Nochmal richtig durchgepustet

Wenn schon Bebob, dann auch bitte1schwarz-weiß. Auch Till Brönner….

…und Greg Tardy mischten bei der Monk-Party kräftig mit

Der Arrangeur uns Komponist John Beasley rief, und alle kamen zur großen Party, die es am Sonntag zum Abschluss des Berliner Jazzfestes zu zelebrieren gabt. Schließlich galt es in diesem Jahr sowohl den 100. Geburtstag des Bebop-Pioniert Thelonious Monk als auch das Ende der dreijährigen Ära Richard Williams als Leiter des Festivals zu feiern, Beasley und sein MONK’estra erledigten diese Aufgabe locker, souverän und mit ungebremster Spielfreude. 12 Bläser plus Rhythmusgruppe bewiesen eindrücklich, dass diese „alte“ Jazzepoche mit ihrer komplexen Funktionsharmonik nebst ekstatischen Soli noch lange nicht vorbei ist. Und wohl auch nie vorbei sein wird. Vor allem, wenn man sie so pflegt, wie wie das Beasleys BigBand am Sonntag demonstrierte. Und auch der „Stargast“ Till Brönner an der Trompete bewies erneut, dass er eben nicht nur „Schmusejazz“ kann. Obwohl er das eigentlich schon lange niemandem mehr beweisen müsste. Mit durchgepustetem Kopf wurde man in das Berliner Schmuddelwetter entlassen. Was will man eigentlich mehr.

Am frühen Nachmittag hatte das Jazzfest an einem eher bedrückenden Ort Station gemacht. Denn vor gut einem Jahr war der Vorplatz Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Schauplatz eines montrösen Verbrechens. Ein Terrorist lenkte einen LKW auf hoher Geschwindigkeit auf den dortigen Weihnachtsmarkt, tötete 12 Menschen und verletzte viele weitere schwer. Nicht nur die anschließend um den Platz errichteten Betonsperren und die improvisierte Gedenkstätte machen jedem, der dieses Areal betritt, deutlich, dass sich in unserem Alltagsleben etwas geändert hat, auch wenn Politiker nicht müde werden, das Gegenteil zu behaupten. Bedrückend auch, weil die Hintergründe des Attentats und die Verwicklungen deutscher Geheimdienste in das Geschehen bis zum heutigen Tag nicht aufgeklärt wurden.

Es wurde ein ruhiges, fast besinnliches Konzert. Der britische Pianists und Organist Kit Downes bediente die fantastische Schuke-Orgel mit ihren 5000 Pfeifen und 256 Registern in der sakralen Akkustik behutsam und respektvoll mit einer Mischung aus weichen, offenen Harmoniefolgen und perlenden, freien Melodiebögen. Nur kurz konnte er der Versuchung nicht widerstehen, das „Presslufthammer-Register“ für die tiefsten Bässe zu ziehen.

Ihn folgten die „Trondheim Voices“ ein achtköpfiges Vokalistinnen-Ensembe aus Norwegen, dass durchgehend improvisiert und die menschliche Stimme als Impulsgeber für allerlei elektronische Verfremdungen nutzt, die auf die jeweilige Räumlichkeit abgestimmt werden. Die sphärischen Soundkollagen bewegten sich irgendwo zwischen Fantasy, Esoterik, Troll- und Elfengeschichten, was in diesem Fall keineswegs negativ oder abwertend gemeint ist. Den Besonderheiten des Ortes und seiner jüngeren Geschichte entsprach es jedenfalls voll und ganz.

Nun ist es also vorbei, das Berliner Jazzfest. Williams hat den notwendigen Spagat zwischen Traditionspflege und immer währender Suche nach neuen Formen erneut souverän gemeistert, Mit Haltung und ohne Anbiederung . Er hat das Fest auch weiter in Richtung Club- und Kammerkonzerte geöffnet. Sein – noch nicht bekannter -Nachfolger darf ein gut bestelltes Feld beackern und wird wissen, dass er in ziemlich große Fußstapfen tritt.

Zum Abschluss eine kleine Randbermerkung zum Thema GEZ und das ewige Gejammer über „Zwangsabgaben“ und „Staatsrundrunk“ Die ARD ist der wichtigster Kooperationspartner des Berliner Jazzfestes. Der Deutschlandfunk bzw. die Kulturwellen der Landesanstalten übertragen die Hauptkonzerte täglich live und erwerben zudem Senderechte für die meisten Mitschnitte, auch von den „Nebenkonzerten“ in Clubs. Dazu kommt die intensive journalistische Begleitung des Festivals. Ferner leisten sich noch vier Sender der ARD eigene BigBands, allesamt hervorragende Klangkörper mit internationaler Reputation, die auch regelmäßig Gäste des Jazzfestes sind.

Das alles kostet viel Geld und wäre aufgrund der relativ geringen Reichweite und Werbeaffinität von Jazzkonzerten wohl kaum ohne gebührenfinazierten Rundfunk zu realisieren.

Natürlich kommt jetzt der Einwand „Ich höre keinen Jazz, warum soll ich dafür zahlen?“ Doch zu soviel Dummheit und Kleingeistigkeit fällt mir nichts mehr ein.

Michael Wollnys magische Wanderungen

Wenn ein Jazzkonzert seit Wochen ausverkauft ist und sich am Abend noch lange Schlangen vergeblich nach Karten suchender Musikfreunde bilden, dann muss es sich um ein ganz besonderes Ereigbis handeln. Wobei derartige Vorschusslorbeeren wahrlich nicht immer ein Indikator für die tatsächliche Erlebnisqualität sind.

Am Freitag im Festspielhaus allerdings schon. Denn was Michael Wollny bei einem seiner seltenen Solokonzerte darbot, bleibt lange haften. Von der ersten im Korpus des Flügels gezupften Tönen bis zur Zugabe mit einem Werk eines finnischen Komponisten nimmt der bekennende Roamtiker Wollny seine Hörer mit auf eine Klangreise durch seinen schier unerschöpflichen Kosmos. Epochen und Stile spielen für Wollny, der sich nach seinen Debütalben Anfang des Jahrtausends inzwischen zum wohl wichtigsten europäischen Jazzpianisten entwickelt hat, anscheinend keine Rolle mehr. Gleich Perlenschnüren flirren schwerelose Skalen über zweitlose Harmonien und entladen sich bisweilen in mächtigen Klangewittern oder münden sphärischen Annäherungen an andere Welten. Wollnys Musik wird in solchen Momenten zum Gegenstück zum Stummfilm. Der bietet Bilder ohne Ton, bei ihm gibt es Filme ohne Bilder, außer denen im Kopf. Man war traurig und fast entsetzt, dass diese faszinierende Reise bereits nach einer Stunde beendet war. Und man darf froh sein, daran teilgenommen zu haben.

Nach so einem Erlebnis ist man für einige Zeit kaum noch zu erschüttern. Auch nicht von dem nach der Pause folgenden Auftritt des Sextetts des im Programmheft als „einer der herausregenden Jazzmusiker des 21. Jahrhunderts“ angepriesenen Tromperters Ambrose Akinmusire. Eigentlich sprach alles für ein gelungenes Konzert. Die Band ist hochkrätig besetzt, unter anderem mit Gerald Clayton am Piano und Joe Sanders am Bass, zwei mit allen Wassern gewaschene Säulen des zeitgenössischen Jazz, Auch die Idee des Werks leuchtete ein. Das Hauptstück gruppierte sich um Tonaufnahmen einer afroamerikanischen Gefangenen im Staatsgefängnis von Missisippi aus dem Jahr 1939, die dort tmit raurig.trotzigem Blues zuhören ist. Umso enttäuschender, dass mAkinmusire und seine Mitstreiter daraus nicht mehr als gespflegte Langeweile machten. Eine uninspirierte Darbietung, voller klischeehafter Versatzstücke aus der Blues- und Jazzgeschichte.Aber das Glücksgefühl über das Wollny-Erlebnis hätte an diesem Abend nicht einmal die untentiertierte Jugendabteilung des Fanfarenzuges der Freiwilligen Feuerwehr von Wanne-Eickel trüben können.

Avantgarde als Staubfänger

Ohne politisches Statement geht heute kaum noch was. Und so widmete Richard Williams, der künstlerische Leiter der Berliner Jazzfestes, die diesjährige Ausgabe auch der Refletion einer „Welt, in der tagtäglich Mauern errichtet und Grenzen befestigt werden“ statt „im Geiste von Offenheit und Inklusion zusammenzunarbeitern“. Na denn….

Zwei Klubkonzerte in der gut eingeführten Kreuzberger Party-Location Lido eröffneten diesmal das Festival. Doch für die meisten Besucher war das erste Konzert auf der Hauptbühne im Haus der Berliner Festspiele der „eigentliche“ Beginn. Hier sitzen dann die, die immer hier sind, und dabei natürlich auch immer älter werden. Doch auf die Bedürfnisse eines Seniorentreffens war das Programm nicht unbedingt zugeschnitten.

Tyshawn Sorey in seinem mobilen Spielzimmer

Was nicht heißt, dass das Tysham Sorey Trio zu avantgardistisch daherkam. Im Gegenteil; die drei erkennbar mit ihren Instrumenten (Piano, Bass, Drums nebst allerlei Schlagwerk) bestens vertrauten Herren zelebrierten wenig mehr, als das mittlerweile reichlich angestaubte Avantgarde-Spektakel: Peng, Zirp, Schab, Fiep, Crash, Donner, KlängKläng. Was im Programm als „radikal“ oder „Suche nach neuen Wegen“ bzw. „Klangräumen“ angepriesen wurde, war schon in den 1980er Jahren in einer bestimmten New Yorker Club-Szene fast Mainstream. Ja, man kann dabei auch Strukturen erkennen oder wenigstens erahnen. Doch irgendwie ist das mehr Klangerzeugung als Musik. Dass es auf dem Berliner Seniorentreffen nicht sonderlich gut ankam, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

Anschließend führte der norwegische Komponist, Arrangeur und Dirigent Geir Lysne mit der von ihm geleiteten NDR-Bigband seine Suite „Abstracts from Norway“ auf, eine Art Hommage an das reichhaltige Schaffen norwegischer Jazzmusiker in den vergangenen Jahrzehnten. Eine äußerst gut gelaunte und ausgesprochen rockige norwegische Rhythmusgruppe trieb die gewohnt präzisen Bkäser der Bigband durch ein gefällig-gefühliges Programm zwischen Balladen und Midtempo-Jazz-Rock-Stücken. Nur der Gitarrist Eivind Aarset beschäftigte sich allzu intensiv mit seinen Soundeffekten, statt mal richtig loszuknacken. Gepflegte, nein, seeehr gepflegte Abendunterhaltung mit einem Bandleader Lysne, der sich zwar bisweilen wie ein bekiffter Solotänzer in einer psychedelischen Diskothek in den 1970er Jahren bewegte, aber musikalisch eigentlich wesentlich mehr im Köcher hat, als diese Suite. Was nicht heißen soll, dass es nicht doch irgendwie sehr angenehm und schön war.

Der Preis des billigen Weines

Der folgende Artikel erschien am Freitag in „Neues Deutschland“ und ist online nur für Abonnenten verfügbar

Wein aus Südafrika erfreut sich in Deutschland seit vielen Jahren wachsender Beliebtheit. Die Importmenge hat sich seit dem Jahr 2000 verfünffacht. Die vor allem aus den weltweit beliebten Rebsorten Cabernet Sauvignon und Chardonnay sowie der einheimischen Kreuzung Pinotage gewonnenen Rot- und Weißweine weisen ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis auf und werden daher von allen großen Discounter- und Supermarktketten angeboten. Also jenen Einkaufsstätten, in denen über 75 Prozent aller Weine in Deutschland angeboten werden. Die Preise liegen in der Regel zwischen 1,59 und 2,79 Euro pro Flasche, in dem mit Abstand größten Preissegment im deutschen Weinhandel. Die Konkurrenz ist hart, denn in diesem Segment tummeln sich besonders bei Rotweinen auch Großproduzentenaus Frankreich, Spanien, Italien und fernen Anbaugebieten wie Chile, Australien und Kalifornien, die aufgrund eines hohen Mechanisierungsgrades sehr günstig produzieren können. Höhere Preise sind daher von den Produzenten nicht durchzusetzen, da die großen Kellereien und Handelsketten als wichtigste Marktakteure jederzeit auf Alternativen zurückgreifen können. Denn weltweit werden pro Jahr im Durchschnitt30 Millionen Hektoliter mehr Weinproduziert als verkauft.Was die Handelskonzerne und die Verbraucher freut, bedeutet für die Landarbeiterinnen und Landarbeiter in Südafrika extreme Ausbeutung bis hin zu Formen der modernen Sklaverei.

Trotz internationaler Unterstützung durch entwicklungspolitische, kirchliche und gewerkschaftliche Organisationen, ist es bislang nur punktuell gelungen, den menschenunwürdigen Zuständen auf den riesigen Weinplantagen Einhalt zu gebieten. Auf einer unter anderem von Oxfam organisierten Rundreise durch mehrere deutsche Städte berichteten Betroffene eindringlich über ihre Erfahrungen.»Wir sind vollkommen rechtlos. Oftmals bekommen wir nicht mal den gesetzlichen Mindestlohn.Wenn wir krank sind, bekommen wir überhaupt kein Geld«, schilderte die Landarbeiterin Marai Balie die Lage bei einer Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung inBerlin. Auf vielen Plantagen gebe es kaum oder gar keine sanitären Einrichtungen, auch die medizinische Versorgung sei vollkommen unzureichend. Die Arbeitstage dauerten oftmals 12 Stunden und mehr, und dies unter katastrophalen Bedingungen. So würden regelmäßig gesundheitsgefährdende Pestizide eingesetzt, ohne dass die Arbeiter Schutzkleidung erhielten. »Und wer dagegen protestiert, muss damit rechnen, einfach entlassen zu werden«, so Balie weiter. Die Plantagenbosse verwiesen dann auf unzählige bitterarme Zuwanderer, vor allem aus Lesotho, die den Job jederzeit machen würden, ohne sich zu beschweren.

Zwar gibt es in Südafrika seit 2006 die unabhängige Landarbeitergewerkschaft CSAAWU, aber »wir sind nach wie vor viel zu schwach, um dieser extremen Ausbeutung flächendeckend etwas entgegenstellen zu können , so ihr Vertreter Karel Swart. Die alten Machtverhältnisse zwischen weißen Bossen und schwarzen Arbeitern, aber auch zwischen Männern und Frauen seien »noch immer tief in den Köpfen der Menschen verankert«. Da auf den Plantagen hauptsächlich saisonal beschäftigte Wanderarbeiter tätig sind, sei die Organisierung »extrem schwierig«.Dennoch sei es vor allem nach punktuellen Landarbeiterstreiks in den Jahren 2012 und 2013 gelungen, die Vernetzung voranzutreiben und Kontakte in allen Landesteilen aufzubauen. Aber dies sei nach wie vor sehr gefährlich, denn die Bosse würden rigoros gegen die Gewerkschaft vorgehen,»und von der Regierung können wir auch keine Hilfe erwarten«, so Karel Swart. Denn die sorgt sich vor allem um den boomenden Agrarexport, bei dem Wein eine wichtige Rolle spielt. Sonderlich profitabel ist dieser Sektor trotz extremer Ausbeutung allerdings nicht, die meisten Farmen werfen nurwenig Gewinn ab.

Das liegt vor allem an der Wertschöpfungskette, die von den Abnehmern dominiert wird. 14 Cent erhalten die Farmer im Schnitt für ein Kilo Trauben, das in Südafrika gekeltert und vinifiziert wird. Über 80 Prozent dieser Weine gehen dann als Tankware in großen Containern in den Export, davon 15 Prozent nach Deutschland. Die hiesigen Großkellereien zahlen für füllfertige, qualitativ einwandfreie Weine je nach aktueller Marktlage zwischen 40 und 80 Cent pro Liter, die Preise sind binnen zehn Jahren um fast 50 Prozent gefallen. Die Kellereien verschneiden die einzelnen Partien anhand der von den Ketten vorgegebenen Geschmacksprofile, füllen sie ab und etikettieren sie, oftmals in Chargen von mehreren Millionen Litern. Würden die Flaschen in Südafrika abgefüllt werden, verbliebe ein deutlich höherer Anteil des Endverbraucherpreises im Land und auch bei den Plantagenbesitzern. Für Trauben,die für den Flaschenexport vorgesehen sind, erhalten sie in der Regel 30 Cent pro Kilo, also doppelt so viel wie für die Tankware.

Doch extreme Ausbeutung auf Wein- und anderen Obstplantagen ist auch in Europa weiterhin auf dem Vormarsch. Ivan Ivanov vom Europäischen Verein für Wanderarbeiterfragen (EMWU) verweist auf Millionen syrische und andere Flüchtlinge und Wanderarbeiter in der Türkei und in südeuropäischen Regionen wie Apulien. Durch ihren Einsatz würden »alle bislang erreichten Standards kaputt gemacht« und zudem Ressentiments gegen Flüchtlinge geschürt. Ivanov fordert daher die Kopplung sämtlicher Agrarsubventionen in Europa und Hilfsgelder für andere Staaten an die Einhaltung von verbindlichen Mindeststandards für Landarbeiter.

Die in dieser Frage engagierten Organisationen sehen zwei Handlungsstränge. Zum einen müsse die internationale Solidarität mit den vor Ort gegen die Missstände kämpfenden Gewerkschaften intensiviert werden, so Simone Knapp von der kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA). Oxfam will indes vor allem Druck auf die großen Kellereien und Handelsketten ausüben, endlich Verantwortung für die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen auf den Weinplantagen zu übernehmen. Dabei sei auch die Bundesregierung in der Pflicht. Diese müsse Importeure und Handelsketten auf gesetzlichem Wege verpflichten, »dafür zu sorgen, dass Menschenrechte in deren Lieferketten geachtet werden«, heißt es in einem Thesenpapier zur Rundreise der südafrikanischen Plantagenarbeiter. Diese Sorgfaltspflicht umfasse auch »die Zahlung fairer Preise und das Einhalten fairer Handelspraktiken«.Denn auf den an Billigweine aus Südafrika gewöhnten deutschen Verbraucher setzt man wohl wenig Hoffnungen

 

FCK AFD reicht nicht!

Deutschland hat gewählt, und überraschend ist das Ergebnis nun wirklich nicht. Die großen Verluste der SPD waren ebenso absehbar, wie das Ergebnis der AfD. Erstaunlich waren eher das relativ gute Abschneiden der Grünen und das dramatische Abschmieren der CSU in Bayern.

Wie dem auch sei: Die Wahl spiegelt die gesellschaftliche Verhältnisse recht anschaulich wieder. Ein nationalkonservatives, antimodernes Lager nebst einem neofaschistischen Rand gab es in der Bundesrepublik zu jeder Zeit, auch in der Größenordnung des jetzigen AfD-Ergebnisses. Da vor allem die CDU/CSU ihre Bindungskraft für dieses Lager teilweise verloren hat, konnte sich eine Partei wie die AfD herausbilden und stabiliseren, wobei die Flüchtlingspolitik als Katalysator wirkte.Abgesehen von jenen AfD-Wählern, die sich bewusst für rassistische und neofaschistische Positionen entschieden haben, ist diese Partei vor allem eine Projektionsfläche für Unzufriedene verschiedener Couleur. Diese eher heterogene Masse – über fünf Millionen Wähler – zu mobilisieren war umso einfacher, da es bei dieser Wahl keinen erkennbaren fortschrittlichen Gegenentwurf zur herrschenden Politik und zur Agonie des „Merkel-Systems“ gab. Die SPD ist Teil dieses Systems und hat sich nicht einmal ansatzweise von den „Agenda 2010“-Fesseln befreit. Die Grünen dienten sich frühzeitig als Juniorpartner einer CDU-geführten Regierung an. Drängende soziale Fragen wie Kinder- und Altersarmut oder die immer dramatischere Lage auf dem Wohnungsmarkt wurden – wenn überhaupt – nur halbherzig und im Sprechblasenformat thematisiert. Die LINKE hat zu diesen Fragen zwar relativ klare programmatische Aussagen formuliert, wird aber -vor allem im Osten- auch als Teil einer abgehobenen politischen Klasse wahrgenommen. Zudem haben maßgebliche Teile der Partei quasi bis kurz vor Toresschluss an der Wahnidee eines „rot-rot-grünen Reformlagers“ festgehalten. Große Teile der Linken (also nicht nur der gleichnamigen Partei) haben bis heute a) nicht begriffen, dass es dieses Lager als mehrheitsfähige Option nicht gibt und b) nicht begriffen, dass die AfD und ihre Anhänger eben nicht nur ein monolithischer Haufen von ideologisch gefestigten Rassisten und Neonazis sind. Aber genau diese in linken Kreisen weit verbreitete Weltsicht hat dazu geführt, dass man eine Auseinandersetzung mit diesen Strömungen als unnütz und sinnlos einstuft bzw. auf die Ebene des „antifaschistischen Protestes“ reduziert.Willkommen in der Filterblase

FCK FDP

Auffällig an vielen linken Reaktionen auf das Wahlergebnis ist, dass zwar einhelliges Entsetzen über das Abschneiden der AfD herrscht, aber kaum jemand das zweistellige Ergebnis der FDP thematisiert. Denn die hat sich als ausgesprochen aggressive neoliberale und sozialdarwinistische Strömung neu formiert, deren Anliegen für die soziale und politische Verfasstheit der Gesellschaft ähnlich verheerend sind, wie die der AfD. Auch das ist maßgeblich der abnehmenden Bindungskraft der „sozialdemokratisierten“ Merkel-CDUgeschuldet.

Die sich anbahnende „Jamaika-Koalition“ ist Ausdruck der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse. Einer Mehrheit der Deutschen geht es ökonomisch relativ gut. Sie sind von den sozialen Verwerfungen nicht betroffen, weder von Armut, noch von prekären Arbeitsverhältnissen, noch von Wohnungsnot oder maroden Schulen.Sie wollen vor allem Besitzstände verteidigen und möglichst wenig Veränderung in ihrer individuellen Lebensführung. Sie stellen das kapitalistische System weder auf nationaler noch auf internationaler Ebene in Frage, da sie davon profitieren. Auch für den nicht reaktionären, rassistischen und sozialdarwinistischen Teil dieser Mehrheit sind Armut und Flüchtlingselend eher karitativ zu lösende Fragen. Sie möchten vielleicht ein bisschen spenden, wenn genug für sie übrig bleib,aber keinesfalls die Verteilung von Ressourcen und Vermögen prinzipiell ändern.

Das heißt nicht, dass es innerhalb dieser Mehrheit nicht auch erhebliche Differenzen gibt,u.a. in Umwelt-, Bürgerrechts- und Genderangelegenheiten. Diese haben aber nicht das Potenzial, diese Mehrheit nachhaltig zu sprengen, zumal die Merkel-CDU in diesen Fragen eine erstaunliche Flexibilität an den Tag gelegt hat, siehe Atomausstieg und Ehe für Alle.

Auch die Anhänger der AfD gehören zu großen Teilen zu dieser gesellschaftlichen Mehrheit und setzen auf materielle und lebenskulturelle Besitzstandswahrung, wenn auch mit teilweise deutlich radikaleren Rezepten, übersteigertem Nationalismus und einer diffusen Antimoderne. Der derzeit in linken Kreisen gerne benutzte Vergleich mit dem Erstarken der NSDAP ist unhistorisch und in weiten Teilen absurd. Zumal das deutsche Kapital mit diesem Zeugs derzeit wenig anfangen kann.

Wer gegen wen?

Derzeit in aller Munde ist der „Schulterschluss aller Demokraten“ gegen die AfD. Eine eher gruselige Vorstellung, zusammen mit Agenda-Sozen, Flüchtlingsdealern,Waffenexporteuren, Neoliberalen, Umweltverbrechern, Rentenmarodeuren, Arbeitsmarktprekarisierern und global agierenden Ausbeutern in einer Reihe gegen die AfD und ihre Anhänger für „gemeinsame Werte“ zu streiten.

Ich gestehe allerdings ein, dass mich die Entwicklung im Osten relativ ratlos macht. Denn da scheint sich so etwas wie eine soziokulturelle Hegemonie der AfD zu entwickeln. Stärkste Partei in Sachsen und zweitstärkste in den anderen Ost-Bundesländern u8nd in Ostberlin ist eine deutliche Ansage. Da stellt sich die Frage von demokratischen Bündnissen sicherlich anders.

Doch auch wenn man die AfD und ihre teilweise offen rassistische und neofaschistische Rhetorik zu Recht zutiefst verabscheut, sollte man sich den Blick für die zentralen gesellschaftlichen Frontlinien nicht vollends trüben lassen. Wenn es um den Aufbau einer emanzipatorischen, radikaldemokratischen und sozialen gesellschaftlichen Gegenmacht geht, bringt es herzlich wenig, sich über Gebühr am Popanz AfD abzuarbeiten. Es ist allerdings verdammt bequem.

Dazu ein paar Beispiele. Die AfD will alleinerziehende Mütter gesellschaftlich diskriminieren.Genau das tun besagte „Demokraten“ schon seit Jahrzehnten,und zwar durch materielle Fakten und nicht mit Parolen. Die AfD will den Zuzug von Flüchtlingen radikal begrenzen. Das ist mittlerweile Konsens bei allen Parteien, mit Ausnahme von Teilen der LINKEN. Doch die aus dieser Richtung zu vernehmende Forderung nach „offenen Grenzen und Bleiberecht für Alle“ -bisweilen auch verknüpft mit der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen von 1050 Euro für alle hier lebenden Menschen- erscheint -vorsichtig formuliert – nur sehr wenig realitätstauglich.

Langweilig werden die kommenden Monate und Jahre sicherlich nicht. Schon die Koalitionsverhandlungen und die Regierungsbildung versprechen großes Kino. Lustig werden die kommenden Jahre allerdings auch nicht, denn der politischen Neujustierung des herrschenden gesellschaftlichen Blocks steht keine handlungsfähige gesellschaftliche Gegenmacht gegenüber. Darüber sollte jetzt vor allem geredet werden.

So geht Monteverdi

Wer wie die Kuratoren des Berliner Musikfestes stets die großen Linien und Zeiträume im Blick hat, kommt an Claudio Monteverdi nicht vorbei. Wie kein anderer Komponist seiner Epoche verkörpert der 1567 in Cremona geborene Komponist den Übergang von der Renaissance zum Barock. Besonders seine geistlichen und weltlichen Vokalwerke waren musikalische Quantensprünge, die rund 100 Jahre später auch den nächsten großen Innovator der Musikgeschichte, Johann Sebastian Bach, inspirierten.

Die ungewöhnliche Form eines Doppelkonzerts in zwei verschiedenen Räumlichkeiten sollte am Wochenende zusätzlich das Verständnis dieser Musik schärfen. Zum einen die streng polyphone Messe „In illo tempore“ mit sakraler, fast mystischer Wucht in der St.-Hedwigs-Kathedrale. Und anschließend die mit ein paar Instrumentalsätzen von Zeitgenossen aufgelockerte „Vespro della Beata Vergine“ (Marienvesper) in Berlins neuem Konzert-Kleinod, dem Pierre-Boulez-Saal.

Musikpädagogisch ist das sicherlich wertvoll, doch Spaß macht Musik in der Kathedrale nicht. Schon die Monteverdis Oper „Orfeo“ entnommene Eingangsfanfare verliert sich aufgrund der enormen Hallzeit in dem Kuppelbau und gerinnt zu einem schwer genießbaren Klangbrei. Das Ohr kapituliert alsbald beim Bemühen um differenzierte Wahrnehmung der fein verwobenen Chorstimmen und der instrumentalen Begleitung. Es schaltet auf Durchzug und freut sich, wenn es vorbei ist.

Umso eindrucksvoller dann die Fortsetzung um die Ecke im Boulez-Saal, der offensichtlich ein selten zu erlebendes Maß an klanglicher Präzision und Klarheit ermöglicht. Mit federnden, fast schon tänzelnden Bewegungen führt Justin Doyle den RIAS-Kammerchor und die Solisten durch die Marienvesper, die eher eine Sammlung von Psalmen und kleinen vocalen Concertos als ein in sich geschlossenes Werk darstellt und schließlich in ein betörendes, eindrucksvolles Magnificat mündet.

Geboten wird mehr als „nur“ ein Konzert, sondern eine Art Klanginstallation. Die Gesangssolisten agieren meistens abseits der Bühne auf dem halbrunden Gang oberhalb des Parketts und vermitteln einen Klangeindruck wie im heimischen Wohnzimmer. Dabei begeistern die beiden Sopranistinnen Dorothee Mields und Hannah Morrison mit ihrem glockenhellen, schwerelosen Stimmen ebenso wie die beiden Tenöre Thomas Hobbs und Andrew Staples, die sich mit Kraft und Klarheit wohltuend von jenen unzähligen Knödelbarden abheben. mit denen Alte Musik leider viel zu oft besetzt wird. Doch nicht nur die Solisten, sondern auch der Chor widersteht der Versuchung, Monteverdis Werk mit pseudo-barocker Wucht zu erschlagen und stellt die Transparenz der mit nahezu überschäumendem musikalischen Temperament gesetzten Stimmen in den Mittelpunkt. Fast mag man so etwas wie eine „englische Handschrift“ erkennen, die Justin Doyle, der neue Chefdirigent und künstlerische Leiter des RIAS-Kammerchors, in diese Aufführung eingebracht hat. Dass mit der Capella de la Torre ausgewiesene Spezialisten für Alte Musik auf historischen Instrumenten für Begleitung und Umrahmung der Marienvesper sorgten, war dann noch ein weiteres begeisterndes Detail dieses großen Konzerts.

Mir der neuen Konzertstätte und dem neuen Chorleiter hat die Berliner Kulturszene jedenfalls beträchtlich gewonnen. Man bekommt gewaltigen Appetit auf mehr. Und das kann man ja nun wahrlich nicht von allen „Innovationen“ der Berliner Kulturpolitik behaupten.

Noch fünf Wochen Wahlkrampf

Ich verstehe absolut nicht, warum sich über die Hälfte aller Posts, die in meiner Chronik landen, mit der Bundestagswahl beschäftigen. Und warum mir in meinem Kiez viele Menschen begegnen, die sich freiwillig und ohne erkennbare materielle Interessen auf die Straße stellen, um ihre Mitbürger mit allerlei Pamphleten anzunerven. Fast verzweifelt bemühen sich alle zu suggerieren, dass die Wahl noch lange nicht gelaufen sei.

Doch genau das ist sie, wenn man mal von dem Vierkampf um den dritten Platz absieht. Merkel wird Kanzlerin bleiben, Schulz wird ein miserables Ergebnis einfahren, es gibt nicht einmal eine „Zitterpartie“ um den Einzug einer Partei in den Bundestag. Für mäßige Spannung sorgt allenfalls die Frage, wer nach dem Urnengang als Juniorpartner der CDU/CSU agieren darf.Um diesen Job werden dann SPD, FDP und Grüne wetteifern. Möglicherweise als Dreierbündnis mit den beiden Letztgenannten.

Warum das so ist? Ganz einfach: Es gibt -abgesehen von einem zu einer neuen Partei formierten rechten Rand- keine Wechselstimmung in Deutschland. Merkel wird als verlässliche Verwalterin des Bestehenden geschätzt, während ihr zeitweilig hoch gehandelte „Herausforderer“ Schulz längst zur Witzfigur geworden ist.

Für das Hirngespinst „rot-rot-grün“ gab es nach der letzten Wahl zwar eine numerische Mehrheit, aber keine gesellschaftliche. Jetzt ist sogar die numerische außerhalb jeder Reichweite. Unfug ist das ohnehin, da weder die SPD noch die Grünen auch nur ansatzweise zu einem Politikwechsel bereit und in der Lage sind. Der Preis für „rot-rot-grün“ auf Bundesebene wäre für die LINKE die Aufgabe so ziemlich aller zentralen Positionen, ein Preis, den aber viele in der Partei offenbar zu zahlen bereit sind. Es ist bitter, abewr man muss zur Kenntnis nehmen, dass es nicht mal ansatzweise so etwas wie ein homogenes „fortschrittliches Lager“ gibt. Wer dazu tiefere Ausführungen sucht, sollte endlich mein „Reformbuch“ lesen.

Natürlich muss diese an Phasen der “Ära Kohl” erinnernde gesellschaftliche Agonie, die sich auch im beschämenden Zustand außerparlamentarischer sozialer Bewegungen manifestiert, kein Dauerzustand sein. Denkbare globale Zuspitzungen und eine massive Wirtschafts- und Finanzkrise (für die es etliche Vorboten gibt) können das Bewusstsein im gesellschaftlichen Mainstream stark verschieben. Aber bestimmt nicht in den verbleibenden fünf Wochen bis zur Bundestagswahl. Und schon gar nicht durch alberne Plakate, gestanzte Wahlkampfreden und nervige Straßenwerber.

Ich werde mich bemühen, diesen Mummenschanz weitgehend klaglos und einigermaßen heiter zu überstehen. Bald werde ich meine Briefwahlunterlagen erhalten. Was ich damit mache, weiß ich noch nicht.

Der kann doch gar nicht schmecken

Für Distinktionsweintrinker ist der „Mas Lunette Rosé 2016“ ganz bestimmt nichts. Schließlich weist er so ziemlich alle Merkmale auf, die ihn für den Connaisseur zum NoGo der Kategorie „Nicht mal ignorieren“ machen.

Keine Appellation, sondern nur ein Landwein (IGP Gard). Ganz bestimmt keine Handlese und wohl auch keine Ganztraubenpressung. Noch nicht mal eine Erzeugerabfüllung, sondern Tankware, die dann in Bremen den Weg in die Flasche fand. Verpackt in einer klobigen Literflasche. Und dann noch dieser Preis: 4,49, im Sonderangebot gar 4,29. Na wenigstens ist er bio.

 Wer es vor lauter Naserümpfen doch noch schafft, mal einen kleinen Probeschluck zu wagen, wird staunen. Denn es ist ein blitzsauberer Sommer-Rosé,mit allen entsprechenden Attributen.Komplett durchgegoren (0,3 Gr. Restzucker) , knackigen Säure (5 Gr.), moderaterAlkoholgehalt (12,5%), feine, ganz zarte Beerenaromen und vor allem keine aufdringliche Primärfrucht. Schlicht und ergreifend eine sehr gelungene Cuvée aus Cabernet Sauvignon und Syrah, wie gemacht für laue Sommerabende.Also genau das, was es viel zu selten gibt.

Erhältlich ist der Wein im Biohandel,derzeit z.B. im Angebot (4,29) bei der Bio Company.

Schatztruhe im „Problemkiez“

Die Beusselstraße in Berlin-Moabit gilt eher als sozialer Brennpunkt und Kriminalitätsschwerpunkt, denn als Paradies für Weinliebhaber. Doch neben Spielhallen, obskuren Imbissen und zwielichtigen Dienstleistern befindet sich dort auch die Filiale eines bekannten Berliner Getränkegroß- und Einzelhändlers mit dem markanten Werbeslogan „Ick koof bei Lehmann“. Auch das nicht unbedingt eine Empfehlung: Ist der Laden doch eher für sein großes und günstiges Angebot an Bier und Spirituosen als für edle Weine bekannt.

Obwohl in der Nähe wohnend , suche ich die Beusselstraße selten auf, denn sie ist einfach abgrundtief nervig und hässlich. Doch gestern landete ich dort, und mein Faible für lebenskulturelle Feldforschung ließ mich den örtlichen „Lehmann“ aufsuchen.

Nur Mut. Für Weinfreunde gibt es hier einiges zu entdecken

Wie nicht anders zu erwarten eine komplett verrumpelte Einkaufstätte mit allerlei eher unübersichtlichen Regalen und gestapelten Kisten. Wenig erwartungsvoll inspizierte ich das unsortierte Weinregel – und kam aus dem Staunen kaum noch heraus. Zwischen „Liebfrauenmilch“, „Blanchet“, Billig-Soave und ähnlich Ungenießbarem versteckten sich feinste deutsche Weine – zu erstaunlichen Preisen. Unter anderem Guts- und Lagenweine von Spiess, Knebel, Franz Keller, Robert Weil, Balthasar Ress, Diehl, Becker-Landgraf, Bürklin-Wolf und, und und ….

Ich entschied mich für den 2014er Gutsriesling von Knebel für 6,50. Der Verkäuferin beichtete ich mein Erstaunen über diese Schätzchen, verbunden mit milder Kritik an der Unübersichtlichkeit. Konnte sie nachvollziehen, aber sie habe die Filiale gerade erst neu eröffnet und werde zeitnah für ein bisschen Ordnung sorgen.

Wie dem auch sei: Wer sich vom Ambiente des Ladens und der schrecklichen Beusselstraße nicht abschrecken lässt, kann hier richtig gute Weine für kleines Geld finden, sofern er sich ein bisschen auskennt.

Zwischen Politikverdrossenheit und Riesling

Schon wieder so eine Wahl, die bei mir nur ungläubiges Kopfschütteln auslöst. In Frankreich wurde eine erst vor einem Jahr gegründete neoliberale Sammlungsbewegung auf Anhieb und mit großem Vorsprumng stärkste Kraft bei den Parlamentswahlen, gefolgt von den Konservativen. Aufgrund des Wahlsystems wird sie nach dem 2. Wahlgang möglicherweise zwei Drittel der Abgeordneten in der Nationalversammlung stellen.

Die Linke, deren Spitzenvertreter Jean-Luc Melenchon bei den Präsidentschaftswahlen vor einigen Wochen noch knapp 20 Prozent erhielt, wurde mit 11 Prozent regelrecht abgestraft. Dazu passt der aktuelle Trend in Deutschland, laut dem sich nach der nächsten Bundestagswahl eine CDU/FDP-Koalition anbahnt.

Schon an absurdes Theater erinnerter schließlich der Bundesparteitag der LINKEN am vergangenen Wochenende. Da beschwor der „Realo-Flügel“ die Bereitschaft zu einer „rot-rot-grünen“-Koalition und den Verzicht auf Beschlüsse, die diese Option gefährden könnten.Und das, obwohl es weder eine numerische,noch eine gesellschaftliche Mehrheit für ein derartiges Regierungsbündnis gibt, von einer ernsthaften Bereitschaft der umworbenen Partner SPD und Grüne ganz zu schweigen. Dennoch wurde so ziemlich alles, was man für das Wahlprogramm beschloss, in vorauseilendem Gehorsam zur „Verhandlungsmasse”, erklärt, mit Ausnahme von Kampfeinsätzen der Bundeswehr und einer vielleicht nur klitzekleinen Vermögenssteuer. Davon abgesehen: Warum soll man eigentlich eine LINKE wählen, deren Landespolitiker im Bundesrat einer Grundgesetzänderung für die Privatisierung von Autobahnen zustimmen, um den „Koalitionsfrieden“ in Berlin, Brandenburg und Thüringen nicht zu stören.

Was den möglichen Wahlausgang in Deutschland betrifft, gelange ich mittlerweile zu einer bitteren Erkenntnis, die ich lange – wohl aus Selbstschutz – verdrängt habe. Der Neoliberalismus und der damit verbundene Sozialdarwinismus ist – nicht nur in Deutschland – tendenziell mehrheitsfähig, zumal es an einer überzeugenden linken Alternative fehlt. Anscheinend leben nicht nur AfD- und PEGIDA-Anhänger in Filterblasen und Echokammern. Auch wir (mehr oder weniger) Linke tun uns offenbar schwer, Realitäten wahrzunehmen. Es gibt weder eine objektive historische Gesetzmäßigkeit noch einen aktuellen Zeitgeist, die dem Erreichen von Zielen wie sozialer Gerechtigkeit förderlich sind, weder global, noch national.

Das gilt auch für Großbritannien, wo die Labour Party und ihr populistischer Anführer Jeremy Corbyn zwar Stimmen gewinnen konnten, aber nach wie vor deutlich von einer Mehrheit entfernt sind. Und in Spanien, Italien, den Niederlanden und vielen anderen hoch entwickelten europäischen Ländern sieht es auch nicht besser aus. Von den USA will ich gar nicht erst reden

Riesling hilft ein bisschen. Jedenfalls der hier

Das alles macht irgendwie müde und erzeugt vor allem das, was man wohl „Politikverdrossenheit“ nennt. Jedenfalls bei mir. Da hilft auch ein guter Riesling nicht wirklich, obwohl mir das „Schnäppchen“ von Netto ausgeprochen mundet. Der „Sandgrub“ vom Abfüller „Administration Prinz von Preußen“ ist zwar trotz wohlklingendem Namen ein Kellereiwein, bietet aber für 6,99 sattes Rheingau-Feeling mit straffer Säure, viel Schmelz und dezenter Aprikosenfrucht. Aber beim Thema Wein geht es ja auch um Echokammern, denn 6,99 ist für mindestens 90 Prozent aller Weinkonsumenten in Deutschland bereits utopisch teuer, auch wenn sie sich das locker leisten könnten. Soll mir im Moment aber gerade mal egal sein. Und was die allmählich aufkommende „Politikverdrossenheit“ betrifft, so hat die auch was Positives: Mich kann nicht mehr so viel erschüttern. Außerdem: Genuss ist bekanntlich Notwehr