Offline-Schock in Wandlitz. Aber wenigstens Sardinen und Rosé

Die Erkenntnis traf mich am Freitag so gegen 12,20 Uhr in Wandlitz-Stolzenhagen wie ein Blitzschlag: ICH BIN OFFLINE!! D.h. keinen Artikel für das „Neue Deutschland“ über die Schlichtung im Kita-Tarifkonflikt schreiben, keine Besprechung eines fränkischen Spätburgunders, keine dringend erwarteten Mails, kein Facebook, keine Blogs, keine News. Mein UMTS-Stick, ohne den bei Aufenthalten auf dem Wandlitzer Landsitz keine Verbindung mit der digitalen Welt möglich ist, liegt irgendwo in der Moabiter Wohnung.

Was tun? Sofort umkehren oder den riskanten Versuch wagen, ca 50 Stunden analog zu leben? Droht vielleicht ein Offline-Schock mit nervösen Magenkrämpfen und Schweißausbrüchen? Werde ich kommunikationstechnisch unwiderbringlich angehängt?

Ersetzt jede Internetverbindung…..

 

Schweren Herzens und voller Bedenken habe ich mich für Zweiteres entschieden. Eine gute Entscheidung. Schließlich findet der ganze Irrsinn auch ohne mich statt, und immerhin verfüge ich hier über ein Radio (wahrscheinlich wissen viele gar nicht mehr, was das ist).

Nach einer Nachrichtenschleife hatte ich die Faxen ohnehin dicke. In Frankreich und Tunesien haben die Gotteskrieger wieder zugeschlagen und in Freital tobt der rassistische Mob. Moralische Unterstützung bekommt dieser sächsische Abschaum von diversen europäischen Regierungschefs, die sich weigern Flüchtlinge aufzunehmen. Auch die massive Erpressung Griechenlands wird unerbittlich fortgesetzt.

Hier ist alles wieder mal ziemlich entschleunigt. Zwar gibt es auch in Wandlitz-Stolzenhagen eine Form von Terror, aber die beschränkt sich auf eine fiese brandenburgische Schneckenbrigabe, die mittlere Verwüstungen in meinem Salat- und Gemüsebeet angerichtet hat. Ansonsten alles im grünen Bereich, was durchaus wörtlich zu nehmen ist.

Und überhaupt: Ein Leben ohne Internet ist abscheinend möglich (jedenfalls 50 Stunden), aber ohne anständiges Essen und einen guten Wein dazu wäre es richtig bitter. Meinen UMTS-Stick habe ich in Berlin vergessen, die frischen Sardinen und die „Linda“-Kartoffeln glücklicherweise nicht. Im hiesigen Keller harrt zudem schon seit einiger Zeit der aktuelle Kekfrankos-Rosé von Horst Hummel einer eingehenden Prüfung. Und wenigsten haben die Terror-Schnecken meine Erdbeeren verschont. Wozu brauche ich jetzt eigentlich noch das WWW.

Böllerschüsse, Streiks und fränkischer Rotwein

Eigentlich kümmere ich mich schon lange nicht mehr um das ätzende Party- und Staatsbesuchsgedöns in der Berliner Innenstadt. Doch als ich nach einem anstrengenden Arbeitstag am Dienstagabend auf meinem kräuter- und gemüseumrankten Balkon von dumpfen Donnerschlägen aus meiner Feierabendidylle (vor mir stand ein Glas Michelbacher Steinberg St. Laurent 2012 und ein Teller mit Oliven, Schafskäse und Wildschweinleberpastete) gerissen wurde, war ich wieder mittendrin. Denn es waren die Salutschüsse, mit denen die britische Königin auf dem Flughafen Tegel begrüßt wurde. Auch das ein gelungener Ausdruck deutschen Kulturverständnisses. Warum wird ein hochgestellter Gast in der deutschen Hauptstadt eigentlich mit Kanonen begrüßt, statt mit dem 1. Satz aus dem 3. Brandenburgischen Konzertvon Johann Sebastian Bach?

Das sah nach einem idyllischen Feierabendsnack aus. Und dann kam die Queen…

Queen in Berlin bedeutet Ausnahmezustand. Tausende verblödete Rentner und verblödete Touristen drängeln sich entlang ihrer Ausflugsrouten oder vor dem Hotel Adlon, um einen Blick auf dieses alberne Relikt des Feudalismus zu erhaschen. Dazu noch ein debil winkender Bundespräsident Gauck an der Seite der Königin auf Spree-Bootstour, devot schleimende Honoratioren auf allen Kanälen und Verkehrschaos im gesamten Zentrum . Besonders beliebt sind in den örtlichen Zeitungen und Radiosendern derzeit Benimmtipps, falls die Queen einen ansprechen sollte. Ich wüsste jedenfalls was ich ihr sagen würde: “Mach dich vom Acker, Elli. Du und deine Monarchie sind ungefähr so nützlich wie Fußpilz”.

Während die millionenschwere alte Dame in Berlin ihre Kostümshow abzieht, sitzen die Mächtigen Europas in Brüssel und überlegen, wie sie der SYRIZA-Regierung in Griechenland endgültig den Hals zudrehen können. Aber was soll’s: The Show must go on. Auch in Berlin gibt es ein paar Menschen, die andere Sorgen als die Wahl des passenden Hutes haben An der Uniklinik Charité streiken die Pflegekräfte, und zwar nicht für höhere Löhne, sondern für mehr Personal. Vorbildlich! Ohnehin gab und gibt es derzeit in Deutschland interessante Tarifkämpfe inklusive Streiks. Bei der Bahn geht es um das Recht einer Gewerkschaft auf einen Tarifvertrag, bei der Lufthansa um die Altersversorgung und bei der Post um die Ausgliederung von Betriebsteilen in Billiglohnfirmen. Nachahmung erwünscht.

Den Spaß an dem oben erwähnten Rotwein lass ich mir aber auch von der Queen nicht verderben. Intensiver Duft nach  Weichselkirschen. Am Gaumen  dann eingelegte Sauerkirschen, Brombeeren und  Kräuter, vor allem Thymian. Dazu ein wenig Bitterschokalade. Natürlich schmeckt man den Ausbau im Barriquefass (Vanille). Aber stets bleibt die Holznote der Frucht des Weines untergeordnet. Süße? Fehlanzeige, liegt bei nahe null Gramm. Auf der anderen Seite satte fünf Promille Säure, was ziemlich schräg klingt – aber bei diesem Wein bestens funktioniert. Denn die pralle Kirschfrucht spielt unseren Geschmacksnerven einen Streich und gaukelt Süße vor.Und jetzt nochmal: F*** the Queen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wenn Musik mehr als Musik ist

Das Bachfest endete für mich am Montag so, wie es am Freitag begonnen hatte: Mit einem Orgelwerk von Johann Sebastian Bach. Dazwischen lagen unter anderem drei Mal Thomanerchor, ein Konzert mit Leipziger Kantaten, spannende Kammermusik für Viola, Violoncello und Klavier , angestrengt wirkende chinesische Kinder in einem Chorprojekt, Jazz auf dem Marktplatz – und eines der größten Konzerte, die ich je erlebt habe.

Sir Eliot Gardiner, der Monteverdi Choir und die English Baroque Solists am Sonntag in der Nikolaikirche.
© Bach Archiv Leipzig

Letzteres entzieht sich fast der Beschreibung. Was passiert, wenn ein im wahrsten Sinne des Wortes von der Alten Musik beseelter Musiker und Forscher wie Sir John Eliot Gardiner zwei der größten Werke aus der Gattung „Sterbemusik“ aufführt? Wenn ihm mit dem dem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists zwei der zweifellos besten Gesangs- und Instrumentalensembles dieses Genres zur Verfügung stehen. Wenn dazu noch Solisten kommen, die dem altbackenen Kantatentext von J.. Bachs “Lass, Fürstin, lass noch einen Strahl” und der lateinischen Liturgie von W.A. Mozarts Requiem eine zeitlose Würde und Intensität verleihen.

Das war nicht einfach ein Konzert in der Nikolaikirche im Rahmen des Leipziger Bachfestes. Das war ein spirituelles Erlebnis, ein tiefes Ausloten von Trauer, Zweifel, Mut, Kraft und Zuversicht. Ein Orchester, das spricht, singt und Bilder malt, ein Chor der flüstert, schwelgt, jubiliert und alle Register einer überdimensionalen Orgel zieht. Solisten, die eins werden mit ihren Parts und ein Dirigent, der dies alles zu einem nur schwer fassbaren Gesamtkunstwerk zusammenfügt.

Überhaupt war dieser Sonntag einer jener Tage, für die ich das Bachfest so liebe. Am Morgen ein Gottesdienst auf dem Marktplatz mit Posaunenchor und strahlenden Thomanern, die einen die langweilige Predigt sofort unter “Werbeeinblendung“ abbuchen lassen. Am Mittag drei junge, dennoch bereits renommierte Musiker (Johannes Pennetzdorfer (Viola), Mischa Meyer (Violoncello) , Caspar Frantz ((Klavier)), die in der intimen Atmosphäre der alten Handelsbörse einige spannende kammermusikalische Miniaturen zum Besten gaben – wenn man mal von dem Mozart-Langweiler am Anfang absieht. So bekommen Stücke, die Bach für Violine solo komponiert hatte, durch die Interpretation mit der eine halbe Oktave tierfer gestimmten Viola einen ganz anderen Charakter, wirken vor allem wärmer. Außergewöhnlich auch die an polnische Volkslieder angelehnten Variationen von Witold Lutoslawski und schließlich noch ein schwung- und kraftvolles a-moll-Trio von Johannes Brahms. Zwischendurch schlendert man durch die Innenstadt, saugt die irgendwie bachgeschwängerte Stimmung auf und freut sich auf das große Abendkonzert (s.o.) Ausklang dann wieder auf dem Marktplatz, wo sich ein leider nur mäßig inspiriertes Klaviertrio an der Verjazzung von barocken Themen abarbeitete. Doch ein Bachfest, das nur aus Highlights bestehen würde, könnte kein Mensch aushalten.

Vor der Rückfahrt nach Berlin stand am Montag früh noch ein Abstecher zur Lutherkirche am Johannapark an, die mittlerweile so eine Art musikalisches Wohnzimmer der Thomaner ist, auch weil sie in der Nähe ihren Ausbildungscampus haben. Es gab eine Mette, also eine Art musikbetonten Gottesdienst mit Orgelstücken, kurzer Bibellesung (aber keine Predigt), Gemeinde- und Chorliedern sowie zwei Motetten. Also keine Showveranstaltung für das Bachfest, sondern das „Brot- und Butter-Geschäft“ des Chores. Und wenn die Knaben und Jugendlichen ein- und auslaufen, schaut man in wache, fröhliche, manchmal gar lachende Gesichter. Gedrillte Nachwuchsvirtuosen sehen jedenfalls anders auch. Und auch der amtierende Interims-Thomaskantor Gotthold Schwarz ist sich nicht zu schade, beim Kirchenlied kräftig mit der Gemeinde zu singen.

Ich bin kein Christ, aber man muss kein Christ sein, um diese Art des Gottesdienstes als angenehm und angemessen empfinden zu können. Und man hat einen Grund mehr, diesen Abschaum zu verachten, der unter Berufung auf das „christliche Abendland“ nicht nur in Leipzig, aber dort besonders schrill, regelmäßig mit seinen rassistischen Parolen durch die Stadt marschiert.

 

Kein Bachfest ohne Hipnessfaktor

Der Hype um das nach Leipzig zurück gekehrte Bach-Portrait von E.G. Haußmann nimmt skurrile Züge an. Am Freitag besangen vier vom Interims-Thomaskantor Gotthold Schwarz dirigierte Thomaner das auf 2,5 Millionen Euro taxierte Werk vor einigen Journalisten in seinem neuen Domizil, der „Schatzkammer“ des Bachmuseums. Am Sonnabend folgt der nächste Akt, diesmal mit einige Mitgliedern des legendären Monteverdi Choirs, höchstpersönlich geleitet vom Stardirigenten und Präsidenten des Bach-Archivs, Sir John Eliot Gardiner. Und die ersten Provinzjournalisten hyperventilieren bereits von „Leipzigs Mona Lisa“.

Doch es gibt auch noch ein Bachfest ohne das Bild. Vier Bach-Kantaten aus seiner Leipziger Zeit standen am Abend in der Thomaskirche auf dem Programm. Der mit 13 Sängernnen und Sängernn sehr schlank besetzte Kölner Kammerchor und das ebenfalls in Köln ansässige Collegium Cartusianum sorgten für eine sehr transparente, fast schon luftige Interpretation der vor musikalischer Inspiration nur so sprühenden Werke. Herausragend ferner die Sopranistin Hanna Zumsande mit betörenden Arien.

Tine Thing Helseth schafft spielend den Spagat zwischen verschiedenen musikalischen Galaxien

 

Der späte Abend gehörte dann auf dem Marktplatz dem genreübergreifenden Hipnessfaktor des diesjährigen Bachfestes. Die junge und sehr blonde norwegische Trompeterin Tine Thing Helseth bewegt sich seit einigen Jahren äußerst erfolgreich sowohl in den oberen gefilden der alten Musik, als auch in jazzverwandten Bereichen. Und so folgte ihrem gelungenen Barockabend am Freitag mit dem Mendelssohn Kammerorchester dann der Auftritt mit ihrem eigenen Quintett am Folgetag. Geboten wurde ein kleiner Rundumschlag zwischen Folklore, Tango, Pop und Jazz, beim zuweilen richtig die Post abging, was aber vor allem dem Gitarristen Jarle G. Storlokken zu verdanken war. Aber der flexible Ton der Norwegerin ist ebenfalls beeindruckend. Es gibt wohl wenig Trompetenvirtuosen, die sich ähnlich souverän in derartig verschiedenen Genres bewegen.

Fast vergisst man bei diesem hochkarätigen Festival, dass es sich dennoch um eine kulturelle Randerscheinung handelt. Als Tine Thing Helseth auf dem Marktplatz vor vielleicht 1000 Zuschauern ihre ersten Jazzgrooves in den verhangenen Himmel blies, goutierten nicht allzuweit entfernt rund 45.000 Zuschauern in der restlos ausverkauften Red Bull-Arena den Knödel-Barden Herbert Gröhlemeier.

Bach kommt heim

Leipzig ist in Partylaune. Auf dem Feierkalender stehen 2015 unter anderem das Stadtjubiläum (1000 Jahren), die Messe und die Nikolaikirche (jeweils 850 Jahre). Da liegt es nahe, dass auch das Bachfest in die Jubelarien einstimmt, und sich in diesem Jahr das einer 1723 entstandenen Ratswahlkantate entlehnte Motto „“So herrlich stehst Du, liebe Stadt“ verpasst hat.

Besagte Kantate war auch Bestandteil des Eröffnungskonzertes am Freitag in der Nikolaikirche, spielte dort aber nur eine Nebenrolle. Denn im Mittelpunkt des Abends stand ein nicht tönender Zeuge der Leipziger Geschichte. Nach einer längeren Weltreise, die unter anderem nach Berlin, Hamburg, Breslau, Dorset (England) und Princeton (USA) führte, kehrte das 1748 vom Stadtmaler Elias Gottlob Hausmann angefertigte, weltweit berühmte Portrait von Johann Sebastian Bach an seinen Ursprungsort zurück.

 

Da isser ja. Sir John Eliot Gardiner am Freitag in der Nikolaikriche bei seiner Laudatio auf das schmerzlich vermisste Bach-Portrait von E.G Haußmann.

Die Geschichte des Bildes hat Züge einer Soup Opera, die langatmige Inszenierung seiner Rückkehr beim Eröffnungs“konzert“ hatte es leider auch. Und selbst ein strahlend-dynamischer Thomanerchor konnte eine -gelinde gesagt- weitere Merkwürdigkeit bei der Programmgestaltung nicht übertönen. Angekündigt war die Uraufführung einer Choralkantate des 1936 geborenen Leipziger Komponisten Günter Neubert, die aber nur beträchtlich gekürzt dargeboten wurde. Zweifellos eine schallende Ohrfeige für den Komponisten, wenn ein in sich geschlossenes Werk ausgerechnet bei seiner Premiere anscheinend aus Zeitgründen verstümmelt wird. Und eine Peinlichkeit für die Musikmetropole Leipzig.

Dabei ist Neuberts Werk durchaus hörenswert. Die Kantate gruppiert sich um behutsame Erweiterungen und Synkopierungen des Chorals „Ein feste Burg ist unser Gott“. Zwischen den Strophen gibt es liedhafte Rezitative aus dem Buch Hiob, die stark an die Klangsprache deutscher Neutöner wie Hanns Eisler und Paul Dessau, aber auch an Kurt Weill erinnern. Altes Testament meets Kuhle Wampe, warum eigentlich nicht. Beim Publikum stieß dies allerdings nur auf mäßige Resonanz, ganz anders als die abschließend dargebotene opulente Psalmvertonung „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy, die mit stehenden Ovationen gewürdigt wurde.

Neuberts Choralkantate wird in der kompletten Fassung wahrscheinlich in Dresden uraufgeführt. Vielleicht findet man dereinst in seinem Nachlass Aufzeichnungen, die Parallelen zu Bach aufweisen. Der hatte sich 1730 in einem Brief an seinen Schulfreund Georg Erdmann bitter darüber beklagt, dass Leipzig „eine wunderliche und der Musik wenig ergebene Obrigkeit“ habe.

Doch auch derartige Irritationen, die ja für Leipzig nichts Ungewöhnliches sind, können einem die Bachfest-Stimmung kaum ernstlich verderben. Denn wenn man den lauen Sommerabend auf dem Marktplatz mit einigen Werken für Trompete und Orchester ausklingen lassen kann, weiß man, dass man gerade zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Auch wenn der Gästezelt ausgeschenkte „Fleur de d’Artagnan“ aus der Gascogne gute Chancen hat, in meiner Hitliste der schlechtesten Weißweine des Jahres ganz weit vorne zu landen. Aber das ist nun wirklich Nebensache

Bach ruft: Ich bin dann mal weg

Wenn am Freitag so gegen 17, 30 die ersten Takte der Chromatische Fantasie und Fuge d-Moll (BWV 903) von Johann Sebastian Bach in der Nikolaikirche erklingen, dann weiß ich, dass ich beim Bachfest in Leipzig angekommen bin. Also in jener Stadt, die trotz ihrer bekannten Eskapaden zwischen Piefigkeit und Großmannssucht und trotz der ekligen LEGIDA-Aufmärsche zumindest bei der Pflege ihres musikalischen Erbes seit Jahres Würde, Augenmaß und Kompetenz beweist.

Vom 12.-21. Juni wird Leipzig zwar nicht der Nabel der Welt, aber immerhin der Hot Spot der globalen Musikwelt sein. Vier Tage werde ich dabei sein, fern von Euro-Krise, Streikbewegungen, sozialer Spaltung in der Gesellschaft, Gentrifizierung in Moabit und all den anderen Themen, mit denen man sich als politischer Journalist ständig beschäftigt. Und auch das ganze Weingeschwurbel soll mir in den kommenden Tagen herzlich egal sein

Die Musik von Johann Sebastian Bach ist eine Kraftquelle, ein Reingungsbad für die Seele. Und das gönne ich mir jetzt. Ich bin dann mal weg.

Gysi, Obama, Fitschen, Jain – alles austauschbar. Quark mit Leinöl und Pellkartoffeln nicht.

Fast könnte man meine, es wehe gerade so ein bisschen Atem der der Geschichte durch Deutschland. Doch das täuscht. Im bayrischen Luxushotel Schloss Elmau treffen sich nicht die Mächtigen dieser Welt, sondern nur deren Handlanger, um nach Abschluss der 200-Millionen-Sause ein paar gestanzte Allgemeinplätze über Frieden, Wachstum, Stabilität, Werte und Klima zu verbreiten.

Dann haben wir noch ein paar Rücktritte. Gregor Gysi hört im Herbst als Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag auf. Seine Passion, die Linke umfassend an die SPD anzubiedern, um endlich mitregieren zu dürfen, werden dann halt andere übernehmen. Unter dem Motto: Krieg und Altersarmut werden erst mit der Linken so richtig schön.

Auch bei der Deutschen Bank werden Stühle gerückt. Die beiden Vorstandschefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen räumen ihre Posten. Die Besitzer der Bank werden schon jemanden finden, der ihre Renditeinteressen künftig optimal umsetzt.

In Berlin wurde am Sonnabend Fußball gespielt. Im Champions-League-Finale gewann der FC Barcelona verdient mit 3:1 gegen Juventus Turin. Hunderttausende Fans haben die Stadt inzwischen wieder verlassen, nicht ohne besonders in der Innenstadt einen gigantischen Müllberg zu hinterlassen. Dessen Beseitigung ist in den 50 Millionen, die sich die Hauptstadt diese Sause kosten ließ, noch gar nicht eingerechnet. Bezeichnend, dass sich just am Finaltag Berlins Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) in der Berliner Zeitung zu Wort meldete und die Ziele des laufenden Mieten-Volksbegehrens, zu denen auch die einkommensabhängige Kappung der Mieten im sozialen Wohnungsbau und in den kommunalen Wohnungsbeständen gehört, als „zu teuer“ ablehnte.

Froh zu sein bedarf es wenig…

Für mich gab es am Sonntag immerhin noch ein kulinarisches Highlight der besonders bodenständigen Art und noch dazu zufällig. Ich bekam eine kleine Flasche bestes brandenburgisches Bio-Leinöl geschenkt, und sofort machte es „Klick“: Pellkartoffeln, Quark, Schnittlauch, Zwiebellauch, Schalotten und Leinöl – gibt’s eigentlich was Besseres im Sommer? Nein, gibt es nicht, konnte ich am Nachmittag feststellen.

In der Regel pflege ich zum Essen passenden Wein zu trinken, gerne auch ungewöhnliche Kombinationen. Zu Weißwürsten, Eisbein mit Sauerkraut und Käsekuchen ist mir schon mal was eingefallen, aber bei Quark mit Leinöl und Pellkartoffeln lege ich die Karten. Also Bier. Und in Berlin, der Hauptstadt der „Spätis“, ließ sich auch am Sonntag mühelos ein „Pilsener Urquell“ auftreiben.

In den nächsten Tagen habe ich reichlich zu tun. Doch langsam wird es Zeit, in den „Bach-Modus“ umzuschalten, denn am kommenden Freitag beginnt das Bachfest in Leipzig, dem ich wie stets beiwohnen werde. Eine bessere Gelegenheit, die Seele baumeln und durchpusten zu lassen, gibt es nicht. Ich werde berichten.

 

 

 

 

Mit Elbling auf Berlin-Flucht

Deutschland ist schon ein erstaunliches Land. Kein Beckenbauer, kein Niersbach, kein Zwanziger und kein Sportminister hat gewusst, dass der Weltfußballverband FIFA auf systematischer Korruption basiert. Und natürlich soll bei der Vergabe der Weltmeisterschaft 2006 an Deutschland (das „Sommermärchen“) ausnahmsweise alles mit rechten Dingen zugegangen sein. Har, Har!

Unglaublich aber auch ein anderer aktueller Vorgang. Seit dem 1.Juni gilt – zunächst nur in Berlin – das Gesetz zur so genannten Mietpreisbremse. Demnach dürfen in Städten oder Regionen mit „angespanntem Wohnungsmarkt“ die Mieten bei Neuverträgen nur noch maximal zehn Prozent oberhalb des jeweiligen Mietspiegels liegen, der die ortsübliche Vergleichsmiete definiert. Dass die Immobilienlobby das nicht gut findet ist nachvollziehbar, aber dass der Spitzenverband „Haus&Grund“ seine Mitglieder öffentlich dazu aufruft, das Gesetz zu ignorieren, ohne dass das Konsequenzen hat, sagt Einiges über die Machtverhältnisse in Deutschland aus.

Ansonsten haben wir in Berlin unter anderem einen neuen Erzbischof (interessiert niemanden), eine neue Stadtteilvertretung in Moabit, der ich nicht mehr angehöre (interessiert ebenfalls niemanden), das Ende der Günther Jauch-Talkshow zum Jahresende ( ein barmender Schnarchsack weniger im TV) und ein Champions-League-Finale mit riesiger Fanmeile, aber ohne Public Viewing (vollkommen gaga). Dazu brüllende Hitze und drohende Unwetter am Sonnabend.

Elbling auf der Terrasse in Wandlitz – eine echte Alternative zum Berliner Wochenendwahn

Höchste Zeit, die Stadt wieder Richtung Landsitz zu verlassen. Wandlitz hat weder einen Erzbischof, noch eine von der „grünen Pest“ dominierte Stadtteilvertretung, die sich mit Händen und Füßen gegen Wohnungsneubau im Kiez wehrt. Hier gibt es keine Talkshows und keine Fanmeile. Dafür gibt es einen Biobauern mit guten Eiern und Kartoffeln, Salat und die ersten Erdbeeren aus dem Beet und rund 20 neue Maulwurfshügel. Dazu noch Blütenpracht vor der Terrasse, vielversprechende Weinstöcke und natürlich Elbling im Kühlschrank.

Eigentlich ist mir ziemlich egal, ob ein Wein mit den Füßen gestampft oder normal gekeltert wird. Hauptsache, er schmeckt. Und das tut der „Rhäifrensch“ 2013 von der Domaine Laurent&Rita Kox in Remich (Luxemburg). Stark ertragsreduziert, sehr spät gelesen und fußgestampft scheint eine gelungene Kombination zu sein. Leicht, sehr trocken, knackige Säure aber mit für Elbling-Verhältnisse ungewöhnlich ausgeprägter erdiger Würze überzeugt mich dieses hochsommerliche Tröpfchen nahezu restlos. Ein wenig Pfirsich und blumige Noten hat er auch noch zu bieten. Allen Spöttern zum Trotz sei nochmals ausgerufen : Hurra Elbling!

Käsespätzle, Rotwein und Fußball: Geil!!

Heute war Fußball angesagt. Immerhin ging es darum, den dumpfbackig-feisten Hamburger Pfeffersackverein HSV erstmalig aus der Bundesliga zu kicken.

Auf Kneipe hatte ich keinen Bock, und Bier trinke ich zu Hause eigentlich nie. Also was Angemessenes kochen und Wein dazu. Da der potenzielle HSV-Killer Karlsruher SC aus Baden kommt, boten sich natürlich Käsespätzle an, ganz klassisch mit geschmelzten Zwiebeln. Dazu ein grüner Salat vom Balkon (kein Witz!)

Zutaten für ein Fußball-Dinner for one. Mehl, Käse, Zwiebeln, ein Ei und natürlich Rotwein

Fehlte noch der Wein. Eigentlich dachte ich einen guten Trollinger, aber woher nehmen? Guter Trollinger ist eh eine Rarität und in Berlin-Moabit vermutlich nicht aufzutreiben. Aber ich musste ohnehin für einige Zutaten in die örtliche Bio-Company, und dort gibt es einen Rotwein, den ich schon lange mal testen wollte. Und zwar in vollem Bewusstsein des Risikos, denn es handelt sich um einen Bio-Spätburgunder aus einer pfälzischen Kellerei für 5,99, also eigentlich eine No-Go-Area, denn in dieser Liga spielen sich auch etliche üble Fouls ab, bis hin zu schweren Geschmacksverbrechen. Aber man kann ja mal probieren…..

Doch der 2013er Spätburgunder trocken (mit 1,3 Gramm Restzucker durchaus ernst gemeint) aus der Zellertaler Kellerei benahm sich -leicht gekühlt- ausgesprochen anständig am Esstisch.. Ein bisschen Cassis in der Nase, sehr traubiges, sortentypisches Aroma, dabei leicht, fast schon verspielt und mit kräftiger, gut eingebundener Säure sowie ganz dezenter Kräuterwürze ausgestattet. Sehr guter Trinkfluss, kein Holz-ChiChi. Natürlich ist hier kein großes Kino in der Nase und am Gaumen zu erwarten. Dieser Spätburgunder ist ein gradliniger, ehrlicher Geselle ohne Allüren. Schließlich habe ich die Spätzle ja auch nicht aus peruanischem Urgetreide fabriziert und mit Himalaja-Salz verfeinert. Vor allem das Teamplaying mit den Essen  war ausgezeichnet, und genau darum ging es mir (und geht es mir meistens). Wohl so ziemlich jede rote Granate wäre in dieser Kombination ziemlich deplatziert gewesen. Wobei ich mir bewusst bin, dass so manch “Connaisseur” meinen Zellertaler nicht mal in sein Designer-Klo schütten würde.

Mit dem leckeren Essen und dem relaxten Wein wurde es ein angenehmer Abend. Auch wenn sich die doofen Pfeffersäcke in der Verlängerung gegen den KSC durchsetzen konnten. Aber man kann schließlich nicht alles haben.

Winepartys im Schlaraffenland sind langweilig

Es gibt Menschen, die feiern ihr Winepartys im Schlaraffenland. Dort wachsen die 50- und 100-Euro-Scheine an den Bäumen, Große Gewächse, Grand Crus und Supertoscans kommen aus der Leitung. Was der Pöbel – also alle die, die in dieser Liga nicht mitspielen können – so trinkt, interessiert auf diesen Partys keine Sau.

Ich kenne eigentlich niemanden, den dieses selbstreferenzielle, diffuse Connaisseurtum interessiert. Und ich glaube auch nicht an große Weine an und für sich, sondern an die richtigen Weine zur richtigen Gelegenheit. Ich kann es auch nicht mehr hören, dass irgendein Über-100-Euro-Tropfen „jeden Cent wert ist“. Wenn es ein Winzer bzw. seine PR-Agentur schafft, einen Wein in dieser Liga zu etablieren – gratuliere! Aber keiner soll mir was von „WERT“ erzählen.

Bei mir und meinen meisten Freunden und Bekannten wächst das Geld jedenfalls nicht an Bäumen, sondern muss mehr oder weniger mühsam erarbeitet werden. Guten Wein trinken und gut essen wollen wir trotzdem. Und das ist gar nicht so schwer.

Das musste mal wieder gesagt werden. Und jetzt wird gekocht und getrunken. Schluss oder wenigstens Pause mit den ständigen Spargelorgien, es ist mal wieder Zeit für ein anständiges Curry, oder besser gleich zwei. Eine eher mildere, grüne Variante mit Hühnchen, bei der u.a. Koriander, Zitronengras, Kaffir-Limonenblättern und Kokosmilch eine Rolle spielen, sowie ein etwas schärferes, rotes, indisches Exemplar mit Fisch, bei der nicht mit Kurkuma, und Chilis gegeizt werden sollte. Ich mache heute aber nicht den Rezept-Onkel.

Dazu trinkt man in der Regel feinherbe Weißweine mit ausgeprägter, reifer Frucht und stabiler Säure, aber ohne Holzgeschmack. Fette Chardonnays müssen leider draußen bleiben, Bukettsorten wie Traminer und Muskateller sind dagegen hoch willkommen. Und so manch feinherber Riesling von der Mosel ist ebenfalls wie geschaffen für Currys.

Drei Weine haben wir zu den beiden Currys probiert, nicht in der Aldi-Bölkstoff-Preisklasse angesiedelt, aber man braucht auch keine nachwachsende Geldscheine im Garten. Konkret: Rund um die zwölf Euro, bzw. sechs Euro für eine halbe Flasche (beim Luxemburger)

Noch recht ungestüm und dezent hefig kommt der Muskateller Würzburger Abstleite 2014 vom Juliusspital (Franken) daher. Kräftiger, warmer Muskatton, viel reife, gelbe Frucht am Gaumen, die von der knackigen Säure gut ausgependelt wird

Der Josephshöfer Riesling Kabinett feinherb 2013 vom Weingut Reichsgraf von Kesselstatt spielt auf der kompletten Mosel-Klaviatur(Mosel). Mango, Pfirsich, Aprikose, dazu straffe Mineralität und knackige Säure. Kann einiges an Schärfe kompensieren

Nur ein paar Dutzend Kilometer weiter, aber dennoch fast mit Exotenstatus ausgestattet bewirtschaften Laurent& Rita Kox in Luxemburg u.a. einige Grand Premier Cru – Lagen in Remich und Umgebung. Wer schon immer mal wissen wollte, wie Gewürztraminer auf Muschelkalk geht, wird hier fündig.. der Grand Premier Cru Remich Primerberg 2009 ist auch nach fünf Jahren noch taufrisch und verspielt. Feiner Rosenduft, eine Spur Litschi und Melone und ein wenig reifer Apfel begrüßen die Sinne. Später fühlt man sich an sehr gutes, nicht allzu süßes Marzipan erinnern. Und wie es sich für einen anständigen Luxemburger gehört, hat auch dieser Gewürztraminer ausreichend Säure, um jeden Anflug vom Klebrigkeit sofort zu verscheuchen.

Obwohl sich das viele Menschen (vor allem bei Winepartys im Schlaraffenland) gar nicht vorstellen können, soll es aber sogar Menschen geben, für die auch 12 Euro für eine Flasche Wein out of space sind. Diesen Genussfreunden seien zum Curry die großartigen halbtrockenen Kabinett-Weine vom Weingut Didinger (Mittelrhein) empfohlen, die rund um sieben Euro kosten. Der 2013er Jahrgang ist fast ausverkauft, aber 2014 wird in Kürze gefüllt. Mit rund sieben Euro ist man dabei und wird aus dem Staunen kaum noch herauskommen. Ich freue mich schon darauf. Und jetzt wird getafelt.