rassistischen Parolen durch die Stadt marschiert.

 

Kein Bachfest ohne Hipnessfaktor

Der Hype um das nach Leipzig zurück gekehrte Bach-Portrait von E.G. Haußmann nimmt skurrile Züge an. Am Freitag besangen vier vom Interims-Thomaskantor Gotthold Schwarz dirigierte Thomaner das auf 2,5 Millionen Euro taxierte Werk vor einigen Journalisten in seinem neuen Domizil, der „Schatzkammer“ des Bachmuseums. Am Sonnabend folgt der nächste Akt, diesmal mit einige Mitgliedern des legendären Monteverdi Choirs, höchstpersönlich geleitet vom Stardirigenten und Präsidenten des Bach-Archivs, Sir John Eliot Gardiner. Und die ersten Provinzjournalisten hyperventilieren bereits von „Leipzigs Mona Lisa“.

Doch es gibt auch noch ein Bachfest ohne das Bild. Vier Bach-Kantaten aus seiner Leipziger Zeit standen am Abend in der Thomaskirche auf dem Programm. Der mit 13 Sängernnen und Sängernn sehr schlank besetzte Kölner Kammerchor und das ebenfalls in Köln ansässige Collegium Cartusianum sorgten für eine sehr transparente, fast schon luftige Interpretation der vor musikalischer Inspiration nur so sprühenden Werke. Herausragend ferner die Sopranistin Hanna Zumsande mit betörenden Arien.

Tine Thing Helseth schafft spielend den Spagat zwischen verschiedenen musikalischen Galaxien

 

Der späte Abend gehörte dann auf dem Marktplatz dem genreübergreifenden Hipnessfaktor des diesjährigen Bachfestes. Die junge und sehr blonde norwegische Trompeterin Tine Thing Helseth bewegt sich seit einigen Jahren äußerst erfolgreich sowohl in den oberen gefilden der alten Musik, als auch in jazzverwandten Bereichen. Und so folgte ihrem gelungenen Barockabend am Freitag mit dem Mendelssohn Kammerorchester dann der Auftritt mit ihrem eigenen Quintett am Folgetag. Geboten wurde ein kleiner Rundumschlag zwischen Folklore, Tango, Pop und Jazz, beim zuweilen richtig die Post abging, was aber vor allem dem Gitarristen Jarle G. Storlokken zu verdanken war. Aber der flexible Ton der Norwegerin ist ebenfalls beeindruckend. Es gibt wohl wenig Trompetenvirtuosen, die sich ähnlich souverän in derartig verschiedenen Genres bewegen.

Fast vergisst man bei diesem hochkarätigen Festival, dass es sich dennoch um eine kulturelle Randerscheinung handelt. Als Tine Thing Helseth auf dem Marktplatz vor vielleicht 1000 Zuschauern ihre ersten Jazzgrooves in den verhangenen Himmel blies, goutierten nicht allzuweit entfernt rund 45.000 Zuschauern in der restlos ausverkauften Red Bull-Arena den Knödel-Barden Herbert Gröhlemeier.