KInderarmut? Mir doch egal!

Eigentlich wollte ich mich einigermaßen unbeschwert auf bevorstehende kulturelle Hochgenüsse einstimmen. Heute abend besuche ich ein Konzert mit den drei großartigen JazzpianistenLeszek Mozdzer, Iiro Rantal und Michael Wollny in der Berliner Philharmonie. Morgen gibt sich Altmeister Joachim Kühn im Kesselhaus die Ehre. Und Ende nächster Woche beginnt bereits das jährliche Bachfest in Leipzig, für mich stets eine ergiebige Quelle für Sammlung, Erbauung und das Schöpfen neuer Kraft.

Doch die Scheiß-Realität in diesem Land lässt einen – sofern man sozial nicht komplett abgestumpft ist – einfach nicht los. Eine simple statistische Auswertung von Daten der Bundesagentur für Arbeit hat ergeben, dass mittlerweile jedes siebente Kind unter 15 Jahren in Hartz-IV-Armut lebt, Tendenz steigend. In Berlin ist es sogar fast jedes dritte Kind, ebenfalls ein deutliches Plus gegenüber dem Vorjahr. Und das in einer Stadt, deren Repräsentanten nicht müde werden, die großartige wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung dieser Metropole zu bejubeln.

 

Nein, diese Kinder (und ihre Eltern) müssen in der Regel nicht hungern und frieren, und sie haben auch ein Dach über dem Kopf. Aber sie sind sozial und kulturell weitgehend ausgegrenzt und haben entsprechend schlechte Chancen, dem materiellen und soziokulturellen Elend nachhaltig entwachsen zu können.

Für ein bis zwei Tage wird diese Meldung für einiges Medien-Bohei sorgen. Wir werden mahnende Worte hören, auch von „Erschütterung“ und „unhaltbaren Zuständen“ wird sie Rede sein. Politiker werden ihre – offensichtlich vollkommen verfehlten – Konzepte zur Überwindung massenhafter Kinderarmut präsentieren, Sozialverbände auf spürbare materielle Verbesserungen für arme Familien pochen. Nach ein paar Tagen ist wieder alles vorbei und passieren wird – NICHTS.

Selbst die L:INKE diskutiert derzeit mehr über Tortenwürfe und Regierungsbeteiligungen, einflussreiche GRÜNE warnen derweil vor Forderungen nach einer Vermögenssteuer, da dies „Wähler der Mitte“ abschrecken könnte. Und über die sozialpolitische Bankrottkoalition aus CDU/CSU und SPD braucht man wohl eh kein Wort mehr verlieren. Profitieren von Horrormeldungen zur Kinderarmut wird in erster Linie die AfD, denn die hat mit Flüchtlingen und „integrationsunfähigen Muslimen“ längst griffige Sündenböcke für alle sozialen Probleme dieses Landes zu bieten.

Dass Rechtspopulisten gewisse Erfolge erzielen, ist dabei nicht das eigentliche Problem. Vielmehr fehlt es in diesem von Abstiegsängsten bis weit in die Mittelschichten geprägtem Land an einer starken sozialen Opposition, die eine umfassende Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums auf die Tagesordnung setzt. Denn nur dies könnte eine wirklich nachhaltige Überwindung von Kinder-, Bildungs- und Altersarmut zumindestens möglich machen. Doch die deutsche Gesellschaft befindet sich – wiederum bis weit in die Mittelschichten hinein, aber diesmal von oben gesehen – in einem relativ radikalen Abschottungsmodus gegen „die da unten“. Die spielen auch in der soziokulturellen Lebenswelt der meisten links oder wenigstens sozialhumanistisch eingestellten Menschen kaum eine Rolle. Wenn man mal von den punktuellen Formen der ehrenamtlichen Hilfsbereitschaft absieht. Oder der gelegentlichen Spende für einen Obdachlosen in der U-Bahn oder ein Hilfsprojekt. „Wir“ haben schließlich genug mit unseren eigenen mehr oder weniger dramatischen Existenzängsten zu kämpfen. Ab einer gewissen Gehalts- oder Vermögensklasse ist das dann halt die Finanzierung der Eigentumsimmobilie, der nächsten großen Urlaubsreise, oder der physischen und psychischen Selbstoptimierung.

Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt. Und verzeichnet gleichzeitig rasant wachsende Armut. Wir sind offenbar bereit, das in Kauf zu nehmen. Sonst würden wir handeln.

Zwischen Rasenmäher, Elbling und islamischen Geisterfahrten

Ich liebe Abwechslung. Gestern abend habe ich noch in Moabit eine recht spannende Podiumsdiskussion über Flüchtlinge und Wohnungsbau moderiert und heute in Wandlitz Rasen gemäht und Beete gesäubert. Dann war natürlich ein kleiner Vorabend-Snack fällig. Gemäß dem Motto des prominentesten Ex-Wandlitzers, Erich Honecker: „Wer feste arbeitet soll auch feste feiern“.

Ein paar Austern, ein paar gegrillte Sardinen und der neue Elbling von Stephan Steinmetz erschienen mir angemessen. Sein 2015er hat – fast untypisch – viel Schmelz, wirkt eine Spur süßer als im Vorjahr, beschert aber dennoch den angemessenen Säurekick. Wer noch immer meint, Elbling wäre eine irgendwie doofe Rebsorte, sollte die Gelegenheit nutzen, die Ergebnisse des hervorragenden Jahrgangs 2015 zu probieren.

Wenn schon Siesta in Wandlitz, dann richtig

Zu Sardinen trinke ich eigentlich vorzugsweise Rosé oder ähnliches, doch das ging diesmal wirklich nicht. Der „Spätburgunder Weißherbst feinherb 2014“von Goswin Kranz aus Brauneberg (Mosel) ist – freundlich formuliert – eine Nullnummer. Keine Säurespiel, keine Spannung, nur ein wenig süßliche Frucht und ein merkwürdiger Mumpf im Abgang. Soll sich dennoch laut der Weinhändlerin, die ihn mir zum Verkosten gab, verkaufen „wie geschnitten Brot“. Kann durchaus sein, vor allem bei einer meist weiblichen, Prosecco-sozialisierten Klientel.

Dennoch alles ganz entspannt hier, doch mir liegt noch was schwer im Magen. Vor ein paar Tagen habe ich erfahren, dass eine musikbetonte Berliner Grundschule mit sehr hohem Anteil von Kindern aus muslimischen Familien ihre Teilnahme an der jährlichen Aufführung dieser Schulen in der Berliner Philharmonie absagen musste – weil die Aufführung in den Ramadan fällt, und die Kinder nach Meinung vieler Eltern in dieser Zeit nicht an derartigen Aktivitäten teilnehmen dürfen.

Ich weiß nicht, ob sich so ein Bullshit aus dem Koran ableiten lässt. Es ist mir auch herzlich egal. Die betreffende Schule wird seit langer Zeit als Leuchtturm integrativer musischer Bildung gerade für Kinder aus so genannten bildungsfernen Schichten abgefeiert, der Auftritt in der Philharmonie ist seit Jahren ein Highlight – und dafür gibt’s jetzt mal eben einen Tritt von Teilen der muslimischen Elternschaft. Nach besagter Podiumsdiskussion erzählte ich die Geschichte zwei Teilnehmerinnen, einer grünen Abgeordnete und einer sozial engagierten. Architektin. Reaktion: Man müsse halt auf die religiösen Gefühle der Eltern Rücksicht nehmen.

Hallo? Da läuft was gewaltig schief, und wenn wir das Thema Islam und Integration nicht der AfD überlassen wollen, müssen wir und was einfallen lassen.

So, der Frust ist fast verraucht, ich gönne mir noch eine 2. Ladung Sardinen und den Rest vom Elbling. Genuss ist schließlich Notwehr.

Ein besorgter Bürger auf der Suche nach Rosé

Es lebe das Multitasking. Quasi parallel habe ich ein Gespräch mit einem Berliner Direktkandidaten der LINKEN, der früher mal Manager einer Fluggesellschaft war und jetzt eine reformierte Gemeinde leitet, vorbereitet, den News zur Präsidentenwahl in Österreich gelauscht, sowie die ersten Seiten eines spannenden Buches über die „regressive Moderne gelesen.

Jetzt habe ich Hunger! Daher bin ich zwischendurch auch zu „Mitte Meer“ gefahren. Eigentlich wollte ich Austern kaufen, da der neue Elbling von Stephan Steinmetz eingetroffen ist. Hatten sie nicht. Also rote Meerbarben, die schön in Öl, Knoblauch, Meersalz, Basilikumblüten und Zitronensaft mariniert werden, um dann eingewickelt in Pergamentpapier im Ofen zu garen.

Irgendwann muss mit FPÖ und regressiver Moderne auch mal Schluss sein.

Aber eigentlich bin ich auch nur ein „besorgter Bürger“. Jedes Jahr mache ich mir, wenn die ersten richtig heißen Tage kommen, große Sorgen, ob es denn guten, frischen Rosé des aktuellen Jahrgangs gibt. Diesmal hab ich Glück gehabt: Einer meiner ersten Versuche, der Rosato Borgaio vom Castello di Meleto, war gleich ein Treffer. Keine Rotwein-Abfallverwertung sondern ein frischer, kräftiger Rosé aus Sangiovese mit feinen Beerenaromen und knackiger Säure. Vor allem fernab von allem genretypischen Erdbeerkitsch. Ein bisschen Maischestandzeit hat ihm ordentlich Struktur verpasst, dennoch bleiben die Gerbstoffe weitgehend außen vor. So kann Rosé. Vielleicht ein bisschen zu schwer für den Terrassentrunk, aber ein schöner Begleiter für die durchaus kräftig gewürzten Fische. Dazu Weißbrot aus der „Meisterbäckerei“ (die heißt wirklich so und zwar zu Recht) in Moabit-Süd und dann findet ein anstrengend-verdrießlicher Tag doch noch einen versöhnlichen Ausklang.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nazis in Wandltz – wenn das Erich noch erlebt hätte…

In Berlin drehen sie wieder gewaltig am Rad. Der sackdoofe Senat hat nicht nur gegen den Willen der betroffenen Bezirke Mitte und Kreuzberg/Friedrichshain ein Autorennen der „Formel E“ in der Innenstadt genehmigt, sondern dem kommerziellen Veranstalter auch noch gleich die Straßennutzungsgebühren erlassen, über 500.000 Euro. Seit Tagen ist dort alles weiträumig abgesperrt, damit irgendwelche Neurotiker zugucken können, wie moderne Gladiatoren mir 250 km/h über die Karl-Marx-Allee brettern. Sozusagen als Blaupause für jene Arschgeigen, die bei den regelmäßigen nächtlichen illegalen Autorennen auf diversen Straßen buchstäblich über Leichen gehen bzw. fahren.

Der Rest der Innenstadt wird durch einen „Frauenlauf“ blockiert, dazu kommen noch knapp 100.000 Fußballfans, die im Stadion oder irgendwo anders das Pokalfinale zwischen Lüdenscheid und Großkotzhausen erleben wollen.

Natürlich geht da nur noch Flucht auf den Landsitz. Und prompt erfährt man, dass die NPD am Sonnabend am Bahnhof Wandlitzsee eine Kundgebung gegen „Asylschmarotzer“ angekündigt hat.

Gebührender Empfang für die NPD in Wandlitz. Auch die Bürgermeisterin pfeift mit.

Wandlitz ist zwar auch Brandenburg, aber glücklicherweise ticken die Uhren hier ein wenig anders. Als vor einigen Jahren die ersten Flüchtlinge gegen den Protest diverser „besorgter Bürger“ in Erichs alter Residenzstadt untergebracht wurden, bildete sich schnell eine Willkommensinitiative mit vielen Unterstützern, die bis heute richtig gute Arbeit leistet. Mittlerweile sind die meisten der rund 250 in der Gemeinde lebenden Flüchtlinge anerkannt, viele verfügen auch schon über Deutschkenntnisse. Doch es fehlt an Wohnungen, und so müssen viele Flüchtlinge weiterhin in den Sammelunterkünften leben.

Dennoch geht es langsam voran. Die Kooperation mit einem Berufsbildungswerk in Bernau funktioniert recht gut und auch die Integration örtliche Leben macht Fortschritte. Die düster prophezeiten Einbrüche,und Vergewaltigungen sind ausgeblieben, man hat sich – wenigstens ein bisschen – aneinander gewohnt und der „Runde Tisch“ kümmert sich nach wie vor intensiv um Freizeitangebote.

Die 6-7 mit einem Lautsprecherwagen aus Eberswalde angereisten Nazis wurden von rund 250 Wandlitzern gebührend mit ohrenbetäubendem Lärm aus Tröten und Trillerpfeifen empfangen und während ihrer Kundgebung „begleitet“. Auch die Bürgermeisterin war dabei. Gut so!

Logistischer Alptraum für eine kleine Datschen-Küche: 2 frische Maischollen

Auf dem rund 3 Kilometer entfernten Landsitz habe ich ein ganz anderes Problem: Wie bereite ich angesichts meiner begrenzten logistischen Kochkapazitäten zeitgleich 2 veritable Maischollen zu? Wahrscheinlich eine im Grillofen und eine in der Pfanne, mal sehen. Immerhin ist die Getränkefrage geklärt. Silvaner kann ich nicht mehr sehen und Riesling zur Scholle kann jeder. Es gibt – ausgepasst!- einen „MÜLLER-THURGAU“ und zwar von der Mosel. Von einem aufstrebenden Nacvhwuchswinzer, der weiß, was man mit dieser übel beleumdeten Rebe machen kann. Ich bin gespannt

Fast alle sind “sackdoof”

Hektische Woche, viel schlechtes Wetter, viel schlechte Laune in Berlin. Zeit für den Wandlitzer Landsitz. Die Fahrt dorthin ist offensichtlich wesentlich ungefährlicher als ein Flug von Paris nach Kairo.

Auch sonst war die Woche schlimm. „Unsere“ Regierung hat beschlossen, dass jeder Käufer eines E- oder Hybrid-PKW ein paar tausend Euro Zuschuss bekommt, natürlich aus Steuermitteln. Vor ein paar Jahren gab’s ebenfalls einen Zuschuss, die so genannte „Abwrackprämie“ für Neuwagenkäufer. Wahrscheinlich haben sich damals viele Menschen eben jene „umweltfreundlichen“ Diesel-PKW gekauft, deren Abgaswerte von kriminellen Vereinigungen manipuliert wurden und werden. Viele behaupten ja, Merkel sei eine Marionette der USA. Das sehe ich nur teilweise so. Aber eine Marionette der Automafia ist sie 100%ig. Und natürlich der Agrochemie-Mafia, denn sie kämpft verbissen darum, dass Glyphosat weiter in der professionellen und privaten Landwirtschaft zugelassen wird, obwohl es wissenschaftlich fundierte Hinweise auf Gesundheits-, Erbgut- und Umweltschäden durch diesen Stoff gibt.

Wenigsten da kann ich ganz praktisch dagegen halten oder – wie man heute sagt – „ein Zeichen setzen“. Ich nehme meine kleine Gartenschaufel und die kleine Harke um allzu wachstumshemmende und nährstoffverzehrende Vegetation aus meinen Beeten zu entfernen. Das Wort „Unkraut“ benutze ich natürlich nicht.

Kein „Zeichen setzen“ kann ich in der Causa Erdogan. Dieser Verbrecher arbeitet ungerührt vom dezent unwilligem Gemurmel seiner europäischen Verbündeten daran, jetzt auch die parlamentarische Opposition in seinem Land auszuschalten und ins Gefängnis zu sperren. Ich bin gespannt, wie die deutsche Politik reagieren würde, wenn von langen Haftstrafen bedrohte kurdische Abgeordnete in Deutschland Asyl beantragen. Wahrscheinlich so wie bei Snowden…

Noch was: Ausgerechnet der schießwütige AfD-Tortenboden Beatrix von Storch hat lauthals gefordert, die Kirchensteuer abzuschaffen, während der linke Ministerpräsident von Thüringen, Bodo Ramelow, die absurden Privilegien der christlichen Kirchen mit einer „Ewigkeitsgarantie“ ausgestattet sieht. Das Problem dabei: Von Storch hat Recht und Ramelow nicht.

Die Füße und ein Glas Wein auf dem Tisch fand ich schon zu Redakteurszeiten bei der “Jungen Welt” gan klasse.

 

Es gibt aber auch erfreuliche Nachrichten. Da ich im Rahmen meiner publizistischen Tätigkeit nachweislich auch als Satiriker in Erscheinung getreten bin, darf ich künftig jeden Menschen als „sackdoof“ bezeichnen. Das sagt jedenfalls das Landgericht Hamburg. Ich arbeite bereits an einer Liste, und die wird ziemlich lang. Ich fang dann mit denen an, die das Autorennen am Sonnabend in der Berliner City genehmigt haben.

Stress könnte ich allerdings bekommen, wenn ich über jemanden behaupte, dass „sein Gelöt schlimm nach Döner“ stinke oder er „am liebsten Ziegen fickt“. Letzteres ist ohnehin keine schöne Vorstellung, da ich eigentlich vorhatte, mir bei Gelegenheit wieder mal eine Zickleinkeule zu besorgen. Und zwar ohne Sperma.

Doch ansonsten ist alles prima. Salat, Kohl, Erdbeeren und Gemüse gedeihen prächtig. Meine energischen Maßnahmen zur Rasenrettung zeitigen erste Erfolge. Wenn ich Glück habe, bekomme ich am Wochenende Flussbarsche vom Wandlitzer Angelverein, wenn nicht werden frische Maischollen besorgt. Und dazu wird dann endlich wieder mal Riesling getrunken, und nicht immer „nur“ Silvaner. Denn Genuss ist bekanntlich Notwehr.

 

 

Lieber Silvaner als “Karneval der Kulturen”

Mach doch mal hinne, ick hab meene Zeit nich jestohlen“. Das waren die ersten Worte, die ich nach meiner Rückkehr aus Franken am Hauptbahnhof in Berlin hörte. Drei Tage unter freundlichen, lebenslustigen und oftmals auch fröhlichen Menschen sind vorbei; ich bin wieder in der Hauptstadt der Muffelnden und Verkniffenen. Hier würde mir wohl kein Kellner eines Bahnhofscafés im Laufschritt zum Bahnsteig hinterher rennen, um mir vor Abfahrt des Zuges noch meine Sonnenbrille zu überreichen, die ich liegen gelassen hatte (So geschehen in Kitzingen).

Natürlich sieht sich Berlin offiziell ganz anders, nämlich als „weltoffene, multikulturelle Metropole“. Besonders zu Pfingsten, denn dann wird hier der „Karneval der Kulturen“ gefeiert. Beim großen Umzug mit über 70 Festwagen und den dazugehörenden Gruppen durch Kreuzberg und Neukölln kommen bei gutem Wetter manchmal über eine Million Besucher. In einigen Gruppen dürfen diesmal sogar ein paar echte Flüchtlinge mitmachen. Nichts für mich, nichts wie weg hier. Das gilt auch für das nächste Wochenende, denn dann gibt es – kein Scherz – mitten in Berlin ein Autorennen!

Wenn der Lärm verebbt, die Betrunkenen und Bekifften wieder nüchtern, der Müll beseitigt und die Partytouristen wieder verschwunden sind, kehrt der Alltag ein. Und der ist teilweise ausgesprochen bitter. Die Zahl der Wohnungslosen ist im vergangenen Jahr drastisch gestiegen. Vor allem, weil es für viele Flüchtlinge, die nach Anerkennung ihres Asylantrags die Gemeinschaftsunterkünfte verlassen wollen und sollen, schlicht keine Wohnungen gibt. Sie konkurrieren mit den „autochthonen“ Armen um eine bezahlbare Bleibe, denn die Stadt hat die Förderung des Wohnungsbau über ein Jahrzehnt faktisch eingestellt und kommt auch jetzt nur mühsam in die Gänge. Und eben jene „alternative“ Szene, die sich für besonders multikulturell und weltoffen hält, wehrt sich in ihren Altstadtkiezen mit Händen und Füßen gegen den Neubau von Wohnungen.

Die AfD freut das. Sie steht in den aktuellen Wahlprognosen für die Abgeordnetenhauswahl im September bei 15 Prozent, Tendenz steigend. Dass es im Ostteil der Stadt sogar 18 Prozent sind, fällt da kaum sonderlich ins Gewicht. Dabei geht es schon längst nicht mehr nur um Fremdenhass, sondern um die Abkoppelung von einem politischen und gesellschaftlichen System, in dem man sich nicht mehr vertreten fühlt.

Eigentlich wäre es die vornehmste Aufgabe der Linken und vielleicht sogar der SPD diesen Menschen ein Angebot zu machen, ohne dem rassistischen und antimodernen Gedöns nachzugeben. Doch sie tun es nicht. Sie haben keinen überzeugenden Plan gegen Altersarmut, Familienarmut, Bildungsarmut oder Wohnungsnot. Und vor allem: Man glaubt Ihnen einfach nicht mehr. Schließlich war Berlin zwischen 2002 und 2011 „rot-rot“ regiert. Mit dem Ergebnis, dass über 100.000 in Kommunalbesitz befindliche Wohnungen an private Finanzinvestoren verscherbelt, die Löhne im öffentlichen Dienst und bei städtischen Betrieben teilweise gesenkt und die soziale Infrastruktur der Bezirke reichlich zerschreddert wurde.

Ich glaube schon lange nicht mehr, dass ich an großen Rädern drehen kann. Ich mische ein klein bisschen mit, schreibe Artikel und Bücher, führe viele Diskussionen, engagiere mich in meinem Stadtteil. Und pflege ansonsten meine kleine Nischen: Den Landsitz in Wandlitz, gute Musik, gutes Essen, guten Wein. Genuss ist schließlich Notwehr.

Das ist die Alternative zum Karneval der Kulturen

 

Womit wir beim Thema wären: Fränkischen Silvaner kann man nicht nur zum Spargel trinken, sondern auch zur gegrillten Forelle. Aber eigentlich immer. In diesem Sinne…

Hat jemand eine Idee?

Gratuliere Frau Merkel. Du hast den „Flüchtlingsstrom“ wie angekündigt durch eine „europäische Lösung“ gestoppt. Du hast Dir einen gegrinst, als andere mit der Schließung der Balkan-Route erst mal die gröbste Drecksarbeit für Dich erledigt haben, während Du mit dem Verbrecher vom Bosporus einen Deal ausgehandelt hast. Er hält „uns“ die Flüchtlinge vom Hals und darf sie gerne unter Bruch der Genfer Konvention auch wieder nach Syrien, Irak oder Afghanistan deportieren. Im Gegenzug kriegt er einen Freibrief für den Terror gegen die Kurden in seinem Land und die gnadenlose Verfolgung aller Kritiker bis hin zu Mordanschlägen und hohen Haftstrafen für Journalisten. Als Sahnehäubchen gibt’s neben jeder Menge Kohle auch noch die Visafreiheit für türkische Staatsbürger sowie die von besagtem Verbrecher verlangte Eröffnung eines Strafverfahrens gegen einen deutschen Satiriker.

So ganz im Stillen, ganz tief im dunklen Keller, wenn es wirklich niemand hören und sehen kann, werden Dir und deinem verrotteten Koalitionspartner SPD auch manch Grüner und sogar einige Linke für den Deal dankbar sein. Denn die „Flüchtlingsfrage“ und der damit einhergehende Vormarsch der AfD war und ist auch denen ziemlich lästig, zumal sie keine schlüssigen Antworten auf die in diesem Zusammenhang aufkommenden Fragen haben. Und über den Verbrecher vom Bosporus und Merkel kann man trotzdem weiter schimpfen, weil man ja „Opposition“ ist

Das Dumme ist nur, dass Du und die anderen sich verzockt haben. Auch die tumbe AfD hat längsr gepeilt, dass das Flüchtlingsthema angesichts drastisch gesunkener Ankunftszahlen nur noch bedingten Aufregungswert hat. Es wird jetzt jenseits der ganz großen Schlagzeilen in den Mühen der kommunalen bzw. Behördenebene verhandelt: Wohnungen, Bildung, Arbeit – also Integration – oder eben Abschiebung. Natürlich wird das PEGIDA- und Nazi-Gesockse weiter marodieren, vor allem im Osten, aber das wäre – ohne es verharmlosen zu wollen – beherrschbar. Doch die Delegimitierung der herrschenden Politik geht wesentlich tiefer, als von Dir eingeschätzt. Und da es leider keine auch nur einigermaßen massentaugliche Antwort radikaler Demokraten oder gar Linker auf diese Krise der politischen Klasse gibt, ist das Feld frei für ein umfassendes antimodernes, tendenziell rassistisch-völkisches Rollback (nicht nur) in diesem Land. Statt für viele Menschen drängende soziale Fragen wie Altersarmut, Kinderarmut, Bildungsarmut, Vermögensverteilung, Mangel an bezahlbarem Wohnraum, prekäre Arbeit (um nur einige zu nennen) ernsthaft anzugehen, verschanzt man sich und übt den „Schulterschlusse der Demokraten“. Jeder Blinde und Doofe bekommt doch mit, dass Koalitionen wie „Grün-Schwarz“ (BaWü), „Schwarz-Rot-Grün“ (S-A) oder „Rot-Grün-Gelb“ (Rh-Pf) nur dem Machterhalt besagter Klasse dienen – was der AfD natürlich kräftig Futter gibt. Und mit Gregor Gysi denkt gar eine Ikone der Linken schon laut über Koalitionen mit der CDU nach.

Das alles kann einem Angst machen – und sollte es auch. Zumal es in vielen europäischen Ländern ähnlich oder gar noch schlimmer aussieht. Und eh ich es vergesse: Dass laut Umfragen die Mehrheit der in Deutschland lebenden Türken bzw. türkischstämmigen Deutschen die Politik des Verbrechers vom Bosporus unterstützt, finde ich auch nicht sonderlich beruhigend.

Ich klinke mich für ein paar Tage aus diesem Irrsinn aus. Ich fahre ins Bratwurst-Silvaner-Land, darf bei der Wahl der fränkischen Top-Weine in der Jury mitmachen und werde mit einigen Kollegen lustige Stunden bei Speis und Trank verbringen. Genuss ist bekanntlich Notwehr.

Ein letztes Mal: Spargelkönig Rudolf May

Der folgende Text erschien heute in der Wochenendbeilage von „Neues Deutschland“ und ist im Internet nur für Abonnenten einsehbar,. Daher hier der Text.

Zart und edelbitter

Die Spargelsaison hat begonnen. Im Akkord aus dem Boden gestochen, bringt er den Gourmet an den Rand der Ekstase. Eine Liebeserklärung samt Weinempfehlung. Von Rainer Balcerowiak

Die Spargelsaison ist in vollem Gange. In fast allen Bundesländern sorgen vornehmlich ost- und südosteuropäische Erntehelfer dafür, dass das edle Stangengemüse in ausreichenden Mengen, relativ preiswert und vor allem frisch angeboten werden kann – sie haben die Rückenschmerzen und wir den Genuss. Die Anbaufläche ist stetig gewachsen und beträgt bundesweit rund 25 000 Hektar. Spargel ist damit das mit großem Abstand am häufigsten angebaute Freilandgemüse in Deutschland. Die zu erwartende Erntemenge hängt vom Witterungsverlauf ab, doch falls Frühling und Frühsommer nicht von allzu bösartigen Wetterkapriolen geprägt werden, ist mit 110 000 bis 120 000 Tonnen zu rechne.

Die größten Anbaugebiete befinden sich rund um Nienburg (Niedersachsen), Schwetzingen (Baden) und Beelitz (Brandenburg). Auch in der Länderstatistik belegt Brandenburg mit knapp 2900 Hektar den 3. Platz. Natürlich würde kein einigermaßen lokalpatriotischer Hamburger, Kölner, Franke, Hesse, Oberbayer, Pfälzer, Thüringer oder Sachse diesen Spargel auch nur angucken, geschweige denn verzehren. Jeder schwört felsenfest auf die ganz besondere Qualität der Stangen aus seiner Region. Bekannt ist allerdings, dass weißer Spargel vor allem auf Sandböden gut gedeiht, und so gesehen hat Brandenburg einen beträchtlichen Standortvorteil.

Am 24. Juni, dem Johannistag, ist die Saison traditionell zu Ende. Die Böden sollen durch diese Begrenzung vor übermäßiger Auslaugung bewahrt werden. Auch vor und nach der Saison gibt es Spargel zu kaufen. Nicht nur Nachbarländer mit Spargeltradition wie Polen und die Niederlande produzieren in der Regel noch einige Wochen länger. Bereits im Winter kommt weißer Spargel aus Griechenland auf den Markt, Spargel aus Peru ist mittlerweile ganzjährig im Angebot. In Bezug auf Frische und Geschmack muss man da allerdings gewaltige Abstriche machen. Bei tiefgekühlter und konservierter Ware ist auch China auf dem Vormarsch.

Doch trotz globalisierter Lebensmittelmärkte bleibt weißer Spargel hierzulande in erster Linie ein saisonales Vergnügen. Und das ist auch gut so, denn Spargel ist – zumindest in Deutschland – weit mehr als »nur« ein besonders schmackhaftes Gemüse. Er markiert den Übergang zu den wärmeren Jahreszeiten und wird daher gerne auf dem Balkon, der Terrasse oder in Gartenrestaurants genossen. Er bereichert durch die vielen kleinen Buden regionaler Direktvermarkter die Einkaufskultur in den Städten. Er animiert zu Ausflügen ins Umland, sofern sich dort Spargelhöfe befinden. Denn die Frische ist das A und O. Stangen bester Qualität müssen geschlossene Köpfe haben und dürfen weder violett noch braun angelaufen sein. Beliebt ist ein sehr simpler Frischetest. Man reibt zwei Stangen aneinander; wenn es quietscht, ist alles gut, wenn nicht, dann Finger weg!

Was den Konsumenten hohen Genuss beschert, ist für die Erntehelfer Schwerstarbeit. Jede einzelne Stange muss mit der Hand freigelegt und gestochen werden, was meistens in gebückter Haltung geschieht. Die Saisonkräfte in Brandenburg kommen hauptsäch aus Polen und Rumänien. Ihre Zahl ist nicht bekannt, da sie den Behörden als EU-Ausländer nicht gemeldet werden müssen. Es dürften aber deutlich über 1000 sein. Die Grundvergütung beträgt 7,90 Euro pro Stunde, liegt also deutlich unter dem gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro, die Angleichung erfolgt schrittweise bis 2018. 12-Stunden-Schichten und Wochenarbeitszeiten von 60 Stunden und mehr sind üblich. Ein Riegel wurde allerdings der früher üblichen Praxis vorgeschoben, die ohnehin kärglichen Löhne durch horrende Pauschalen für Unterkunft und Verpflegung weiter zu drücken. Diese sind jetzt bei 223 Euro pro Monat bzw. 7,63 Euro pro Tag gedeckelt und dürfen zudem erst angerechnet werden, wenn der monatliche Lohn die Pfändungsfreigrenze von 1080 Euro überschreitet.

Ruxandra Empen arbeitet für den Verein »Arbeit und Leben«, der sich in Zusammenarbeit mit dem DGB und der IG BAU um die Saisonkräfte in Brandenburg kümmert und Beratung und Hilfe anbietet. Nach ihrer Erfahrung werden die Mindestbedingungen »im Großen und Ganzen eingehalten«. Allerdings sei der Mindestlohn in der Regel an Akkordvorgaben gebunden. Wer diese nicht einhalte, müsse unter Umständen mit Kündigung rechnen. Andererseits könnten erfahrene Spargelstecher durch höhere Ernteleistungen auch deutlich mehr verdienen.

Aber natürlich sollte man Spargel nicht nur aus gewerkschaftlicher Sicht betrachten, sondern vor allem genießen. Die Grundzubereitung ist einfach: Schälen, bissfest kochen oder dämpfen – fertig. Dann aber scheiden sich die Geister. Puristen graust bei dem Gedanken, den zarten, edelbitteren Eigengeschmack mit seiner dezenten Süße und Säure durch schleimige Soßen zu verfremden oder den Spargel zu einer Beilage für Schnitzel, Schinken, Bratwurst oder Lachs zu degradieren. Sie gönnen ihm das, was ihm gebührt: Einen Soloauftritt, begleitet nur von guten Pellkartoffeln (z.B. »Linda«), zerlassener Butter und vielleicht noch etwas Petersilie. Wem das zu karg ist, der reicht eine Sauce Hollandaise oder – nicht ganz so verbreitet – Sauce Bearnaise dazu. Hoffentlich selbst zubereitet, denn die Scheußlichkeiten aus Tüten und Tetrapacks sind eine Entwürdigung des Spargels.Weitere Klassiker sind die Spargelcremesuppe, der Spargelsalat und das Spargelrisotto, das aber meistens mit grünem Spargel zubereitet wird. Unverzichtbar ist Spargel ferner als Bestandteil von zwei Traditionsgerichten: Hühnerfrikassee und Leipziger Allerlei. Dazu kommen exotische Varianten, die dem regionalen, saisonalen Charakter des Spargels aber kaum gerecht werden.

Kongenialer Partner des Spargels ist ein passender Weißwein. Trocken und leicht sollte er sein, mit merklicher Säure, sehr wenig Restzucker und eher erdig-mineralisch als fruchtbetont. Also genau so, wie man sich einen klassischen fränkischen Silvaner vorstellt, der dort seit Jahrhunderten vor allem auf Keuper und kargen Muschelkalkböden gedeiht.

Rudolf May ist ein großer Freund “karger” Silvaner. Trendy ist das nicht – dafür aber großartig, besonders zu Spargel.
Quelle; Weingut May

42 Weine haben wir getestet, aber anders, als es bei »professionellen« Weinverkostungen üblich ist. Es wurde nicht geschüttelt, geschnüffelt, gegurgelt, ausgespuckt, mit Fachbegriffen analysiert und mit Punkten bewertet – sondern schlicht und ergreifend zum Spargel mit Kartoffeln und Butter probiert. Einziges Kriterium: Passt oder passt nicht. Nach einigen Vorrunden gab es ein Finale mit fünf Weinen und einen klaren Sieger. Rudolf May aus Retzstadt hat auch in diesem – für trockene, leichte Weine eher schwierigen – Jahrgang ein wahres Prachtexemplar eines klassischen fränkischen Silvaners auf die Flasche gebracht. Rassig, schnörkellos und mit feinen Kräuternotenentpuppte er sich als perfekter Begleiter des – natürlich Beelitzer – Spargels.

Den Wein kann man auch nach der Saison zu vielen Gelegenheiten mit Genuss trinken. Für Spargel sollte aber gelten: Aufhören, wenn’s am schönsten ist – und sich dann ab sofort auf den nächsten Frühling freuen.

Den Silvaner Retzstadt 2015 gibt es für 9,50 Euro ab Hof.

Der Kampftag des Spargelschälers

Es soll ja Menschen geben, die am 1.Mai irgendwelche städtischen Plätze aufsuchen, um eingenebelt vom Geruch angekokelter Bratwürste langweilige Reden und schlechte Musik zu hören. Dazu dann noch ein möglichst mieses Bier aus dem Plastebecher. Das ganze nennt sich dann „Tag der Arbeit“ oder bei etwas linkeren Zeitgenossen „Kampftag der Arbeiterklasse“.

Für mich ist das nichts. Nicht immer, aber immer am 1.Mai – geht mir die Arbeiterklasse am Arsch vorbei! Traditionell wird an diesem Tag ein kleines Gelage auf dem Landsitz in Wandlitz veranstaltet, an dem stets auch ein revolutionärer und ein bürgerlich-liberaler Journalist, ein trotzkistischer Bürokrat sowie weitere Gäste teilnehmen. Für mich ist es der Kampftag des Spargelschälers und des Salatputzers. Danach werden noch ein paar Merguez gegrillt, zu trinken gibt es zunächst Silvaner (zum Spargel) und anschließend mitgebrachte Rotweine hoffentlich anständiger Qualität. Gerade mit dem trotzkistischen Bürokraten habe ich schon desaströse Erfahrungen gemacht. Und ab morgen stehe ich dem nationalen und internationalen Klassenkampf als Arbeiter der Feder wieder vollumfänglich zur Verfügung.

Likörkrieg im Hirschrevier

Der Spirituosenmarkt ist hart umkämpft. Die großen Platzhirsche versuchen ihr Revier zu verteidigen, vor allem gegen Newcomer, die mit neuen Ideen und Produkten auf den Markt drängen. Derzeit tobt ein heftiger Streit unter Produzenten von Kräuterlikören, bei dem Hirsche eine gewichtige Rolle spielen. Es geht um Plagiatsvorwürfe, die sowohl Rezeptur und Geschmack der Liköre als auch die Aufmachung der Flaschen betreffen. Dabei verstrickt sich einer der Beteiligten, der Bonner Unternehmer Dirk Verpoorten, in erhebliche Widersprüche.

Dirk Verpootens “HirschRudel”: Ein Mann, ein Likör, ein Koffer und viele offene Fragen:

Nun ist Dirk Verpoorten kein kleiner Spirituosenhersteller, sondern Sproß der gleichnamigen Likördynastie und gehört nach wie vor zu den Gesellschaftern des gleichnamigen Unternehmens. Außerdem gründete er 2007 die Firma “Seven-Spirits”, die sich auf den Import bzw. die Vertriebsrechte meist hochpreisiger deutscher und internationaler Spirituosen spezialisiert hat. Dazu kommt die Produktlinie “DV7″, in Frankreich hergestellter alkoholfreier Sirup für Mixgetränke. Exklusiver Vertriebspartner ist die „WeinWolf“-Gruppe, einer der Marktführer in diesem Segment. 2014 führte er den Kräuterlikör „HirschRudel“ als Eigenmarke ins Sortiment ein. Dieser soll laut PR-Texten auf dem Rezept seiner 1968 verstorbenen Großmutter basieren, das zufällig in einem alten Koffer entdeckt wurde. Zur Legende gehört ferner, dass der Likör handwerklich in limitierten Kleinmengen produziert wird. Allerdings wurde der „HirschRudel“ offenbar von Anfang an in einem industriellen Großbetrieb in Niedersachsen verarbeitet und abgefüllt, der Condor GmbH mit Sitz in Sandkrug.

Doch davon will Verpoorten nichts wissen. Sowohl gegenüber dem Berliner Tagespiegel als auch gegenüber spiegel online bestritt Verpoorten Ende März und Anfang April 2016 kategorisch, dass sein Likör jemals bei Condor abgefüllt worden sei. Entsprechende Angaben im Internet seien falsch, und er habe auch “keine Ahnung” wie die dort hingelangt seien.

Der Abfüller soll geheim bleiben

Da sagt er schlicht die Unwahrheit. Im Juni 2015 war ich mit ihm in seinem Bonner Büro verabredet, um der Geschichte vom „authentischen Kräuterlikör“ nachzugehen und möglicherweise einen Artikel darüber für ein Genussmagazin zu schreiben. Vor allem die Sache mir „Condor“ schmeckte Verpoorten bei dem Gespräch (dass ich mit seinem Einverständnis aufgezeichnet habe) überhaupt nicht. Zwar räumte er unumwunden ein, dass „HirschRudel“ dort produziert wird und zeigte mir sogar Bilder von der Abfüllung und Etikettierung auf seinem Tablet. Das sei aber nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Da müsse man in der Außendarstellung wohl noch ein Loch stopfen. In der Tat, denn das Image des „handwerklich“ hergestellten Likörs verträgt sich schwerlich mit einem industriellen Großproduzenten und -abfüller.

Auch ansonsten erwies sich die Produktlegende als wenig verifizierbar. Der Überseekoffer, in dem sich das Poesiealbum der Großmutter mit den Kräutern und Rezepturen befunden haben soll, wird gerne gezeigt, das Album selbst aber nicht (auch nicht als Faksimile). Zur Produktionsmenge werden keine Angaben gemacht. Zwar sind die Flaschen durchnummeriert und es gibt eine „Fassnummer“, aber das bezieht sich nur auf die jeweilige Produktionscharge, die laut Verpoorten jeweils 2- 3 Fässer und insgesamt 3000 Flaschen umfasst. Doch wie viele Chargen hergestellt wurden, wird nicht mitgeteilt. Es tauchten ferner Widersprüche beim Zeitablauf zwischen der „Entdeckung“ des Rezepts bis zur Markteinführung auf. So hieß es auf der Internetseite seiner Firma: “Er beschließt im Jahr 2014, den Likör nach dem Originalrezept (…) wieder ins Leben zu rufen”, doch die Markenanmeldung erfolgte bereits 2012. Im Gespräch datierte Verpoorten den Fund des Koffers mit besagter Rezeptur auf „2012 oder 2013“

Für mich war die Sache damit eigentlich erledigt, denn ich schreibe keine Geschichten auf der Basis von PR-Legenden. Doch wie der Zufall manchmal spielt, erfuhr ein Verwandter einer bayrischen Likörproduzentin über drei Ecken davon, dass ich mich für „HirschRudel“ interessiert habe und bei Dirk Verpoorten war. Auch mit ihm traf ich mich – und hörte eine ganz andere Geschichte.

Alles nur geklaut?

Petra Waldherr-Merk und ihre Familie stellen seit mehr als zehn Jahren – also deutlich vor der Markteinführung von Verpoortens Produkt – ebenfalls einen Kräuterlikör her, den „Hirschkuss“. Auch er basiert auf einem Familienrezept, in diesem Fall war es die Überlieferung der Großtante. Anders als Verpoorten zeigt Waldherr-Merk auch die alten Aufzeichnungen. Sie geht davon aus, dass Verpoorten ihr -recht erfolgreiches – Produkt kopiert hat, sowohl die Story, als auch die Inhaltsstoffe und den Geschmack betreffend. Sensorisch sind in der Tat erstaunliche Parallelen festzustellen. Eines der führenden Institute für Spirituosenanalyse kam zu dem Ergebnis, dass die Aromenprofile der beiden Liköre „nahezu identisch“ sind. Zudem hätte HirschRudel genau wie Hirschkuss eine deutliche “Rumnote, die für Kräuterliköre als Besonderheit zu werten ist”. Zufall?

Waldherr-Merk hat inzwischen beim Patentamt die Löschung der Marke „HirschRudel“ beantragt. Doch dem Bonner Spirituosenmogul droht noch weiteres Ungemach. Denn auch der Branchenriese „Jägermeister“ hat den Klageweg eingeschlagen um Markenschutzrechte durchzusetzen. Moniert wird, dass “HirschRudel” die Hubertushirsch-Bildmarke verletzt. Am 11. Dezember 2015 entschied das Landgericht Hamburg, dass „HirschRudel“ nicht mehr in Verkehr gebracht werden darf und dem Kläger – also Jägermeister – zudem ein Schadensersatzanspruch für alle bislang bereits vertriebenen Flaschen zusteht. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig.

Das alles wäre eigentlich nicht meine Baustelle, zumal schon etliche Medien über den „Likörkrieg“ berichtet haben. Auch dass Verpoorten den Plagiatsvorwurf von Waldherr-Merk vehement als „abwegig“ zurückweist und der Likörproduzentin mit Klage droht, gehört halt zum üblichen Procedere. Zudem sehe ich mich außerstande, die Justiziabilität der Vorwürfe ausreichend fundiert beurteilen zu können, dafür gibt es schließlich Gerichte. Ich kann es aber nicht besonders gut leiden, wenn ein bekannter, erfolgreicher Unternehmer öffentlich und dreist die Unwahrheit sagt. Vor allem kann ich es nicht leiden, wenn Verbraucher in Bezug auf die Herstellung von Produkten hinters Licht geführt werden sollen.