Singen mit PEGIDA

In der Adventszeit macht man mitunter merkwürdige Dinge. Zum Beispiel Gedanken über die angemessene Zubereitung von Bratäpfeln. Ich habe mich für Honig, Calvados, Zimt, Mandelmus und fein gehackte Rosinen entschieden. Und natürlich für die Apfelsorte Boskop. Heute abend werde ich sogar Glühwein trinken, persönlich zubereitet von dem Mosel-Winzer Harald Steffens. Wenn das mal gut geht…

Am Sonntag folgt dann ein Konzertbesuch (Freiburger Barockorchester) Am Montag  werde ich Weihnachtslieder singen und zwar mit rund 20.000 anderen Sangesfreunden vor der Dresdner Semperoper. Ich bin zwar Agnostiker, aber mit Kirchenmusik hatte ich noch nie ein Problem, weder aktiv noch passiv.Normalerweise werden derartige Massenchöre von Gotthilf Fischer geleitet, laut seiner Website “Herr der singenden Heerscharen”, oder auch “Therapeut der wunden Seelen”. Doch der ist anscheinend ausgebucht, denn am Montag schwingt ein gewisser Lutz Bachmann den Taktstock. Der ist ist zwar bislang nicht als Kirchenmusiker und Chorleiter in Erscheinung getreten, doch seine Rolle als Sprecher der PEGIDA-Bewegung verleiht ihm ausreichend Autorität für dieses Event. Weiterlesen

Mit Bach und Hirschkeule gegen den Wahnsinn

So langsam kommen anscheinend alle in die angemessene Weihnachtsstimmung. Unsere “besten Freunde und Verbündeten” outen sich jetzt auch offiziell als Schwerverbrecher, die jahrelang systematische Folter praktiziert haben. Und einige “unserer” osteuropäischen NATO-Verbündeten haben sich von den USA dafür bezahlen lassen, dass auch auf ihrem Territorium Foltergefängnisse eingerichtet werden. “Unserer” Regierung ist das herzlich egal. Es gibt sogar Lob für USA, dass sie endlich zugegeben haben, was ohnehin jeder wusste, der es wissen wollte. “Unsere” Regierung hat derzeit ohnehin Besseres zu tun. Z.B. das Streikrecht einschränken, wofür eigens vor ein paar Tagen vom Bundeskabinett ein “Tarifeinheitsgesetz” beschlossen wurde. Außerdem wird verzweifelt nach Wegen gesucht, wie man sich bei dem rechtsbürgerlichen Mob einschleimen kann, der derzeit vor allem in Dresden große Mobilisierungserfolge feiert.

Fast schon unwichtig, dass wir in Berlin jetzt einen neuen Regierenden Bürgermeister haben. Über ihn zu reden lohnt sich derzeit nicht. In zwei Jahren sollte man gucken, ob es für Geringverdiener mehr bezahlbare Wohnungen in der Innenstadt gibt. Daran muss Müller gemessen werden und nicht an diesem kafkaesken Flughafen. Die Widerstände gegen dringend benötigten Neubau in der wachsenden Stadt sind erheblich. In fast jedem Stadtteil trifft man auf sich “grün” oder auch “links” definierende Kiezchauvinisten, die sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, dass in ihrer Umgebung neuer Wohnraum entsteht. Seit dem erfolgreichen Volksentscheid gegen jegliche Randbebauung des riesigen Tempelhofer Felds hat diese asoziale Bagage ungeheuren Auftrieb. Weiterlesen

Äpfel, Krieg, Wein, Musik

Heute gibts Wirres zum 2.Advent

Soll noch mal jemand sagen, so ein kleiner Handelskrieg hat keine guten Seiten. Denn der russische Importstopp für einige Lebensmittel aus der EU hat unter anderem dazu geführt, dass die Erzeugerpreise für Äpfel auf 20 Cent und die für Milch auf 26 Cent pro Kilo gefallen sind. Wir Verbraucher können uns also auf auf sinkende Endkundenpreise freuen.

Ich weiß nicht, ob es wirklich Menschen gibt, die so bescheuert sind, dass sie so denken. Denn billige Äpfel und billige Butter sind schlicht der Kollateralnutzen aus einer Krise, die nicht nur konjunkturelle Einbrüche bei allen Beteiligten, sondern auch die Gefahr einer kriegerischen Auseinandersetzung in Europa beinhaltet.

Einer beunruhigende Vorstellung, die es schwer macht, Titanic-mäßig über tolle Weine und gutes Essen zu schreiben. Ich versuche es trotzdem. Weiterlesen

Glühwein: Warum nicht gleich Motoröl?

Es ist ja nicht so, dass mir nichts mehr einfällt. Aber aus gegebenem Anlass kommt pünktlich zum 1.Advent ein Artikel, den ich bereits vor einem Jahr veröffentlicht habe

Es  ist nicht auszuhalten! Während Millionen von Geschmacksprimaten noch damit beschäftigt sind, sich Unmengen einer ungenießbaren Flüssigkeit namens „Beaujolais Primeur“ einzuflößen, ist bereits die nächste Seuche im Anmarsch. Völlig verdrehte innere Uhren und nahezu kultische Gewohnheiten animieren selbst erwiesenermaßen vernunftbegabte Menschen ab Ende November zum Konsum eines Getränkes namens »Glühwein«.

Jedem Freund leiblicher Genüsse muss es wehtun, dass ausgerechnet eines der edelsten Getränke der Kulturgeschichte für diesen Irrsinn missbraucht wird. Denn „was muss ein Wein verbrochen haben, damit man ihn auf 75 Grad erhitzt, Zucker und Gewürze reinkippt und mittelalterliche Stadtsilhouetten aufs Etikett knallt“ fragte nicht zu Unrecht die Süddeutsche Zeitung in einer Wochenendausgabe.

Nun könnte man ja einigermaßen tolerant sein, und den Glühweinkult als zwar zweifelhaften, aber leider unausrottbaren Bestandteil der Weihnachtsmarktkultur verbuchen. Doch der Wahnsinn hat sich längst weitergefressen, bis in die Mitte der Konsumgesellschaft. Längst wird das Zeug auch in Flaschen und Tetrapacks abgefüllt und millionenfach in häuslicher Umgebung vertilgt.

Wie zur Verhöhnung eines jeden Weinfreundes gibt es mittlerweile auch ein „Premiumsegment“, den so genannten „Winzerglühwein“, auf dem die verwendete Rebsorte und manchmal sogar die Lage angegeben werden. Das Deutsche Weininstitut schreibt dazu in einer Pressemitteilung „Und jedes Jahr werden die Glühwein-Kreationen köstlicher. Kein Wunder, dass der heiße weinige Gewürztrunk sich zunehmender Beliebtheit erfreut, seit sich die Winzer zum Teil auf altüberlieferte, geheime Familienrezepte besinnen. Das Angebot an Glühweinen aus eigener Herstellung von Winzern, Genossenschaften und Kellereien wächst von Jahr zu Jahr.(..) Einige ökologisch arbeitende Betriebe bieten außerdem Bioglühweine an.“.  Bisweilen wird sogar behauptet, bei guten Winzerglühweinen bleibe der Wein trotz Unmengen Zucker und kruder Gewürzmischungen „sensorisch erlebbar“. Alleine diese dreiste Werbelüge sollte für den Entzug der Gewerbegenehmigung reichen. Nicht umsonst empfahl der Münchner Barkeeper Stefan Gabany in einem Interview, statt Glühwein doch lieber gleich Motoröl zu trinken.

Die kleinen Dinge

Es war keine schöne Woche. Mieses Wetter, wenig Tageslicht und ein Arbeitsprogramm für Neues Deutschland und taz, das so bittere Dinge wie die wachsende Überschuldung von Privathaushalten in Berlin, die unsinnige Stromtrassenplanung im Dienste der Kohlelobby und den anhaltenden Versuch, das Streikrecht einzuschränken beinhaltete. Als  “Höhepunkt” schließlich am Sonnabend eine Konferenz des Rechtspopulisten Jürgen Elsässer nebst seinem “seriösen” bürgerlichen Umfeld beinhaltete. Dazu noch Hakeleien mir meinen Moabiter Kiez-Chauvinisten, die ihre Idylle gerne auch mit Hilfe von Ein-Euro-Jobbern aufrecht erhalten wollen.

Da bleibt wenig Zeit für entspannten Genuss und so muss es reichen, sich über ein paar Kleinigkeiten zu freuen. Z.B. über die großartigen, preiswerten Weine der Fattoria La Vialla, bei der es tatsächlich für 6,10 Euro einen Chianti gibt, der mit mit seiner dichten, reifen Beerenfrucht und feinen Kräuternoten seinesgleichen in dieser Liga sucht.

Lichtblick im Weihnachtsmarktwahn. Die finnische Gemeinde feierte in Kreuzberg mit Flammlachs

So weit, so schön, aber was diese Jahreszeit neben dem Wetter so richtig unerträglich macht, sind nunmehr überall aus dem Boden sprießenden Advents- und Weihnachtsmärkte, mit ihrem unwürdigen Gestank nach verkohlen Würsten und grausamem Glühwein. Doch es gibt Ausnahmen. So feierte am Sonntag die finnische Gemeinde (ja, so etwas gibt es in Berlin) auf dem Hof einer großen Kreuzberger Kirche mit finnischen Köstlichkeiten und – fast noch wichtiger – in absolut unaufgeregter, freundlicher und entspannter Stimmung.

Highlight war zweifellos der “Flammlachs”. Ganze Lachsseiten wurden dafür mit Meersalz und Honig eingerieben und längs an die Öffnung eines mit Buchenholz befeuerten Grilleimers gehängt. Dazu Vollkornbrot und Dill-Quark. Besser geht’s nicht!

 

Überall Schweinebacken

Egal ob französisch……..

Selten hatte ich so gute Laune, wenn ich vollkommen übermüdet von einer mehrtägigen Wein- und Gourmettour im schmuddelgrauen Berlin eingeflogen bin. Denn als erstes nahm ich die Nachricht wahr, dass Thomas Middelhoff nicht nur zu drei Jahren Knast verurteilt wurde, sondern wegen Fluchtgefahr auch sofort einsitzen muss. Der einst als Stern am deutschen Managerhimmel gefeierte Middelhoff wurde auf das reduziert, was er ist: Ein geld- und prunksüchtiger Herrenreiter, der es für normal hält, einen Konzern mit Tausenden von Beschäftigten gegen die Wand zu fahren und sich dennoch auf deren Kosten mit Privatjets und Hubschraubern durch die Welt kutschieren zu lassen. Vielleicht eine kleine Genugtuung für die Karstadt-Mitarbeiter, die nach ihm den ähnlich bigotten Nicolas Berggruen ertragen mussten und nunmehr von dem „knallharten Sanierer“ René Benko auf die Schlachtbank der sozialen Marktwirtschaft geführt werden sollen. Hoffentlich verschwinden morgen ein paar Kisten Champagner in den Karstadt-Filialen, um einigen von Entlassung bedrohten Verkäuferinnen die Gelegenheit zu geben, ein Gläschen auf Middelhoff zu trinken. Mögen ihm noch viele Abzocker, Aasgeier und Heuschrecken in den Knast folgen, schließlich braucht Uli Hoeneß ja Doppelkopfpartner.

Das mit Middelhoff trifft sich irgendwie gut, denn ich wollte ohnehin über Schweinebacken schreiben. Weiterlesen

9.November – Ihr könnt mich mal!

Der 9. November ist sicherlich der schrägste Gedenktag, den Deutschland zu bieten hat. Gefeiert wird der 25. Jahrestag des „Wunders von Berlin“, wie der Mauerfall im Moment gerne genannt wird. Alles wird aufgeboten: Ein seniler, keifender Ex-Liedermacher namens Wolf Biermann im Deutschen Bundestag, 8000 gasgefüllte, beleuchtete Luftballons entlang des alten Grenzverlaufs und diverse Pop-Schranzen am Brandenburger Tor.

Das ist praktisch. Denn es hilft, einen anderen 9.November nur noch verschämt am Rande erwähnen zu müssen. Denn 1938 verwüstete die SA, vielerorts unterstützt von einem entfesselten Mob, Synagogen und Geschäfte. Derzeit wird jeder, der mindestens 30 Jahre alt und nicht bei 3 auf einen Baum geflüchtet ist, von nervigen Reportern gefragt, wie er denn dem 9.November 1989 erlebt hat. Die Antworten verdichten sich dann zu einer Welle der glückseligen Nostalgie. Wer in den 1960er und 1970er Jahren seine Eltern und Großeltern fragte, wie sie denn den 9.November 1938 erlebt haben, bekam oftmals gar keine oder eher einsilbige Antworten. Weiterlesen

Weselsky schon fast vogelfrei

Der Mob spurt. Angeheizt von einschlägigen Medien meint inzwischen jeder Depp das Recht zu haben, Claus Weselsky als Psychopathen beschimpfen zu dürfen und seine Gewerkschaft in eine Reihe mit Erpressern und Geiselnehmern zu stellen. Längst haben sich honorige Persönlichkeiten in den Chor eingereiht. Berlins oberster Tourismusmanager Burkhard Kieker sprach heute morgen im Inforadio des rbb von einem „Profilneurotiker“, dessen Gewerkschaft „ein ganzes Land als Geisel nimmt und jetzt auch noch die Hauptstadt“ (hat er wirklich so gesagt). Der Focus veröffentlichte Fotos von Weselskys Wohnhaus, und die Bild seine Bürotelefonnummer.

Vorsicht, ein Psychopath und Geiselnehmer in Aktion. Claus Weselsky am Mittwoch in Berlin.

Am Mittwoch nachmittag trat Weselsky in Berlin vor die Presse – und redete Klartext. Der Streik wird trotz des „Schlichtungsangebots“ der Bahn wie geplant fortgesetzt. Denn die Bahn verlange von der GDL, als Vorbedingung für Verhandlungen „ihre Grundrechte an der Garderobe abzugeben“. Erneut verwies er auf Artikel 9, Absatz 3 des Grundgesetzes, wo allen Beschäftigten die Koalitionsfreiheit garantiert wird und alle dem entgegen stehenden Abreden für unzulässig erklärt werden. Und bei Grundrechtsfragen „gibt es für uns nichts zu schlichten“. Seit Juli wolle man mit der Bahn AG über Löhne, Arbeitszeit und Schichtregelungen für das Zugpersonal verhandeln, und “bis heute verweigert das Management diese Verhandlungen“.

Klare Kante auch beim Thema „Tarifeinheit“. Er frage sich schon lange, „warum die Politik jetzt von den Gewerkschaften Tarifeinheit einfordern will, von den Unternehmerverbänden aber nicht“, so Weselsky. Die würden sogar damit werben, dass man auch ohne Tarifbindung Mitglied werden könne. Dagegen habe gerade die GDL dafür gesorgt, dass fast alle privaten Konkurrenten der Bahn AG im Güter- und Regionalverkehr inzwischen an einen Flächentarifvertrag angebunden sind – und zwar nicht nur für Lokführer, sondern auch für Zugbegleiter.

Außer dämlichen Fragen, wie z.B. warum gerade er als Ostdeutscher mit seinem Streik die Feiern zum 25.Jahrestag des Mauerfalls in Berlin beeinträchtigen wolle, fiel den „Qualitätsjournalisten“ der anwesenden Leitmedien nicht mehr viel ein. Und prompt geht die Hetze weiter. „Man möchte den GDL-Bonzen teeren, federn und aus dem Land jagen“ zitiert die Welt genüsslich aus „sozialen Netzwerken“. Doch es gibt Lichtblicke, wie z.B. Max Uthoff in der „Anstalt“ (ZDF).

Deswegen nochmals, ganz platt und altbacken: Solidarität mit der GDL ist das Gebot der Stunde.

 

 

Eine Erweckung und der Soundtrack zum Wahnsinn

Am Sonntag hatte ich ein Erweckungserlebnis. Gegen 16 Uhr 15 breitete der schwedische Keyboarder Martin Hederos in der Berliner Akademie der Künste einen jener fies-genialen langsamen Rock-Grooves aus, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen und gleichzeitig einen heftigen Adrenalinstoß auslösen Vor allem wenn sie so layed-back und dann auch noch mit schweineorgelmäßig geilem Fender-Rhodes-Sound gespielt werden. Derweil schickte sich seine Kollegin Mariam Wallentin an, dazu zu singen. Und dann hörte ich – Grace Slick!! Die (neben Janis Joplin) wichtigste Vokal-Ikone der Hippie-Zeit singt zwar seit gut 20 Jahren nicht mehr, aber am Sonntag hörte ich sie.

Weiter, weiter, immer weiter. Mats Gustavsson als Brandbeschleuniger beim “Fire!Orchestra”.
© Micke Keysendal

Doch das Fire!Orchestra hatte noch viel mehr zu bieten. Dirigiert, – oder besser: irgendwie gesteuert – von dem Saxophonisten Mats Gustavsson ließen die 27 Musiker – man muss es wirklich so sagen – die Sau raus. Mächtige Bläsersätze, wilde freie Attacken, rhythmische Amokläufe und damit keine Gemütlichkeit aufkommt, immer wieder gemeine elektronische Noise-Passagen: Fiep, Knatter, Brizzel. Wäre gar nicht nicht nötig gewesen, denn die zweite Sängerin Sofia Jernberg bekam reichlich Gelegenheit zu demonstrieren, dass das auch ohne Elektronik geht. Und als man sich in der einen oder anderen Art und Weise ausgetobt hatte, war Hederos wieder mit dem fiesen Groove zur Stelle.

Das war roh, das war destruktiv, das war laut, das war gemein. Aber vor allem war es großartig. Hier wurde nicht “zwischen Tradition und Moderne” operiert oder mit “verschiedenen Stilementen” gearbeitet, wie in albernen Konzertankündigungen oft zu lesen ist. Hier wurde der Rote Festivalfaden “Freiheit” mit Inhalt gefüllt. Es war der Soundtrack zum Wahnsinn in der Welt samt der schnörkellosen Botschaft, wie man damit umgehen kann. Und vor allem war es – Jazz!

Die Beurteilung der weiteren Konzerte des letzten Jazzfest-Tages überlasse ich gerne anderen. Ich habe mir zwar den exzellenten Pianisten Jason Moran mit seinem Trio “The Bandwagon” und auch die folgende Dancehall-Variante dieser Musik angehört. Aber das “Fire!Orchestra” war einfach zu nachhaltig, um da noch irgendwie eintauchen zu können.

Wie gesagt: Jetzt ist Schluss. Daher ein kurzes Fazit. Ein gutes, aber kein “großes” Jazzfest, zumal es im Vorfeld wegen des runden Geburtstages mit großen Erwartungen überfrachtet wurde. Einige Flops, mit der unsäglichen “Freedom Songs”- Produktion der WDR-BigBand und dem schrecklichen Sänger Kurt Elling an der Spitze. Auch das dumpfe Hardrock-Gedöns vom Hedvig Mollestad Trio war vollkommen daneben. Auf der Habenseite (jedenfalls für mich): Ein unangestrengt – unperfekter Auftritt voller kleiner Perlen von Elliott Sharps Band mit seinem “Tribute to Martin Luther King”-Programm. Eine erfrischende Jazzrock-Variante von Get The Blessing. Ein hellwacher, nimmermüder Jazz-Grandseigneur wie Daniel Humair mit feinem Klanggespür und anbiederungsfreier Offenheit für folkloristische Elemente. Und natürlich das “Fire!Orchestra!, aber das erwähnte ich ja bereits.

Bert Noglik geht, neuer künstlerischer Leiter wird der britische Musik- und Sport(sic!)journalist Richard Williams. Der kündigte für sein Wirken schon mal “Provokationen” an. Klingt gut, und daher freue ich mich auf das Jazzfest 2015.

 

 

 

Absturz nach dem Klimawandel

Der Klimawandel hat das Jazzfest erreicht. Gestern war der 1.November und ich bewegte mich tagsüber schwitzend im T-Shirt durch meinen Garten, um rund 500 Quadratmeter Rasen und Büsche harkend vom Laub zu befreien. Anschließend gönnte ich mir das vermutlich letzte Glas Elbling, das ich in diesem Jahr auf der Terrasse trinken werde.

Als es dann abends wieder zum Jazzfest ging, war es natürlich nicht mehr so warm. Doch das Quartett des französischen Schlagzeugers Daniel Humair knüpfte nahtlos an der fast schon unwirklich-spätsommerlichen Stimmung an. Humairs Akkordionist Vincent Peirani entführte die Zuschauer mal in die Bretagne, mal auf ein Klezmer-Fest umd schließlich in orchestralen Clustern zu landen, bevor er dem freien Affen Zucker gab. Multibläser Emile Parisien hat offenbar viel Sydney Bechet gehört, aber auch David Krakauer, ohne dessen Egomanie zu reproduzieren. Altmeister Humair und Bassist Jerome Regard halten alles zusammen. Man hört sich zu auf der Bühne, sucht den Dialog. Man kann versinken in dieser Musik, man kann träumen und schwelgen – und wird dennoch immer wieder „geweckt“ , sei es von ekstatischen Solo-Licks oder rhythmischen Kabinettstückchen. Ganz großes Hörkino!

Der Absturz folgte auf dem Fuße. Zwar agierte die WDR-Bigband gewohnt trittsicher, musste sich aber durch ein verschwurbeltes Programm namens „Freedom Songs“ mühen, das irgendwie dem Fall der Mauer vor 25 Jahren gewidmet sein sollte.

Deutlich unterfordert: Die WDR.Bigband musste sogar “Winds of change” spielen.
© Ines Kaiser

Die Arrangements von Richard DeRosa bewegten sich zwischen bemüht und belanglos, auch gehört es sich einfach nicht, ernsthaften Musikern die Interpretation unsäglicher Schmachtfetzen wie „Winds of Change“ von den Scorpions zuzumuten. Zudem der als Gaststar für das Programm verpflichtete Sänger Kurt Elling sich als erschreckend eindimensionale Nullnummer entpuppte.

Schwamm drüber. Schließlich gab es noch ein Nachtkonzert, welches heftigen Budenzauber mit E-Gitarre, E-Bass und Drums versprach. Doch kann man den Jazzrock neu erfinden? Nein. Darf man trotzdem noch Jazzrock spielen? Im Prinzip schon, wenn eine einigermaßen originelle Idee hat. Hat die norwegische Gitarristin Hedvig Mollestad so eine Idee? Ich glaube, eher nicht. Es ist laut (sehr laut!), es ist krachig, wirkt aber irgendwie emotionslos. Heftig verzerrte Gitarre, nicht sonderlich intelligente Bassläufe, viel Haudrauf-Schlagzeug, jede Menge leicht staubig wirkende Hardrock-Attitüde. Dafür Slow-Motion-Kitsch bei den balladesken Stücken. Vielleicht mit Haschisch ganz gut zu ertragen, hatte ich aber nicht dabei. Möglicherweise ausbaufähig, aber am Sonnabend ziemlich nervig. Und überhaupt: Warum ist noch kein Jazzfest-Leiter auf Idee gekommen, Mike Stern einzuladen? Gerne im Trio. Gerne mit Dennis Chambers am Schlagzeug.