Wandlitz bleibt massenmord- und putschfreie Zone

Entweder die Welt dreht sich immer schneller oder ich werde immer langsamer. Kaum konnte man nach dem Massaker von Nizza wieder ein paar klare Gedanken fassen, gibt es in der Türkei einen Putschversuch. Die Oberschlaumeier jeglicher politischer Couleur hatten natürlich sofort perfekte, in sich geschlossene Analysen dieser Ereignisse parat – ich eher Fragen. War der Massenmord von Nizza tatsächlich die Tat eines islamistisch motivierten Terrpristen oder die eines depressiven Psychopathen? Wer steckt eigentlich hinter dem Putsch in der Türkei? Konkurrenten aus dem islamischen Lager? Kemalisten? Oder gar eine Inszenierung von Erdogan?

Der Elbling aus meiner “Stolzenhagener Wildschweingrube” (Lage im Alleinbesitz) in voller Pracht.

Zeit zum Abschalten. In Wandlitz ist die Wahrscheinlichkeit eines Massakers bzw. eines Militärputsches relativ gering (obwohl: heutzutage weiß man ja nie…) An der Glyphosatdebatte beteilige ich mich mit Taten, nämlich manueller Bearbeitung meines Beetes. Die Tomaten werden immer praller und bald reif sein, der Spitzkohl muss jetzt endgültig raus und der Wein in meiner Alleinlage „Stolzenhagener Wildschweingrube“ gedeiht ebenfalls prächtigt. Alles ist relaxed, sogar die Arbeit. Denn heute wird entschieden, über welchen Wein des Weinguts Netzl (Carnuntum/Österreich) ich in der nächsten Ausgabe von „Effilee“ eine kleine Besprechung veröffentliche: Den Zweigelt Haidacker 2013 oder den Cabernet Sauvignon Aubühel 2014. Beides wunderbare, tiefgründige Weine mit Frische und Würze ohne holzige Nerverei. Als Entscheidungshilfe kommen ein paar marinierte Stücke aus der Hirschkeule und Rosmarinkartoffeln aus dem Ofen auf den Tisch. Genuss ist schließlich Notwehr.

 

 

 

Dämpfer für Schland

Es ist vorbei. Die Fahnen und Fähnchen werden (hoffentlich) bald wieder eingerollt, beim Bäcker gibt es wieder Schrippen statt „Europameister-Brötchen“, weitere enthemmte Autokorsos bleiben uns ebenso erspart wie eine furchtbare Schland-Feier vor dem Brandenburger Tor, bei der womöglich sogar die grauenvolle Frau Fischer wieder in Erscheinung getreten wäre. Das noch ausstehende Finale zwischen Frankreich und Portugal kann zumindest aus deutscher Sicht unter rein sportlichen Aspekten angeschaut werden.

Natürlich haben diese beiden Mannschaften das Erreichen des Finales verdient, jedenfalls keinen Deut weniger, als es bei einigen ausgeschiedenen Mannschaften (vor allem Italien und Deutschland) der Fall gewesen wäre. Die beiden Finalteams haben sich nach schwachem Beginn während des Turniers gefunden und gesteigert, spielen auf hohem taktischen Niveau und haben einige überragende Einzelkönner in ihren Reihen (vor allem Griezmann und Ronaldo), die nicht zufällig auch die Scorerliste anführen). Und natürlich ist Deutschland nicht „trotz drückender Überlegenheit unverdient“ ausgeschieden, wie heute gelegentlich zu hören war. Wer sich in einem Halbfinalspiel gegen ein Spitzenteam zwei derart horrible Abwehrkorken leistet wie Schweinsteigers Handballeinlage und Kimmichs Gurkenpass hat schlechte Karten für einen Sieg. Zumal Deutschland in Ermangelung eines „echten“ zentralen Stürmers gegen gut organisierte Abwehrreihen viel zu selten wirklich gefährliche Aktionen vor dem Tor generieren kann. Deutschland hat in Bestbesetzung eine sehr gute Abwehr und das vielleicht beste defensive und offensive Mittelfeld der Welt, aber derzeit weder einen Griezmann, Giroud oder Payet, noch einen Ronaldo, Nani oder Quaresma. Auf das Finale bin ich jedenfalls gespannt, auch wenn zu befürchten ist, dass es nicht unbedingt eine Augenweide wird.

Ja, es gab auch Überraschungen, wenn auch nicht in dem Ausmaß, wie bisweilen getrötet wurde. So richtig den Rahmen des Vorstellbaren gesprengt haben eigentlich nur die Siege von Wales gegen Belgien (im Viertelfinale) und von Island gegen England (im Achtelfinale). Absolut erwartbar dagegen das frühe Scheitern des selbsternannten „Geheimfavoriten“ Österreich, das sich – wie eigentlich immer – als inferiore Gurkentruppe präsentierte.

Politisch und soziokulturell ist die EM nicht so schlimm verlaufen, wie zu befürchten war. Natürlich haben sich auch einige deutsche Fans in Frankreich wieder artgerecht daneben benommen, und auch hier gab es nationalistische oder einfach nur debile Aufwallungen. Aber immerhin wurde nicht bekannt, dass es spezielle „Siegesfeiern“ in Form von Überfällen auf Flüchtlinge und andere Ausländer gab, wie bei der WM 2014 noch zu beobachten war. Das kann man im heutigen Deutschland bereits als positiv werten. Vielleicht liegt es ein bisschen daran, dass sich eine deutsche Nationalmannschaft, in der Mesut Özil. Sami Khedira und Jerome Boateng zu den tragenden Säulen gehören und Leroy Sané, Antonio Rüdiger, Emre Can und Jonathan Tah als große Zukunftshoffnungen gelten, wenig als Projektionsfläche für rassistischen Herrenmenschenwahn eignet. Aber ich gehöre auch nicht zu jenen Neurotikern, die hinter jeder zur EM gehissten Fahne und anderen schwarz-rot-goldenen Fan-Utensilien gleich eine rechte Gesinnung oder Schlimmeres wittern. Und zweifellos vorliegende ästhetische Zumutungen entziehen sich einer politischen Bewertung.

Sehr lustig dagegen der allgemeine Hype um Island – ein weit abgelegener, irgendwie sympathischer Zwergstaat und Hort der patronymischen Namensgebung . Das heißt, fast alle Männer heißen xxx-son und die Frauen xxx-dottir. In Verbindung mit einigen Äußerlichkeiten und dem Image der verschworenen Underdog-Gemeinde erinnerte das dann stark an das gallische Dorf von Asterix und Obelix. Da fällt kaum ins Gewicht, dass der inzwischen wohl in ganz Europa bekannte, von anschwellendem und schneller werdendem Klatschen begleitete „Wikinger-Schlachtruf“ (HUH, HUH, HUH usw.) ein Fake ist und ursprünglich in der Fanszene eines schottischen Klubs entwickelt wurde. Umso sympathischer, dass Frankreichs Fans dieses Spektakel jetzt adaptiert haben.

Die ersten Vorspeisen zum Finale gibt’s schon heute: Schnecken (Frankreich)- und Sardinen (Portugal)-Paté

Für mich war die EM jedenfalls eine recht angenehme Abwechslung und ein willkommener Anlass mich ein wenig mit der Historie und derzeitigen Verfasstheit der teilnehmenden Länder zu beschäftigen. Da war wirklich fast alles dabei, was Europa so zu bieten hat: Autokratisch-reaktionär regierte Osteuropäer (Ungarn, Polen), korrupte Balkan-Staaten (Albanien, Rumänien), ein Land im Bürgerkrieg (Ukraine), die Länder der Brexit-Kicker, die von Terror und permanenter Unregierbarkeit gebeutelten Belgier, die durchgeknallten Neo-Osmanen aus der Türkei, wirtschaftlich kriselnde Süd- und Mitteleuropäer (Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, Irland) und mehr oder weniger nationalistisch und wohlstandschauvinistisch agierenden Abschotter mit erstarkenden rechtspopulistischen Bewegungen (Frankreich, Deutschland, Schweden, Schweiz, Österreich) Auch die Hymnen habe ich mir -soweit noch nicht bekannt- angehört, und auch da war Island ganz weit vorne.

Es wird niemanden überraschen, dass meinerseits auch die Ess- und Trinkgewohnheiten einiger Länder zu den jeweiligen Spielen zelebriert wurden. Abgesehen von Wales war das ab dem Halbfinale ziemlich erbaulich. Auch in dieser Hinsicht ist das Finale zwischen Frankreich und Portugal über jeden Zweifel erhaben. Heute wird schon mal ein bisschen vorgefeiert. Eine französische „Délice d’escargots à la persillade“ wird sich mit einer portugiesischen „Paté de Sardinha Picante“ messen. Sozusagen neutraler Schiedsrichter wird – ein kleiner Tribut an die große, stilprägende Ära dieser Mannschaft – ein spanischer Rosé (sortenreiner Mencia aus Bierzo). Und damit mir keiner vorwirft, ein „Antideutscher“ zu sein: Das Dinkel-Weißbrot stammt aus der „Meisterbäckerei“ in Berlin-Moabit.

Von Toren, Toten, Hecken, Gewürzen, der PARTEI und Rotwein.

Es gibt halt Prioritäten. In den 60-Minuten-Schleifen der Nachrichtensender (Rundfunk) verkamen die Anschläge in Bangladesh und Bagdad am Wochenende angesichts epochaler Ereignisse bei der Fußball -EM zu Randnotizen. Was sind schon 150 Tote gegen einen gehaltenen Elfmeter.

Auch andere Ungeheuerlichkeiten werden kaum noch wahrgenommen. 400.000 Griechen – zumeist jung und gut ausgebildet – haben das von der Troika ausgepresste Land aufgrund der Wirtschaftslage in den vergangenen Jahren verlassen. Derweil fordert der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger Strafmaßnahmen gegen Spanien und Portugal wegen mangelnder „Sparanstrengungen“. Selbst der „Brexit“ und seine schwer kalkulierbaren Folgen für Europa sind im Vergleich zu den maladen Muskelfasern von Gomez und Khedira nur Petitessen. Und von der AfD, die jetzt die Abschaffung der Inklusion von behinderten Kindern zu einer der zentralen Wahlkampfforderungen in Nordrhein-Westfalen gemacht hat, spricht angesichts der Probleme des offensiven deutschen Mittelfeldes bei der „Eroberung und Besetzung von Räumen“ (O-Ton Steffen Simon am Sonnabend in der ARD ) ohnehin niemand.

Ich habe mich angesichts gewisser bedrohlicher Zuspitzungen in der jüngeren Vergangenheit manchmal gefragt, ob mein Eintreten für die PARTEI, z.B. bei den bevorstehenden Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus, im Moment richtig ist. Zumal mit einige dort zur Schau gestellte Formen von Narzissmus derzeit ein wenig auf den Wecker gehen. Doch wenn man diese albernen, auf Postensicherung bedachten Polithanseln von SPDCDUGRÜNELINKE dann wieder in ihrer vollen Pracht erlebt, sind derartige Zweifel schnell verflogen. So wäre ich fast versucht gewesen. meine Erststimme in meinem Moabiter Wahlkreis Steve Rauhut zu geben, einer zweifellos sozial engagierten, ehrlichen Haut, der als Parteiloser für die LINKE kandidiert. Doch dann ließ sich Rauhut Mitte Juni – offensichtlich stolz wie Bolle – von „unserem“ neoliberalen Kriegspräsidenten Gauck bauchpinseln, als dieser eine Veranstaltung in Moabit besuchte.

Sorry, aber da kann ich mein Kreuz nicht machen. Also doch: Es lebe die PARTEI, hurra! Denn sie hat in der aktuellen Situation das einzig realistische Politikverständnis und -konzept.

Dennoch drückt die Verfassung unserer Gesellschaft gelegentlich auf’s Gemüt. Zumal ich mir meiner Hilf- und Einflusslosigkeit vollkommen bewusst bin. Deutschland erscheint mir von einer dringend notwendigen sozialen Umwälzung Lichtjahre entfernt zu sein. Derweil entblöden sich diverse Linke nicht, den „Brexit“ als eine Art emanzipatorischen Akt der englischen Arbeiterklasse zu bewerten, obwohl er offenmsichtlich eine Art Dammbruch für den weiteren Vormarsch von Rassismus und antimoderner Dumpfheit in ganz Europa ist. Aber ein einigermaßen griffiges Angebot für die Abgehängten und Prekarisierten haben sie auch nicht, außer der Revolution natürlich.

Und was mache ich? Ein paar Artikel für Zeitungen, Zeitschriften und Magazine schreiben, ein neues Buch in Angriff nehmen. Was soll ich auch sonst machen, ich muss ja schließlich meine Miete bezahlen. Und so ganz will ich mir meine Lebensfreude auch nicht verderben lassen. Die Etüden und Preludien auf dem Klavier werden allmählich wieder etwas flüssiger, auf dem Landsitz wurde mit energischem Einsatz von Heckenschere und Fuchsschwanz freie Sicht auf das Feld geschaffen. Im Kampf gegen Maulwurfshügel und „märkische Sandbüchse“ wurde ein bedeutender Etappensieg erzielt, Salate, Spitzkohl und Kohlrabi sind verzehrreif und ich freue mich schon auf die Tomaten. Und als Krönung gab’s am Sonnabend ein paar Scheiben undglaublich guten gegrillten Lammrücken sowie den besten Rhabarberkuchen, den ich je gegessen habe. Auch mal wieder einen „Schwäppchenwein“, da Lidl derzeit eigentlich höherpreisige, ziemlich gute Bordeaux-Weine für fünf Euro verramscht. Und auf meinem Balkon in Moabit sprießen die Blüten vom violetten Strauchbasilikum, einem der spannendsten Gewürze überhaupt

Wer das nicht anbaut, ist selber Schuld.

Natürlich werde ich mir auch die beiden Halbfinals und das Endspiel der EM angucken. Ich hoffe auf eine Finale Frankreich gegen Portugal, weil das ein guter Vorwand wäre, mir anlassgemäß ein paar Austern, ein wenig Gänsestopfleber, Sardinen und ein Stubenküken nebst passenden Weinen zu besorgen. Das klingt irgendwie komisch oder auch wirr, aber Genuss ist bekanntlich Notwehr.

Zu Austern: Es muss nicht immer Elbling sein

Als Sonderermittler der Geschmackspolizei hat man ständig zu tun. Sinnlos gehypte Weine müssen ebenso öffentlich gebrandmarkt werden wie brutale Geschmacksverirrungen bei der Kombination von Speisen und Wein. Manchmal müssen wir sogar Fatwas erlassen, z.B. gegen so genannten Prosecco, Glühwein und Federweißen.

Was Austern betrifft, ist die Sache eigentlich klar. Schon vor über zehn Jahren – damals noch in der Ostberliner Satirezeitung „Junge Welt“ – wurde verfügt, dass zu Austern ausschließlich der Konsum von Elbling gestattet ist. Unsitten wie Chardonnay, Sauvignon Blanc, Champagner oder gar Riesling wurden als strafwürdige Geschmacksverbrechen eingestuft. Natürlich haben wir auch mal ein Auge zugedrückt, besonders der fast bretonische „Gros Plant“ und einige gelungene Muscadets wurden stillschweigend geduldet.

Doch als wichtige geschmackspolitische Instanz müssen wir unsere Verdikte natürlich regelmäßig überprüfen. Und deswegen freuen wir uns mitteilen zu können, dass in bestimmten Fällen der Genuss von Picpoul de Penetnicht nur gestattet, sondern sogar dringend anzuraten ist. Die vor allem im Languedoc angebaute Sorte weist zum einen die typischen Insignien eines optimalen Austern-Begleiters – also Elbling – auf: Knackige Säure und frische Zitrusnoten. Doch wenn man es mit den Austern aus der Nachbarschaft am Mittelmeer zu tun hat, kann der Picpoul noch einen drauflegen, was in diesem Fall auch nötig ist.

Manchmal darf man auch was anderes als Elbling zu Austern trinken

Die Austern aus Bouzigues sind deutlich salziger als die Kollegen aus der Normadie und haben zudem eine deutliche Würze, Algengeschmack und nussige Noten zu bieten. Da kann ein richtig guter Picpoul angemessen gegenhalten. Der 2015er Domaine Felines Jourdan betört mit ein wenig Anis, satter Zitrusfrucht und einer leicht steinigen Note. Das lange Hefelager hat ihm viel Saft und Schmelz verschafft. Fazit: Genehmigt.

Aber nicht, dass hier jemand übermütig wird. Elbling bleibt die Nummer 1 für Austern. Und der Genuss der oben genannten Getränke bleibt umstandslos verboten!.

 

 

 

 

 

 

 

 

Brexit – nein danke!

Da morgen möglicherweise vieles in Scherben fällt, wollte ich heute eigentlich noch mal meinen Rasen mähen. Aber dafür ist es definitiv zu heiß. Also lieber Schreibtisch leer arbeiten, ununterbrochen kalten grünen Tee und Wassermelonensaft mit Zitrone und Minze trinken und ein bisschen über Europa sinnieren.

Einiges spricht dafür, dass sich die Briten knapp für den Verbleib in der EU entscheiden werden. Und trotz der Komplexität dieser Angelegenheit bin ich der Anschauung: Das wäre auch gut so. Auch wenn mich das auf der nach oben offenen Verräter-Skala linksradikaler Hüter des absoluten Durchblicks weiter nach oben katapultieren wird. Falls das angesichts meiner Ablehnung der Losung „Offene Grenzen und Bleiberecht für Alle“ überhaupt noch geht.

Die Brexit-Kampagne in Großbritannien ist eindeutig nationalistisch und teilweise rassistisch konnotiert. Natürlich sind auch viele Briten zu Recht einfach sauer auf ihre Regierung, haben Angst vor Prekarisierung, Jobverlust und Verfall der öffentlichen Daseinsvorsorge, z.B. im Gesundheitswesen. Doch die Brexit-Kampagne lebt von von dem Zerrbild, dass dafür die britischen Zahlungen an die EU sowie die Niederlassungsfreiheit für EU-Bürger verantwortlich seien. Was natürlich Quatsch ist. Denn ein Brexit würde an der neoliberal geprägten Klassenherrschaft in GB nichts ändern und die ökonomische Situation des Landes zudem eher verschlechtern. Dazu käme, dass es ein grandioser Erfolg für die Rechtspopulisten und Rassisten von UKIP bis hin zu Teilen der Tories wäre, der einen europaweiten Schub für derartige Bewegungen auslösen könnte.

Dass einige :Linke behaupten, ein Votum für den Austritt wäre vor allem ein Votum gegen die neoliberale Politik der EU und der britischen Regierung, ist abenteuerlich. Natürlich ist die EU in ihrer jetzigen Form ein undemokratisches, von Kapitalinteressen dominiertes Konstrukt, an dessen „Reformfähigkeit“nur zu berechtigte Zweifel existieren. Auch haben die Machteliten in der EU – nicht nur , aber vor allem die Deutschen – hinlänglich bewiesen, dass sie bereit sind, bei der Durchsetzung ihrer Austeritätspolitik im Euro-Raum buchstäblich über Leichen zu gehen (s.Griechenland). Und schon ohne „Brexit“ sind die Zentrifugalkräfte in der EU derzeit so stark, wie zu keinem Zeitpunkt ihres Bestehens. Der Widerstand gegen jegliche Form der europäischen Integration kommt in erster Linie aber nicht von links, sondern von rechts. So wollen starke linksnationalistische Bewegungen wie in Schottland und Katalonien zwar ihre nationale Unabhängigkeit in den jeweiligen Zentralstaaten durchsetzen, aber keinesfalls die EU verlassen.

Ihre Fähigkeit, aggressiven Nationalismus nebst Re-Etablierung vordemokratischer, autokratischer Strukturen in den Mitgliedsstaaten zu verhindern oder wenigstens einzudämmen hat die EU schon jetzt weitgehend verloren. Ungarn und Polen könnten in ihrer jetzigen Verfassung gar nicht mehr in die EU aufgenommen werden, wenn man deren Mitgliedschaftskriterien zu Grunde legen würde. Schon jetzt ist die EU in der Flüchtlingsfrage weitgehend handlungsunfähig, eine geregelte Aufnahme und Verteilung von Flüchtlingen findet aufgrund des Widerstands der meisten Mitglieder nicht statt.-Kleinster gemeinsame Nenner ist stattdessen eine rigorose Abschottungspolitik und ein perverses Zweckbündnis mit dem durchgeknallten Schwerverbrecher, der die Türkei beherrscht.

Ein „Brexit“ wäre vor diesem Hintergrund jedenfalls kein irgendwie geartetes Aufbruchsignal für ein demokratisches Europa, dass auch seinen politischen und humanitären Verpflichtungen gegenüber Flüchtlingen nachkommt und Schritte für die Verbesserung der Lebenssituation in den Ländern Europas realisiert – sondern das genaue Gegenteil.

Ja, die EU ist ziemlicher Bullshit. Doch aktuell gibt es leider keine realistische Alternative. Außer der, dass sich die Marginalisierten, Ausgebeuteten und Prekarisierten in allen Ländern endlich machtvoll zu Wort melden, um dem neoliberalen Spuk ein Ende zu machen. Doch abgesehen von Spanien, Griechenland und Portugal wird soziale Unzufriedenheit derzeit erfolgreich von rechten und rassistischen Bewegungen kanalisiert. Ein Brexit würde diese Entwicklung gewaltig befördern. Und darauf habe ich keinen Bock.

 

Der Tag des Herrn – auch für Agnostiker

Sonntag ist der Tag des Herrn. Das könnte mir als Agnostiker eigentlich egal sein, aber wenn man sich auf dem Leipziger Bachfest befindet, bietet dieser Tag eine besondere Ballung musikalischer Genüsse, da neben den “richtigen” Konzerten auch der liturgische Alltag der Bachschen Musik in geballter Form präsentiert wurde. Man muss dann die “Werbeeinblendungen” der evangelischen Kirche in Kauf nehmen, dafür kostet es keinen Eintritt.

Ich begann den Tag mit einem Gottesdienst auf dem Marktplatz.. Dieser war nicht so gut gefüllt wie in den vergangenen Jahren, was wohl weniger mit wachsender Kirchenferne, als vielmehr mit der Besetzung zu tun hatte. Die Hallenser Madrigalisten haben nun mal vor allem auf die aus aller Welt angereisten Kulturtouristen weniger Sogkraft als der berühmte Thomanerchor. Durchaus zu Unrecht, denn die vom Leipziger Barockorchester begleiteten Hallenser sangen sich klar, dynamisch und präzise durch die Bach-Kantate “Ach Herr, mich armen Sünder” und ein kleines, sechsstimmiges Chorwerk von Heinrich Schütz. Und alleine der leider auf ein kleines Rezitativ in der Kantate beschränkte Auftritt der Leipziger Altistin Susanne Krumbiegel war den Besuch des Gottesdienstes wert.

Immer wieder ein Genuss: Die Leipziger Altistin Susanne Krumbiegel

Eher durch Zufall gelangte ich zu einer weiteren Veranstaltung dieser Art, dem Universitätsgottesdienst in der Nikolaikirche. Dort gab es weder Chor noch Orchester, dafür aber Daniel Beilschmidt an der Orgel, und das nicht nur zur Begleitung der von der Gemeinde gesungenen Kirchenlieder. Die von ihm dargebotene Fantasie und Fuge über B-A-C-H von Max Reger erklang auf dem großartigen Instrument dieser Kirche in ihrer ganzen Wucht und Fülle. Scheinbar rast- und ziellose harmonische Wanderungen rund um das kleine Motiv landen immer wieder an ihrem magischen Pol, wobei Beilschmidt (fast im wahrsten Sinne des Wortes) alle Register zieht. Kein Easy Listening, aber ein guter Einstieg in die Welt des Max Reger, für den Bach stets „der Anfang und das Ende aller Musik“ bedeutete.

Kleiner Mensch und große Orgel: Daniel Beilschmidt in der Nikolaikirche.

Nach einem “richtigen” Kantatenkonzert mit tollen Solisten aber dem nicht vollkommen überzeugenden Knabenchor Hannover dann schließlich Kammermusik in dem liebevoll restaurierten Ballsaal des früheren “Hotel de Pologne” mit dem Klenke-Quartett. Die vier Streicherinnen boten eine Art “Konsens-Programm”: Erst ein bisschen Bach in Form einiger Takte aus der “Kunst der Fuge”, dann ein belangloses, aber nett anzuhörendes Streichquartett von W.A. Mozart und zum Abschluss noch etwas “härteren Stoff”. Verstärkt durch den renommierten Klarinettisten Alexander Bader wurde ein spätes Werk des 1916 verstorbenen Max Reger aufgeführt. Ausgehend von einem sparsamen, an Brahms erinnernden Motiv entwickelte Reger ein äußerst kontrast- und variantesreiches Harmoniegeflecht, voller harmonischer und rhythmischer Finessen. Und vor allem sehr klar und detailversessen dargeboten.

Eigentlich hätte man sich nach diesem Abendkonzert noch ein Orgelspektakel auf dem Marktplatz anschauen können. Doch das fiel den zwischenzeitlich heftigen Regengüssen zum Opfer. Die hatten aber auch etwas Positives. Die akustische und visuelle Tortur durch marodierende, euphorisierte Fußballfans blieb einem witterungsbeding erspart.

 

Wenn Leipzig nur immer so wäre….

Während des Bachfestes entwickelt die Leipziger Innenstadt manchmal einen ganz speziellen „spirit”. Auf dem Marktplatz probt ein Chor für den Sonntagsgottestdienst, vor der Bach-Statue an der Thomaskirche singen einige Musikstudenten alte Madrigale. Im Thomascafe huscht der neue Thomaskantor vorbei und selbst die an- und abschwellenden Fahrgeräusche der Straßenbahnen auf dem hinter der Kirche liegendem Ring klingen fast wie eine chromatische Fantasie.

Der größte Thomaskantor aller Zeiten…

 

Zeit für jene Kleinigkeiten, die das Bachfest jenseits der großen Konzerten so schön machen. Im Café treten drei junge Thomaner auf – als Jazztrio (Klavier, Bass, Schlagzeug). Alleine das belegt, wie sehr sich das Selbstverständnis dieser kirchenmusikalischen Eliteeinrichtung mittlerweile gewandelt hat.

…und sein 17. Nachfolger Gotthold Schwarz

Doch natürlich bleiben die großen Konzerte die Höhepunkte. Das Salomon’s Knot Baroque Collective aus London pflegt eine sehr spezielle, aber keineswegs abwegige Interpretationsweise großer liturgischer Werke von Bach. Mit einem zehnköpfigen Solistensemble, das auch die Chorparts übernimmt, und einer kammermusikalischen Orchesterbesetzung widmet man sich auch harmonisch schier überbordenden Werken wie der Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“, mit der sich Bach 1720 als Organist bei der Hamburger Jacobikirche beworben hatte, allerdings erfolglos.

Ein Meisterwerk, das alle Facetten des seinerzeitigen kompositorischen Repertoires von Bach vereint: Ausladende Motetten, an Fugen erinnernde Instrumentalsätze, tonmalerische Arien und nicht zuletzt ein Duett, das auch noch 100 Jahre später jede Oper deutlich aufgewertet hätte.

Die Briten behandeln das Werk mit gebotener Ernsthaftigkeit, aber dennoch faszinierender Leichtigkeit. Das kleine Ensemble wirkt wie eine eingeschworene Bande hochenergetischer Musiker. Man arbeitet ohne Dirigat und ohne Notenpulte, was in diesem Falle die Ausdruckskraft und das Zusammenspiel noch deutlich befördert. Ja, es klingt im Sinne Alter Musik „very british“, aber das hätte den ollen Bach bestimmt nicht gestört, ganz im Gegenteil.

Nils Landgren ließ es krachen, ganz im Sinne Bachs

Das gilt natürlich auch für Jazzadaptionen Bachscher Werke, die der schwedische Funk-Veteran Nils Landgren mit seiner Band anschließend auf dem Marktplatz darbot, bevor er sich in die gewohnten swingenden und groovenden Gefilde verabschiedete. Jedenfalls ein angemessen luftiger, fröhlicher Ausklang eines erlebnisreichen Tages auf dem Leipziger Bachfest.

Der Sound der Apokalypse

Wer schon immer mal wissen wollte, wie es an der Eingangstür zur Hölle klingt, der war beim Eröffnungskonzert des Leipziger Bachfestes am Freitag in der Thomaskirche vollkommen richtig. Max Regers im Herbst/Winter 2014 entstandenes Requiem-Fragment widmete sich dem Grauen der ersten großen Gemetzel des 1.Weltkriegs. Aus dem sehr dichten, düsteren, ja nahezu apokalyptischen Klanggerüst des Chores und des Orchesters brechen sich immer wieder Furcht, Entsetzen, flehende Klagen und Schreie der Angst ihre Bahn – und werden stets wieder eingefangen. Und wenn die Programmgestalter nicht auf die gute Idee gekommen wären, diesen Horror am Ende übergangslos mit einem tröstlichen Bach-Choral („Es ist genug,Herr, wenn es dir gefällt“) aufzufangen, wären schlaflose Nächte oder Albträume bei vielen Konzertbesuchern kaum zu vermeiden gewesen.

Ein fesselndes Werk, das so gar nicht zum kriegsbegeisterten Hurra-Patriotismus der ersten beiden Jahre des 1.Weltkriegs passen wollte. Und wohl von Reger auch deswegen nie fertiggestellt, geschweige denn aufgeführt wurde. Ein unglaubliche Leistung der Solisten, der beteiligten drei Chöre und vor allem des Dirigenten Gotthold Schwarz, der nach 17 Monaten als „Interimus“ am Donnerstag offiziell zum Thomaskantor ernannt wurde, als 17. Nachfolger von Johann Sebastian Bach. Wer so ein Werk so transpariert und detailversessen zum Klingen bringen kann ist definitiv keine Fehlbesetzung für diese große Aufgabe.

Umsonst und draußen auf dem Marktplatz-so geht Bach heute auch

 

Schön, dass man es beim Bachfest stets auch etwas lockerer ausklingen lassen kann. Auf dem Marktplatz wurden von der deutsch-französischen Jugendakedemie einige kirchenmusikalische Werke der verdaulicheren Art dargeboten, es folgte ein ebenfalls gut anzuhörendes Crossover-Vocalquartett. Dazu ein gutes sächsisches Pils in der lauen Sommerluft, und die Reger’sche Apokalypse verliert ihren (heilsamen) Schrecken. Vergessen werde ich diese Aufführung allerdings nicht so schnell. Und das ist auch gut so

 

 

Es wird wieder Zeit für Leipzig

Eigentlich hat man überhaupt keine Lust mehr, nach Sachsen zu fahren. Die Anzahl der Nazis, Rassisten und Dumpfbacken ist in diesem Bundesland offensichtlich überproportional groß, und in Sachen Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und andere Übergriffe auf “Asylschmarotzer”  lassen sich die Sachsen von niemandem was vormachen. Die Außensicht auf Dresden wird längst vom  PEGIDA-Gesindel auf den Straßen geprägt.

In Leipzig ist es wohl nicht ganz so schlimm, Und eine Stadt, die so würdevoll mit dem Erbe des möglicherweise wichtigsten Komponisten der Kulturschichte umgeht, kann nicht wirklich schlecht sein.

Ab morgen tauche ich für einige Tage in eine Welt voller Schönheit und Klarheit ein. In einen emotionalen Kosmos, den ich als jährliche Kraftquelle nicht mehr missen möchte. Ich fahre zum Leipziger Bachfest  , das diesmal unter dem Motto “Geheimnisse der Harmonie” steht.. Ein Fest, dass diesmal auch einem anderen großen Musiker gewidmet ist, der lange Zeit in Leipzig gewirkt hat und zu Unrecht weitgehend in Vergessenheit geraten ist: Max Reger.

Und alles andere wird in diesen Tagen ziemlich weit weg sein……

 

Alles Rosé oder wie? Ein Schlachtbericht

Am Freitag wurde wieder mal eine Schlacht geschlagen. Bei der „Berliner Rosé-Battle“ mussten 14 Rosé-Weine zeigen, was sie drauf haben – oder eben auch nicht. Austragungsort war nicht eine der einschlägigen Locations, wo sich die Hippen und Reichen der Szene treffen, sondern das Schöner Hausen“, ein kleiner, feiner und ausgesprochen gut sortierter Wein- und Feinkostladen in der Wollankstraße, im noch etwas “unhippen” und daher weniger überdrehten Teil von Pankow.

an die Arbeit….

 

Für die Battle wurde ein interessanter stilistischer Querschnitt aufgeboten. Eher dünnlich-süßliche Tröpfen aus Saftabzug ohne Säurebiss bis hin zu ausgesprochen wuchtigen Rosés aus Ganztraubenpressung, die auch Bekanntschaft mit Holz gemacht hatten. Einige Weine hätte man in schwarzen Probiergläsern schwerlich als Rosé identifiziert, andere verkörperten diesen Weintypus nahezu idealtypisch. Vertreten waren mehrere französische Regionen, das Burgenland, Württemberg, die Nahe und Villány (Ungarn).

In den Diskussionen während der von dem Sommelier Ralph Martin geleiteten und Inhaberin Viola Westphal mit leckeren Quiche begleiteten (Blind)Verkostung ging es immer wieder um die Frage, was einen guten Rosé denn nun eigentlich ausmachen sollte. Muss er als klassischer Sommerwein stets leicht sein? Wie präsent sollte die typische Primärfrucht (Erdbeeren, Himbeeren etc.) sein? Was ist mit dem „Säurekick“? Verträgt ein Rosé überhaupt Holz?

Natürlich gingen die Meinungen auseinander. Dennoch gab es einen eindeutigen Sieger (den ich persönlich auf Platz 2 gesetzt habe, aber das nur nebenbei.) Der Chateau la Tour de l’Eveque 2015 aus der Provence bietet schon in der Nase sehr feine, nicht überbordende Beerenfrucht. Am Gaumen entwickelt sich ein perfektes Süße-Säure-Spiel und im Mund verbleibt ein langer Nachhall mit einigem Schmelz. Dennoch ein animierender Wein, der nicht „satt macht“. Im „Schöner Hausen“ wird er für 11,50 Euro angeboten. Interessant vielleicht, dass es sich um den „Zweitwein“ des Erzeugers handelt. Seine Premium-Abfüllung erschien den meisten in der Verkostung zu holzlastig und zu unharmonisch. Es ist ja keine neue Erkenntnis, dass Preis oder Kategorisierung nur bedingt als Indikatoren für die Weinqualität taugen.

So sehen Sieger aus….

 

Nach der eigentlichen Verkostung klang der Abend in der Pankower Abendsonne mit entspanntem „Restetrinken“ und ein paar Gläschen Champagner aus. Man kann einen Freitagabend jedenfalls wesentlich dämlicher verbringen. Und wer mal in der Gegen ist, sollte dem „Schöner Hausen“ unbedingt mal einen Besuch abstatten.