Geh doch nach Portugal

Wenn man seine erste „Bica“, wie die extrem kräftige portugiesische Variante des Espressos heißt, getrunken hat, weiß man, dass man angekommen ist. Und wenn die erste Caldo verde – die klassische Gemüsesuppe – auf dem Tisch steht, freut man sich auf die kommenden Tage.

Doch eigentlich soll es ja um Wein gehen, schließlich befindet sich unsere kleine Journalisten- und Händlergruppe auf Einladung des portugiesischen Weininstituts im Land. Es gibt unendlich viel zu entdecken: Hierzulande weitgehend unbekannte Rebsorten, Gutes für wenig und weniger Gutes für sehr viel Geld, Überzeugungstäter und Marktkonformisten, Überraschungen und Enttäuschungen. Dies gilt es für mich zunächst zu ordnen, bevor ich -wie immer betont subjektiv- über Winzer und Weine aus einigen Regionen berichten werde.

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Landpartie nach Kladow statt Journalistenfron

Eigentlich sollte ich am Freitag zu einer mietenpolitischen Konferenz fahren. Doch ich habe abgesagt, weil ich bereits für einen Ausflug der ganz anderen Art verabredet war. Landpartie war angesagt, so richtig im alten (West)Berliner Stil: Mit der S-Bahn nach Wannsee, von dort mit der BVG-Fähre nach Kladow und auf Schusters Rappen immer an der Havel entlang zum HavelGut. Dahinter verbirgt sich ein Cafe mit gehobenem Imbiss, der in erster Linie Salate und Gemüse vom nahe gelegenen Bio-Hof SpeiseGut umfasst, aber auch einen grandiosen Wildschwein – Burger im Dinkelbrötchen und einer Reneclauden-Reduktion als Soße. Ferner kann man dort frisches, saisonales Obst und Gemüse des Betriebs kaufen.

Verkaufstisch im Kladower “HavelGut”. Braucht man eigentlich mehr?

Da ich mich bekanntlich bei meinen Stadtfluchten hauptsächlich im nordöstlichen Umland (Wandlitz) aufhalte, hatte ich überhaupt nicht mehr auf dem Schirm, wie schön und teilweise idyllisch dieser westliche Rand des alten Westberlins sein kann, nur die Motorboote auf der an eine Bundesstraße erinnernden Havel nerven. Doch im Havelgut ist es ruhig. Und nichts erinnert mehr daran, dass in der unmittelbaren Nähe noch vor 25 Jahren martialische Grenzanlagen standen. Weiterlesen

Klaus Wowereit tritt ab. Na und?

Kaum kündigt der international bekannte Flughafenbaumeister Klaus Wowereit an, dass er seinen Job als Regierender Bürgermeister Berlins im Dezember an den Nagel hängen will, geht das Gegreine und die Lobhudelei los. Er sei “das Beste gewesen, was Berlin in dieser Phase passieren konnte”, war da zu lesen, oder auch, er habe “Berlin zu einer Metropole gemacht”. Und natürlich betonen alle, vom Unternehmerverband bis zu Gewerkschaften, von der CDU bis zu den LINKEN, dass er ihnen fehlen werde.

In der Tat hat sich “Wowi”, wie er in typisch Berliner Dumpfbackigkeit liebevoll genannt wurde, einen Platz in den Annalen der Hauptstadt gesichert, unter anderem durch sein öffentliches Outing beim Amtsantritt (“Ich bin schwul, und das ist gut so”) oder seine Charakterisierung der Stadt (“Berlin ist arm, aber sexy”). Ferner hat er das Trinken von Champagner aus roten Damenschuhen in die Berliner Partyszene eingeführt.

Das würde für einen Platz in der Ruhmeshalle natürlich nicht reichen. Doch Wowi hatte noch mehr zu bieten. Mit seinem Programm (“Sparen, bis es quietscht”) leitete er eine Welle der Deregulierung und Privatisierung sowie der Ausdünnung der sozialen Infrastruktur ein, wie sie die Hauptstadt seit 1945 noch nicht erlebt hatte. Weiterlesen

Zwischen Olympiawahn und Gartengemüse

Die meinen das tatsächlich Ernst! Der Berliner Senat hat am Dienstag beschlossen, sich um die Austragung der Olympiade 2024 oder 2028 zu bewerben. Während in der chronisch klammen Stadt Schulturnhallen und Freizeitsportanlagen vor sich hin verfaulen, sollen Milliarden für ein Leistungsportspektakel rausgehauen werden, damit sich die korrupten IOC-Bosse und die beteiligten Konzerne mal wieder die Taschen vollstopfen können.

Genau, so ist es!
Quelle: NOlypia Berlin/facebook

Ich baue darauf, dass sich die Berliner diesen Irrsinn nicht gefallen lassen. Und falls doch, dann haben sie bei mir gründlich und endgültig verschissen, um es mal derb auszudrücken. Und das sage ich als geborener und überzeugter (West)Berliner. Schließlich haben es ja selbst die tumben Münchener geschafft, diesen Unfug bei sich zu verhindern. Jedenfalls sitzt die NOlympia-Bewegung auch in Berlin schon in den Startlöchern

Kommen wir zur Genussfront. Der Spätsommer hat auf meinem Brandenburger Landsitz Einiges zu bieten. Weiterlesen

Gegen den IS hilft auch Riesling nur bedingt

Dass die Welt sozial, ökologisch und geopolitisch immer mehr aus den Fugen gerät, ist kein sonderlich origineller Befund. Allerdings kann man im satten, vergleichsweise zivilisierten Deutschland allmählich das Gefühl bekommen, dass die Einschläge immer näher rücken. Der Konflikt um die Ostukraine steht an der Schwelle zum regulären Krieg, für den Konflikt im Nahen Osten ist keine Lösung in Sicht und in einigen arabischen Staaten breitet sich der islamistische Terror mit bisher ungekannter Wucht aus. Und es ist nur eine Frage der Zeit, dass sich diese Spielart der „Gotteskrieger“ auch in Ländern wie Deutschland deutlich bemerkbar machen wird, zumal etliche Kämpfer hier rekrutiert wurden.

Da kann man schon Mal panisch werden, vor allem im Kopf Weiterlesen

Nicolas Berggruen: Ein Abzocker verpisst sich

Als der Milliardär Nicolas Berggruen vor rund vier Jahren die marode Warenhauskette Karstadt für einen Euro aus der Insolvenz übernahm, wurde er wie eine Lichtgestalt gefeiert. Der „feinsinnige Kunstliebhaber“, „Philanthrop“ und „Philosoph“ kündigte in unzähligen Interviews und Talkshows an, eine „Vision“ zu haben, wie er das zuvor von diversen Hasardeuren und Heuschrecken gebeutelte Handelsunternehmen konsolidieren und in eine große Zukunft führen könne.

Doch schon bald war der Lack ab. Berggruen investierte mitnichten Geld in die dringend notwendige Modernisierung der Filialen und des Sortiments, sondern presste den Konzern u.a. durch die Markenrechte und seine Mitarbeiter weiterhin aus. 2013 veräußerte er die Mehrheitsanteile an den Premium-Kaufhäusern KaDeWe, Oberpollinger und Alsterhaus sowie der profitablen Sport-Filialen an den mittlerweile in 2. Instanz wegen Korruptionsdelikten verurteilten österreichischen Immobilientycoon René Benko. Am Freitag ging schließlich auch noch der Rest über den Tresen, also die verbliebenen Anteile am Premium-Segment sowie die weiteren 83 Filialen. Weiterlesen

Austern in Wandlitz: Wenn das der Genosse Honecker wüsste

Ein bisschen dekadent kam ich mir schon vor, als der Rasenmäher blockierte, weil sich ein Champagnerkorken im Schneidwerk verklemmt hatte. Und das auch noch ausgerechnet in Wandlitz, einem der symbolträchtigsten Orte der verblichenen sozialistischen DDR. Vom Genossen Erich Honecker, der in der nahe gelegenen Waldsiedlung residierte, weiß man ja, dass seine Genussansprüche eher bescheiden waren: Rotkäppchen reichte vollkommen.

Rotkäppchen reicht natürlich nicht, aber es muss auch nicht immer Champagner sein. Zumal auch der Verzehr einer 40-Euro-Boutteile mitunter recht enttäuschend sein kann. Besagter Klemm-Korken stammte jedenfalls von einem wenig gelungenes Champagner-Exemplar, das ich gemeinsam mit dem trotzkistischen Bürokraten, einem bürgerlich-liberalen Journalisten und einem publizistischen Gewerkschaftsknecht vertilgt hatte: Dumpf-mumpfiger Hefegeschmack, kaum Frucht, viel zu flache Säure. Weiterlesen

Kein Witz: Ein genussaffiner Bau-Gewerkschafter

Es gibt Berufsgruppen, deren Angehörigen man partout nicht zutrauen mag, dass sie etwas Anständiges kochen können. Ganz oben auf dieser Liste stehen bei mir Gewerkschaftsfunktionäre. Denn wer sich auf Festivitäten, Kongressen und anderen Veranstaltungen der eigenen Organisation so barbarisch abspeisen lässt, wie das bei Gewerkschaften meistens der Fall ist, der kann keinen Sinn für Genusskultur haben.

Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Da gibt es in Berlin z.B. einen Gewerkschaftssekretär der IG BAU, der sogar einen eigenen Koch-Blog betreibt. „Vaters Delikatessen“ heißt die Seite, und da der mir im Rahmen meiner journalistischen Tätigkeit auch persönlich bekannt gewordene Kollege auf den Namen Hivzi Kalayci hört, kann man sich vorstellen, in welche Richtung das geht.

Aktuell wird gerade die Zubereitung von Linsenbouletten erklärt. Daran bin ich in der Vergangenheit des Öfteren gescheitert, weil die Masse einfach nicht vernünftig binden wollte Aber ein Bau-Gewerkschafter weiß wie man Zement anrührt, und dann kriegt er das natürlich auch mit den Linsenbouletten hin: Feine Hartweizengrütze ist die Lösung.

Sein Rezept ist jedenfalls amtlich. Ich habe lediglich auf Dill verzichtet (kann ich nicht ab) und dafür Koriander benutzt. Ansonsten 1 zu 1 nachgekocht. Schmeckt großartig!

Hivzi Kalaycis Lisenbouletten: Ein Gedicht

Eigentlich will Kalayci auch immer einen Wein zu seinen Rezepten empfehlen. Hat er diesmal vergessen. Na da helfen wir doch gerne: Wie wär’s mir einem Kalecik Karasi (so heißt die Rebsorte) „Terra” 2011 aus der Provinz Denizli? Den habe ich vor einigen Monaten ausführlich bei Captain Cork besprochen. In der Nase feine Gewürz- und Blumennoten, besonders deutlich sind Jasmin und Wacholder. Am Gaumen milde Säure, sanfte Tannine, ein Hauch von Holz und mit der Zeit auch Spuren von roten Früchten und getrockneten Datteln. Passt jedenfalls hervorragend zu den Linsenbouletten.

Bleibt die Hoffnung, dass die Genussaffinität auch bei Bau-Gewerkschaftern weiter an Bedeutung gewinnt. Denn Genuss ist bekanntlich Notwehr, und das gilt auch für Tarifrunden und Gewerkschaftstage.

 

Brandenburg: Sie lernen es nie

Viele Berliner zieht es derzeit zum Wandlitzsee, der sowohl ein recht ansehnliches Freibad, als auch diverse wilde Badestellen zu bieten hat. Zudem befindet sich der gleichnamige Bahnhof der Regionalbahn direkt gegenüber vom Haupteingang des Bads.

Allerdings möchte ich jedem Sommerfrischler empfehlen, vor der Anreise ausreichend Nahrung zu sich zu nehmen oder Proviant einzupacken. Falls dies – aus welchen Gründen auch immer – unterblieben ist, sollte aber auf alle Fälle der Versuchung widerstanden werden, das Imbissangebot der neben dem Bahnhof gelegenen Fleischerei Wolff in Anspruch zu nehmen. Denn in diesem Familienbetrieb werden die großen Traditionen Brandenburgs hingebungsvoll gepflegt.

Mein erster Versuch, dort eine Kleinigkeit zu verzehren, scheiterte an der Imbissverkäuferin, die mich und die weiteren potenziellen Kunden in der Schlange schlicht ignorierte und statt dessen eine angeregte Konversation mit einem Bekannten führte. Natürlich guckte ich mir diese Vorführung märkischer Kommunikations- und Service-Kultur nur wenige Minuten an und zog dann ungesättigt von dannen. Was eigentlich ein Glücksfall war, denn noch schlimmer, als bei Wolff nicht bedient zu werden, ist es bedient zu werden.

Der Biohof Gerstel in Wandlitz: Ein kleiner Lichtblick in der örtlichen “Esskultur”

Hier schmeckt die stets reichliche Panade noch so richtig schön nach Sägespänen und nasser Pappe. Hier bekommt man noch so richtig faserig-zähe Schnitzel. Hier kommen die Fischfilets noch aus der Gefriertruhe und schmecken nach kurzem Bad in der Fritte im Inneren noch ziemlich roh. Hier wird der Wunsch nach einem Stück Fisch ohne Panade noch mit einem souveränen „Ham wa nich“ beantwortet.

Wir sind in Brandenburg, und seit dem Erscheinen des gleichnamigen Songs von Rainald Grebe vor einigen Jahren hat sich wenig geändert. Doch es gibt Ausnahmen und sogar Möglichkeiten, den kleinen Hunger auch am Wandlitzsee unfallfrei zu stillen. So findet man direkt gegenüber von der Fleischerei Wolff ein Geschäft, das zwar wenig Vertrauen erweckend “Atze`s Angelladen” heisst, aber dennoch einen sehr guten Fischimbiss betreibt. Und auf der Rückfahrt sollte man einen kleinen Abstecher zum Biohof Gerstel machen und kann sich in dem kleinen Hofladen mit saisonalem Obst, Gemüse, Salaten und Kräutern aus eigenem Anbau sowie wunderbaren Fruchtaufstrichen und frischen Eiern versorgen. Und das zu Preisen, die das Vorurteil, dass Bio immer abnorm teuer sein muss, eindrucksvoll widerlegen.

 

 

 

 

 

Prost, Adorno

Achtung VDP! Hier entsteht ein neues “Großes Gewächs”, der 2014er “Stolzenhagener Wildschweinkuhle”.

Es gibt Menschen, die den wohl berühmtesten Satz von Theodor W. Adorno („Es gibt kein richtiges Leben im falschen“) zwar kennen, aber vollkommen absurd interpretieren. Bei der poststalinistischen Komiker-Postille „Junge Welt“, für die ich 12 Jahre als Redakteur tätig war, musste ich mir den Spruch des Öfteren anhören, meistens verbunden mit Begriffen wie „kleinbürgerlich“ oder „dekadent.

Ich halte jetzt keinen Vortrag über Adornos „Minima Moralia“. Sondern ich freue mich, dass ich inmitten von Kriegen, alltäglicher sozialer Ausgrenzung und fortschreitender Abstumpfung der meisten Menschen die Ruhe und Muße finde, mich zeitweilig auszuklinken. Dazu brauche ich keine Fernreise, kein „Wellness-Wochenende“, keinen Abenteuer-Urlaub oder irgendwelche Events. Sondern nur mein Fahrrad und den Schlüssel zu meinem Wandlitzer Sommerlandsitz. Dort ist vor allem Ruhe – und Schönheit. Nein, keine spektakuläre Landschaft, sondern ein Feld hinter und der Wald vor dem Haus. Dazu mein leicht verwilderter aber sattgrüner Rasen, die ersten reifen Tomaten sowie eine richtig fette Gurke und ein paar Kohlrabi-Köpfe aus dem Beet. Selbst meine Rebstöcke, die in den vergangenen wenig Freude bereiteten, sehen diesmal großartig aus. Alles Früchte mitunter anstrengender, aber vollkommen unentfremdeter Arbeit. Und die geht weiter: Brokkoli und Blattsalat sind „durch“, dort wird dann eine späte Mangoldsorte gesät. Und wo was Anständiges wachsen soll, muss im Hochsommer auch ständig gegossen oder gar gewässert werden. Zur Erfrischung steht der nahe gelegene See oder auch die Gartendusche zur Verfügung. Abends fangen die Vögel an zu zwitschern, und auf der Terrasse werden ein paar Garnelen oder Fische gegrillt. Und dazu gibt es in der Regel einen anständigen Wein, diesmal war es der großartiger 2013er Weißburgunder von Stephan Steinmetz. Denn ich brauche auch keine teuren oder angesagten Weine, sondern gute.

Ich wünsche jedenfalls allen Menschen möglichst viele „ereignislose“ stressfreie Tage. Wohl wissend, dass unsere Gesellschaft so deformiert ist, dass das das für die Meisten der nackte Horror ist.