Nicolas Berggruen: Ein Abzocker verpisst sich

Als der Milliardär Nicolas Berggruen vor rund vier Jahren die marode Warenhauskette Karstadt für einen Euro aus der Insolvenz übernahm, wurde er wie eine Lichtgestalt gefeiert. Der „feinsinnige Kunstliebhaber“, „Philanthrop“ und „Philosoph“ kündigte in unzähligen Interviews und Talkshows an, eine „Vision“ zu haben, wie er das zuvor von diversen Hasardeuren und Heuschrecken gebeutelte Handelsunternehmen konsolidieren und in eine große Zukunft führen könne.

Doch schon bald war der Lack ab. Berggruen investierte mitnichten Geld in die dringend notwendige Modernisierung der Filialen und des Sortiments, sondern presste den Konzern u.a. durch die Markenrechte und seine Mitarbeiter weiterhin aus. 2013 veräußerte er die Mehrheitsanteile an den Premium-Kaufhäusern KaDeWe, Oberpollinger und Alsterhaus sowie der profitablen Sport-Filialen an den mittlerweile in 2. Instanz wegen Korruptionsdelikten verurteilten österreichischen Immobilientycoon René Benko. Am Freitag ging schließlich auch noch der Rest über den Tresen, also die verbliebenen Anteile am Premium-Segment sowie die weiteren 83 Filialen. Weiterlesen

Austern in Wandlitz: Wenn das der Genosse Honecker wüsste

Ein bisschen dekadent kam ich mir schon vor, als der Rasenmäher blockierte, weil sich ein Champagnerkorken im Schneidwerk verklemmt hatte. Und das auch noch ausgerechnet in Wandlitz, einem der symbolträchtigsten Orte der verblichenen sozialistischen DDR. Vom Genossen Erich Honecker, der in der nahe gelegenen Waldsiedlung residierte, weiß man ja, dass seine Genussansprüche eher bescheiden waren: Rotkäppchen reichte vollkommen.

Rotkäppchen reicht natürlich nicht, aber es muss auch nicht immer Champagner sein. Zumal auch der Verzehr einer 40-Euro-Boutteile mitunter recht enttäuschend sein kann. Besagter Klemm-Korken stammte jedenfalls von einem wenig gelungenes Champagner-Exemplar, das ich gemeinsam mit dem trotzkistischen Bürokraten, einem bürgerlich-liberalen Journalisten und einem publizistischen Gewerkschaftsknecht vertilgt hatte: Dumpf-mumpfiger Hefegeschmack, kaum Frucht, viel zu flache Säure. Weiterlesen

Kein Witz: Ein genussaffiner Bau-Gewerkschafter

Es gibt Berufsgruppen, deren Angehörigen man partout nicht zutrauen mag, dass sie etwas Anständiges kochen können. Ganz oben auf dieser Liste stehen bei mir Gewerkschaftsfunktionäre. Denn wer sich auf Festivitäten, Kongressen und anderen Veranstaltungen der eigenen Organisation so barbarisch abspeisen lässt, wie das bei Gewerkschaften meistens der Fall ist, der kann keinen Sinn für Genusskultur haben.

Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Da gibt es in Berlin z.B. einen Gewerkschaftssekretär der IG BAU, der sogar einen eigenen Koch-Blog betreibt. „Vaters Delikatessen“ heißt die Seite, und da der mir im Rahmen meiner journalistischen Tätigkeit auch persönlich bekannt gewordene Kollege auf den Namen Hivzi Kalayci hört, kann man sich vorstellen, in welche Richtung das geht.

Aktuell wird gerade die Zubereitung von Linsenbouletten erklärt. Daran bin ich in der Vergangenheit des Öfteren gescheitert, weil die Masse einfach nicht vernünftig binden wollte Aber ein Bau-Gewerkschafter weiß wie man Zement anrührt, und dann kriegt er das natürlich auch mit den Linsenbouletten hin: Feine Hartweizengrütze ist die Lösung.

Sein Rezept ist jedenfalls amtlich. Ich habe lediglich auf Dill verzichtet (kann ich nicht ab) und dafür Koriander benutzt. Ansonsten 1 zu 1 nachgekocht. Schmeckt großartig!

Hivzi Kalaycis Lisenbouletten: Ein Gedicht

Eigentlich will Kalayci auch immer einen Wein zu seinen Rezepten empfehlen. Hat er diesmal vergessen. Na da helfen wir doch gerne: Wie wär’s mir einem Kalecik Karasi (so heißt die Rebsorte) „Terra” 2011 aus der Provinz Denizli? Den habe ich vor einigen Monaten ausführlich bei Captain Cork besprochen. In der Nase feine Gewürz- und Blumennoten, besonders deutlich sind Jasmin und Wacholder. Am Gaumen milde Säure, sanfte Tannine, ein Hauch von Holz und mit der Zeit auch Spuren von roten Früchten und getrockneten Datteln. Passt jedenfalls hervorragend zu den Linsenbouletten.

Bleibt die Hoffnung, dass die Genussaffinität auch bei Bau-Gewerkschaftern weiter an Bedeutung gewinnt. Denn Genuss ist bekanntlich Notwehr, und das gilt auch für Tarifrunden und Gewerkschaftstage.

 

Brandenburg: Sie lernen es nie

Viele Berliner zieht es derzeit zum Wandlitzsee, der sowohl ein recht ansehnliches Freibad, als auch diverse wilde Badestellen zu bieten hat. Zudem befindet sich der gleichnamige Bahnhof der Regionalbahn direkt gegenüber vom Haupteingang des Bads.

Allerdings möchte ich jedem Sommerfrischler empfehlen, vor der Anreise ausreichend Nahrung zu sich zu nehmen oder Proviant einzupacken. Falls dies – aus welchen Gründen auch immer – unterblieben ist, sollte aber auf alle Fälle der Versuchung widerstanden werden, das Imbissangebot der neben dem Bahnhof gelegenen Fleischerei Wolff in Anspruch zu nehmen. Denn in diesem Familienbetrieb werden die großen Traditionen Brandenburgs hingebungsvoll gepflegt.

Mein erster Versuch, dort eine Kleinigkeit zu verzehren, scheiterte an der Imbissverkäuferin, die mich und die weiteren potenziellen Kunden in der Schlange schlicht ignorierte und statt dessen eine angeregte Konversation mit einem Bekannten führte. Natürlich guckte ich mir diese Vorführung märkischer Kommunikations- und Service-Kultur nur wenige Minuten an und zog dann ungesättigt von dannen. Was eigentlich ein Glücksfall war, denn noch schlimmer, als bei Wolff nicht bedient zu werden, ist es bedient zu werden.

Der Biohof Gerstel in Wandlitz: Ein kleiner Lichtblick in der örtlichen “Esskultur”

Hier schmeckt die stets reichliche Panade noch so richtig schön nach Sägespänen und nasser Pappe. Hier bekommt man noch so richtig faserig-zähe Schnitzel. Hier kommen die Fischfilets noch aus der Gefriertruhe und schmecken nach kurzem Bad in der Fritte im Inneren noch ziemlich roh. Hier wird der Wunsch nach einem Stück Fisch ohne Panade noch mit einem souveränen „Ham wa nich“ beantwortet.

Wir sind in Brandenburg, und seit dem Erscheinen des gleichnamigen Songs von Rainald Grebe vor einigen Jahren hat sich wenig geändert. Doch es gibt Ausnahmen und sogar Möglichkeiten, den kleinen Hunger auch am Wandlitzsee unfallfrei zu stillen. So findet man direkt gegenüber von der Fleischerei Wolff ein Geschäft, das zwar wenig Vertrauen erweckend “Atze`s Angelladen” heisst, aber dennoch einen sehr guten Fischimbiss betreibt. Und auf der Rückfahrt sollte man einen kleinen Abstecher zum Biohof Gerstel machen und kann sich in dem kleinen Hofladen mit saisonalem Obst, Gemüse, Salaten und Kräutern aus eigenem Anbau sowie wunderbaren Fruchtaufstrichen und frischen Eiern versorgen. Und das zu Preisen, die das Vorurteil, dass Bio immer abnorm teuer sein muss, eindrucksvoll widerlegen.

 

 

 

 

 

Prost, Adorno

Achtung VDP! Hier entsteht ein neues “Großes Gewächs”, der 2014er “Stolzenhagener Wildschweinkuhle”.

Es gibt Menschen, die den wohl berühmtesten Satz von Theodor W. Adorno („Es gibt kein richtiges Leben im falschen“) zwar kennen, aber vollkommen absurd interpretieren. Bei der poststalinistischen Komiker-Postille „Junge Welt“, für die ich 12 Jahre als Redakteur tätig war, musste ich mir den Spruch des Öfteren anhören, meistens verbunden mit Begriffen wie „kleinbürgerlich“ oder „dekadent.

Ich halte jetzt keinen Vortrag über Adornos „Minima Moralia“. Sondern ich freue mich, dass ich inmitten von Kriegen, alltäglicher sozialer Ausgrenzung und fortschreitender Abstumpfung der meisten Menschen die Ruhe und Muße finde, mich zeitweilig auszuklinken. Dazu brauche ich keine Fernreise, kein „Wellness-Wochenende“, keinen Abenteuer-Urlaub oder irgendwelche Events. Sondern nur mein Fahrrad und den Schlüssel zu meinem Wandlitzer Sommerlandsitz. Dort ist vor allem Ruhe – und Schönheit. Nein, keine spektakuläre Landschaft, sondern ein Feld hinter und der Wald vor dem Haus. Dazu mein leicht verwilderter aber sattgrüner Rasen, die ersten reifen Tomaten sowie eine richtig fette Gurke und ein paar Kohlrabi-Köpfe aus dem Beet. Selbst meine Rebstöcke, die in den vergangenen wenig Freude bereiteten, sehen diesmal großartig aus. Alles Früchte mitunter anstrengender, aber vollkommen unentfremdeter Arbeit. Und die geht weiter: Brokkoli und Blattsalat sind „durch“, dort wird dann eine späte Mangoldsorte gesät. Und wo was Anständiges wachsen soll, muss im Hochsommer auch ständig gegossen oder gar gewässert werden. Zur Erfrischung steht der nahe gelegene See oder auch die Gartendusche zur Verfügung. Abends fangen die Vögel an zu zwitschern, und auf der Terrasse werden ein paar Garnelen oder Fische gegrillt. Und dazu gibt es in der Regel einen anständigen Wein, diesmal war es der großartiger 2013er Weißburgunder von Stephan Steinmetz. Denn ich brauche auch keine teuren oder angesagten Weine, sondern gute.

Ich wünsche jedenfalls allen Menschen möglichst viele „ereignislose“ stressfreie Tage. Wohl wissend, dass unsere Gesellschaft so deformiert ist, dass das das für die Meisten der nackte Horror ist.

Gegen die Schwarz-Weiß-Maler

Als Linker und noch dazu linker Journalist und Blogger steht man derzeit unter einem gewissen Bekenntnisdruck: Wie hältst Du es mit der Ukraine, wie hältst Du es mit Israel, bzw. mit dem Krieg im Gaza-Streifen? Lagerdenken ist weit verbreitet, Grautöne sind eher unerwünscht, ersehnt wird eine nahezu biblische Unterteilung in Gut und Böse. Zur Untermauerung der eigenen Position wird gerne auf diverse “Quellen” verwiesen. Manchmal erscheint dies wie eine kollektive Amnesie, denn eigentlich müsste mittlerweile jeder wissen, dass der Kampf um die Meinungshoheit besonders im Rahmen kriegerischer Auseinandersetzungen längst ein Tummelfeld der Geheimdienste und bezahlter PR-Agenten ist.

Ich hab da keinen Bock drauf, will mich aber dennoch nicht komplett wegducken. Daher ein paar Thesen.

1.) Ich weiß nicht ob und wenn ja von wem das malaysische Passagierflugzeug mit einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde. Deshalb beteilige ich mich derzeit nicht an Spekulationen und Schuldzuweisungen.

2.) Der Ukraine-Konflikt wurde vom Westen geschürt, um die ökonomische, politische und geostrategische Einkreisung Russlands weiter voran zu treiben. Allerdings gibt es auch ein legitimes ukrainisches Interesse an der Wahrung seiner territorialen Integrität und nationalen Souveränität. Man kann nicht – vollkommen zu Recht- die militärische Zerschlagung Jugoslawiens durch die NATO und deren Unterstützung für die albanischen UCK-Serperatisten geißeln und auf der anderen Seite die gar nicht so verdeckte Intervention Russlands in der Ost-Ukraine zum “antifaschistischen Freiheitskampf” hochjubeln.

3.) Wie Israel gegen die Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen vorgeht, ist durch nichts zu rechtfertigen. Aber dass dort militärisch interveniert wird, um die militärische Infrastruktur der Hamas und anderer Gruppen zu zerschlagen, ist legitim. Denn auch die Raketen auf Israel sind Terror gegen die Zivilbevölkerung. Eine militärische Lösung des Konflikts wird es allerdings nicht geben. Israel müsste den Siedlungsbau dauerhaft stoppen und partiell rückgängig machen. Die Hamas müsste die Existenz des Staates Israel anerkennen. Eine solche Entwicklung ist auf Grund des auf beiden Seiten herrschenden Wahnsinns allerdings kaum vorstellbar. Leider.

4.) Wer vehement und zornig gegen die Politik Israels und besonders gegen den Krieg gegen die palästinensische Bevölkerung im Gaza-Streifen protestiert, hat dazu jedes  Recht der Welt. Wer bei diesem Protest auf eine eindeutige und konsequente Abgrenzung zu Judenhassern verzichtet, verspielt dieses Recht.

Keine Schokoladensauce! Aber gerne wieder mal Chablis

Was die Kombination von Wein und Speisen betrifft, wird mir – durchaus zu Recht – eine gewisse Kompetenz nachgesagt. So erbat neulich auch ein mir bekannter trotzkistischer Bürokrat um eine Weinempfehlung. Er sei bei einem hohen Funktionär zum Essen eingeladen und habe habe sich erboten, den Wein zum Hauptgang beizusteuern. Es werde dort „sehr gut gekocht“ und zwar „französisch“, hieß es weiter.

Nun finde ich es eigentlich immer sehr sympathisch, wenn „sehr gut“ und/oder „französisch“ gekocht wird. Den Weintipp wollte der Bürokrat allerdings für ein „Kaninchen in Schokoladensauce“.

Womit hat es dieses putzige Tierchen verdient, mit Schokoladensauce serviert zu werden?

Das hat mit gut kochen ungefähr so viel zu tun, wie eine trotzkistische Sekte mit einer Massenbewegung. Und in Frankreich kommt ein Koch vermutlich (zu Recht) ins Gefängnis, wenn er ein unschuldiges Kaninchen mit Schokoladensauce entwürdigt. Doch Trotzkisten haben anscheinend nicht nur partiell merkwürdige politische Analysen auf Lager, sondern auch absonderliche Essgewohnheiten. Weiterlesen

WIR hat genervt – aber jetzt ist Sommer

Die Party ist vorbei. WIR sind jetzt nicht mehr Weltmeister, sondern das Land, welches sich vom „Freund“ und „Partner“ USA am Nasenring vorführen lässt. WIR lassen zu, dass Millionen Kinder und Jugendliche sozial marginalisiert werden und wenig Bildungs- und Teilhabechancen haben. WIR sind ein Eldorado für Immobilienspekulanten , die mit Hilfe der Regierung dafür sorgen, dass Wohnen besonders in Großstädten und Ballungsräumen allmählich zum Luxusgut für Besserverdienende wird. WIR werden vielleicht in vier Jahren erneut Weltmeister, und bis dahin wird die Altersarmut bereits kräftig auf dem Vormarsch sein, da die Altersabsicherung für Geringverdiener hierzulande auf Hartz-IV-Niveau verharren soll. WIR sind eine Fiktion, es gibt uns nicht. Weiterlesen

Ich bin nicht Weltmeister

Eigentlich könnte es mir und dem Rest der Welt – von den unmittelbar Beteiligten und den Profiteuren mal abgesehen – herzlich egal sein, wer Fußball-Weltmeister wird. Unter diesem Gesichtspunkt wäre auch ein Sieg der deutschen Mannschaft -abgesehen von einer rein sportlichen Bewertung- nicht weiter erwähnenswert. Wenn da nicht dieser berüchtigte “German Furor” wäre. Denn da sich Deutschland nach einer 1945 international erzwungenen längeren Zwangspause erst allmählich wieder in der oberen Liga der Krieg führenden Staaten einreiht, sind Ersatzschauplätze hoch begehrt. Exportweltmeister waren wir zwar schon, doch das berührt besonders jene Menschen, die nichts davon haben, emotional eher wenig.

Bleibt also Fußball. Und natürlich war es mit dem finalen Rettungsschuss von Götze noch lange nicht vorbei. Weiterlesen

Uli Hoeneß wird Weltmeister

Es ist wohl nicht mehr zu verhindern. Die gut geöltete teutsche Präzisionsfußballmaschine ist auf dem besten Weg, den WM-Titel zu erringen. Wir Humanisten müssen den Schland-Terror samt absurder Flaggerei, Hupkonzerten, gröhlenden Horden, nächtlicher Feuerwerksbelästigung und nationalen Größenwahn bis zur bitteren Neige über uns ergehen lassen. Klar, man kann auch persönlich Flagge zeigen. So habe ich mir heute extra ein oranges T-Shirt gekauft, das ich – sofern Holland das Halbfinale gewinnt und deutscher Endspielgegner wird – in den kommenden Tagen demonstrativ tragen werde. Aber es wird wohl nichts nützen.

Die Grundlage für die Dominanz der Mannschaft sind weder die “deutschen Tugenden”, noch ein besonders genialer Trainer, noch die oft genannten Ausnahmespieler. Sicher: Neuer ist ein überragender Torwart mit großartiger Spielübersicht weit über seinen Strafraum hinaus und noch dazu in der Form seines Lebens. Unbestreitbar auch, dass Müller die einmalige Ausgabe der ultramodernen, chaostheoretisch beeinflussten Variante des Vollstreckers darstellt. Aber andere Mannschaften haben ebenfalls Ausnahmekönner. Weiterlesen