Angst vor dem „Pöbel“

Christian Baron hat es geschafft. Als erster Spross seiner pfälzischen Arbeiterfamilie hat er nicht nur das Abitur erreicht, sondern auch erfolgreich Politikwissenschaften, Soziologie und Germanistik studiert. Derzeit arbeitet der 31jährige Autor als Feuilletonredakteur bei der überregionalen linken Tageszeitung „Neues Deutschland“.

Wer so einen Weg absolviert, hat viel zu erzählen. Auch deswegen hat Baron ein Buch geschrieben. „Proleten, Pöbel, Parasiten – warum die Linken die Arbeiterklasse verachten“ lautet der Titel. Es beginnt mit der Geschichte von „Modernisierungsverlierern“ in seiner Heimatstadt Kaiserslautern, die durch den Niedergang des einst führenden Nähmaschinenherstellers Pfaff aus dem Arbeitsleben geschleudert wurden und keinen Anschluss mehr fanden. Menschen, die Jahrzehnte in unsanierten Bruchbuden leben mussten, weil der Preis für bessere Wohnungen im Arbeitslosengeld oder später im Hartz-IV-Regelsatz nicht vorgesehen ist. Es ist eine kulturelle Lebenswelt, in der teilweise viel getrunken wird, in der ein schwächelnder Fußballklub und das nachmittägliche TV-Programm eine recht große Rolle spielen. In der es aber auch eine sehr spezielle Form vom Empathie und Gemeinschaft gibt.

An der Universität Trier lernte Baron eine andere Welt kennen, und schnell wurde ihm deutlich, dass er nicht „dazu gehört“, denn “nur denjenigen, deren Eltern (..) zumindest eine solide bürgerliche Herkunft führen., öffnet diese Gesellschaft den Schlagbaum“, schreibt Baron. Wenn zu Hause nicht nur das Geld für Nachhilfe fehle und die Eltern ab der 8. Klasse nicht mehr in der Lage seien, bei den Hausaufgaben zu helfen, dann „schmeißt man schnell demotiviert die Flinte ins Korn“.

An der Uni merkt Baron alsbald, dass Menschen auch in linken Gruppen sozial sanktioniert werden, wenn sie mit „dem gebildeten Gehabe“ nicht mithalten und mit den postmateriellen Diskursen nichts anfangen können. Genüsslich beschreibt Baron die Reaktionen seiner Kommiltonen, wenn er seiner Leidenschaft für Pommes, Bratwurst und Tiefkühlpizza frönt oder in einer „Volxküche“ den Debatten über die Bedeutung von Erich Mühsam nicht folgen kann. Und während man sich in diesen Kreisen gerne für jede auch noch so obskure Befreiungsbewegung irgendwo in der Welt engagiert, selbstverständlich „bio“ und „fairtrade“-Produkte kauft und das „*“ bzw. das Binnen-I als wesentliche Elemente des Kampfes für Gerechtigkeit propagiert, werden die realen sozialen Schranken in unserer Gesellschaft gerne ausgeblendet. Es sei, so Baron, eben ein Unterschied, ob man vermeintlich linke Politik an der Uni betreibe und prekäre Jobs in Kauf nehme, weil man im Bewusstsein einer auskömmlichen Erbschaft lebe, oder ob man zur Klasse der Besitzlosen gehöre.

Die Kultur der „Unterschichten“ wird verachtet und wenn überhaupt als Event auf Trash-Partys mit Jogginghosenzwang und Besäufnissen in Proletenkneipen zelebriert. Man setzt sich ab, hört Independent-Music und später vielleicht Jazz und Klassik statt Schlager, Heavy Metal oder Soft-Rock. Man macht Individualtrips statt Pauschalreisen, meidet „Mainstream-Klamotten“. Später nennt man seine Kinder Eleonore-Sophie oder Joshua und keinesfalls Kevin oder Mandy. Man schafft sich Distinktionsmerkmale, und das alte linke Zerrbild des klassenkämpferischen Arbeiters mit roter Fahne ist dem neuen des „verwahrlosten Unterschichts-Heinis mit Wampe“ und rassistischen Sprüchen gewichen. Und wenn sich mal eine Fachtagung mit Themen wie dem Zugang unterer Schichten zur Hochkultur wie. z.B. Theater beschäftigen, dann „reden Akademiker über Nichtakademiker wie Biologen über Amöben, als läge es an der kollektiven Dummheit des Pöbels und und nicht an der strukturellen Ausrichtung des Theaters, wenn immer weniger Menschen sich für diese Kunst begeistern.“

Für Baron spiegeln sich diese Haltungen auch in der Flüchtlingsdebatte wider. Auch in linken Kreisen würden soziale Ängste, die durch den Zuzug von vielen Flüchtlingen befördert werden, pauschal als „Rassismus“ diffamiert. Zitiert wird der Publizist Raul Zelik, der im April 2016 im Neuen Deutschland schrieb: „Für die Putzkraft oder den ungelernten Arbeiter auf dem Bau erhöht Zuwanderung den Druck auf das Lohnniveau. Für den urbanen Akademiker, der trotz seiner Projekt-Prekarität eigentlich ganz gut über die Runden kommt, stellt Migration dagegen sicher, dass die frisch zurbereitete Kokos-Tofu-Suppe im Schnellrestaurant auch in Zukunft für fünf Euro zu haben ist. Und auch im Segment der Medienkreativen wird die Konkurrenz durch Zuwanderer überschaubar bleiben“. Aber „solange die Linken es unterlassen, die soziale Frage mit der Flüchtlingspolitik explizit zu verbinden , so lange werden die Unterschicht und die verängstigte Mitte einen großen Bogen um sie machen“ schreibt Baron und leitet daraus Positionen zu „Multikulturalismus“ und zum Islam ab, die ihm in seinem politischen Umfeld wenig Freunde bescheren werden. .Es gehe eben nicht nur um Toleranz und Integrationsbereitschaft. Natürlich sei es inakzeptabel, den Islam pauschal als Bedrohung zu dämonisieren, aber man müsse zur Kenntnis nehmen, „dass viele Flüchtlinge einer repressiven politischen Ökonomie entstammen, die auf sozialer Ungleichheit, Frauenverachtung, Homophobie und Todestrafen fußt“. Aber dies werde in linken Diskursen meistens ausgeblendet. Das gelte auch generell für Religionskritik, obwohl die Linke eigentlich in einer säkularen Tradition stehe. Beängstigend sei, „dass mittlerweile jeder von Linken als „antimuslimischer Rassist“ beschimpft wird,, der generell gegen jeden verpflichtenden Religionsunterricht (also auch muslimischen) an staatlichen Schulen eintritt (..) oder die rituelle Beschneidung kleiner Kinder als Gewaltanwendung versteht“.

Immer wieder kehrt Baron in seinem Buch in seine Heimatstadt zurück, in die „Unterschicht-Milieus“ denen er sich – anders als viele Aufsteiger – eben nicht entfremdet hat. Er beschreibt freundliche, manchmal fröhliche Menschen, die viele Zweifel und Fragen haben, mit denen man aber über alles reden kann – wenn man sie akzeptiert. Mit Ausführungen über Rosa Luxemburg, Antonio Gramsci oder Gender Mainstreaming könne man Menschen, für die eine defekte Waschmaschine ein existentielles Problem darstellt, aber nicht kommen. Den einzigen Weg, den Vormarsch rechter Parteien in diesen Milieus aufzuhalten sieht Baron in einem „linken Populismus“ der an den tatsächlichen Nöten anknüpft ohne sich rassistischen und antidemokratischen Ideologien anzubiedern. Aber solange sich besonders die akademische Linke in identitätspolitischen Genderdiskursen u.ä. in ihren soziokulturellen Freiräumen verschanze, bleibe die Distanz zur bestenfalls als zu bekehrenden „revolutionäres Subjekt“ idealisierten Unterschicht unüberbrückbar.

Es ist ein spannendes, absolut lesenswertes Buch, das vor allem mit seiner Mischung aus individuellen Erlebnissen und fundierter Analyse besticht. Für mache Leser wird es – sofern sie sich darauf einlassen – ein Blick in den Spiegel sein. Für andere ein Einblick in eine fremde Welt Stoff für Diskussionen bietet es allemal.

 

 

Christian Baron

Proleten, Pöbel, Parasiten – Warum die Linken die Arbeiter verachten

Eulenspiegel Verlag, Oktober 2016

288 Seiten, 12,99 €

ISBN 978-3-360-01311-8

 

Nolympia bei ARD und ZDF. Gut so!

ARD und ZDF werden nicht live von den Olympischen Spielen 2018 bis 2024 berichten. Und das ist gut so, denn warum sollten sie auch. Bei 100 Millionen Euro sind die öffentlich-rechtlichen Sender aus dem Rechtepoker ausgestiegen, und schon diese Summe wäre skandalös.

Olympia ist kein „Sportfest der Völker“, sondern eine Gelddruck- und PR-Maschine für große Konzerne, korrupte Funktionäre , schräge Despoten und glamoursüchtige Politiker. Die Spitzenathleten werden nicht nur in Deutschland mit horrenden öffentlichen Mitteln als moderne Gladiatoren ausgehalten. Der „Kampf gegen Doping“ ist pure Heuchelei und ohnehin längst verloren.

Natürlich sollte man diesen Zirkus nicht verbieten, aber doch bitte komplett der „freien Marktwirtschaft“ überlassen, inklusive Freigabe von Doping. Die dadurch frei werdenden Steuergelder wären im Schul- und Breitensport bestens aufgehoben, und für die eingesparten 100 Millionen Euro lassen sich auch bei ARD und ZDF sicherlich eine sinnvolle Verwendung finden.

c: Axel Scherm

Die Übertragungsrechte gehören dem US-Medienkonzern Discovery. Für Olympia-Junkies wird es eine limitierte Live-Berichterstattung bei deren deutscher Free-TV-Tochter Eurosport geben, wer mehr will, muss bezahlen.

Ich bin gespannt, ob sich irgendjemand darüber aufregt, vermute es aber, wenn ich die aktuelle Debatte über den neuen Sendestandards DVB-T 2 verfolge. Dieses wird Ende März den alten DVB-T-Standard ablösen, aber als terrestrisches Netz weiterhin allen Nutzern kostenfrei zur Verfügung stehen. Private Anbieter wie RTL und SAT1 ziehen nicht mit, und wollen ihre Angebote künftig kostenpflichtig machen. Auch das ist in vollkommen in Ordnung, denn das öffentlich-rechtliche TV, das ja nicht nur ARD und ZDF sondern auch die 3. Programme, eigene Nachrichtenkanäle und Sender wie ARTE und 3SAT umfasst, sorgt für ein umfassendes, gebührenfinanziertes Angebot. Also alles in bester Ordnung.

Wein trinken mit Donald Trump

„Ey Alter, hier kannste für’n Zehna soviel Wein trinken wiede willst“, blökt der begeisterte Besucher in sein Smartphone Auch die „Generation Flatrate“ hat die „Lange Nacht des Weines“, die am Mittwoch zum 9.Mal in der halbgentrifizierten Moabiter Markthalle veranstaltet wurde, für sich entdeckt. Während im vorderen Teil der Halle noch von weniger genussorientierten Moabitern Junkfood aus dem Discounter getragen wird, harrten im hinteren Teil bereits 17 Stände von Winzern und Vertreibern den Besuchern.

Wer nicht Flatratesaufen im Sinne hatte, kam trotzdem auf seine Kosten, wenn auch nur bedingt. Der Crémant-Sekt eines Pfälzer Produzenten weckte den spontanen Wunsch nach Benachrichtigung der Lebensmittelkontrolle oder wenigstens der Geshmackspolizei. Doch prompt wurde man mit einem fülligen, kernigen Pinot-Sekt vom „Y-Sommelier“ versöhnt, der auch noch einen richtig guten mineralischen Rheingau-Riesling zu bieten hatte. Und kaum hatte man die Enttäuschung über einen eher mageren ungarischen Erzeuger verdaut, wird einem beim Weingut Felix Waldkirch (Pfalz) exzellenter  „altmodischer“ süßer Wein ohne Botrytis serviert, der noch dazu zu ziemlich albernen Preisen angeboten wird.

Es war immerhin der Tag der Wahl des durchgeknallten Sexisten und Rassisten Donald Trump zum Präsidenten der USA . Aber das haben eventorientierte Besucher halb- oder komplett gentrifizierter Locations und Kieze wohl schon abgehakt, denn die Show geht natürlich weiter.

Bei Felix Waldkirch gibts so richtig “umoderne” Süßweine. Vor allem der Gewürztraminer ist ein Hit.

Das Schönste an einer Weinprobe ist bekanntlich das Bier danach. Das habe ich in der „Oldenburger Klause“ zu mir genommen, einem einerseits unspektakulären, aber andererseits genau deswegen fast schon wieder filmreifen Kiez-Etablissement. Ich bin zwar kein Soziologe, aber meine empirischen Betrachtungen zur Korrelation zwischen Bierpreisen und der Haltung einiger Gäste zu einigen politischen Fragen bewegt sich durchaus in diesem Forschungsgebiet. Hier kostet das große Bier (0,4l) zwei Euro, ein auch für Hartz-IV-Bezieher einigermaßen sozialverträglicher Preis. Hier bekommt man mitunter merkwürdige Dinge zu hören, besonders über Flüchtlinge. Ich höre gerne zu und mische mich mitunter auch ein. Einige Stammgäste wissen, dass ich ein eher linker Journalist und Buchautor bin und scheinen das irgendwie zu akzeptieren. Das ist keine große Sache, aber vielleicht ein klitzekleines Mosaikteilchen von dem, was für „uns“ eigentlich ansteht. Aber welcher Linke gibt sich schon mit manchmal auch angetrunkenen „Prolls“ in eine Raucherkneipe ab.

Auf der wie üblich ausverkauften Weinsause um die Ecke war mit ziemlicher Sicherheit kein AfD-Wähler und kein Trump-Sympathisant. Es gibt hier auf engstem Raum Parallelwelten, jedenfalls so lange, bis die ärmeren Bewohner des angesagten Kiezes noch nicht komplett durch explodierende Mieten vertrieben sind. Doch viele Betroffene schimpfen lieber auf Flüchtlinge, anstatt sich zu wehren. Da gilt es, ziemlich dicke Bretter zu bohren, statt alles außerhalb seiner eigenen Lebenswelt als „Rassisten“, „Faschisten“ oder ähnliches zu titulieren. Und dieselben Leute, die sich empört gegen diesen „Pack“ wenden, wollen ihren Kiez „verteidigen“, indem sie gegen Verdichtung durch Wohnungsneubau zu Felde ziehen.

Ich bin froh, dass ich mich in beiden Welten bewege. Und so freue ich mich auch darauf, einige der in der Markthalle präsentierten Wein in Ruhe nachzuverkosten. Denn Genuss ist bekanntlich Notwehr.

Jazzfest Berlin IV: Auf die Kirche folgt der Absturz

Immer Sonntags geht es in die Kirche. Das gilt jedenfalls für das erste Novemberwochenende, wenn das Jazzfest Berlin ein sehr spezielles Konzertereignis in der Kaiser-Wilhem-Gedächtniskirche anbietet. Bei der Premiere vor einem Jahr wurde die großartige Schuke-Orgel mit ihren 5000 Pfeifen und 256 Registern allerdings regelrecht entweiht, denn dem Trio „The Necks“ um den „Organisten“ Chris Abraham fiel außer sinnlosen „freien“ Klangkonvoluten nichts ein.

Das konnte nur besser werden – und wurde es auch. Respektvoll und bedächtig näherte sich Alexander Hawkins diesem mächtigen Klangerzeuger und der sakralen Akustik, ohne sich an kirchenmusikalische Hörgewohnheiten anzubiedern. Auch der Trompeter Wadada Leo Smith, der bereits am ersten Festivaltag mit seinem „Great Lakes Quartett“ begeisterter, fügte sich eher tastend und sehr behutsam in diese einzigartige Konstellation ein, bevor er begann, dem Raum mit größeren Linien auszufüllen. Mit zunehmender Spieldauer fügte sich das improvisierte Geschehen allmählich ineinander. Gerne hätte man dieser Konversation zweier beseelter Musiker noch länger gelaucht, doch nach einer Dreiviertelstunde war leider schon Schluss.

Wadada Leo Smith fand auch in der Kirche den richtigen Ton
C Carola Blake

Ein herber Absturz dagegen beim ersten Teil des Schlusskonzerts am Sonntag im Festspielhaus. Jedenfalls erschließt sich nicht, was das einfältige Neofolkgedudel von Julia Holter auf dem Jazzfest zu suchen hatte. Auch die an ihr Quintett eilig rangeklebten örtlichen Streicher , können die Langeweile und Subtanzslosigkeit der Holter-Songs und ihr arg imitiertes stimmlisches Vermögen nicht kaschieren. Ärgerlich.

Wesentlich frischer und lebendiger dagegen der Auftritt des Steve Lehmann Octet., auch wenn dort mitunter mächtige Tiefen ausgelotet werden. Der Komponist und Altsaxophonist verbindet nahezu mühelos die europäische Moderne und ihre musiktheoretischen Implikationen mit der Tonsprache des modernen Jazz. Eine zupackende Rhythmussektion sorgt für ordentlich Dampf im Kessel, Cris Dingman am Vibraphon füllt den Raum, den üblicherweise in derartigen Ensembles das Klavier einnimmt, treibend und mit spannenden Klangfarben. Die Kompositionen haben vor allem durch die knackigen Bläsersätze stets eine klare Struktur, bieten aber genug Freiraum für Improvisation. Die Soli der Blaser, (außer Lehmann sei vor allem Jonathan Finlayson an de Trompete hervorgehoben) sind durchweg state of the art, die kreative Spielfreude der Band ist nahezu körperlich zu spüren. Keine Musik für den Fünf-Uhr-Tee, sondern den Zuhörer eher fordernd. Gut so, denn Langweiler gibt es auch im Jazz mehr als genug.

Ich gestehe, dass ich mir den letzten Akt des Jazzfestes 2016 verkniffen habe. Zum einen war der Kopf mittlerweile ohnehin schon recht voll. Außerdem hatte ich an die französische Pianistin und Komponistin Eve Risser recht frische, ungute Erinnerungen. Bei ihrem Solo-Auftritt am 18.Oktober anlässlich eines Publikumsgesprächs im Vorfeld des Jazzfestes nervte sie erheblich mit allerlei verkopften Geräuscheskapaden rund um das arme, entwürdigte Klavier. Daher meine Befürchtung, dass dies mit ihrem „White Desert Orchestra“ am Sonntagabend nicht besser werden würde.

Wie dem auch sei. Das Jazzfest 2016 ist Geschichte. Es war ein guter, spannender Jahrgang. Roger Williams hat überzeugend verständlich machen können, was er unter „Konversation“ versteht. Das sorgt für Vorfreude auf den nächsten Jahrgang, bei dem ich mich – versprochen! – mal wieder intensiver mit den „Nebenkonzerten“ im A-Trane und auf der Seitenbühne widmen werde.

 

Jazzfest Berlin III. Das Meisterstück des Kurators

Wenn es noch eines kuratorischen Meisterstücks des Jazzfest-Leiters Roger Williams bedurft hätte – Sonnabend wurde es abgeliefert. Alle Bekenntnisse zu Konversation, Austausch und Vielfalt sind schließlich Schall und Rauch – entscheidend ist auf der Bühne. Die betraten im Festspielhaus zunächst Angelika Niescier (Altsaxophon) und Florian Weber (Piano) mit ihren ausgebufften New Yorker Sidemen an Schlagzeug, Bass und Trompete. Ein herrlich unangestrengtes Statement zum Thema zeitgenössischer Jazz, weit jenseits von easy listening und der oftmals arg bemühten „jung und wild“-Attitüde. Beschwingt geht es durch einige Balladen und Midtemponummern, geprägt durch klug gesetzte harmonische Fortschreibungen am Piano, einer im angenehmen Sinne leicht scheppernden Rhythmusgruppe und mitunter fast schon hippiesken Improvisationen, zu denen neben Niescier auch der großartige Trompeter Ralph Alessi viel Substanz beisteuert. Immer leichtfüßig und transparent. Fast so etwas wie ein Gegenentwurf zum Eröffnungskonzert, wo das das Ensemble von Julia Hülsmann in genau dieser Besetzung drögen Prosecco-Jazz darbot. Den Namen Angelika Niescier sollte man sich jedenfalls merken.

Kein Berlin Jazzfest ohne Bigband und nicht zum ersten Mal füllte diese Rolle das Jazzorchester des Hessischen Rundfunks aus. Und erneut stellte Arrangeur und Leiter Jim McNeely seine herausragende Fähigkeit unter Beweis,, einen derart massiven Klangkörper (14 Bläser) in die Ausgestaltung eher minimalistischer Werke einzubringen.

Der Schweizer Komponist und Pianist Nik Bärtsch und sein „Zen-Funk“- Quartett Nonin waren diesmal die Protagonisten. Es begann mit minimalistischen, seriellen Phrasen, deren kaum merklichen Verschiebungen schnell in eine Art Trance-Zustand führen – sofern man sich als Zuhörer darauf einlässt. Behutsam wurde dies mit Bläsersätzen gefüllt, um dann wieder sphärisch zu verklingen. Dieses Konzept durchzog das gesamte Konzert und gewann dabei beständig an Kraft. Die Bläsersätze differenzieren sich weiter aus, ohne die eher dunkle Mollpentanik der sparsamen Themen zu sprengen. Plötzlich schleicht sich Polyrhyrhmik in das Geflecht, ganz zart, aber so, dass sie unter die Haut geht, und schließlich darf eine zunächst elegische, dann zupackende Trompete á la Miles Davis dies alles wieder suflösen. Und dann kommt noch Martin Scales, der großartige Gitarrist der BigBand, der als eine Art John-Scofield-Wiedergänger mit rockigen, modalen Skalen eine neue Sphäre dieser Musik erschließt. Das hat Kraft, das hat Tiefe, das hat Groove, das hat innere Ruhe. Das ist Suche nach dem Wesen der Dinge in der Musik. Es ist zu hoffen, dass diese großartige Begegnung von Nik Bärtsch und seinem Ronin-Quartett mit der hr-BigBand in Form einer CD der Nachwelt erhalten wird.

Jack DeJonette – der emanzipierte Drummer
C:Oliver Abels /CC-Lizenz

Beim Abschluss dieses denkwürdigen Festivaltages ist dann alles wieder ganz anders. Der 74 jährige Schlagzeuger Jack DeJonettte, hat so ziemlich alles Relevante getrommelt, was es in den vergangenen Jahrzehnten zu trommeln gab. Wie außer Elvin Jones niemand vor ihm (und die wenigstens nach ihm) hat er die Rolle des Schlagzeugers vom Status eines rhythmischen Begleitbüttels emanzipiert. DeJonette trommelt Geschichten, denkt in Harmonien und Melodien und ist zudem ein begnadeter Improvisator. Nach Berlin kam DeJonette mit einer Art Generationen-Projekt, denn er hatte bereits mit den Vätern von Ravi Coltrane (sax) und Matt Garrison (E-Bass) zusammen gespielt.

Doch wer ihn immer noch in seinen Phasen als genialer Begleiter von Miles Dasis und John Coltrane verortet und so was ähnliches wie ein irgendwie klassisches Jazztrio erwartet hatte, wird sich verwundert die Augen gerieben haben. Garrison entfacht mit seinem E-Bass nebst allerlei elektronischen Beiwerk ein wahres Harmonie- und Soundgewitter, das jeder Metal-Band zur Ehre gereichen würde. Er lässt es bisweilen ordentlich funky knacken, ist sich aber nicht zu schade für ein paar straighte Walking Bass-Linien- wenn es denn angebracht ist. Ravi Coltrane hat einen eindringlichen, manchmal verträumten, fast klagenden Ton, gönnt sich aber immer wieder freie harte Attacken. Und wie ein Fels in der Brandung Altmeister Jack DeJonette, aufmerksam zuhörend, beobachtend, eingreifend, lenkend..

Es ist schlicht ein Feuerwerk, das dieses Trio abbrennt. Hochenergetisch, explosiv, manchmal ausufernd aber immer strukturiert. Möglicherweise zu harter Stoff für einige Besucher, wie die sich lichtenden Reihen nahelegen. Dabei ist genau das, was hier auf der Bühne passiert, die von Williams viel beschworene Konversation oder auch im besten Sinne freie Musik ohne jeden Anflug von Beliebigkeit.

Was der heutige Abschlusstag des Berliner Jazzfestes noch so zu bieten hat, wird man sehen. Doch dieser Sonnabend war ein Glanzlicht, das man so schnell nicht vergessen wird.

Jazzfest Berlin II. Klarheit, Schönheit, Chaos

„Konversation“ lautet das Motto dies diesjährigen Berliner Jazzfestes. Das klingt einigermaßen beliebig, weil Jazz – sofern es sich nicht um Soloauftritte handelt – ohne intensive Kommunaktion zwischen den Musikern kaum vorstellbar ist. Dass das allerdings nicht immer klappt, war am Eröffnungstag zu beobachten. Doch mit der Verpflichtung von Joshua Redman(Saxophon) und Brad Mehldau (Piano) für den Start des 2. Konzertabends im Festspielhaus hat sich der künstlerische Leiter Roger Williams auf die sichere Seite begeben. Die beiden Mitvierziger gehören seit Jahren zu den Großen ihrer Zunft und können auf mehr als zwei Jahrzehnten Zusammenarbeit in verscbiedenen Formationen zurückblicken. Beide gehören zu jener Generation US-amerikanischer Jazzmusiker , die ihr Handwerk auf renommierten Musikhochschulen erlernten und beiden steht die allgegenwärtige Jazzpolizei auch mit einer gewissen Skepsis gegenüber, weil sie sich -Satan weiche! -auch Ausflüge in die Popmusik gönnten und ohnehin mitunter recht „mainstreamig“ gebärden . Beiden ist ein gewisses Faible für eine eher elegische Spielweise eigen,, bei Mehldau kommt der Hang der Hang zu mitunter fast barock anmutenden zweistimmigen Improvisationen dazu. Doch beide können auch ordentlich zulangen.

Neue Erkenntnisse gab es am Freitag nicht, zumal sich Redeman und Mehldau sehr eng an dem vor einigen Monaten erschienenen Duo-Album „Nearness“ und früheren Duokonzerten orientierten. Dennoch war dieser knapp einstündige (und somit viel zu kurze) Auftritt ein kostbarer Moment der Klarheit und Schönheit in einer kaputten Welt. Klavier und Saxophon umspielen sich, lassen einander los, eröffnen Raum für Ausflüge in etwas songfernere Gefilden und finden immer wieder zusammen. Konversation at its best

Das gilt in gewisser Weise auch für das vor 50 Jahren von Alexander von Schlippenbach gegründete Globe Unity Orchestra. In für deutsche Verhältnisse damals unerhörter Radikalität wurde freie Musik zelebriert, was sich trotz wechselnder Besetzungen in den vergangenen fünf Jahrzehnten kaum geändert hat.

Eine Frage der Haltung. Ernst Ludwig Petrowsky (82) und Manfred Schoof (80) lassen es immer noch krachen.

Der Auftritt am Freitag hatte den Charakter eines Klassentreffens. Von der Originalbesetzung waren außer Schlippenbach (Piano) noch der Trompeter Manfred Schoof und der Saxophonist Gerd Dudeck dabei, mittlerweile gereifte Grandseigneurs der wilden Klänge rund um die 80. Dazu gesellten sich weitere Haudegen des Genres, wie die frühere DDR-Jazzikone Ernst Ludwig Petrowsky und der polnische Trompetenpionier sowie ein Dutzend weiterer Bläser und Schlagwerker Paul Lovens und Paul Lytton.

Man geht auf die Bühne, fängt an zu tuten und zu tröten, freut sich des Lebens, und wer sich gerade berufen fühlt, geht nach vorne und soliert. Und irgendwann hört man wieder auf. Das wirkt nicht unbedingt frisch, sondern eher museal, aber die Herren zelebrieren das nicht mehr ganz so kreative Chaos mit viel Spaß und Augenzwinkern. Dem tosenden Beifall ihrer offenbar stabilen Fangemeinde können sie sich eh sicher sein. Und wem diese Musik zu anstrengend ist, der kann zumindest goutieren, dass da ältere Herren- die niemandem noch etwas beweisen müssen, eindeutig Haltung bewahren.

 

 

 

Jazzfest Berlin: Zum Lachen in den Keller

Konversation hat der künstlerische Leiter Richard William zum Motto des diesjährigen Berliner Jazzfestes erklärt. Nun kann Konversation gestelzt und langweilig sein, aber auch anregend und spannend. Beim offiziellen Start des diesjährigen Festivals am Donnerstag – es hatte allerdings schon zwei kleinere „Vorkonzerte“ gegeben – musste man allerdings einige Zeit auf spannende Konversation warten. Und das nicht nur, weil Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) in ihrer Eröffnungsrede ein paar pflichtgemäße Floskeln zur großen Bedeutung des Jazz von sich gab und ihre Bemühungen um die Förderung dieses Genres pries. Und dass man natürlich mehr junge Menschen für diese Musik begeistern müsse, was ein Blick in das Auditorium im Huas der Berliner Festspiele tatsächlich dringend angeraten erscheinen lässt.

Anna-Lena Schnabel – Lichtblick bei Julia Hülsmanns Langweiler-Quartett

Doch dann gab es endlich Musik, und zwar von genau der Art, die das Nischendasein des Jazz erklärlich macht. Das zweifellos mit hervorragenden Musikern besetzte Quartett der Berliner Lokalmatadorin Julia Hülsmann (Piano) bot gepflegte Langeweile für Menschen, die zum Lachen in den Keller gehen und noch nie betrunken waren. Es passierte kaum etwas, weder rhythmisch, noch harmonisch, noch solistisch. Nur die als eine Art neuer Stern am deutschen Saxofonhimmel gefeierten Anna-Lena Schnabel als Gast deutete im letzten Stück des Sets, das treffenderweise „Burnout“ hieß, an, dass auch deutsche Jazzer anständig die Kuh fliegen lassen können.

Beim zweiten Act kann man immerhin von Geschmacksfragen reden. Die norwegische Saxofonistin Mette Henriette und ihr mit Bläsern, Streichquartett, Bandoneon und Rhythmusgruppe üppig besetztes Ensemble bewegt sich irgendwo zwischen Neuer Musik und den fast schon esoterischen Elegien ihres Landsmanns Jan Garbarek, ein Eindruck der durch die eher jazzuntypische Psycho-Lightshow noch verstärkt wurde. Doch manchmal – besonders gegen Ende – ging den Stücken irgendwie die Luft aus. Dennoch: Man kann das mögen.

Dass der Abend doch noch ein erquickliches Ende fand, war dann dem alten Chikagoer Trompeten-Haudegen Wadada Leo Smith mit seinem Great Lakes Quartett zu verdanken. Beseelte Musik im Geiste von Miles Davis und den damals noch jungen freien Wilden wie Anthony Braxton. Spannungsgeladen, mal explosiv, mal meditativ, aber – und das muss für diesen Konzertabend leider hervorgehoben werden – niemals langweilig. Was bei Bass und Schlagzeug im Hülsmann-Quartett noch wie verbeamtete Rhythmusverwaltung anmutete, zelebrierren John Lindberg (Bass) und der faszinierend unberechenbar Marcus Gilmore (Drums ) als kleine, wilde Ritte durch gerade und ungerade Metren. Da wurden auf dem Bass keine schulmäßigen Changes gezupft und an den Drums keine ausgelatschten Licks aneinandergereiht; man ließ es grollen und rollen, um Bandleader Smith und dem Saxofonisten Jonathon Haffner die Basis für ihre expressiven Kaskaden zu bereiten. Das klang wie richtig gute Konversation oder auch einfach wie Jazz. Kann gerne so weitergehen.

 

Déjà -vu in der Trollingerflasche

Die Felsengärtner haben es nicht vergessen. Vor gut einem Jahr robbte ich zusammen mit einigen Journalistenkollegen durch eine imposante terrassierte Steillage im „Besigheimer Wurmberg“, um auf der Parzelle eines Genossenschaftswinzers Trollinger zu lesen. Und die Felsengärtner aus Besigheim versprachen uns, eine Flasche zu schicken.

Leckere Trauben

Gerne zelebriere ich die Illusion, dass in der Flasche, die ich gestern erhielt, tatsächlich Spuren jener Trauben enthalten sind, die ich mit gekrümmtem Rücken im Schweiße meines Angesichts vom Stock geschnitten habe. Was angesichts der vielen Partien aus verschiedenen Parzellen, die in diesem „Besigheimer Wurmberg Trollinger 2015“ von der Felsengartenkellerei Besigheim stecken, eher unwahrscheinlich ist.

„Wein aus Steillagen! steht auch noch auf dem Etikett. Das kann ich bestätigen. Und genau das ist auch eines der Probleme, die dieser – und viele andere – Weine aus Württemberg mit sich rumschleppen. Denn der Anbau von Trollinger in extrem arbeitsintensiven Top-Lagen ist ähnlich sinnstiftend, wie ein Helene-Fischer-Konzert mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle. Was es aber richtigerweise wohl nie geben wird.

Für fünf Euro wird dieser Wein verkauft und das ist für einen Genossenschfats-Trollinger schon relativ viel. Es liegt auf der Hand, dass sich das speziell wenn es um Steillagen geht, nicht besonders rechnet. Aber abgesehen von dem Arbeitsaufwand gibt es auch nichts, was einen höheren Preis irgendwie rechtfertigen könnte.

…aber irgendwie kein Wein

Eigentlich schmeckt dieses irgendwie halbtrockene Getränk gar nicht wie Wein. Eher wie ein (guter) Traubensaft, der eben Alkohol enthält. Tannine, differenzierte Aromen, Säurespiel, Nachklang am Gaumen – alles Fehlanzeige. Immerhin ist er nicht zu klebriger Marmelade verkocht worden, wie so manch schwäbischer Rebsortenkollege. Er ist also nicht wirklich unangenehm, man kann ihn leicht gekühlt schmerzfreiund sogar mit einem gewissen Spaß in sich reinsüffeln, aber es ist einfach kein Wein.

Natürlich wissen die Wüttemberger schon länger, dass das mit den Steillagen und dem Trollinger auf Dauer keinen Sinn mehr macht. Und so bemühen sich auch die Genossenschaften, höherwertige und vor allem auch höherpreisig vermarktbare Rebsorten in ihren Top-Patzellen zu kultivieren. Aber was mir die Felsengärtner da als weitere Flasche ges hickt haben, kann auch nicht der Königsweg für die schwäbische Weinkultur sein. Wobei festzuhalten ist, dass es sich bei dem sortenreinen, trockenen Cabernet Dorsa aus der Edition „Schwarzer Rappe“ zumindest um einen richtigen Rotwein handelt, mit Tanninen, Kirsch- und Beerenaromen, ein wenig dunkle, leicht bittere Würze, lebhafter Säure und recht kräftig. Vielleicht ist der im Holzfass ausgebaute 2014er auch noch zu jung, um sich voll entfalten zu können, aber auch dieser „Kinderbonus“ kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das alles nicht richtig stimmig ist. Die Rebsorte Cabernet Dorsa –eine tiefdunkle Kreuzung aus Lemberger und Dornfelder – ist und bleibt ein Zombie-Wein, der vieles ein bisschen imitiert, aber nichts richtig kann. So gehen hat er fast noch weniger Spaß gemacht als der Trollinger.

Was bleibt? Mal wieder richtig guten Lemberger aus Schwaben trinken. Gibt’s reichlich. Werde ich mich mal wieder drum kümmern.

 

Kaiser’s Tengelmann wird zerschlagen oder: Wollt Ihr den totalen EDEKA?

Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, beginnt jetzt der große Ausverkauf. Die 471 Filialen der Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann (KT) werden meistbietend verhökert, einzeln, oder im Paket. Der Start erfolgt in Nordrhein-Westfalen, Berlin und der Großraum München werden folgen. Die Tengelmann-Gruppe vollendet damit ihren Ausstieg aus dem Lebensmitteleinzelhandel, da es über einen längeren Zeitraum nicht nicht gelingen ist, die stark defizitäre Konzernsparte in einem sich rasant oligopolisierenden Markt erfolgversprechend zu positionieren.

Befürchtet wird nun der Verlust von 8000 der insgesamt 16.000 Arbeitsplätzen bei der Lebensmittelkette. Die hätten gerettet werden können, wenn die Übernahme von KT durch die EDEKA-Gruppe wie geplant über die Bühne hätte gehen können, wird verbreitet. Schuld am Scheitern des Deals sei vor allem das Management des Konkurrenten REWE, der das Geschäft mit Erfolg gerichtlich angefochten und später eine außergerichtliche Eingung blockiert habe, heißt es weiter.

Aber stimmt das alles so überhaupt? Wären die KT-Märkte durch eine Übernahme zu retten gewesen? Hätte das dauerhaft Arbeitsplätze gesichert? Ist EDEKA in diesem Spiel der Gute und Rewe der Böse? War es lobenswert, dass Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel das vom Bundeskartellamt verfügte Verbot einer Komplettübernahme durch EDEKA mit einer „Ministererlaubnis“ aushebelte?

Nein, nein und nochmals nein lautet die klare Antwort. Und wenn man mal für ein paar Minuten die rosarot beschlagene Gewerkschaftsbrille abnimmt, kommt man auch selber drauf. Dazu ein paar Fakten

1.)Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel ist zum Einen von regionalen Überkapazitäten und zum anderen von einem rapiden Konzentrationsprozess geprägt. Die vier größten Anbieter Edeka (incl. Netto), Rewe (incl. Penny,) Aldi sowie die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) haben zusammen einen Marktanteil von 85 Prozent, EDEKA als Marktführer hat alleine alleine fast 30 Prozent , in einigen Regionen sogar deutlich mehr. Vor diesem Hintergrund war die Entscheidung des Bundeskartellamtes, die Komplettübernahme der KT-Märkte durch EDEKA zu untersagen, vollkommen richtig und auch vorhersehbar. Bereits beim Verkauf der PLUS-Discounter (die ebenfalls zur Tengelmann-Gruppe gehörten) hatte das Kartellamt eine Komplettübernahme durch die EDEKA-Tochter Netto aus wettbewerblichen Gründen verhindert.

2.) Die dem entgegenstehende Ministererlaubnis durch Gabriel war rechtsmissbräuchlich, da im entsprechenden Gesetz eindeutig festgelegt ist, dass für eine deartige Erlaubnis ,gesamtwirtschaftliche Vorteile des Zusammenschlusses die Wettbewerbsbeschränkung aufwiegen“ oder „ein überragendes Interesse der Allgemeinheit den Zusammenschluss rechtfertigt“. Beides ist nicht der Fall, wie auch das Oberlandesgericht Düsseldorf in seiner Entscheidung im Juli eindeutig und schlüssig formulierte.

3.) In den Übernahmeverhandlungen, an denen auch die Gewerkschaften ver.di und NGG beteiligt waren, sicherte EDEKA zwar für fünf Jahre den Erhalt der Arbeitsplätze samt Tarifbindung für die Beschäftigten der KT -Gruppe zu. Doch dieser Schutz hätte sich nicht auf die Arbeitsplätze der originären EDEKA-Beschäftigten erstreckt. Vielmehr ging es für EDEKA um Marktbereinigung und den Ausbau der marktbeherrschenden Stellung. Es widerspricht jeglicher Logik, dass der Konzern nach der Übernahme unrentable Filialen aufrecht erhalten würde, vor allem wenn die Marktabdeckung in der jeweiligen Region Region ohnehin nahe der Sättigungsgrenze liegt oder Doppelstandorte von EDEKA und früheren KT-Märkten entstanden wären (wie es beispielsweise in etlichen großen Einkaufszentren der Fall ist). EDEKA-Beschäftigte hätten dann die Zeche für die temporäre Beschäftigungsgarantie der KT-Belegschaft zahlen müssen.

4.) Die Marktmacht von EDEKA hat bereits jetzt ein Ausmaß erreicht, das dem Konzern ermöglicht, Lieferkonditionen zu diktieren und den ruinösen Preiskampf zwischen den Anbietern weiter zu forcieren. Produzenten geraten infolge der Größenordnungen bei den Bestellungen in starke Abhängigkeit von dem Konzern, da sie den Ausfall dieser Aufträge nicht mehr kompensieren könnten. Da der Konzern die gesamte LEH-Palette vom Discounter bis hin zum gehobenen Frische- und Bedientheken-Segment anbietet, sind davon unzählige Lebensmittelproduzenten nicht nur in Deutschland betroffen. Kein vernünftiger Mensch kann einen Ausbau dieser Marktmacht befürworten, zumal sich der „Erhalt von tausenden Arbeitsplätzen“ sehr schnell als Fiktion entpuppen würde.

Vor diesem Hintergrund kann es nur noch um Schadensbegrenzung geben. Ein Erhalt aller KT-Standorte als LEH-Filialen (von wem auch immer) ist illusorisch. Viele (besonders in Nordrhein-Westfalen) sind viele zu klein für einen Filialbetrieb oder befinden sich an ungünstigen Standorten.

Für die Beschäftigten und ihre Vertreter geht es jetzt um mögliche Übernahmen durch einzelne Erwerber bzw. um Sozialpläne und Förderprogramme zur schnellen Vermittlung in neue Jobs. Alles andere ist Unfug. Ferner eröffnet der Verkauf der KT-Fillialen – wenn auch in bescheidenem Umfang – an einigen Standorten Chancen auf eine Diversifizierung des LEH-Angebots, da auch Anbieter wie Denn’s Biomarkt und die Schweizer Kette Migros einsteigen wollen – und dann auch Arbeitskräfte bräuchten.. Wer die Distribution von Lebensmitteln und die damit zusammenhängenden Arbeitsplätze den Gesetzen des Marktes entziehen will, muss sich jedenfalls schon die Mühe machen, für ein andere Gesellschaftsordnung zu kämpfen, statt einem Monopolunternehmen zu noch mehr Marktmacht zu verhelfen.

 

Bob Dylan: Ein Titan unter Kleingeistern

Nein, ich schreibe jetzt keine Würdigung des frisch gekürten Nobelpreisträgers Bob Dylan. Das haben andere, die sich zumeist intensiver mit seinem Leben und Werk beschäftigt haben, bereits getan. Ich schwelge auch nicht in Nostalgie und Reminiszenzen an die eigene Jugend. Zumal der erste Song, den ich in die Gitarre hackte, auch nicht „Blowin’ in the Wind“ sondern „La poupée qui fait non“ von Michel Polnareff war .

Außerdem bin ich wütend. Auf diese ganzen bildungsbürgerlichen, beschränkten Schmocks, die jetzt rumtröten, dass die Ehrung für Dylan sozusagen eine Verhöhnung der Literatur sei . ARD-Moderator und Literaturkritiker Denis Scheck sprach von einem „Witz“, die abgehalfterte Literatur-Exekutorin Sigrid Löffler attestierte mit der Festsstellung, dass Dylans Texte „keine eigenständige Lyrik“ seien. Auf die ganz große Pauke schlug der britische Schriftsteller Irvine Welsh („Trainspotting“), der über „einen schlecht durchdachter Nostalgie-Preis, herausgerissen aus den ranzigen Prostatas seniler, sabbernder Hippies” greinte, während der rumänische Literat Mircea Cartarescu ( der sich selber Chancen auf den Preis ausgerechnet hatte) erklärte, es täte ihm Leid „um die wahren Schriftsteller (..) die den Preis beinahe in der Tasche hatten.” Und der schwedische Verleger Svante Weyler findet es „ein bisschen merkwürdig, die Definition (von Literatur) so weit auszudehnen.» Ich habe nur eine klitzekleine Frage an diese und viele andere Idioten: Was ist bitte Literatur und woran bemisst sich ihre Preiswürdigkeit?

Die, die es nicht schaffen in der Presse zitiert zu werden, nerven mit hämischen Kommentaren bei facebook rum. Darunter auch die üblichen linksradikalen Langweiler, die sich, wenn’s drauf ankommt, in ihrem bildungsbürgerlichen Dünkel von niemandem übertreffen lassen wollen.

Wisst Ihr was: IHR KOTZT MICH AN! Ich hol jetzt ein paar der besseren Dylan-Platten aus dem Regal, öffne eine Flasche sortenreinen, trockenen Muscat aus Spanien, dreh mit vielleicht noch eine klitzekleine Tüte und freue mich über den Preis für einen der wichtigsten Lyriker der 2.Hälfte des 20. Jahrhunderts. Möge seine „Never ending Tour“ noch lange weiter gehen.