Endlich: Wein (nicht nur) für Anarchisten

Ich habe wohl noch nie einen derartig politisch korrekten Wein im Glas gehabt. Und das nicht nur, weil der „Verano Acrata“ konsequent ökologisch erzeugt wird, wozu auch manuelle Weinbergspflege und Lese sowie der ausschließliche Einsatz von Pflügen mit Pferden, Maultieren oder Eseln gehören. Aber wie angedeutet: Das könnten ein spanischer Faschist oder ein deutscher Winzer, der mit der AfD sympathisiert, auch hinbekommen. Doch dieser Wein wird von einem kleinen Kollektivbetrieb im Ribera Del Duero produziert, der zu einem Netzwerk von Agrarbetrieben gehört, das maßgeblich von der traditionsreichen anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft CNTaufgebaut wurde. Da kommt dann aus dem Glas nicht nur ein intensiver Duft von getrockneten Kräutern sowie roten und schwarzen Beeren (anarcho-syndikalistisch eben), sondern auch der lange Atem des spanischen Bürgerkriegs, des antifaschistischen Widerstands gegen Franco und der revolutionären spanischen Landarbeiterbewegung. Vielleicht auch, weil die Rebstöcke des Betriebs teilweise um die 100 Jahre alt sind.

Der Wein zum zum spanischen Bürgerkrieg. Schmecken tut er auch

Nun interessieren mich Lebens- und Genussmittel mit politisch korrektem Background nur dann, wenn sie schmecken (was nicht immer der Fall ist). Doch dieser Wein schmeckt nicht nur richtig gut, er ist auch ein ausgesprochener Individualist, weitab vom holzlastigen, alkoholstarken Duero-Mainstream. Tempranillo dominiert, aber auch Garnacha und einige wenig bekannte autochthone Rebsorten wie z.B. Pirules tragen ihren Teil bei. Spontan vergoren und unfiltriert kommt der Wein kurz ins alte, große Holzfass und dann noch recht jung auf die Flasche, wir reden hier vom Jahrgang 2015. Die Tannine sind dennoch bereits recht mild, die Säure ist spürbar und sorgt für einen frischen Eindruck, bleibt aber im Hintergrund und umspielt die feine Beerenfrucht, die im Mund von ein wenig Dörrobst und Backpflaume ergänzt wird. Mit 13 Vol% bleibt es ein leichter, animierender Genuss. Größeres Lagerpotenzial würde ich ihm nicht attestieren, er überzeugt so jung und frisch, wie er ist.

Weinverkostung in einer anarcho-syndikalistischen Kaffeerösterei. So muss es sein

Wie komme ich auf so einen Wein? Weil ich nicht nur in der Welt von Wein-PR-Agenturen, Verbänden, Lifestylemagazinen und renommierten Winzern lebe, sondern z.B. auch Hinweise von alten Kumpels aus besagter anarcho-syndikalistischer Szene (zu der ich nie gehörte) bekomme, die in Deutschland vor allem durch die Freie Arbeiterunion (FAU) repräsentiert wird. In deren Umfeld ist ebenfalls ein bislang noch sehr kleines Netzwerk von Kollektivbetrieben entstanden, die Union Coop. Und in einem dieser Betriebe, der schwer zu findenden, in einem 2. Weddinger Hinterhof beheimateten Kaffeerösterei „Flying Roasters“ (sehr zu empfehlen!) fand eine Verkostung des Weines statt. Der „Verano Acrata tinto 2015“ wird fortan dort und in einigen anderen Berliner Szene-Locations ausgeschenkt oder flaschenweise verkauft, für 8,50 Euro pro Flasche. Ist er wert.

 

 

Berlin wählt. Wer will meine Stimme?

In Berlin wird am 18. September gewählt, per Briefwahl ist das bereits jetzt möglich. Mit drei Zetteln (Direktkandidat und Landesliste Abgeordnetenhaus sowie Bezirksverordnetenversammlung (BVV)) wird jedem Wahlbürger vorgegaukelt, er könne tatsächlich etwas entscheiden.

Ich hab da eigentlich wenig Bock drauf, zumal die Wahl ziemlich langweilig ist. Es steht ohnehin so gut wie fest, dass wir eine „rot-rot-grüne“ Regierung in der Hauptstadt bekommen werden, böses Erwachen für Menschen mit Hoffnungen auf eine bessere, sozialere Politik inklusive.

Alles hat im Kapitalismus seinen Preis. Auch meine Stimme.

 

Ich werde daher meine Stimmen meistbietend bzw. gegen spezifische Mindestgebote versteigern. Ausgeschlossen sind allerdings Nazis und Rechtspopulisten, Irre (wie z.B. die „Violetten- für spirituelle Politik“, Tierschutzpartei, BüSo und die „Partei für Gesundheitsforschung“) Spaßparteien (z.B. FDP und Piraten) und die CDU (alleine schon wegen dem Vollpfosten Henkel, aber eigentlich sowieso).

Um meine Briefwahlstimme bewerben können sich also SPD, Grüne, Linke ,PSG (eine weitgehend unbekannte trotzkistische Sekte) und die DKP. Für die würde es besonders teuer, denn ihr Spitzenkandidat ist ein gewisser Dietmar Koschmieder, mein Ex-Chef bei der Ostberliner Satirezeitung „Junge Welt“, dem erst eine Richterin in zweiter Instanz klarmachen konnte, dass so was Bürgerliches wie das Arbeitsrecht auch in seinem sozialistischen Musterbetrieb gilt. Damit ich „Kim Il“Koschmieder ankreuze, müsste schon ein Hunni rüberwachsen. Also liebe DKP: Jede Stimme zählt und meine könnt ihr haben.

Falls die Kommunisten mein Angebot ausschlagen, werde ich streng marktwirtschaftlich agieren: Stimme gegen Höchstgebot. Gerne auch im günstigen Dreierpack (Liste, Direktkandidat und BVV) für mindestens 50 Euro oder einzeln (mindestens 25 Euro). Die Abwicklung des Deals ist ganz einfach: Zu einem einigermaßen konspiratives Treffen (schließlich ist Stimmenkauf und-verkauf streng verboten) bringe ich meine Stimmzettel und den Wahlschein mit, kassiere die Kohle, mache die Kreuze, packe Zettel und Schein in den amtlichen Umschlag und werfe diesen in den nächsten Briefkasten – natürlich alles unter Aufsicht des Käufers. Danach gehe ich erstmal kotzen, weil ich damit leben muss, irgendwelche Honks gewählt zu haben. Doch danach wird es fröhlich, denn der Erlös wird anschließend mit den Genossen jener Partei vertrunken, die ich eigentlich wählen würde, wenn ich meine Stimmen nicht verkauft hätte, also die PARTEI. Und natürlich werde ich die auch wählen, falls – wider Erwarten – keine akzeptablen Angebote für meine kostbaren Stimmen kommen.

P.S. An alle limitierten Denunzianten und Ermittler: Das ist SATIRE!

 

 

Share Econemy und digitaler Lifestyle – der neue neoliberale Moloch

Der folgende Text erschien am heutigen Sonnabend in der Wochenendbeilage des “Neuen Deutschland” und ist im Internet nur für Abonnenten abzurufen.

Nachhaltiges Wirtschaften unter Umgehung der Geldkreisläufe und der steuerlichen Erfassung kann ziemlich einfach sein. Man entlohnt seinen Frisör mit ein paar Kilo Bio-Tomaten aus dem eigenen Garten oder erteilt den Kindern des Malers, der die Wohnung renoviert, Nachhilfe oder Gitarrenunterricht. Man verleiht selten genutzte Werkzeuge und erhält dafür Dienstleitungen oder Naturalien von vergleichbarer Wertigkeit. Und für ein Feriendomizil bietet man im Tausch die Unterbringung in seiner Stadtwohnung an. Alles streng marktwirtschaftlich anhand nahezu objektiv ermittelter Gebrauchs- bzw. Tauschwerte. Wer in tiv ermittelter Gebrauchs- bzw. Tauschwerte. Wer in seinem Tauschring – es soll davon bundesweit über 300 geben – finnische Grammatik für Fortgeschrittene anbietet, wird mangels Nachfrage Probleme haben, dafür ein angemessenes Äquivalent zu erhalten. Wie dem auch sei: Es ist eine kleine, irgendwie sympathische Nische, in der die Verschwendung von Ressourcen eingedämmt bzw. deren Nutzung effektiviert wird, auch wenn man sich teilweise in der Grauzone von Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung bewegt.

Doch längst ist diese archaische Idee eines Wirtschaftskreislaufs des Teilens und Tauschens seinen Kinderschuhen entwachsen. »Share Economy« ist – befeuert durch das Internet – zu einem gigantischen Markt geworden. Aus einigen kleinen, meist kalifornischen Start-ups sind mittlerweile global agierende, äußerst profitable Netzwerke entstanden, deren Protagonisten ausgesprochen aggressiv gegen jegliche Form der Regulierung vorgehen. In zwei Branchen ist diese Entwicklung bereits weit fortgeschritten: Bei der Vermittlung von temporären Unterkünften für Touristen und bei innerstädtischen Personentransporten. Als Marktführer agieren dabei die Vermittlungsportale Airbnb und der Fahrdienstanbieter Uber.

Beide Anbieter stehen nicht nur in Deutschland in direkter Konkurrenz zu regulären Anbietern, die sie preislich mühelos unterbieten können. Zum Beispiel Uber: Während Taxiunternehmen und gewerbliche Fahrdienste in Bezug auf den Zustand der Fahrzeuge und die Qualifikation der Mitarbeiter relativ streng reguliert und vor allem auch steuerlich erfasst sind, agieren Uber und ähnliche Anbieter lediglich als Vermittler für Fahrten mit privaten PKW-Besitzern und kassieren dafür Provision. Ähnlich verhält es sich im Beherbergungsgewerbe, wo die offiziellen Betriebe beispielsweise umfassende Hygienebestimmungen und soziale Mindeststandards für ihre Beschäftigten einhalten müssen.

Der Erfolg der Share Economy ist der »Win-Win-Konstellation« geschuldet, die für alle an dem Geschäft Beteiligten entsteht. Die Vermittler verdienen prächtig mit ihren Provisionen, die Anbieter erzielen ein mitunter beträchtliches Zubrot und die Kunden können sich über vergleichsweise günstige Preise für Transporte und Unterkünfte freuen. Die Zeche dafür zahlen alle anderen. Zunächst die regulären Anbieter, die vom Markt gedrängt werden. Dazu kommen die Städte, in denen das lukrative Geschäft mit Ferienwohnungen zur ohnehin dramatischen Verknappunwohnungen zur ohnehin dramatischen Verknappung bezahlbarer Mietwohnungen beiträgt. Kaum zu beziffern sind ferner die Steuerausfälle, die durch diese Formen der Share Economy entstehen.

Eingebettet ist dies in den digitalen Lifestyle, der auch in Deutschland mittlerweile mehrere Generationen erfasst hat, und zwar weitgehend unabhängig von der individuellen politischen Einstellung. Man fühlt sich vielleicht solidarisch mit den Lagerarbeitern von Amazon, die seit Jahren mit temporären Streiks für einen Tarifvertrag kämpfen, mag aber dennoch nicht auf die bequeme Art der Bestellung und Lieferung verzichten. Kollateralschäden wie die allmählich kollabierende Paketlogistik und die schleichende Vernichtung stationärer Einzelhandelsgeschäfte werden in Kauf genommen. Man unterstützt vielleicht Mieterproteste gegen Verdrängung durch steigende Mieten in seiner Heimatstadt, nimmt aber die Dienste von AirBnB für den Kurztrip nach Paris oder Barcelona – nebst einem Klick auf die entsprechende App auf dem Smartphone, um ein billiges Privattaxi zum Flughafen zu bestellen – gerne in Anspruch. Und auch in der großen »alternativen« Clubszene Berlins dürfte die Einschränkung, was das Anbieten billiger Ferienwohnungen angeht, nicht für ungeteilte Begeisterung gesorgt haben.

Schöne neue Welt des Teilens und Tauschens
Source: studentsforliberty.org

Die Politik tut sich schwer, den Raubrittern des unregulierten digitalen Kapitalismus Paroli zu bieten. In Berlin dauerte es mehrere Jahre, bis die Landesregierung ein »Zweckentfremdungsverbotsgesetz« auf den Weg brachte, um den Missbrauch von Mietwohnungen einzudämmen. Zudem enthält das Gesetz etliche Schlupflöcher, und es gibt ein großes Vollzugsdefizit, auch weil sich die Anbieter unter Berufung auf den Datenschutz weigern, die Vermieter der verschlüsselt offerierten Ferienappartments zu offenbaren. Airbnb und andere Portale haben bereits angekündigt, gegen das Zweckentfremdungsverbot als Ganzes und die verfügte Herausgabe der Daten zu klagen – durch alle Instanzen, notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof, wie der Anwalt eines Portals betonte. Das könnte mehrere Jahre dauern. Der Airbnb-Pressesprecher Julian Trautwein beruft sich dabei gerne auf »den Willen der Bürger«, die sich einer vom Unternehmen in Auftrag gegebenen »repräsentativen Umfrage« zufolge mehrheitlich gegen Bußgelder für Anbieter von Ferienwohnungen ausgesprochen hätten. An den Senat appellierte er im Rundfunk Berlin-Brandenburg, »neue Regeln für normale Leute, die ihr eigenes Zu»neue Regeln für normale Leute, die ihr eigenes Zuhause teilen, zu schaffen«. Wobei unter »neue Regeln« wohl Deregulierung zu verstehen ist. Das Verbot der privaten Fahrervermittlung durch Uber ist dagegen zwar derzeit vollstreckbar, doch längst arbeitet der Konzern an Umgehungsstrategien.

Auf den globalen Umsatzzuwachs der Portale haben die Querelen in Deutschland ohnehin kaum Einfluss. Im Gegenteil: Viele Investoren können es kaum abwarten, sich an dem rasant entwickelnden Geschäft zu beteiligen. Im Frühjahr wurde bekannt, dass der japanische Automobilkonzern Toyota bei Uber einsteigt. Neben einer »strategischen Investition« in nicht genannter Höhe (Finanzexperten gehen von einem mittleren dreistelligen Millionenbetrag aus) wurde eine Zusammenarbeit etwa bei Leasing-Angeboten vereinbart. Außerdem sei der Austausch technischer Kenntnisse geplant, etwa über selbstfahrende Autos, an denen beide Firmen arbeiten, hieß es in einer Mitteilung des Wirtschaftsdienstes Reuters. Der VW-Konzern investierte 300 Millionen Dollar in den kleineren Uber-Rivalen Gett. Bereits zuvor hatte, wenn auch in kleinerem Umfang, der US-Automobilkonzern General Motors, zu dem auch Opel gehört, seine Zusammenarbeit mit dem US-Fahrdienstanbieter Lyft bekanntgegeben.

Bei Airbnb ist es nicht anders. Die Deutsche Telekom hat mit dem 2008 in San Francisco gegründeten und seit 2011 in Deutschland aktiven Unternehmen eine umfassende Kooperation vereinbart. Dafür wurde eigens eine App für Android-Smartphones entwickelt. Bei erstmaliger Buchung wird dem Kunden ein Gutschein über 30 Euro in Aussicht gestellt. »Wir wollen unseren Kunden neue Produkte und Services näherbringen, die ihr Leben bereichern. Mit Airbnb bin ich als Reisender kein Fremder, sondern kann mich direkt zugehörig fühlen, weil ich zu Gast bei Gleichgesinnten bin. Das ist ein schöner Aspekt unseres Mottos ›Erleben, was verbindet‹«, erklärte Michael Hagspihl, Geschäftsführer Privatkunden Telekom Deutschland, dazu in einer Pressemitteilung.

Auch das zum Axel-Springer-Konzern gehörende Internetportal »meinestadt.de« hat sich mit Airbnb verbandelt. Das Unternehmen erklärte dazu: »Privatwohnungen, die Urlaubern im Internet zur Miete angeboten werden, liegen im Trend. Denn Privatunterkünfte sind oftmals nicht nur günstiger, sondern auch viel persönlicher als anonyme Hotelzimmer.« Die Kooperation umfasst auch die Akquise und Registrierung neuer Anbieter von Privatquartieren. Entsprechend zufrieden waren die beiden Protagonisten nach dem Abschluss de Geschäfts. Jens Müffelmann, Leiter Geschäftsführungsbereich Elektronische Medien der Axel Springer AG, sagte: »Airbnb ist eines der spannendsten und dynamischsten Internet Start-ups aus dem Silicon Valley. Als Medienpartner werden wir Airbnb beim Ausbau der marktführenden Stellung unterstützen.« Dazu Gunnar Froh, Deutschland-Manager von Airbnb: »Der Umfang des Medienangebots von Axel Springer ist für uns extrem hilfreich, unsere Erfolgsgeschichte und unser Wachstum in Deutschland weiter fortzusetzen.«

Für Airbnb ist das bislang Erreichte aber lediglich eine Zwischenetappe auf dem Weg zum »ganz großen Ding« nach Apple, Google und Facebook. »Die Menschen wollen das, der Aufstieg ist nicht mehr aufzuhalten«, sagte der Airbnb-Co-Gründer und Mitbesitzer Nathan Blecharczyk im Frühjahr in einem Interview. Das Unternehmen wolle in den kommenden Jahren noch weitere Bereiche für sich erschließen: »Essen, Transport und all die anderen Services rund ums Reisen werden künftig für uns eine Rolle spielen.« In diversen Städten seien bereits Teams mit der Entwicklung entsprechender Angebote beschäftigt. Den globalen Markt für Übernachtungen beziffert der Manager auf 500 bis 700 Milliarden Dollar, in der gesamten Tourismusindustrie gehe es aber »um viele Billionen Dollar«. Es wird wohl so kommen, koste es, was es wolle. Und (fast) alle machen mit.

 

 

Ich bin kein Wein-Hipster. Trinke sogar halbtrockenen Elsässer

Wenn ich in einem der einschlägigen Foren Sätze wie „Erich, der mvg GB ist einfach der totale Wahnsinn“ lese, dann wird es mir wieder schmerzlich bewusst: Ich werde wohl nie ein Wein-Hipster werden. Die Bewusstseinsphäre, in der man einen maischevergorenen Grauburgunder vom Weingut Erich Machherndl (Niederösterreich) lässig als „mvg GB von Erich“ in die Netzwelt schmettert, werde ich in diesem Leben nicht mehr erreichen. Natürlich könnte ich dem Autor noch ein szenegerechtes „Geh scheissn, Oida“ hinblättern und mich mit „LOL“ verabschieden, aber das ist bestenfalls 3. Hipsterliga.

Fast noch schlimmer: Ich mag mitunter sogar absolut unhippe Weine. Altmodisches, süffiges Zeugs, das von den großen Dampfplauderern der Weinwelt längst final gedisst wurde. Z.B. diese längst in die Weinhölle verbannten „nicht richtig trockenen“ Elsässer.

Ich gehe mal davon aus, dass Jean Becker dieses ganze Geschwurbel ähnlich Mumpe ist (das ist berlinerisch, fast schon wieder hip) wie mir. In 13. Generation bewirtschaftet er sein Weingut in Zellenberg (Alsace), seit 1985 biologisch zertifiziert. Es gibt Ortsweine, Lagenweine, Grands Crus und edelsüße Beerenauslesen und dabei auch ein wenig Muscat. Das ist so etwas wie der verkannte Star unter den im Elsass zugelassenen Rebsorten. Nur 2,3 Prozent der Rebfläche sind mit einer der beiden verwendeten Varianten Muscat d’Alsace (a petit grains) und Muscat Ottonel bestockt. Die sehr aromaintensive Bouquet-Sorte steht eindeutig im Schatten des Elsässer Flagschiffs Gewurztraminer. Und während sie z.B. in der Steiermark mittlerweile beinhart trockene, fast staubige Muskateller vinifizieren ( die ich ebenfalls toll finde, z.B. von Hannes Sabathi), gibt es bei Becker die berüchtigten „nicht richtig trockenen Elsässer“.

Schon der Gutswein, ein offenbar lagerfähiger 2012er “Tradition”, hat es in sich. Betörender intensiver Blütenduft, feine Muskatnote, vollreife Birnen und Pfirsische und eine Spur kandierte Früchte sowie ein Hauch Zitrusfrüchte bei insgesamt recht verhaltener Säure. Jedenfalls ein schönes, süffiges Mundgefühl und großer Trinkspaß, zudem mit 12,5% ausgesprochen bekömmlich .

Fro(e)h(n) zu sein bedarf es wenig, denn wer Fro(e)h(n hat, ist ein König (Aua!)

Jedenfalls Anlass, um noch einen draufzulegen. Gelegentlich noch erhältlich ist der Muscat Grand Cru Froehn 2007 von Becker. Überraschend frisch, ausgesprochen filigran und mit deutlich ausgeprägterem Säuregerüst präsentiert sich der bernsteinfarbene Wein. Weniger vordergründige Blüten- und Fruchtdröhnung , dafür ein wenig Krokant, reife Mirabelle und auf der „bitter-sauren“ Seite Orangenschale, Bittermandel und (bin mir nicht ganz sicher, aber diese Einschränkung ist schon wieder unhip) Quitte. Auch eine Spur Birnenbrand, aber weit entfernt von unangenehm brandigen Noten, Nicht opulent, aber so richtig elegant.

Die Suche nach Internet-Bezugsquellen spare ich mir jetzt. In Berlin gibt es die beiden Muscats von Becker bei Autos&Weine, für wenig hippe 9,60 bzw. 13,40 Euro.

Und falls der Wein irgend jemandem nicht schmecken sollte: Geh scheissn, Oida, LOL. Na bitte, geht doch…..

Von Pellworm nach Berlin: Mentaler Absturz

Es macht keinen Spaß, nach einem -viel zu kurzen Urlaub- wieder in Berlin anzukommen. Vor allem, wenn man auf einer wunderbaren kleinen Insel wie Pellworm war. Eingebettet in das nordfriesische Wattenmeer und zuweilen umtost von der Nordsee scheinen die 1200 Bewohner igendwie in sich zu ruhen. Das Verhältnis zwischen landwirtschaftlicher Nutzung und Fremdenverkehr erscheint stimmig. Keine Bettenburgen, kein Ballermann-Ambiente,kein Animationsterror, keine großkotzigen Refugien für Superreiche, kein Nordseeromantik-Gedöns, keine überfüllten Hotspots. Alles wirkt ruhig, gelassen gediegen und freundlich, und wer mit sich, der skurillen Wattlandschaft und einigen der über 6000 Schaffe und Lämmer alleine sein will, findet auch in der Hochsaison genügend Platz. Balsam für Körper und Seele, und angesichts der an jeder Ecke angebotenen frischen Schollen auch für Gaumen und Magen. Nur der gelegentliche Blick auf die TV-Nachrichten erinnert daran, dass die Welt kein Ponyhof ist.

Berlin ist anders: Bei der Ankunft in der beginnenden Nacht sehr laut, dazu schmutzig und es riecht schlecht. Am heutigen Sonnabend gibt es eben nicht wie in Pellworm ein beschauliches Hafenfest, sondern eine Demo von Rechtspopulisten im Regierungsviertel nebst Gegenaktionen, einen lärmenden Love-Parade-Gedächtnisumzug und den Start der Wahlkampfplakatierung. Bis zum 18. September ist man schutzlos dem visuellen Terror von grinsenden Hackfressen, dümmlichen Werbesprüchen und grafischen Kokserfantasien ausgesetzt. Einziger Lichtblick ist die Ernte auf dem während meiner Abwesenheit von der Nachbarin offenbar sachgerecht betreuten Balkon. Ein Glück, dass ich wenigstens bald wieder auf den Landsitz nach Wandlitz entfliehen kann. Allerdings mit bangen Gefühlen, denn es soll in der Region in der vergangenen Woche ein nahezu sintflutiges Unwetter gegeben haben und ich erinnere mich noch sehr gut an die entwurzelte Birke vor zwei Jahren.

Zurück in Berlin: Gurken und Tomaten vom Balkon statt Schollen aus der Nordsee.

Eigentlich habe ich nicht viel Lust zu’arbeiten, aber „wat mutt dat mutt“, wie der Pellwormer sagen würde. Auf dem Schreibtisch liegt ein unterschriebener Autorenvertrag für ein Buch nebst (fast noch wichtiger) Gutschrift für einen einigermaßen anständigen Vorschuss. Dazu harrt ein Essay zu Tauschkultur und „Share Economy“ seiner Fertigstellung, und zwei thematisch sehr unterschiedliche Artikel zu der Eisenacher Ausstellung „Bach und die Juden“ müssen allmählich vorbereitet werden. Von wohnungspolitischem Kleinkram und der Besprechung eines großartigen Blauen Zweigelt vom Weingut Netzl will ich gar nicht reden. Und überhaupt: Nach der „Flens-Kur“ in Nordfriesland könnte man ja mal wieder ein Glas anständigen Wein trinken.

Wandlitz bleibt massenmord- und putschfreie Zone

Entweder die Welt dreht sich immer schneller oder ich werde immer langsamer. Kaum konnte man nach dem Massaker von Nizza wieder ein paar klare Gedanken fassen, gibt es in der Türkei einen Putschversuch. Die Oberschlaumeier jeglicher politischer Couleur hatten natürlich sofort perfekte, in sich geschlossene Analysen dieser Ereignisse parat – ich eher Fragen. War der Massenmord von Nizza tatsächlich die Tat eines islamistisch motivierten Terrpristen oder die eines depressiven Psychopathen? Wer steckt eigentlich hinter dem Putsch in der Türkei? Konkurrenten aus dem islamischen Lager? Kemalisten? Oder gar eine Inszenierung von Erdogan?

Der Elbling aus meiner “Stolzenhagener Wildschweingrube” (Lage im Alleinbesitz) in voller Pracht.

Zeit zum Abschalten. In Wandlitz ist die Wahrscheinlichkeit eines Massakers bzw. eines Militärputsches relativ gering (obwohl: heutzutage weiß man ja nie…) An der Glyphosatdebatte beteilige ich mich mit Taten, nämlich manueller Bearbeitung meines Beetes. Die Tomaten werden immer praller und bald reif sein, der Spitzkohl muss jetzt endgültig raus und der Wein in meiner Alleinlage „Stolzenhagener Wildschweingrube“ gedeiht ebenfalls prächtigt. Alles ist relaxed, sogar die Arbeit. Denn heute wird entschieden, über welchen Wein des Weinguts Netzl (Carnuntum/Österreich) ich in der nächsten Ausgabe von „Effilee“ eine kleine Besprechung veröffentliche: Den Zweigelt Haidacker 2013 oder den Cabernet Sauvignon Aubühel 2014. Beides wunderbare, tiefgründige Weine mit Frische und Würze ohne holzige Nerverei. Als Entscheidungshilfe kommen ein paar marinierte Stücke aus der Hirschkeule und Rosmarinkartoffeln aus dem Ofen auf den Tisch. Genuss ist schließlich Notwehr.

 

 

 

Dämpfer für Schland

Es ist vorbei. Die Fahnen und Fähnchen werden (hoffentlich) bald wieder eingerollt, beim Bäcker gibt es wieder Schrippen statt „Europameister-Brötchen“, weitere enthemmte Autokorsos bleiben uns ebenso erspart wie eine furchtbare Schland-Feier vor dem Brandenburger Tor, bei der womöglich sogar die grauenvolle Frau Fischer wieder in Erscheinung getreten wäre. Das noch ausstehende Finale zwischen Frankreich und Portugal kann zumindest aus deutscher Sicht unter rein sportlichen Aspekten angeschaut werden.

Natürlich haben diese beiden Mannschaften das Erreichen des Finales verdient, jedenfalls keinen Deut weniger, als es bei einigen ausgeschiedenen Mannschaften (vor allem Italien und Deutschland) der Fall gewesen wäre. Die beiden Finalteams haben sich nach schwachem Beginn während des Turniers gefunden und gesteigert, spielen auf hohem taktischen Niveau und haben einige überragende Einzelkönner in ihren Reihen (vor allem Griezmann und Ronaldo), die nicht zufällig auch die Scorerliste anführen). Und natürlich ist Deutschland nicht „trotz drückender Überlegenheit unverdient“ ausgeschieden, wie heute gelegentlich zu hören war. Wer sich in einem Halbfinalspiel gegen ein Spitzenteam zwei derart horrible Abwehrkorken leistet wie Schweinsteigers Handballeinlage und Kimmichs Gurkenpass hat schlechte Karten für einen Sieg. Zumal Deutschland in Ermangelung eines „echten“ zentralen Stürmers gegen gut organisierte Abwehrreihen viel zu selten wirklich gefährliche Aktionen vor dem Tor generieren kann. Deutschland hat in Bestbesetzung eine sehr gute Abwehr und das vielleicht beste defensive und offensive Mittelfeld der Welt, aber derzeit weder einen Griezmann, Giroud oder Payet, noch einen Ronaldo, Nani oder Quaresma. Auf das Finale bin ich jedenfalls gespannt, auch wenn zu befürchten ist, dass es nicht unbedingt eine Augenweide wird.

Ja, es gab auch Überraschungen, wenn auch nicht in dem Ausmaß, wie bisweilen getrötet wurde. So richtig den Rahmen des Vorstellbaren gesprengt haben eigentlich nur die Siege von Wales gegen Belgien (im Viertelfinale) und von Island gegen England (im Achtelfinale). Absolut erwartbar dagegen das frühe Scheitern des selbsternannten „Geheimfavoriten“ Österreich, das sich – wie eigentlich immer – als inferiore Gurkentruppe präsentierte.

Politisch und soziokulturell ist die EM nicht so schlimm verlaufen, wie zu befürchten war. Natürlich haben sich auch einige deutsche Fans in Frankreich wieder artgerecht daneben benommen, und auch hier gab es nationalistische oder einfach nur debile Aufwallungen. Aber immerhin wurde nicht bekannt, dass es spezielle „Siegesfeiern“ in Form von Überfällen auf Flüchtlinge und andere Ausländer gab, wie bei der WM 2014 noch zu beobachten war. Das kann man im heutigen Deutschland bereits als positiv werten. Vielleicht liegt es ein bisschen daran, dass sich eine deutsche Nationalmannschaft, in der Mesut Özil. Sami Khedira und Jerome Boateng zu den tragenden Säulen gehören und Leroy Sané, Antonio Rüdiger, Emre Can und Jonathan Tah als große Zukunftshoffnungen gelten, wenig als Projektionsfläche für rassistischen Herrenmenschenwahn eignet. Aber ich gehöre auch nicht zu jenen Neurotikern, die hinter jeder zur EM gehissten Fahne und anderen schwarz-rot-goldenen Fan-Utensilien gleich eine rechte Gesinnung oder Schlimmeres wittern. Und zweifellos vorliegende ästhetische Zumutungen entziehen sich einer politischen Bewertung.

Sehr lustig dagegen der allgemeine Hype um Island – ein weit abgelegener, irgendwie sympathischer Zwergstaat und Hort der patronymischen Namensgebung . Das heißt, fast alle Männer heißen xxx-son und die Frauen xxx-dottir. In Verbindung mit einigen Äußerlichkeiten und dem Image der verschworenen Underdog-Gemeinde erinnerte das dann stark an das gallische Dorf von Asterix und Obelix. Da fällt kaum ins Gewicht, dass der inzwischen wohl in ganz Europa bekannte, von anschwellendem und schneller werdendem Klatschen begleitete „Wikinger-Schlachtruf“ (HUH, HUH, HUH usw.) ein Fake ist und ursprünglich in der Fanszene eines schottischen Klubs entwickelt wurde. Umso sympathischer, dass Frankreichs Fans dieses Spektakel jetzt adaptiert haben.

Die ersten Vorspeisen zum Finale gibt’s schon heute: Schnecken (Frankreich)- und Sardinen (Portugal)-Paté

Für mich war die EM jedenfalls eine recht angenehme Abwechslung und ein willkommener Anlass mich ein wenig mit der Historie und derzeitigen Verfasstheit der teilnehmenden Länder zu beschäftigen. Da war wirklich fast alles dabei, was Europa so zu bieten hat: Autokratisch-reaktionär regierte Osteuropäer (Ungarn, Polen), korrupte Balkan-Staaten (Albanien, Rumänien), ein Land im Bürgerkrieg (Ukraine), die Länder der Brexit-Kicker, die von Terror und permanenter Unregierbarkeit gebeutelten Belgier, die durchgeknallten Neo-Osmanen aus der Türkei, wirtschaftlich kriselnde Süd- und Mitteleuropäer (Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, Irland) und mehr oder weniger nationalistisch und wohlstandschauvinistisch agierenden Abschotter mit erstarkenden rechtspopulistischen Bewegungen (Frankreich, Deutschland, Schweden, Schweiz, Österreich) Auch die Hymnen habe ich mir -soweit noch nicht bekannt- angehört, und auch da war Island ganz weit vorne.

Es wird niemanden überraschen, dass meinerseits auch die Ess- und Trinkgewohnheiten einiger Länder zu den jeweiligen Spielen zelebriert wurden. Abgesehen von Wales war das ab dem Halbfinale ziemlich erbaulich. Auch in dieser Hinsicht ist das Finale zwischen Frankreich und Portugal über jeden Zweifel erhaben. Heute wird schon mal ein bisschen vorgefeiert. Eine französische „Délice d’escargots à la persillade“ wird sich mit einer portugiesischen „Paté de Sardinha Picante“ messen. Sozusagen neutraler Schiedsrichter wird – ein kleiner Tribut an die große, stilprägende Ära dieser Mannschaft – ein spanischer Rosé (sortenreiner Mencia aus Bierzo). Und damit mir keiner vorwirft, ein „Antideutscher“ zu sein: Das Dinkel-Weißbrot stammt aus der „Meisterbäckerei“ in Berlin-Moabit.

Von Toren, Toten, Hecken, Gewürzen, der PARTEI und Rotwein.

Es gibt halt Prioritäten. In den 60-Minuten-Schleifen der Nachrichtensender (Rundfunk) verkamen die Anschläge in Bangladesh und Bagdad am Wochenende angesichts epochaler Ereignisse bei der Fußball -EM zu Randnotizen. Was sind schon 150 Tote gegen einen gehaltenen Elfmeter.

Auch andere Ungeheuerlichkeiten werden kaum noch wahrgenommen. 400.000 Griechen – zumeist jung und gut ausgebildet – haben das von der Troika ausgepresste Land aufgrund der Wirtschaftslage in den vergangenen Jahren verlassen. Derweil fordert der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger Strafmaßnahmen gegen Spanien und Portugal wegen mangelnder „Sparanstrengungen“. Selbst der „Brexit“ und seine schwer kalkulierbaren Folgen für Europa sind im Vergleich zu den maladen Muskelfasern von Gomez und Khedira nur Petitessen. Und von der AfD, die jetzt die Abschaffung der Inklusion von behinderten Kindern zu einer der zentralen Wahlkampfforderungen in Nordrhein-Westfalen gemacht hat, spricht angesichts der Probleme des offensiven deutschen Mittelfeldes bei der „Eroberung und Besetzung von Räumen“ (O-Ton Steffen Simon am Sonnabend in der ARD ) ohnehin niemand.

Ich habe mich angesichts gewisser bedrohlicher Zuspitzungen in der jüngeren Vergangenheit manchmal gefragt, ob mein Eintreten für die PARTEI, z.B. bei den bevorstehenden Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus, im Moment richtig ist. Zumal mit einige dort zur Schau gestellte Formen von Narzissmus derzeit ein wenig auf den Wecker gehen. Doch wenn man diese albernen, auf Postensicherung bedachten Polithanseln von SPDCDUGRÜNELINKE dann wieder in ihrer vollen Pracht erlebt, sind derartige Zweifel schnell verflogen. So wäre ich fast versucht gewesen. meine Erststimme in meinem Moabiter Wahlkreis Steve Rauhut zu geben, einer zweifellos sozial engagierten, ehrlichen Haut, der als Parteiloser für die LINKE kandidiert. Doch dann ließ sich Rauhut Mitte Juni – offensichtlich stolz wie Bolle – von „unserem“ neoliberalen Kriegspräsidenten Gauck bauchpinseln, als dieser eine Veranstaltung in Moabit besuchte.

Sorry, aber da kann ich mein Kreuz nicht machen. Also doch: Es lebe die PARTEI, hurra! Denn sie hat in der aktuellen Situation das einzig realistische Politikverständnis und -konzept.

Dennoch drückt die Verfassung unserer Gesellschaft gelegentlich auf’s Gemüt. Zumal ich mir meiner Hilf- und Einflusslosigkeit vollkommen bewusst bin. Deutschland erscheint mir von einer dringend notwendigen sozialen Umwälzung Lichtjahre entfernt zu sein. Derweil entblöden sich diverse Linke nicht, den „Brexit“ als eine Art emanzipatorischen Akt der englischen Arbeiterklasse zu bewerten, obwohl er offenmsichtlich eine Art Dammbruch für den weiteren Vormarsch von Rassismus und antimoderner Dumpfheit in ganz Europa ist. Aber ein einigermaßen griffiges Angebot für die Abgehängten und Prekarisierten haben sie auch nicht, außer der Revolution natürlich.

Und was mache ich? Ein paar Artikel für Zeitungen, Zeitschriften und Magazine schreiben, ein neues Buch in Angriff nehmen. Was soll ich auch sonst machen, ich muss ja schließlich meine Miete bezahlen. Und so ganz will ich mir meine Lebensfreude auch nicht verderben lassen. Die Etüden und Preludien auf dem Klavier werden allmählich wieder etwas flüssiger, auf dem Landsitz wurde mit energischem Einsatz von Heckenschere und Fuchsschwanz freie Sicht auf das Feld geschaffen. Im Kampf gegen Maulwurfshügel und „märkische Sandbüchse“ wurde ein bedeutender Etappensieg erzielt, Salate, Spitzkohl und Kohlrabi sind verzehrreif und ich freue mich schon auf die Tomaten. Und als Krönung gab’s am Sonnabend ein paar Scheiben undglaublich guten gegrillten Lammrücken sowie den besten Rhabarberkuchen, den ich je gegessen habe. Auch mal wieder einen „Schwäppchenwein“, da Lidl derzeit eigentlich höherpreisige, ziemlich gute Bordeaux-Weine für fünf Euro verramscht. Und auf meinem Balkon in Moabit sprießen die Blüten vom violetten Strauchbasilikum, einem der spannendsten Gewürze überhaupt

Wer das nicht anbaut, ist selber Schuld.

Natürlich werde ich mir auch die beiden Halbfinals und das Endspiel der EM angucken. Ich hoffe auf eine Finale Frankreich gegen Portugal, weil das ein guter Vorwand wäre, mir anlassgemäß ein paar Austern, ein wenig Gänsestopfleber, Sardinen und ein Stubenküken nebst passenden Weinen zu besorgen. Das klingt irgendwie komisch oder auch wirr, aber Genuss ist bekanntlich Notwehr.

Zu Austern: Es muss nicht immer Elbling sein

Als Sonderermittler der Geschmackspolizei hat man ständig zu tun. Sinnlos gehypte Weine müssen ebenso öffentlich gebrandmarkt werden wie brutale Geschmacksverirrungen bei der Kombination von Speisen und Wein. Manchmal müssen wir sogar Fatwas erlassen, z.B. gegen so genannten Prosecco, Glühwein und Federweißen.

Was Austern betrifft, ist die Sache eigentlich klar. Schon vor über zehn Jahren – damals noch in der Ostberliner Satirezeitung „Junge Welt“ – wurde verfügt, dass zu Austern ausschließlich der Konsum von Elbling gestattet ist. Unsitten wie Chardonnay, Sauvignon Blanc, Champagner oder gar Riesling wurden als strafwürdige Geschmacksverbrechen eingestuft. Natürlich haben wir auch mal ein Auge zugedrückt, besonders der fast bretonische „Gros Plant“ und einige gelungene Muscadets wurden stillschweigend geduldet.

Doch als wichtige geschmackspolitische Instanz müssen wir unsere Verdikte natürlich regelmäßig überprüfen. Und deswegen freuen wir uns mitteilen zu können, dass in bestimmten Fällen der Genuss von Picpoul de Penetnicht nur gestattet, sondern sogar dringend anzuraten ist. Die vor allem im Languedoc angebaute Sorte weist zum einen die typischen Insignien eines optimalen Austern-Begleiters – also Elbling – auf: Knackige Säure und frische Zitrusnoten. Doch wenn man es mit den Austern aus der Nachbarschaft am Mittelmeer zu tun hat, kann der Picpoul noch einen drauflegen, was in diesem Fall auch nötig ist.

Manchmal darf man auch was anderes als Elbling zu Austern trinken

Die Austern aus Bouzigues sind deutlich salziger als die Kollegen aus der Normadie und haben zudem eine deutliche Würze, Algengeschmack und nussige Noten zu bieten. Da kann ein richtig guter Picpoul angemessen gegenhalten. Der 2015er Domaine Felines Jourdan betört mit ein wenig Anis, satter Zitrusfrucht und einer leicht steinigen Note. Das lange Hefelager hat ihm viel Saft und Schmelz verschafft. Fazit: Genehmigt.

Aber nicht, dass hier jemand übermütig wird. Elbling bleibt die Nummer 1 für Austern. Und der Genuss der oben genannten Getränke bleibt umstandslos verboten!.

 

 

 

 

 

 

 

 

Brexit – nein danke!

Da morgen möglicherweise vieles in Scherben fällt, wollte ich heute eigentlich noch mal meinen Rasen mähen. Aber dafür ist es definitiv zu heiß. Also lieber Schreibtisch leer arbeiten, ununterbrochen kalten grünen Tee und Wassermelonensaft mit Zitrone und Minze trinken und ein bisschen über Europa sinnieren.

Einiges spricht dafür, dass sich die Briten knapp für den Verbleib in der EU entscheiden werden. Und trotz der Komplexität dieser Angelegenheit bin ich der Anschauung: Das wäre auch gut so. Auch wenn mich das auf der nach oben offenen Verräter-Skala linksradikaler Hüter des absoluten Durchblicks weiter nach oben katapultieren wird. Falls das angesichts meiner Ablehnung der Losung „Offene Grenzen und Bleiberecht für Alle“ überhaupt noch geht.

Die Brexit-Kampagne in Großbritannien ist eindeutig nationalistisch und teilweise rassistisch konnotiert. Natürlich sind auch viele Briten zu Recht einfach sauer auf ihre Regierung, haben Angst vor Prekarisierung, Jobverlust und Verfall der öffentlichen Daseinsvorsorge, z.B. im Gesundheitswesen. Doch die Brexit-Kampagne lebt von von dem Zerrbild, dass dafür die britischen Zahlungen an die EU sowie die Niederlassungsfreiheit für EU-Bürger verantwortlich seien. Was natürlich Quatsch ist. Denn ein Brexit würde an der neoliberal geprägten Klassenherrschaft in GB nichts ändern und die ökonomische Situation des Landes zudem eher verschlechtern. Dazu käme, dass es ein grandioser Erfolg für die Rechtspopulisten und Rassisten von UKIP bis hin zu Teilen der Tories wäre, der einen europaweiten Schub für derartige Bewegungen auslösen könnte.

Dass einige :Linke behaupten, ein Votum für den Austritt wäre vor allem ein Votum gegen die neoliberale Politik der EU und der britischen Regierung, ist abenteuerlich. Natürlich ist die EU in ihrer jetzigen Form ein undemokratisches, von Kapitalinteressen dominiertes Konstrukt, an dessen „Reformfähigkeit“nur zu berechtigte Zweifel existieren. Auch haben die Machteliten in der EU – nicht nur , aber vor allem die Deutschen – hinlänglich bewiesen, dass sie bereit sind, bei der Durchsetzung ihrer Austeritätspolitik im Euro-Raum buchstäblich über Leichen zu gehen (s.Griechenland). Und schon ohne „Brexit“ sind die Zentrifugalkräfte in der EU derzeit so stark, wie zu keinem Zeitpunkt ihres Bestehens. Der Widerstand gegen jegliche Form der europäischen Integration kommt in erster Linie aber nicht von links, sondern von rechts. So wollen starke linksnationalistische Bewegungen wie in Schottland und Katalonien zwar ihre nationale Unabhängigkeit in den jeweiligen Zentralstaaten durchsetzen, aber keinesfalls die EU verlassen.

Ihre Fähigkeit, aggressiven Nationalismus nebst Re-Etablierung vordemokratischer, autokratischer Strukturen in den Mitgliedsstaaten zu verhindern oder wenigstens einzudämmen hat die EU schon jetzt weitgehend verloren. Ungarn und Polen könnten in ihrer jetzigen Verfassung gar nicht mehr in die EU aufgenommen werden, wenn man deren Mitgliedschaftskriterien zu Grunde legen würde. Schon jetzt ist die EU in der Flüchtlingsfrage weitgehend handlungsunfähig, eine geregelte Aufnahme und Verteilung von Flüchtlingen findet aufgrund des Widerstands der meisten Mitglieder nicht statt.-Kleinster gemeinsame Nenner ist stattdessen eine rigorose Abschottungspolitik und ein perverses Zweckbündnis mit dem durchgeknallten Schwerverbrecher, der die Türkei beherrscht.

Ein „Brexit“ wäre vor diesem Hintergrund jedenfalls kein irgendwie geartetes Aufbruchsignal für ein demokratisches Europa, dass auch seinen politischen und humanitären Verpflichtungen gegenüber Flüchtlingen nachkommt und Schritte für die Verbesserung der Lebenssituation in den Ländern Europas realisiert – sondern das genaue Gegenteil.

Ja, die EU ist ziemlicher Bullshit. Doch aktuell gibt es leider keine realistische Alternative. Außer der, dass sich die Marginalisierten, Ausgebeuteten und Prekarisierten in allen Ländern endlich machtvoll zu Wort melden, um dem neoliberalen Spuk ein Ende zu machen. Doch abgesehen von Spanien, Griechenland und Portugal wird soziale Unzufriedenheit derzeit erfolgreich von rechten und rassistischen Bewegungen kanalisiert. Ein Brexit würde diese Entwicklung gewaltig befördern. Und darauf habe ich keinen Bock.