FCK AFD reicht nicht!

Deutschland hat gewählt, und überraschend ist das Ergebnis nun wirklich nicht. Die großen Verluste der SPD waren ebenso absehbar, wie das Ergebnis der AfD. Erstaunlich waren eher das relativ gute Abschneiden der Grünen und das dramatische Abschmieren der CSU in Bayern.

Wie dem auch sei: Die Wahl spiegelt die gesellschaftliche Verhältnisse recht anschaulich wieder. Ein nationalkonservatives, antimodernes Lager nebst einem neofaschistischen Rand gab es in der Bundesrepublik zu jeder Zeit, auch in der Größenordnung des jetzigen AfD-Ergebnisses. Da vor allem die CDU/CSU ihre Bindungskraft für dieses Lager teilweise verloren hat, konnte sich eine Partei wie die AfD herausbilden und stabiliseren, wobei die Flüchtlingspolitik als Katalysator wirkte.Abgesehen von jenen AfD-Wählern, die sich bewusst für rassistische und neofaschistische Positionen entschieden haben, ist diese Partei vor allem eine Projektionsfläche für Unzufriedene verschiedener Couleur. Diese eher heterogene Masse – über fünf Millionen Wähler – zu mobilisieren war umso einfacher, da es bei dieser Wahl keinen erkennbaren fortschrittlichen Gegenentwurf zur herrschenden Politik und zur Agonie des „Merkel-Systems“ gab. Die SPD ist Teil dieses Systems und hat sich nicht einmal ansatzweise von den „Agenda 2010“-Fesseln befreit. Die Grünen dienten sich frühzeitig als Juniorpartner einer CDU-geführten Regierung an. Drängende soziale Fragen wie Kinder- und Altersarmut oder die immer dramatischere Lage auf dem Wohnungsmarkt wurden – wenn überhaupt – nur halbherzig und im Sprechblasenformat thematisiert. Die LINKE hat zu diesen Fragen zwar relativ klare programmatische Aussagen formuliert, wird aber -vor allem im Osten- auch als Teil einer abgehobenen politischen Klasse wahrgenommen. Zudem haben maßgebliche Teile der Partei quasi bis kurz vor Toresschluss an der Wahnidee eines „rot-rot-grünen Reformlagers“ festgehalten. Große Teile der Linken (also nicht nur der gleichnamigen Partei) haben bis heute a) nicht begriffen, dass es dieses Lager als mehrheitsfähige Option nicht gibt und b) nicht begriffen, dass die AfD und ihre Anhänger eben nicht nur ein monolithischer Haufen von ideologisch gefestigten Rassisten und Neonazis sind. Aber genau diese in linken Kreisen weit verbreitete Weltsicht hat dazu geführt, dass man eine Auseinandersetzung mit diesen Strömungen als unnütz und sinnlos einstuft bzw. auf die Ebene des „antifaschistischen Protestes“ reduziert.Willkommen in der Filterblase

FCK FDP

Auffällig an vielen linken Reaktionen auf das Wahlergebnis ist, dass zwar einhelliges Entsetzen über das Abschneiden der AfD herrscht, aber kaum jemand das zweistellige Ergebnis der FDP thematisiert. Denn die hat sich als ausgesprochen aggressive neoliberale und sozialdarwinistische Strömung neu formiert, deren Anliegen für die soziale und politische Verfasstheit der Gesellschaft ähnlich verheerend sind, wie die der AfD. Auch das ist maßgeblich der abnehmenden Bindungskraft der „sozialdemokratisierten“ Merkel-CDUgeschuldet.

Die sich anbahnende „Jamaika-Koalition“ ist Ausdruck der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse. Einer Mehrheit der Deutschen geht es ökonomisch relativ gut. Sie sind von den sozialen Verwerfungen nicht betroffen, weder von Armut, noch von prekären Arbeitsverhältnissen, noch von Wohnungsnot oder maroden Schulen.Sie wollen vor allem Besitzstände verteidigen und möglichst wenig Veränderung in ihrer individuellen Lebensführung. Sie stellen das kapitalistische System weder auf nationaler noch auf internationaler Ebene in Frage, da sie davon profitieren. Auch für den nicht reaktionären, rassistischen und sozialdarwinistischen Teil dieser Mehrheit sind Armut und Flüchtlingselend eher karitativ zu lösende Fragen. Sie möchten vielleicht ein bisschen spenden, wenn genug für sie übrig bleib,aber keinesfalls die Verteilung von Ressourcen und Vermögen prinzipiell ändern.

Das heißt nicht, dass es innerhalb dieser Mehrheit nicht auch erhebliche Differenzen gibt,u.a. in Umwelt-, Bürgerrechts- und Genderangelegenheiten. Diese haben aber nicht das Potenzial, diese Mehrheit nachhaltig zu sprengen, zumal die Merkel-CDU in diesen Fragen eine erstaunliche Flexibilität an den Tag gelegt hat, siehe Atomausstieg und Ehe für Alle.

Auch die Anhänger der AfD gehören zu großen Teilen zu dieser gesellschaftlichen Mehrheit und setzen auf materielle und lebenskulturelle Besitzstandswahrung, wenn auch mit teilweise deutlich radikaleren Rezepten, übersteigertem Nationalismus und einer diffusen Antimoderne. Der derzeit in linken Kreisen gerne benutzte Vergleich mit dem Erstarken der NSDAP ist unhistorisch und in weiten Teilen absurd. Zumal das deutsche Kapital mit diesem Zeugs derzeit wenig anfangen kann.

Wer gegen wen?

Derzeit in aller Munde ist der „Schulterschluss aller Demokraten“ gegen die AfD. Eine eher gruselige Vorstellung, zusammen mit Agenda-Sozen, Flüchtlingsdealern,Waffenexporteuren, Neoliberalen, Umweltverbrechern, Rentenmarodeuren, Arbeitsmarktprekarisierern und global agierenden Ausbeutern in einer Reihe gegen die AfD und ihre Anhänger für „gemeinsame Werte“ zu streiten.

Ich gestehe allerdings ein, dass mich die Entwicklung im Osten relativ ratlos macht. Denn da scheint sich so etwas wie eine soziokulturelle Hegemonie der AfD zu entwickeln. Stärkste Partei in Sachsen und zweitstärkste in den anderen Ost-Bundesländern u8nd in Ostberlin ist eine deutliche Ansage. Da stellt sich die Frage von demokratischen Bündnissen sicherlich anders.

Doch auch wenn man die AfD und ihre teilweise offen rassistische und neofaschistische Rhetorik zu Recht zutiefst verabscheut, sollte man sich den Blick für die zentralen gesellschaftlichen Frontlinien nicht vollends trüben lassen. Wenn es um den Aufbau einer emanzipatorischen, radikaldemokratischen und sozialen gesellschaftlichen Gegenmacht geht, bringt es herzlich wenig, sich über Gebühr am Popanz AfD abzuarbeiten. Es ist allerdings verdammt bequem.

Dazu ein paar Beispiele. Die AfD will alleinerziehende Mütter gesellschaftlich diskriminieren.Genau das tun besagte „Demokraten“ schon seit Jahrzehnten,und zwar durch materielle Fakten und nicht mit Parolen. Die AfD will den Zuzug von Flüchtlingen radikal begrenzen. Das ist mittlerweile Konsens bei allen Parteien, mit Ausnahme von Teilen der LINKEN. Doch die aus dieser Richtung zu vernehmende Forderung nach „offenen Grenzen und Bleiberecht für Alle“ -bisweilen auch verknüpft mit der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen von 1050 Euro für alle hier lebenden Menschen- erscheint -vorsichtig formuliert – nur sehr wenig realitätstauglich.

Langweilig werden die kommenden Monate und Jahre sicherlich nicht. Schon die Koalitionsverhandlungen und die Regierungsbildung versprechen großes Kino. Lustig werden die kommenden Jahre allerdings auch nicht, denn der politischen Neujustierung des herrschenden gesellschaftlichen Blocks steht keine handlungsfähige gesellschaftliche Gegenmacht gegenüber. Darüber sollte jetzt vor allem geredet werden.

So geht Monteverdi

Wer wie die Kuratoren des Berliner Musikfestes stets die großen Linien und Zeiträume im Blick hat, kommt an Claudio Monteverdi nicht vorbei. Wie kein anderer Komponist seiner Epoche verkörpert der 1567 in Cremona geborene Komponist den Übergang von der Renaissance zum Barock. Besonders seine geistlichen und weltlichen Vokalwerke waren musikalische Quantensprünge, die rund 100 Jahre später auch den nächsten großen Innovator der Musikgeschichte, Johann Sebastian Bach, inspirierten.

Die ungewöhnliche Form eines Doppelkonzerts in zwei verschiedenen Räumlichkeiten sollte am Wochenende zusätzlich das Verständnis dieser Musik schärfen. Zum einen die streng polyphone Messe „In illo tempore“ mit sakraler, fast mystischer Wucht in der St.-Hedwigs-Kathedrale. Und anschließend die mit ein paar Instrumentalsätzen von Zeitgenossen aufgelockerte „Vespro della Beata Vergine“ (Marienvesper) in Berlins neuem Konzert-Kleinod, dem Pierre-Boulez-Saal.

Musikpädagogisch ist das sicherlich wertvoll, doch Spaß macht Musik in der Kathedrale nicht. Schon die Monteverdis Oper „Orfeo“ entnommene Eingangsfanfare verliert sich aufgrund der enormen Hallzeit in dem Kuppelbau und gerinnt zu einem schwer genießbaren Klangbrei. Das Ohr kapituliert alsbald beim Bemühen um differenzierte Wahrnehmung der fein verwobenen Chorstimmen und der instrumentalen Begleitung. Es schaltet auf Durchzug und freut sich, wenn es vorbei ist.

Umso eindrucksvoller dann die Fortsetzung um die Ecke im Boulez-Saal, der offensichtlich ein selten zu erlebendes Maß an klanglicher Präzision und Klarheit ermöglicht. Mit federnden, fast schon tänzelnden Bewegungen führt Justin Doyle den RIAS-Kammerchor und die Solisten durch die Marienvesper, die eher eine Sammlung von Psalmen und kleinen vocalen Concertos als ein in sich geschlossenes Werk darstellt und schließlich in ein betörendes, eindrucksvolles Magnificat mündet.

Geboten wird mehr als „nur“ ein Konzert, sondern eine Art Klanginstallation. Die Gesangssolisten agieren meistens abseits der Bühne auf dem halbrunden Gang oberhalb des Parketts und vermitteln einen Klangeindruck wie im heimischen Wohnzimmer. Dabei begeistern die beiden Sopranistinnen Dorothee Mields und Hannah Morrison mit ihrem glockenhellen, schwerelosen Stimmen ebenso wie die beiden Tenöre Thomas Hobbs und Andrew Staples, die sich mit Kraft und Klarheit wohltuend von jenen unzähligen Knödelbarden abheben. mit denen Alte Musik leider viel zu oft besetzt wird. Doch nicht nur die Solisten, sondern auch der Chor widersteht der Versuchung, Monteverdis Werk mit pseudo-barocker Wucht zu erschlagen und stellt die Transparenz der mit nahezu überschäumendem musikalischen Temperament gesetzten Stimmen in den Mittelpunkt. Fast mag man so etwas wie eine „englische Handschrift“ erkennen, die Justin Doyle, der neue Chefdirigent und künstlerische Leiter des RIAS-Kammerchors, in diese Aufführung eingebracht hat. Dass mit der Capella de la Torre ausgewiesene Spezialisten für Alte Musik auf historischen Instrumenten für Begleitung und Umrahmung der Marienvesper sorgten, war dann noch ein weiteres begeisterndes Detail dieses großen Konzerts.

Mir der neuen Konzertstätte und dem neuen Chorleiter hat die Berliner Kulturszene jedenfalls beträchtlich gewonnen. Man bekommt gewaltigen Appetit auf mehr. Und das kann man ja nun wahrlich nicht von allen „Innovationen“ der Berliner Kulturpolitik behaupten.

Noch fünf Wochen Wahlkrampf

Ich verstehe absolut nicht, warum sich über die Hälfte aller Posts, die in meiner Chronik landen, mit der Bundestagswahl beschäftigen. Und warum mir in meinem Kiez viele Menschen begegnen, die sich freiwillig und ohne erkennbare materielle Interessen auf die Straße stellen, um ihre Mitbürger mit allerlei Pamphleten anzunerven. Fast verzweifelt bemühen sich alle zu suggerieren, dass die Wahl noch lange nicht gelaufen sei.

Doch genau das ist sie, wenn man mal von dem Vierkampf um den dritten Platz absieht. Merkel wird Kanzlerin bleiben, Schulz wird ein miserables Ergebnis einfahren, es gibt nicht einmal eine „Zitterpartie“ um den Einzug einer Partei in den Bundestag. Für mäßige Spannung sorgt allenfalls die Frage, wer nach dem Urnengang als Juniorpartner der CDU/CSU agieren darf.Um diesen Job werden dann SPD, FDP und Grüne wetteifern. Möglicherweise als Dreierbündnis mit den beiden Letztgenannten.

Warum das so ist? Ganz einfach: Es gibt -abgesehen von einem zu einer neuen Partei formierten rechten Rand- keine Wechselstimmung in Deutschland. Merkel wird als verlässliche Verwalterin des Bestehenden geschätzt, während ihr zeitweilig hoch gehandelte „Herausforderer“ Schulz längst zur Witzfigur geworden ist.

Für das Hirngespinst „rot-rot-grün“ gab es nach der letzten Wahl zwar eine numerische Mehrheit, aber keine gesellschaftliche. Jetzt ist sogar die numerische außerhalb jeder Reichweite. Unfug ist das ohnehin, da weder die SPD noch die Grünen auch nur ansatzweise zu einem Politikwechsel bereit und in der Lage sind. Der Preis für „rot-rot-grün“ auf Bundesebene wäre für die LINKE die Aufgabe so ziemlich aller zentralen Positionen, ein Preis, den aber viele in der Partei offenbar zu zahlen bereit sind. Es ist bitter, abewr man muss zur Kenntnis nehmen, dass es nicht mal ansatzweise so etwas wie ein homogenes „fortschrittliches Lager“ gibt. Wer dazu tiefere Ausführungen sucht, sollte endlich mein „Reformbuch“ lesen.

Natürlich muss diese an Phasen der “Ära Kohl” erinnernde gesellschaftliche Agonie, die sich auch im beschämenden Zustand außerparlamentarischer sozialer Bewegungen manifestiert, kein Dauerzustand sein. Denkbare globale Zuspitzungen und eine massive Wirtschafts- und Finanzkrise (für die es etliche Vorboten gibt) können das Bewusstsein im gesellschaftlichen Mainstream stark verschieben. Aber bestimmt nicht in den verbleibenden fünf Wochen bis zur Bundestagswahl. Und schon gar nicht durch alberne Plakate, gestanzte Wahlkampfreden und nervige Straßenwerber.

Ich werde mich bemühen, diesen Mummenschanz weitgehend klaglos und einigermaßen heiter zu überstehen. Bald werde ich meine Briefwahlunterlagen erhalten. Was ich damit mache, weiß ich noch nicht.

Der kann doch gar nicht schmecken

Für Distinktionsweintrinker ist der „Mas Lunette Rosé 2016“ ganz bestimmt nichts. Schließlich weist er so ziemlich alle Merkmale auf, die ihn für den Connaisseur zum NoGo der Kategorie „Nicht mal ignorieren“ machen.

Keine Appellation, sondern nur ein Landwein (IGP Gard). Ganz bestimmt keine Handlese und wohl auch keine Ganztraubenpressung. Noch nicht mal eine Erzeugerabfüllung, sondern Tankware, die dann in Bremen den Weg in die Flasche fand. Verpackt in einer klobigen Literflasche. Und dann noch dieser Preis: 4,49, im Sonderangebot gar 4,29. Na wenigstens ist er bio.

 Wer es vor lauter Naserümpfen doch noch schafft, mal einen kleinen Probeschluck zu wagen, wird staunen. Denn es ist ein blitzsauberer Sommer-Rosé,mit allen entsprechenden Attributen.Komplett durchgegoren (0,3 Gr. Restzucker) , knackigen Säure (5 Gr.), moderaterAlkoholgehalt (12,5%), feine, ganz zarte Beerenaromen und vor allem keine aufdringliche Primärfrucht. Schlicht und ergreifend eine sehr gelungene Cuvée aus Cabernet Sauvignon und Syrah, wie gemacht für laue Sommerabende.Also genau das, was es viel zu selten gibt.

Erhältlich ist der Wein im Biohandel,derzeit z.B. im Angebot (4,29) bei der Bio Company.

Schatztruhe im „Problemkiez“

Die Beusselstraße in Berlin-Moabit gilt eher als sozialer Brennpunkt und Kriminalitätsschwerpunkt, denn als Paradies für Weinliebhaber. Doch neben Spielhallen, obskuren Imbissen und zwielichtigen Dienstleistern befindet sich dort auch die Filiale eines bekannten Berliner Getränkegroß- und Einzelhändlers mit dem markanten Werbeslogan „Ick koof bei Lehmann“. Auch das nicht unbedingt eine Empfehlung: Ist der Laden doch eher für sein großes und günstiges Angebot an Bier und Spirituosen als für edle Weine bekannt.

Obwohl in der Nähe wohnend , suche ich die Beusselstraße selten auf, denn sie ist einfach abgrundtief nervig und hässlich. Doch gestern landete ich dort, und mein Faible für lebenskulturelle Feldforschung ließ mich den örtlichen „Lehmann“ aufsuchen.

Nur Mut. Für Weinfreunde gibt es hier einiges zu entdecken

Wie nicht anders zu erwarten eine komplett verrumpelte Einkaufstätte mit allerlei eher unübersichtlichen Regalen und gestapelten Kisten. Wenig erwartungsvoll inspizierte ich das unsortierte Weinregel – und kam aus dem Staunen kaum noch heraus. Zwischen „Liebfrauenmilch“, „Blanchet“, Billig-Soave und ähnlich Ungenießbarem versteckten sich feinste deutsche Weine – zu erstaunlichen Preisen. Unter anderem Guts- und Lagenweine von Spiess, Knebel, Franz Keller, Robert Weil, Balthasar Ress, Diehl, Becker-Landgraf, Bürklin-Wolf und, und und ….

Ich entschied mich für den 2014er Gutsriesling von Knebel für 6,50. Der Verkäuferin beichtete ich mein Erstaunen über diese Schätzchen, verbunden mit milder Kritik an der Unübersichtlichkeit. Konnte sie nachvollziehen, aber sie habe die Filiale gerade erst neu eröffnet und werde zeitnah für ein bisschen Ordnung sorgen.

Wie dem auch sei: Wer sich vom Ambiente des Ladens und der schrecklichen Beusselstraße nicht abschrecken lässt, kann hier richtig gute Weine für kleines Geld finden, sofern er sich ein bisschen auskennt.

Zwischen Politikverdrossenheit und Riesling

Schon wieder so eine Wahl, die bei mir nur ungläubiges Kopfschütteln auslöst. In Frankreich wurde eine erst vor einem Jahr gegründete neoliberale Sammlungsbewegung auf Anhieb und mit großem Vorsprumng stärkste Kraft bei den Parlamentswahlen, gefolgt von den Konservativen. Aufgrund des Wahlsystems wird sie nach dem 2. Wahlgang möglicherweise zwei Drittel der Abgeordneten in der Nationalversammlung stellen.

Die Linke, deren Spitzenvertreter Jean-Luc Melenchon bei den Präsidentschaftswahlen vor einigen Wochen noch knapp 20 Prozent erhielt, wurde mit 11 Prozent regelrecht abgestraft. Dazu passt der aktuelle Trend in Deutschland, laut dem sich nach der nächsten Bundestagswahl eine CDU/FDP-Koalition anbahnt.

Schon an absurdes Theater erinnerter schließlich der Bundesparteitag der LINKEN am vergangenen Wochenende. Da beschwor der „Realo-Flügel“ die Bereitschaft zu einer „rot-rot-grünen“-Koalition und den Verzicht auf Beschlüsse, die diese Option gefährden könnten.Und das, obwohl es weder eine numerische,noch eine gesellschaftliche Mehrheit für ein derartiges Regierungsbündnis gibt, von einer ernsthaften Bereitschaft der umworbenen Partner SPD und Grüne ganz zu schweigen. Dennoch wurde so ziemlich alles, was man für das Wahlprogramm beschloss, in vorauseilendem Gehorsam zur „Verhandlungsmasse”, erklärt, mit Ausnahme von Kampfeinsätzen der Bundeswehr und einer vielleicht nur klitzekleinen Vermögenssteuer. Davon abgesehen: Warum soll man eigentlich eine LINKE wählen, deren Landespolitiker im Bundesrat einer Grundgesetzänderung für die Privatisierung von Autobahnen zustimmen, um den „Koalitionsfrieden“ in Berlin, Brandenburg und Thüringen nicht zu stören.

Was den möglichen Wahlausgang in Deutschland betrifft, gelange ich mittlerweile zu einer bitteren Erkenntnis, die ich lange – wohl aus Selbstschutz – verdrängt habe. Der Neoliberalismus und der damit verbundene Sozialdarwinismus ist – nicht nur in Deutschland – tendenziell mehrheitsfähig, zumal es an einer überzeugenden linken Alternative fehlt. Anscheinend leben nicht nur AfD- und PEGIDA-Anhänger in Filterblasen und Echokammern. Auch wir (mehr oder weniger) Linke tun uns offenbar schwer, Realitäten wahrzunehmen. Es gibt weder eine objektive historische Gesetzmäßigkeit noch einen aktuellen Zeitgeist, die dem Erreichen von Zielen wie sozialer Gerechtigkeit förderlich sind, weder global, noch national.

Das gilt auch für Großbritannien, wo die Labour Party und ihr populistischer Anführer Jeremy Corbyn zwar Stimmen gewinnen konnten, aber nach wie vor deutlich von einer Mehrheit entfernt sind. Und in Spanien, Italien, den Niederlanden und vielen anderen hoch entwickelten europäischen Ländern sieht es auch nicht besser aus. Von den USA will ich gar nicht erst reden

Riesling hilft ein bisschen. Jedenfalls der hier

Das alles macht irgendwie müde und erzeugt vor allem das, was man wohl „Politikverdrossenheit“ nennt. Jedenfalls bei mir. Da hilft auch ein guter Riesling nicht wirklich, obwohl mir das „Schnäppchen“ von Netto ausgeprochen mundet. Der „Sandgrub“ vom Abfüller „Administration Prinz von Preußen“ ist zwar trotz wohlklingendem Namen ein Kellereiwein, bietet aber für 6,99 sattes Rheingau-Feeling mit straffer Säure, viel Schmelz und dezenter Aprikosenfrucht. Aber beim Thema Wein geht es ja auch um Echokammern, denn 6,99 ist für mindestens 90 Prozent aller Weinkonsumenten in Deutschland bereits utopisch teuer, auch wenn sie sich das locker leisten könnten. Soll mir im Moment aber gerade mal egal sein. Und was die allmählich aufkommende „Politikverdrossenheit“ betrifft, so hat die auch was Positives: Mich kann nicht mehr so viel erschüttern. Außerdem: Genuss ist bekanntlich Notwehr

Alles schlechter Zirkus

Es sind wieder mal Tage zum Vergessen. Dass Trump ein gemeingefährlicher Irrer ist – geschenkt! Aber dass jene deutsche Politiker, die den verbindlichen Kohleausstieg sabotiert und die kriminellen Machenschaften des VW-Konzerns vertuscht und toleriert haben, jetzt einen auf Klima- und Umweltretter machen, ist schlicht eklig. Fast so eklig wie die LINKE, die im Bundesrat grünes Licht für die Autobahnprivatisierung gegeben hat, weil „ihre“ Länder im Gegenzug ein bisschen Kohle bekommen.

Berlin kann man auch vergessen. Kaum ist der Christenmob verschwunden, sorgen das mehrtägige „Internationale Deutsche Turnfest“und einige einige hunderttausend Feiertouristen („Karneval der Kulturen“) für die nahtlose Fortsetzung des Terrors gegen die Bevölkerung. Die Radiomeldungen über „Verkehrsbehinderungen“ (also Sperrungen) und Staus sind derzeit umfangreicher, als die darauf folgenden Nachrichten aus aller Welt. Große Teile Kreuzbergs sind faktisch abgeriegelt (noch bis Pfingstmontag) und rund um das Brandenburger Tor ist auch alles verammelt, und zwar auch für Fahrradfahrer. So wurde die für meine temporäre Flucht ins Wandlitzer Exil notwendige Einkaufstour zu einer ziemlich bizarren Irrfahrt. Und der Irrsinn geht weiter: In zwei Wochen folgt ein internationales Volksradrennen, welches die Stadt ebenfalls für mehrere Tage großflächig lahmlegen wird. Nur mal ne Frage: Kennt jemand eine gute Bezugsquelle für Krähenfüße?

Dabei hätte Berlin wenigstens diesen Freitag etwas würdevoller begehen können . Vor 50 Jahren, am 2.Juni 1967, wurde der Student Benno Ohnesorg von einem rechtsradikalen Berliner Polizisten erschossen. Ohnesorg hatte zuvor an einer Demonstration gegen den Berlin-Besuch des faschistischen persischen Diktators Schah Reza Pahlavi teilgenommen. Natürlich wurde der Polizist wegen dieser Tat nie verurteilt.

Wenn man dann noch mitbekommt, dass knapp 70 Prozent aller Berliner laut einer repräsentativen Umfrage dafür sind, den innerstädtischen Flughafen Tegel dauerhaft weiter zu betreiben, also auch nach Eröffnung des neuen Großflughafens in vermutlich 100 Jahren, ist man schon ziemlich bedient für dieses Wochenende.. Dass das rechtlich (aus sehr guten Gründen) nicht geht und außerdem infrastrukturell verheerend wäre, scheint diesen HONKS egal zu sein. Bleibt eigentlich nur die Frage, ob die alle dumm, irre oder bösartig sind. Oder alles zusammen. Am 24. September gibt es einen Volksentscheid über diese Frage. Was ziemlicher Unfug ist, denn Berlin kann überhaupt nicht alleine über die Offenhaltung entscheiden – und die Brandenburger werden uns zu Recht einen Vogel zeigen und ohne deren Zustimmunbg ginge das nicht. Hoffe ich wenigstens.

In Wandlitz ist die Welt noch in Ordnung

Aber in Wandlitz ist die Welt wieder mal in Ordnung. Das Rasenreparaturprogramm zeitigt große Erfolge, zumal Herr Maulwurf seine hyperaktive Phase offenbar vorläufig beendet hat. Im Beet geht alles seinen sozialistischen Gang, im Kühlschrank harren Austern und Sardinen nebst passenden Weinen ihrem abendlichen Verzehr. Irgendwie muss man sich wehren, und Genuss ist bekanntlich Notwehr.

Bombenstimmung in Berlin

Ich weiß nicht, welche Geisteskrankheit bei den Verantwortlichen dazu geführt hat, dass man in Berlin ab Mittwoch bis zum Wochenende mit dem DFB-Pokalfinale und dem Evangelischen Kirchentag gleich zwei Großevents veranstaltet, die schon jedes für sich ausreichen würden, um die Innenstadt temporär unbewohnbar zu machen. Morgen fangen sie dann an, Gullis zuzuschweißen und die gesamte Ost-West-Achse zwischen Siegessäule und Gendarmenmarkt komplett zu sperren, weil am Donnerstag Obama und Merkel da irgendwo den Christen dummes Zeugs erzählen wollen  Und am nächsten Wochenende folgt dann der mehrtägige Karneval der Kulturen, eine Stadtplage mittlerweile biblischen Ausmaßes.

Beträchtlich zur Feierlaune in Berlin beitragen werden natürlich die Ereignisse in Manchester, wo ein radikaler Kritiker der Popkultur mutmaßlich islamischen Glaubens gerade ein heftiges Massaker unter Konzertbesuchern anrichtete. Für ähnlich gestrickte Zeitgenossen, von denen es auch in Berlin etliche geben wird, böten sich die beiden kommenden Wochenenden für vergleichbare Aktionen an. Besoffene Fußballfans, singende Christen und halbnacktes, ebenfalls partiell besoffenes Partyvolk passen gut ins Beuteschema. Zumal im Berliner Landeskriminalamt offensichtlich ja lieber Akten gefälscht werden, statt potenzielle Gefährder, die nebenbei auch noch als Rauschgiftdealer tätig waren, aus dem Verkehr zu ziehen.

Natürlich wird die Polizei bei den kommenden Großevents alles auffahren, was möglich ist. Die Party muss schließlich weiter gehen, und in gewisser Weise ist das auch richtig. Aber lustiger wird es dadurch ganz bestimmt nicht.

Ich brauch das alles nicht. Pokalfinale ist langweilig (Dortmund gewinnt sowieso), Christen sind doof, und 500.000 Besucher bei einem Karnevalsumzug sind auch eine Form von Terror.- wenn auch nicht zwingend mit tödlichen Folgen. Also ab auf den Landsitz nach Wandlitz. Fußball gibt es dort nur in der Landesklasse Nord (8.Liga), Christen sind eine verschwindende Minorität, Karneval kennt man dort nicht (schon gar nicht zu Pfingsten). Ein erhöhtes Aufkommen von Betrunkenen wird es lediglich am unvermeidlichen Vatertag geben und der IS hat meines Wissens dort auch noch keine Ortsgruppe. Stattdessen locken der Stand vom wirklich hervorragenden Spargelhof Kremmen, der Biohof am Agrarmuseum (mit den besten Eiern der Welt), ein gut gefülltest Weinregal und die Aussicht auf ein bisschen Gartenarbeit.

Na dann feiert mal schön in Berlin.

 

 

 

Es lebe der Spargelkönig!

Es ist eines der größten saisonalen Essvergnügen, das Deutschland zu bieten hat. Von Ende April bis Ende Juni wird in Deutschland weißer Spargel gestochen. Die Anbaufläche wächst von Jahr zu Jahr und längst kann man vor einer Art agroindustrieller Massenproduktion sprechen. Der leckere Frühlingsbote wird mittlerweile von rund 2200 Erzeugern auf über 22.000 Hektar angebaut, wobei die endlosen Reihen mit grauer Folie abgedeckter Spargelzeilen nicht gerade eine Augenweise sind.

Früher galt Spargel als eher exklusiver Genuss. Unter der Nazi-Herrschaft war sein Anbau weitgehend verboten, da er nicht der Sicherstellung der „Volksernährung“ diente. Auch in der DDR, die über mehrere, heute wieder wichtige Anbaugebiete verfügte, führte Spargel eher ein Schattendasein. Die relativ geringe Erntemenge ging hauptsächlich in den Export nach Westdeutschland. Wenn man damals Freunden und Verwandten in der DDR eine große Freude machen wollte, brachte man ihnen im Frühsommer bei Besuchen was von „ihrem“ Beelitzer Spargel mit.

Doch die enorme Ausweitung der Anbaufläche in den vergangenen 20 Jahren und rationellere Anbau- und Erntemethoden haben dafür gesorgt, dass der Genuss des Edelgemüses kaum noch am Geldbeutel scheitert. Und so futtern wir in Deutschland Spargel, als ob es kein Morgen gibt: Fast zwei Milliarden Stangen pro Jahr. Und das nicht nur aus heimischer Produktion, denn Importe aus Griechenland und zunehmend auch aus Peru (sic!) sorgen dafür, dass die eigentlich auf 8-9 Wochen (je nach Wetter) begrenzte heimische Spargelsaison auf 365 Tage im Jahr ausgeweitet wurde. Es lebe die Globalisierung. Oder auch nicht.

In Deutschland sorgt die Verbreitung optimierter holländischer Hybridsorten wie Avalim, Gijnlim, Herkulin, und Backlim für höhere Erträge auch bei misslichen Wetterverhältnissen. Natürlich geht das auch auf Kosten des Geschmacks. Denn den neuen Sorten wurde – dem allgemeinen Trend bei Gemüse folgend – auch einiges an Bitterstoffen herausgezüchtet. Freilandspargel und alte Kultursorten sind fast so etwas wie Raritäten geworden, aber die Suche nach ihnen lohnt sich, denn sie bieten schlicht mehr Aroma . Doch der Verbraucher freut sich über die stets schönen, geraden Stangen mit fest geschlossenen weißen Köpfen und kaum holzigen Stellen, die noch dazu leicht zu schälen sind. Außerdem ist „konventioneller“ Spargel durch diese Art der Produktion auch ausgesprochen billig – was in Deutschland leider das zentrale Kriterium beim Lebens- und Genussmittelkauf ist.

Die Debatten über die Zubereitung und Darreichung des Edelgemüse haben mittlerweile die Dimension eines veritablen Religionskrieges angenommen. Einigkeit herrscht allerdings weitgehend bei der Fragen nach dem angemessenen Begleiter. Man sollte sich auf die Suche nach einem passenden Weißwein machen. Bei der puristischen Variante (also nur Pellkartoffeln und zerlassene gebräunte Butter dazu) sollte er richtig trocken sein, über merkliche, aber gut eingebundene Säure verfügen, mineralisch bis hin zu leicht steinig am Gaumen kitzeln und vor allem über wenig ausgeprägte Fruchtaromen verfügen. Auch ein moderater Alkoholgehalt steht dem optimalen Spargelbegleiter ausgesprochen gut, sonst könnte er das Gemüse (und auch die Kartoffeln) regelrecht erschlagen.

Nach dieser Beschreibung macht es eigentlich ziemlich schnell „Klick“. Fränkischer Silvaner erfüllt diese Kriterien nahezu optimal. Natürlich nicht jeder, denn auch in Franken meinen viele Winzer, ihrem Silvaner mit den gängigen Vergärungs- und Kellertricks allerlei Aromen hinzuzaubern zu müssen. Einer der führenden Silvaner-Winzer Frankens, Ulrich Luckert vom Weingut Zehnthof hat diese Einstellung mal auf den Punkt gebracht: „Frucht ist Kitsch. Frucht kann jeder“. Er will, dass sein Silvaner nach dem Boden schmeckt, auf dem er wuchs. In Franken heißt das vor allem Muschelkalk, Buntsandstein oder Keuper.

Es gilt also Jahr für Jahr, den „Spargelkönig“ zu küren. Ein paar Berliner Spargel- und Silvanerfreunde widmen sich mit Hingabe dieser verantwortungsvollen Aufgabe. Zunächst werden bereits renommierte, aber auch ziemlich unbekannte fränkische Güter mit der Bitte um einige Testflaschen angeschrieben. Wie erwähnt mit knallharten Kriterien: Aktueller Jahrgang, maximal 4 Gramm Restzucker, maximal 12,5% Alkohol. 42 Proben haben wir diesmal bekommen. Das Niveau war allgemein höher als im Vorjahr, wo es jahrgangsbedingt deutlich weniger gute Weine mit moderatem Alkoholgehalt gab. In mehreren Vorrunden wurden die Proben ab Ende April getestet, immer zu Spargel pur, mit Kartoffeln und zerlassener Butter. Dabei wurden die Finalisten ermittelt, aus denen dann am 5.Mai der Spargelkönig ermittelt wurde. Natürlich in Form einer Blindverkostung mit Spargel und Kartoffeln satt. Aber nix mit Punkten, Aromaprofilen und tiefschürfenden Analysen zum Charakter des Weins. Auch deswegen waren bei den Verkostungen eben nicht nur Profis und Weinnerds dabei, sondern vor allem weinaffine Spargelfreunde. Es ging um eine einzige, knallharte Frage: Welcher Wein passt hier und heute am besten zum Spargel. Und noch ein brutales Prinzip: The Winner takes it all. Zwar haben wir vorher die 5 Finalisten bekannt gegeben, doch nach der Verkostung wird ausschließlich der „Spargelkönig“ nach außen kommuniziert.

Es ist der der Silvaner „Terra“ vom Weingut Giegerich in Großwallstadt. Gewachsen auf Buntsandstein, im Edelstahl vergoren und bis zur Abfüllung auf der Hefe gelagert. Trocken, mineralisch, stabile Säure, verhaltene Aromatik. Silvaner pur sozusagen. Ein unspektakulärer Wein, der in gängigen Verkostungen wohl kaum einen vorderen Platz belegt hätte. Der aber mit seiner gradlinigen Art im Spargel-Finale auch die „hochwohlgeborene“ Konkurrenz mit den stolzen VDP-Adlern auf dem Flaschenhals deutlich auf die Plätze verwies.

Die Spargelsaison geht noch bis Ende Juni. Also genug Zeit , mal zu testen, ob der „Terra“ ein würdiger Spargelkönig ist.

Den Silvaner „Terra“ 2016 gibt es für 8,80 Euro ab Hof

Linkes Lager? Eine Schimäre!

Der folgende Text von mir erschien am Sonnabend in der Wochenendbeilage von „Neues Deutschland“. Da er im Netz nur für Abonnenten abrufbar ist, habe ich ihn in meinen Block gestellt.

Gibt es in Deutschland eigentlich ein „Reformlager“? Diese Frage kann man uneingeschränkt mit Ja beantworten. Es gibt sogar nicht nur eins, sondern ganz viele Reformlager. Bei genauerer Betrachtung kommt man gar zu dem Schluss, dass Deutschland ein einig Land von Reformern ist, denn jede relevante Partei hat umfangreiche Reformpläne für diverse Bereiche im Angebot. Nicht zu vergessen die mächtigen Institutionen und Verbände, die ebenfalls lauthals Reformen fordern.

Schwieriger wird es, wenn sich die Frage auf ein »fortschrittliches« oder gar »linkes« Reformlager bezieht. Als solches wird – aktuell im Vorfeld der kommenden Bundestagswahl – eine mögliche Koalition aus SPD, Grünen und Linken in Stellung gebracht, gesellschaftlich ergänzt durch Gewerkschaften, Sozialverbände, Teile der Kirchen, Verbraucher-, Umwelt- und Mieterschutzorganisation usw.

Würde man die Zustimmungsraten zu einigen Anliegen dieser Parteien und Verbände einfach addieren, käme man in der Tat auf eine ziemlich große gesellschaftliche Mehrheit für eine fortschrittliche Reformpolitik. Leider funktioniert das aber nicht, weil die jeweils angestrebten politischen Ziele für sich genommen in großen Teilen recht vernünftig erscheinen mögen, mitunter aber nicht miteinander vereinbar sind. Ein Beispiel: Vor allem die Grünen und Umweltverbände fordern einen möglichst schnellen Ausstieg aus der Förderung und Verstromung von Kohle sowie mittelfristig ein Verbot von Autos, die mit fossilen Brennstoffen wie Benzin und Diesel betrieben werden. Ihr einleuchten Argument lautet, dass andernfalls die Klimaschutzziele ebenso wenig erreicht werden können, wie die Einhaltung der Grenzwerte für Schadstoffbelastungen, zum Beispiel durch Ruß und Stickoxide. Damit beißen sie aber nicht nur bei der CDU/CSU, sondern auch bei der SPD, großen Teilen der Gewerkschaften und was die Kohle betrifft auch bei Teilen der Linken (besonders in Brandenburg) auf Granit, da diese den Verlust von Arbeitsplätzen und große strukturelle Verwerfungen in einigen Regionen befürchten. Und was Autos betrifft, gibt es auch bei den Grünen inzwischen einen einflussreichen Flügel, der die Konzerne – besonders im »grün-schwarz«-regierten Baden-Württemberg – nicht übermäßig erschrecken will.

Andere Frontverläufe gibt es bei der »Schuldenbremse« und der damit verbundenen restriktiven Haushaltspolitik. Während Linke, Sozialverbände und große Teile der Gewerkschaften dieses neoliberale Dogma in Frage stellen und besagte Bremse lockern beziehungsweise abschaffen wollen, stehen Grüne und SPD zur Austeritätspolitik. Ohnehin ist schwer verständlich, wie man ausgerechnet die SPD als Bestandteil einer möglichen »linken Reformmehrheit« jenseits der CDU/CSU definieren kann. Was auf kommunaler und Landesebene zumindest denkbar erscheint, ist auf Bundesebene wohl schier unmöglich. Die Partei steht nach wie vor nicht nur zu Kriegseinsätzen der Bundeswehr, sondern auch zu den Hartz-Gesetzen und zur tendenziellen Absenkung der gesetzlichen Renten. Ihre steuerpolitischen Vorstellungen sind weit von einer wirklichen Umverteilung von oben nach unten entfernt, was aber eine der wichtigsten Voraussetzungen für dringend notwendige Sozialreformen wäre. Und was umwelt- und klimapolitische Vorgaben betrifft, hat der damalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel erst Mitte November 2016 anschaulich demonstriert, wofür die SPD im Kern steht. Ein ohnehin recht zahmer Entwurf seiner Parteifreundin und Umweltministerin Barbara Hendricks für ein deutschen Positionspapier zur Klimakonferenz in Marrakesch wurde von Gabriel auf Druck der Industrie und anderer Lobbyisten mehr oder weniger komplett kassiert. Es enthält jetzt keinerlei konkrete Vorgaben für Kohleausstieg, Verbrennungsmotoren und die Reduzierung von Umweltbelastungen durch die Landwirtschaft mehr.

Auch die Gewerkschaften sind nicht so ohne Weiteres in Gänze einem »fortschrittlichen Reformlager« zuzuordnen. Besonders im großindustriellen Bereich werden oftmals die Geschäftsinteressen der jeweiligen Konzerne vertreten, weil man sich im Gegenzug auskömmliche Löhne und sichere Arbeitsplätze verspricht. So unter stützte die IG Metall die Idee, deutsche Kampfdrohnen zu entwickeln und tritt auch keineswegs für ein Verbot von Rüstungsexporten ein.-Lobbyisten der Chemieindustrie und der IG BCE agieren Hand in Hand, wenn es um die Zukunft er Braunkohle, die Verhinderung höherer Umweltstandards und die Zulassung bedenklicher Stoffe und Verfahren geht. Auch die IG BAU hat die Interessen ihrer Mitglieder fest im Blick und fordert große Steuergeschenke für private Investoren im Wohnungsbau. Und den für die Wohnungswirtschaft zuständigen Fachbereich der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di wird man wohl kaum als Speerspitze von Bestrebungen erleben, das Mietrecht dahingehend zu reformieren, dass die Profite von Immobiliengesellschaften ernsthaft geschmälert werden. Auch bei Fragen des Verbraucherschutzes – einem traditionellen Steckenpferd der Grünen – findet man Gewerkschaften nicht selten auf der »anderen Seite«. Umweltverbände und mit ihnen auch große Teile der grünen Klientel scheren sich wiederum wenig bis gar nicht um soziale Belange.

Während die SPD besonders in Großstädten und Ballungsräumen nach Jahren des wohnungsbaupolitischen Nichttuns nunmehr endlich auf forcierten Neubau und Nachverdichtung auch in innerstädtischen Bereichen setzt, wollen unheilige Allianzen aus grünen Umweltschützern und linken Bewahrern »gewachsener Strukturen« beziehungsweise »Freiräume« eben genau das verhindern. Die Zuordnung der Grünen zu einem »fortschrittlichen Reformlager« erscheint ohnehin kaum schlüssig. Und das nicht nur, weil die Partei explizit offen für Koalitionen mit der CDU und neuerdings auch mit der FDP ist. Entsprechend »biegsam« hat sie sich auch in entsprechenden Bündnissen gezeigt und beispielsweise in Hessen und Hamburg ihre vormals nahezu identitätsstiftenden Kämpfe gegen den weiteren Ausbau des Frankfurter Flughafens beziehungsweise die weitere Elbvertiefung und ein neues Kohlekraftwerk in Hamburg ad acta gelegt. In der Steuerpolitik agieren die Grünen sehr vorsichtig, der stärker werdende »Kretschmann-Flügel« und die »Realos« um Cem Özdemir und Kathrin-Göring-Eckardt in der Parteispitze stehen in Sorge um ihr bürgerliches Klientel zum Beispiel der Reani mierung der Vermögenssteuer und höheren Spitzensteuersätzen für den gehobenen Mittelstand eher reserviert gegenüber. Entsprechend absurd war ihr Beschluss im November 2016 auf dem Programmparteitag zur nächsten Bundestagswahl. Dort heißt es, man wolle der sozialen Spaltung »mit einer verfassungsfesten, ergiebigen und umsetzbaren Vermögenssteuer für Superreiche entgegenwirken«. Weitere Details, etwa zur Höhe der Steuer oder wer denn zur Kategorie »superreich« gehört, legt der Beschluss jedoch nicht fest. Dafür gibt es gleich eine Einschränkung der möglichen Vermögensbesteuerung: »Selbstverständlich legen wir dabei besonderen Wert auf den Erhalt von Arbeitsplätzen und die Innovationskraft von Unternehmen«. Schöner hätte es die CSU bei der einige Wochen zuvor vorerst beendeten Debatte um die Neuordnung der Erbschaftssteuer auch nicht formulieren können. Da kann es auch nicht verwundern, dass eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes für Top-Verdiener bei den Grünen – anders als im vorangegangenen Wahlkampf – überhaupt nicht mehr vorkommt.

Interessant wird es auch bei den in sozialen Fragen mitunter recht engagierten Kirchen. Mit denen ist spätestens dann nicht mehr gut Kirschen essen, wenn es um ihre vordemokratischen Privilegien bei der Beteuerung ihrer Besitztümer, der Vereinnahmung der Kirchensteuer oder das von staatlichen Gesetzen weitgehend entkoppelte Arbeitsrecht geht. Sehr schmallippig werden – aus naheliegenden Gründen – viele Protagonisten des virtuellen »fortschrittlichen Reformlagers« auch, wenn es um das Beamtenrecht mit seinen zahlreichen Privilegien geht. Zwar scheint die Forderung nach einer Bürgerversicherung für die medizinische Versorgung und die Rente einigermaßen Konsens zu sein, die teilweise recht üppigen Sonderversorgungssysteme für Beamte, Abgeordnete und andere privilegierte Gruppen sollen aber nicht angetastet wer den. Natürlich wären für den Fall einer »rot-rot-grünen« Regierungsmehrheit in vielen Fragen Kompromisse denkbar – in einigen aber nicht.

Aber auch das »konservativ-neoliberale Reformlager« ist alles andere als homogen. So weist die FDD in Bürgerrechts- und postmateriellen Angelegenheiten einige Schnittmengen mit Teilen des anderen Lagers auf. Bei der Telefonüberwachung, der vollständigen Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften (inklusive Adoptionsrecht), der Freigabe von Cannabis oder dem Ausbau der direkten Demokratie stehen die Liberalen den Grünen und den Linken wesentlich näher als der CDU/CSU. Und während sich die Parteien der Großen Koalition, Unternehmerverbände und der DGB einig waren, als es um die Beschneidung der Rechte von Sparten- und Berufsgewerkschaften durch das »Tarifeinheitsgesetz« ging, stand die FDP zusammen mit den Linken auf der Seite derjenigen, die dieses-Gesetz vehement ablehnten.

Selbst mit den großen Unternehmerverbänden ist das nicht so ganz eindeutig. Sie vertreten in der Bildungs-, Einwanderungs- und Integrationspolitik teilweise deutliche vernünftigere Positionen als große Teile der SPD und der CDU/CSU. Auch mit dem »Leitkultur«-Gedöns, welches in der CDU/ CSU wieder eine zunehmende Rolle spielt, haben Wirtschaftsverbände wenig am Hut.

Ob der Wahlkampf durch den SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz noch einmal spannend wird, ist ungewiss. Derzeit sieht es so aus, als sei der „Schulz-Effekt“ schon wiede verpufft. Für die Festigung oder gar Mehrheitsfähigkeit eines „fortschrittlichen Reformlagers“ spielt das allerdings keine Rolle. Weil dieses Lager schlicht und ergreifend nicht existiert.